Vom 16. bis 28. Oktober 1962 stand die Welt 13 Tage am atomaren Abgrund, die gefährlichste Krise des Kalten Krieges fand statt: die Kuba Krise. Bob Kennedy fand in letzter Sekunde eine Lösung. In diesen so tragischen Tagen können wir nur hoffen, dass auch ein weitsichtiger Politiker diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine stoppen wird.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821300_image" /></div> <h3> 1. DEFCON 2</h3>22. Oktober 1962, 13 Uhr: 6 Stunden später teilte John F. Kennedy etwas Ungeheuerliches mit: Die Sowjetunion habe Atomraketen auf Kuba stationiert; jede dieser Raketen könne die meisten großen Städte der westlichen Hemisphäre, von der Hudson Bay in Kanada bis hinunter in den Süden nach Lima in Peru, treffen. <BR /><BR />Um den weiteren Aufbau der Abschussbasen zu stoppen, kündigte er eine <i>„Quarantäne“</i> an, eine Blockade gegen alle Schiffe, die offensiv-militärisches Material nach Kuba bringen wollten. Dann machte er unmissverständlich klar: <i>„Sollte auch nur eine Rakete von Kuba aus abgeschossen werden, wird dies als ein Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten angesehen und zu einem massiven Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion führen.“</i><BR /><BR />Vom nächsten Tag an, dem 23. Oktober, galt für die US-Streitkräfte zum ersten Mal weltweit die Alarmstufe DEFCON 3 (Defense Condition 3). Am 24. Oktober wurde für das US-Strategische Luftwaffenkommando SAC (Strategic Air Command) die Alarmstufe auf DEFCON 2 – „Angriff steht unmittelbar bevor“ – angehoben. Dies zum ersten und bis heute einzigen Mal in der amerikanischen Geschichte (DEFCON 1 bedeutet Atomkrieg). <BR /><BR />Der britische Premierminister Harold Macmillan schrieb in sein Tagebuch: <i>„Dies ist der erste Tag der Weltkrise!“</i> Genauso war es. Die Welt stand am Rande des Atomkrieges.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821303_image" /></div> Wie war es dazu gekommen? Zwischen Kuba, jener Insel, die nur 160 Kilometer vor Florida liegt, und den USA hatte es immer besondere Beziehungen gegeben. Die USA stützten lange Jahre den korrupten Diktator Batista, der 1959 dann von Fidel Castro gestürzt wurde, nachdem ein erster Versuch 1953gescheitert war. <BR /><BR />Als Castro dann amerikanischen Besitz auf der Insel entschädigungslos enteignete, brachen die USA die Beziehungen ab. Castro wandte sich Moskau zu, Kuba wurde vom Vorhof der USA zum Vorposten des Kreml. Man versuchte, Castro zu stürzen. Das führte zum Desaster in der Schweinebucht: die Invasion im April 1961scheiterte kläglich.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821306_image" /></div> <BR /><BR />Das Thema Invasion war für Washington damit aber nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Kennedy genehmigte im November 1961 die Operation <i>„Mongoose“</i>: verdeckte Operationen zur Vorbereitung eines Aufstandes auf Kuba mit anschließender Invasion. In Moskau und Havanna verstärkte sich der Eindruck, dass es früher oder später zu einer Invasion Kubas kommen werde.<BR /><BR />Etwa zu dem Zeitpunkt muss Sowjetführer Chruschtschow die Idee gekommen sein, Atomraketen auf Kuba zu stationieren. Manches deutet darauf hin, dass es ihm um den Schutz Kubas vor einer Invasion ging. Damit verbunden war aber auch eine Veränderung des strategischen Kräfteverhältnisses, auch mit der Möglichkeit, neuen Druck in der Berlinfrage auszuüben. Eine Invasion Kubas hätte die Sowjetunion mit konventionellen Waffen nicht verhindern können. Mit Atomraketen auf der Insel sah das schon anders aus. <BR /><BR />Ende Mai 1962 wurde Fidel Castro der sowjetische Plan vorgelegt. Castro stimmte zu. Ende Juli begann die sowjetische Operation <i>„Anadyr“</i>, das größte amphibische Unternehmen in der Geschichte der Sowjetunion und gleichzeitig die größte sowjetische Geheimoperation des Kalten Krieges. