<b>Von Ivan Bocchio</b><BR /><BR />Unmittelbar will die Kommission die Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten verstärken und den Fokus auf den Schutz natürlicher Ökosysteme, der Wasser- und Nahrungsmittelversorgung legen, so wie auf den Schutz von Gesundheit, Infrastruktur, Energieversorgung und dem Gebäudesektor setzen. Die EU-Richtlinien für das Bauwesen, was Südtirol noch braucht, um dafür gerüstet zu sein und ein Gespräch mit der Architektin Annabelle von Reutern.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017798_image" /></div> <BR />Wie die Chefin der Agentur (European Environment Agency) <b>Leena Ylä-Mononen</b> betonte, hat sich Europa verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter beinahe doppelt so stark erwärmt wie die Erde im Durchschnitt (F.A.Z. 13.3.2024 S.16). Aus diesen düsteren Analysen heraus kann man verstehen, wieso Unternehmen in Europa mit den viel diskutierten ESRS-Regeln, Firmendaten zur Umwelt und dem Betrieb erfassen und offenlegen müssen. <BR /><BR />Hand in Hand mit den ESRS-Regeln für Unternehmen wurden auch EU-Richtlinien für Gebäude festgelegt, die EPBD-Regeln (Energy Performance of Buildings Directive). Somit schreiben die aktualisierten EPBD-Regeln die Berechnung und Berichterstattung über den CO2-Fußabdruck von Gebäuden vor. Die Umsetzung dieser Berechnung des CO2-Fußabdrucks wird 2028 bei größeren Gebäuden mit mehr als 1000 Quadratmetern beginnen und bis 2030 auf alle Gebäude ausgeweitet. Wo finde ich alle relevanten Werte? Nachhaltigkeit verlangt viel!<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017801_image" /></div> <h3> Nachhaltiges Bauen – Den Fokus erweitern</h3><BR />Es erstaunt nicht, dass laut der Europäischen Union das Bauen klimafreundlicher werden soll. Da das Bauwesen derzeit für rund 60 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauches, für rund 50 Prozent des weltweiten Abfallaufkommens, für mehr als 50 Prozent der weltweiten Emissionen von klimaschädlichen Gasen und für mehr als 35 Prozent des weltweiten Energieverbrauches verantwortlich ist, kommt ihm in der vor uns stehenden Phase eine wesentliche Bedeutung zu. Als Konsequenz müssen wir Häuser bauen, „die wieder auseinandergebaut werden können“. Alten Gebäuden sollten wir wieder ein zweites Leben einhauchen. <BR /><BR /><BR />Derzeit aber „kleben“ wir die Baumaterialien noch so zusammen, dass man sie fast nicht mehr auseinandernehmen kann. Unsere „gebaute Welt“ wurde noch nicht konzipiert, um wiederverwertet zu werden, deshalb brauchen wir in Zukunft eine Kreislaufwirtschaft, die mit einer sorgfältigen Planung beginnt. Intelligent in eine grüne Zukunft zu blicken, heißt auch ein altes Waschbecken nochmals zu verwenden: Um ein Waschbecken zu demontieren, braucht es nur einen Schraubenschlüssel, um ein neues zu kreieren, eine ganze Fabrik. Dazu gehört auch das Prinzips „Urban Mining“: Das ist die Idee, die Stadt als Rohstofflager der Zukunft zu verwenden, Bauabfälle oder sogar ganze Bauteile wieder zu verwenden. <BR /><h3> Bauen in Zukunft</h3><BR />Architekt <b>Dirk Hebel,</b> Professor für nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Nachhaltiges Bauen (KIT), ist seit Langem Verfechter der bestmöglichen Wiederverwertung von Baustoffen. So zog er während der Klimahouse Messe 2024 in Bozen eine verheerende Bilanz zu den Auswirkungen der herkömmlichen Art des Bauens in Deutschland. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017804_image" /></div> <BR />Während die ressourceneffiziente Materialwirtschaft in den Niederlanden schon seit nahezu 10 Jahren Realität sei, werde in anderen Ländern Europas bei Neubauten immer mehr „Sondermüll“ produziert, anstatt recyclefähige Materialien einzusetzen. Fachleute seien sich einig, dass die Immobilienwirtschaft einen Masterplan für zirkuläres Bauen benötige, um den zukünftigen Anforderungen einer nachhaltigen Ressourcennutzung gerecht zu werden. <BR /><h3> Paradigmenwechsel</h3><BR />Neueste Daten aus der Europäischen Union bestätigen letzthin sogar, dass 84 Prozent des Abfallaufkommens Europas aus dem Baugewerbe stammen. Auch beim C02-Ausstoß ist das Bauwesen im Branchenvergleich in den vordersten Rängen anzutreffen. Tatsächlich ist es jetzt notwendig, Kompetenzen zu vermitteln, in Forschung zu investieren und junge Menschen für die Bau- und Immobilienwirtschaft gut auszubilden. Hochschulen weltweit sind derselben Meinung. So wird derzeit in Frankfurt etwa ein neues Institut für Bau- und Immobilienentwicklung aufgebaut. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017807_image" /></div> <BR />Auch in Südtirol soll die Baubranche radikal verändert werden. Wie soll das funktionieren? Wo liegen die Chancen und Herausforderungen für unsere so wichtige Bauwirtschaft? Man will stärker eigenverantwortlich agieren, statt von Gesetzen entmündigt zu werden. Deshalb benötigen unsere Firmen mehr Wissen und genaue Expertisen. In Südtirol wird bereits in den verschiedensten Branchen geforscht: Landwirtschaft, Tourismus, erneuerbare Energien, Baustatik, Automotive, Design... <BR /><BR /><BR />Wer aber kümmert sich tiefgründig und interdisziplinär um neue Wohnmodelle, Zersiedelung, Versiegelung, Hitzeminderung unserer Ortschaften, Mobilitätswende vs. Raumplanung, Dekarbonisierung, Kreislaufgerechtes Bauen und CO2-Ausstoß? Derzeit erleben wir einen grundlegenden Veränderungsprozess: Nichts wird mehr so sein, wie es war! Disruptionen beschleunigen diese Transformation. <BR /><BR />Die größte Herausforderung liegt diesmal in der Geschwindigkeit und in der Zunahme unterschiedlicher Faktoren (Urbanisierung, Klimaerwärmung, demographischer Wandel, Digitalisierung). Um diesen neuen Herausforderungen und den neuen EU-Gesetzesvorhaben gewachsen zu sein, bräuchte Südtirol ein Institut, das Innovationsprojekte entwickelt, um wettbewerbsfähig zu bleiben, das aufzeigt, wie kreislaufgerechtes Bauen wirklich erfolgt und alle unterschiedlichen Faktoren mit der Bau- und Immobilienwirtschaft vereint.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017810_image" /></div> <h3> Politik – Forschung – Bauwirtschaft</h3><BR />Die Politik war gerade vor den Wahlen geneigt, entsprechende Erwartungen der Akteure mit vielen Themen zu bedienen. So wurde im Herbst viel über leistbares Wohnen, sozialen Wohnungsbau, Verdichtung und Studentenwohnungen diskutiert. Nun stehen vor allem die Politik und unsere Forschungsstellen in der Pflicht, notwendige Institution für unseren „alpinen Lebensraum“ zu schaffen, um den sich entwickelnden Anforderungen der Alpenregion Südtirol gerecht zu werden und unsere Baufirmen und Handwerker mit neuen Impulsen und Forschungsprojekten zu unterstützen. <BR /><BR />Der Bau- und Immobilienwirtschaft helfen in angehenden Krisenzeiten vor allem neues Wissen und kluge Marktstrategien und eine professionelle Zielfokussierung. Auf diese Weise könnte Südtirol Themen wie leistbares Wohnen, Zersiedelung oder ausgewogene Raumplanung in richtige Bahnen lenken. Sonst könnte es in Zukunft ein „kein Bauen“ mehr geben, wenn die Europäische Union „tatsächliche“ Nachhaltigkeit von uns verlangt. Wir müssen jetzt rasch umdenken! Denn ohne Planungssicherheit ist ein Wandel schwer.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017813_image" /></div> <h3> Darf man in Zukunft noch Zement verwenden?</h3><BR />Der damit angemischte Beton verursacht mehr Kohlendioxidemissionen als die Luftfahrt. Doch das muss nicht so bleiben. Zement wird als Bestandteil von Beton überall im Bau eingesetzt. 4,1 Milliarden Tonnen wurden im Jahr 2022 weltweit hergestellt und verursachten 8 Prozent der klimaschädlichen Emissionen an CO2. Wäre die Zementindustrie ein Staat, stünde sie gemessen an ihren Treibhausgasemissionen weltweit an dritter Stelle hinter China und den USA (F.A.Z. 31.10.2023 S.4). Gibt es Ansätze die Emissionen zu reduzieren? Neue Abläufe und der Einsatz von anderen Stoffen werden auf der ganzen Welt getestet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017816_image" /></div> <BR /><BR />So hat etwa Prof. Pietro Lura, geboren in Bozen, mit seiner Forschungsgruppe in Zürich eine neue Strategie vorgestellt, bei der Pflanzenkohle eingesetzt wird. Heißt es demnächst: Bauen für das Klima? So weit ist es noch nicht. Die vorgestellten Ansätze zeigen aber: Es könnte durchaus machbar sein, den CO2-Fußabdruck der Beton- und Zementindustrie zu verringern.<BR /><h3> Gespräch mit Architektin Annabelle von Reutern</h3><BR /><b>Wir sprechen heute über ressourcenschonendes Bauen. Dabei hört man immer wieder von der Triade: Vermeiden – Wiederverwenden – Recycling. Wenn ich die österreichischen, deutschen oder Schweizer Städte betrachte, dann sieht das doch sehr nach der Triade von Neubau, Neubau und Neubau aus. Täuscht der Blick?</b><BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> Annabelle von Reuter: Der Blick täuscht leider nicht. Wir leben noch immer in einer Wegwerfgesellschaft in der auch Architektur als Wegwerfartikel verstanden wird. Die Wertschätzung für die gebaute Umwelt ist leider noch immer nicht in den Köpfen derer angekommen, die über die Zukunft der Städte entscheiden dürfen. Wenn es um nachhaltiges Bauen geht, verstehen sehr viele Menschen darunter leider nicht Bestandserhalt und regeneratives Wirtschaften, sondern Neubauten mit Photovoltaik auf den Dächern und begrünten Fassaden. Das wird uns natürlich nicht retten. Doch es tut sich was. Es regt sich Widerstand gegen den Abriss und dadurch gegen die Zerstörung von Baukultur und gebauter Identität. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017819_image" /></div> <BR /><?_Schrift> <BR /><BR /><b>Oft behindern geltende Standards den großflächigen Einsatz von wiederverwendeten Materialien und Bauteilen. Unterstützt die Politik in Deutschland das zirkuläre Bauen?</b><BR />Von Reuter: Wir haben uns als Branche selbst bewegungsunfähig gemacht durch eine Batterie von Vorschriften und Normen. Doch auch hier tut sich was. Es gibt zum Beispiel die Initiative „Gebäudetyp E“ von der Bundesarchitektenkammer. Das „E“ steht dabei für einfach oder experimentell. Ziel ist das schnellere und einfachere (low-tec) Bauen. In Bayern starten gerade 19 Pilotprojekte. Generell ist festzustellen, dass immer mehr verstanden wird, dass neben der Energieeffizienz im Betrieb besonders die Ressourceneffizienz in der Bauphase für erhebliche Einsparungen von CO2, Energie und Abfall sorgen kann. Das ist der Hebel.<BR /><BR /><BR /><b>Die Klimajugend z.B. in der Schweiz fordert keine Neubauten bis 2030. Was sagen Sie dazu?</b><BR />Von Reuter: Ich verstehe den Impuls zu sagen „Kein Neubau mehr“. Ich verstehe auch den Impuls des „Abrissmoratoriums“, das in Deutschland gefordert wurde. Bei all diesen Initiativen geht es um die radikale Sichtbarmachung, dass wir ein massives Problem haben. Eine Bauwende, die es für eine Klimawende benötigt, wird es nur geben, wenn wir insgesamt deutlich weniger bauen. Deutschlands Klimaziel 2030 ist nur erreichbar, wenn auch der Gebäudebereich seine Emissionen erheblich senkt. Laut einer aktuellen Studie verfehlt dieser sein Ziel um 32 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bis 2030. <BR />*Architektin (Berlin)<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><h3> Kreislaufgerechtes Bauen</h3>Die Architektin <b>Annabelle von Reutern </b>(Berlin) und die Architektin <b>Katharina Volgger (</b>Berlin-Brixen) haben vor Kurzem im Parkhotel Mondschein in Bozen ihre Herangehensweise und Methodik zu Themen des kreislaufgerechten Bauens ausgelegt. Zudem ist als Impulsgeber „Cradle to Cradle-Experte“, Ingenieur <b>Peter Mösle</b> (Stuttgart) bei der „VIVIUS Jahresfachtagung“ (Innovations- cluster für Nachhaltiges Bauen) in der Basis Vinschgau in Schlanders anwesend.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />