Dienstag, 26. Juli 2016

Cu vi komprenas Esperanton? – Verstehen Sie Esperanto?

Kommunikation ist Voraussetzung für Verständigung. Besonders in politisch turbulenten Zeiten sucht man nach Wegen, kulturelle Konflikte zu minimieren. Diese Sehnsucht führte vor 129 Jahren - am 26. Juli 1887 - zur Geburt einer Sprache, die es sich zum Ziel setzt, leicht erlernbar und identitätsübergreifend zu sein. Die Sprache heißt Esperanto - heute sprechen sie rund 1 Million Menschen. Zum Jahrestag traf STOL den Esperanto Klubo Sudtirolo.

Der Clubobmann Walter Bernard. - Foto: DLife
Der Clubobmann Walter Bernard. - Foto: DLife

„Ich habe angefangen mich mit Esperanto zu beschäftigen als mein Sohn sich schulisch mit Englisch befasste und dann einmal meinte: ‘Warum nicht Esperanto?’ und ich dachte mir daraufhin ‘Warum eigentlich nicht?’“. So begann Walter Bernards Leidenschaft für Esperanto. Er ist Obmann des Esperanto Klubo Sudtirolo - also dem Esperanto Club Südtirol - der sich einmal im Monat in Meran trifft. Dort kommen bis zu sieben Sprecher zusammen – „aber es gibt noch ein paar Vereinzelte in Brixen und Salurn.“

Esperantisten: freundlich, friedliebend und weltoffen

Der gelernte Ingenieur, pensionierter Lehrer und langjähriger Vizerektor der Technologischen Fachoberschule „Oskar von Miller“ in Meran, berichtet enthusiastisch über die internationale Plansprache: „Es ist ein bisschen ein Club von Gleichgesinnten. Wenn man als Esperantist – so nennen sich die Esperanto-Sprecher – verreist, so begegnen dir andere Esperantisten hilfsbereit und freundlich, führen dich in die Gemeinschaft ein. Es ist wie eine Art Couchsurfing.“

Kind des konfliktreichen 19. Jahrhunderts

Unter Gleichgesinnten versteht Bernard jene, die den Wert der Sprache sehen - auch wenn sie nicht ganz so bekannt ist. Die Sprache wurde 1887 von Ludwik Lejzer Zamenhof in Bialystok erdacht. Bialystok liegt im heutigen Polen, lag im 19. Jahrhundert aber - wie so viele Orte – an heiklen Grenzen.

Es war lange Zeit unter preußischer Herrschaft, gehörte dann zum Russischen Reich, lag an der lettischen Grenze und hatte eine starke jüdische Minderheit: Man sprach also Polnisch, Deutsch, Russisch, Lettisch und Jiddisch - das führte in dem damals 65.000 Seelenstädtchen zu einigen Konflikten. Zamenhof hoffte, diese mit einer universellen Sprache aus dem Weg zu räumen.

Heute: Subversiv und wieder hip

Das Projekt war lange Zeit ein ziemlicher Erfolg: Esperanto-Gesellschaften waren in den 20er Jahren der letzte Schrei bei der politischen Opposition. Das NS-Regime empfand die Sprache als so subversiv, dass sie verboten wurde.

Stalin ließ Esperantisten verhaften und klagte sie an, Teil eines internationalen Spionagerings zu sein. Seit den Nachkriegsjahren hat Esperanto etwas an Boden verloren. Mit dem Siegeszug des Englischen, wird es wohl nie zur internationalen Standardsprache werden.

Obmann Bernard zeigt sich jedoch optimistisch: Mit dem Internet sei das Lernen und der Austausch von Materialien viel einfacher geworden. „Besonders mit Apps wie ‘Duolingo’ kann die Jugend an Esperanto herangeführt werden. Für die Sprache ist das mit 400.000 neuen Usern super. Für die Clubs nicht – die Internet-Esperantisten treten keinen Clubs bei.“

Botschaft des Friedens

Die Meraner Esperantisten würden sich auf jeden Fall über Nachwuchs freuen und glauben an die Nützlichkeit und Zukunft der Sprache: „Ein gutes Kommunikationsmittel vermeidet Missverständnisse und Konflikte. Hinter Esperanto steht ein Ideal: Gleichberechtigung jenseits von Nationalitäten. Dieser Grundgedanke des Friedens ist heute noch aktuell.“

stol/wh

stol