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821309_image" /></div> <BR />Die USA führten damals regelmäßig U-2-Spionageflüge über Kuba durch, die Mitte September wegen schlechten Wetters unterbrochen worden waren. Erst am 14. Oktober war die Wetterlage so, dass wieder eine U-2 starten konnte. Als die Aufnahmen am nächsten Tag entwickelt wurden, zeigten sie die im Bau befindlichen Raketenstellungen.<BR /><BR />Kennedy wurde am 16. Oktober um 9 Uhr informiert, um 11:50 Uhr fand bereits die erste Sitzung einer kleinen Gruppe hochrangiger Diplomaten und Militärs statt, um die Lage zu erörtern. Dieses Exekutivkomitee, bekannt als Excomm, tagte in den folgenden 2 Wochen nahezu ununterbrochen.<BR /><BR />Wir wissen inzwischen ziemlich genau, wie diese Beratungen abliefen. Unbemerkt von den Teilnehmern – möglicherweise mit Ausnahme seines Bruders Robert – hat Kennedy nämlich die Gespräche auf Tonband aufnehmen lassen. Erst 1997 sind sie veröffentlicht worden. Sie machen die ganze Dramatik jener Tage deutlich. Sie zeigen auch die 2 Lager in dieser Beratungsrunde, die <i>„Tauben“</i> und die „<i>Falken“</i>. Beide Gruppen waren sich in einem Punkt einig: Die Raketen mussten weg. Die Militärs plädierten von Anfang an für eine militärische Lösung, konnten allerdings die Zerstörung sämtlicher Raketenbasen nicht garantieren. Es war daher anfangs aber auch schon die Rede von einer Seeblockade. <BR /><BR />Am Ende entschied sich Kennedy für die Quarantäne, die er am 22. Oktober bekannt gab. Drei Tage später stoppten zwar die sowjetischen Schiffe, aber für die USA war damit das Problem keinesfalls gelöst: An den Abschussrampen auf Kuba wurde nämlich mit Hochdruck weitergearbeitet, während auf amerikanischer Seite die militärischen Vorbereitungen für eine Invasion Kubas weitergingen. <BR /><BR />Inzwischen wurde bei den „Tauben“ über ein Geschäft mit der Sowjetunion gesprochen: Abzug der Raketen aus Kuba, und als Gegenleistung keine Invasion und eventuell Abzug der Jupiterraketen aus der Türkei.<h3> 2. Der „schwarze Samstag“</h3>Der folgende Samstag, der 27. Oktober 1962, ist als der „schwarze Samstag“ in die Geschichte eingegangen und hätte in der Tat den schwärzesten Tag in der Geschichte der Menschheit einleiten können. Castro befürchtete eine amerikanische Invasion und drängte Chruschtschow am Morgen dieses Tages, einen Atomschlag gegen die USA zu führen.<BR /><BR />Dann ging es Schlag auf Schlag. Eine amerikanische U-2 wurde über Kuba abgeschossen und der Pilot getötet. Excomm vermutete, dass Moskau den Befehl dazu gegeben hatte (was nicht zutraf, die Amerikaner aber nicht wussten). Im Excomm fiel der Satz: <i>„Die Sowjets haben den ersten Schuss abgefeuert.“</i> Eine weitere U-2 kam über Alaska vom Kurs ab und drang in den sowjetischen Luftraum ein. <BR /><BR />Die Sowjets mussten vermuten, dass dies ein letzter Spionageflug sein könnte, um die Ziele für den amerikanischen Erstschlag zu bestimmen. Mit Atomwaffen bestückte MiG-Abfangjäger stiegen auf, während US-Verteidigungsminister McNamara schrie: <i>„Dies bedeutet Krieg mit Russland.“</i> Und Kennedy meinte: <i>„Irgendein Idiot muss immer alles vermasseln.“</i><BR /><BR />Das Glück war auf Seiten des U-2-Piloten: Das Benzin ging zwar aus, aber er konnte in den amerikanischen Luftraum zurückgleiten; die MiG hatten ihn in 33 Kilometer Höhe nicht erreichen können. Was niemand im Excomm wusste: Gleichzeitig waren amerikanische, mit Atomwaffen bestückte Maschinen in Richtung U-2 aufgestiegen und deren Piloten hatten Befehlsgewalt, ihre Atomraketen abzufeuern. <BR /><BR />Nach dem Abschuss der U-2 auf Kuba am Samstag forderten die amerikanischen Stabschefs, am Sonntag oder Montag einen massiven Schlag gegen sämtliche sowjetische Basen auf Kuba durchzuführen, falls die Raketen nicht vorher abgezogen würden. Kennedy widersprach nicht. Bei einem Nein drohte ein Absetzungsverfahren (impeachment). Am Montagwürde der Angriff auf Kuba beginnen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821312_image" /></div> <BR />Die ungeheure Spannung der Situation wurde in dem Gespräch deutlich, das Robert Kennedy im Auftrag seines Bruders am Abend des 27. mit dem sowjetischen Botschafter Dobrynin führte. Die Botschaft, die er überbrachte, war einfach: keine Raketen auf Kuba, dafür keine Invasion. Er machte aber auch deutlich, unter welch enormen Druck sein Bruder stand, denn, so der Justizminister: <i>„Es gibt viele unvernünftige Köpfe bei den Generälen, und nicht nur bei den Generälen, die auf einen Kampf brennen.“</i><BR /><BR />Gleichzeitig teilte er die Bereitschaft Kennedys mit, die Raketenbasen in der Türkei abzubauen. Dies dürfe allerdings nicht öffentlich geschehen und nicht offiziell Teil der Vereinbarung sein; man benötige dafür 4 bis 5 Monate: Die Zeit dränge, der Präsident brauche eine Antwort bis zum nächsten Morgen. Dies sei <i>„eine Bitte, und kein Ultimatum“.</i><BR /><BR />Die Antwort kam am Sonntagmorgen auf Kurzwelle über Radio Moskau – die einzige Möglichkeit, um Washington noch rechtzeitig vor Beginn der in Moskau befürchteten Invasion über die sowjetische Entscheidung zu informieren. Man wusste, dass der Sender in Washington abgehört wurde. <b>Chruschtschow</b> ließ mitteilen, dass die sowjetische Regierung Anweisung erteilt habe, die Raketen auf Kuba zu demontieren, einzupacken und in die Sowjetunion zurückzubringen. <BR />Vom Abbau der Raketen in der Türkei erfuhr niemand etwas.<BR /><h3> 3. Warum war die Kubakrise die gefährlichste Krise des Kalten Krieges?<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821315_image" /></div> </h3> Die amerikanischen Militärs wussten damals nicht, dass 8 Raketen mit Sprengköpfen und weitere 80 Cruise Missiles mit je einem Atomsprengkopf in Hiroshima-Stärke einsatzbereit waren.<BR /><BR />Gegen ausdrückliche Befehle aus Moskau war am „schwarzen Samstag“ die U-2 von den Sowjets abgeschossen worden. Als Chruschtschow die entsprechende Mitteilung erhielt, war er außer sich und befürchtete, dass bei einer Invasion auch entsprechende Befehle mit Blick auf die Atomwaffen nicht befolgt würden und die Cruise Missiles eingesetzt würden. Das musste um beinahe jeden Preis verhindert werden, die Entscheidung Moskaus noch rechtzeitig Washington erreichen. Da es keine direkte Verbindung gab, ging die Meldung über Radio Moskau. <BR /><BR />Kuba blieb für die USA das, was der Sprecher des außenpolitischen Senatsausschusses, J. William Fulbright, 1961 zu Kennedy gesagt hatte: <i>„Ein Stachel im Fleisch, aber kein Dolch im Herzen“</i>. Versuche der CIA, Castro zu töten, scheiterten allerdings. Mit 90 Jahren starb er 2016eines natürlichen Todes.<BR /><BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR />Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck <BR />www.rolfsteininger.at <BR />auf YouTube unter Rolf Steininger<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821318_image" /></div> <BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Rolf Steininger, „Der Kalte Krieg <?Schrift SchriftWeite="94ru"> 1945–1991“,Innsbruck/Wien/Bozen<?_Schrift> 2019; Rolf Steininger, „Die Kubakrise: 16.– 28. 10. 1962“, Erfurt 2019 (erhältlich bei der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="821321_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR />