Heute Teil 1 von 6.<h3> 1200 tote Israelis, 240 Geiseln</h3>Es geschah in den frühen Morgenstunden des 7. Oktobers, Samstag – und kam für die Israelis, genauso wie 50 Jahre zuvor beim Yom Kippur-Krieg, wieder völlig überraschend. Und wieder am Sabbat.<BR /><BR /> <video-jw video-id="Mz6IL0NP"></video-jw> <BR /><BR />Um 6 Uhr wurden mehr als 3000 Raketen aus dem palästinensischen Gazastreifen auf Israel abgeschossen; in Tel Aviv und im übrigen ganzen Land gab es Luftalarm. Gleichzeitig durchbrachen etwa 2500 Kämpfer der von der EU, Großbritannien, den USA und Israel als Terrororganisation eingestuften Hamas im Gazastreifen an 30 Stellen unbehelligt den Grenzzaun zu Israel und verübten in nahegelegenen Orten und Kibbuze und einem Musikfestival ein furchtbares Massaker, ohne auf organisierten Widerstand zu stoßen. Die für die Sicherheit verantwortliche Division der Armee war schon seit Wochen zum Schutz der Siedler in der Westbank im Einsatz.<BR /><BR />Es war eine abscheuliche Tat, an Grausamkeit nicht zu überbieten. Die Hamas-Terroristen pferchten Kinder in Häuser und verbrannten sie bei lebendigem Leib. Auf den Straßen fesselten sie junge Männer, vergewaltigten Frauen, schnitten ihnen die Brüste ab und erschossen sie vor den Augen ihrer Kinder. Manche Familien wurden ausgelöscht und ihre Babys an der Eingangstür erhängt. Andere wurden geköpft. Eine Gruppe hatte das Musikfestival zum Ziel und exekutierte dort wahllos 360 junge Menschen. Auch da kam es zu massiver sexueller Gewalt.<h3> „Ich habe 20 Kinder gesehen, die erschossen und verbrannt wurden“</h3>Der Sanitäter <b>Yossi Landau</b> erzählte dem Sender i24news, in einem Haus habe er eine Frau mit aufgeschnittenem Bauch vorgefunden. <i>„Das ungeborene Baby, immer noch mit der Nabelschnur verbunden, und jemand hatte mit dem Messer darauf eingestochen.“</i> Der Mutter sei in den Kopf geschossen worden. In einem anderen Haus habe er die Leichen von Eltern und 2 kleinen Kindern gefunden, denen die Terroristen die Hände auf den Rücken gebunden hatten. Sie seien alle verbrannt worden. <i>„Ich habe eine tote Mutter gesehen, die ihr Baby im Arm hielt, beide mit einer Kugel getötet. Ich habe 20 Kinder gesehen, die erschossen und verbrannt wurden.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978289_image" /></div> <BR />In wenigen Stunden ermordeten die Terroristen 1200 Israelis und zogen sich dann unter Mitnahme von 240 Geiseln zurück. Man habe beschlossen, israelischen „Verbrechen“ ein Ende zu setzen, sagte der Hamas-Militärchef <b>Mohammed Deif</b>.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978292_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />Es war das schlimmste Blutbad in der israelischen Geschichte. Viele Israelis standen unter Schock. <i>„Es war, als ob der Staat Israel aufhörte zu existieren“,</i> sagte ein Reservist und Bewohner des Kibbuz Be’eri, wo allein 100 Bewohner ermordet worden waren.<BR /><BR /><i>„Wir sind im Krieg, und wir werden gewinnen“,</i> erklärte Israels Regierungschef <b>Benjamin Netanjahu.</b> Und weiter: <i>„Unser Feind wird einen Preis bezahlen, wie er ihn noch niemals kennengelernt hat.“ </i><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978295_image" /></div> <BR />Israel werde die Hamas vernichten. Wenig später flog die israelische Luftwaffe ununterbrochen schwere Angriffe auf Ziele im Gazastreifen und zerstörte dabei ganze Viertel, während die Hamas weiter Raketen auf Israel abfeuerte. Zeitgleich bildete Netanjahu mit der Opposition eine Notstandsregierung. Erstmals in der Geschichte Israels wurden 350.000 Reservisten mobilisiert. <BR /><BR />Die Hamas, so ein israelischer Regierungsvertreter, <i>„hat die Tore zur Hölle geöffnet“. </i>Seit dem 7. Oktober läuft Israels Operation „Iron Swords“. Regierungschef Netanjahu am 25. Oktober in einer Fernsehansprache: <i>„Alle Hamas-Mitglieder sind todgeweiht – über der Erde, unter der Erde, in Gaza und außerhalb von Gaza. Israel befindet sich mitten in einem 'Kampf um seine Existenz'“.</i><BR /><BR />Angesichts massiver israelischer Luftangriffe verschärfte sich die humanitäre Lage im dicht besiedelten Gazastreifen. Israel forderte die Freilassung der israelischen Geiseln und verbat sich angesichts des Massakers <i>„Moralpredigten“,</i> während der britische Außenminister <b>James Cleverly</b> warnte, die Hamas wolle mit ihrem Terrorangriff einen Flächenbrand auslösen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978298_image" /></div> <BR /><BR />Eine Äußerung des iranischen Außenministers machte deutlich, dass dies eine reale Gefahr war: <i>„Wenn die Aggression gegen Gaza nicht beendet wird, sind weitere Fronten in diesem Krieg nicht auszuschließen“. </i>Der Iran könne in dieser Situation nicht als Zuschauer am Rande stehen. Möglicherweise würde der Iran seine Hilfstruppe im Libanon, die hoch aufgerüstete Hisbollah, die „Partei Gottes“, aktivieren, deren 10.000 Raketen jedes Ziel in Israel treffen können, einschließlich der Atomanlage in Dimona im Negev. Inzwischen droht an der Grenze zum Libanon nach zahlreichen Angriffen der Hisbollah eine zweite Front – und womöglich eine dritte in der Westbank, wo die Luftwaffe eine Moschee mit Hamas-Leuten und Waffen zerstört hat und inzwischen mehr als 200 Palästinenser getötet wurden.<BR /><BR />Um eine weitere Eskalation zu verhindern, verlegten die USA gleich 2 Flugzeugträger mit Begleitschiffen zur Abschreckung ins östliche Mittelmeer, wenig später auch ein Raketenabwehrsystem und zusätzliche Truppen <i>„in den gesamten Nahen Osten“</i>– als Reaktion auf die <i>„jüngste Eskalation des Iran und seiner Verbündeten“</i> – gemeint waren Angriffe iranischer Revolutionsgarden auf US-Stützpunkte in Syrien, wie US-Verteidigungsminister <b>Lloyd Austin</b> betonte –, und als sichtbares Zeichen der uneingeschränkten Solidarität der USA.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978301_image" /></div> <BR />Gleichzeitig zeigte sich US-Präsident Biden beunruhigt über die Angriffe extremistischer Siedler im Westjordanland: <i>„Das muss jetzt aufhören,“</i> während sein Außenminister <b>Antony Blinken</b> Israel dazu aufrief, mehr für die Zivilisten im Gazastreifen zu tun.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978304_image" /></div> <BR />Benjamin Netanjahu nannte den 7. Oktober „den bösen Tag“. Für Israel war es der schlimmste Tag seit der Staatsgründung, auch weil es den Terroristen gelungen war, den Nimbus der Unbesiegbarkeit ihres Landes zu erschüttern.<h3>Reaktionen in Deutschland und anderswo</h3>Während die Regierungschefs der westlichen Länder das Massaker einhellig verurteilten, gab es in den islamischen Ländern Beifall. In den Straßen Teherans skandierten regimetreue Demonstranten <i>„Tod Israel“, „Tod den USA“. </i>Auf Tafeln war zu lesen: <i>„Die große Befreiungsoperation hat begonnen.“</i><BR /><BR />Irans Präsident <b>Ebrahim Raisi</b> lobte die Hamas-Terroristen und bezeichnete ihre Tat als <i>„rechtmäßige Verteidigung“,</i> die man unterstütze. Für die irakische Regierung waren die Angriffe die Folge der jahrzehntelangen <i>„systematischen Unterdrückung“</i> durch die <i>„zionistische Besatzungsbehörde“.</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978307_image" /></div> <BR />Türkeis Präsident <b>Erdogan</b> erklärte, die Hamas sei <i>„keine Terrororganisation sondern eine Befreiungsorganisation, die kämpft, um ihr Land zu schützen.“</i><BR /><BR />In arabisch geprägten Vierteln – und nicht nur da – westlicher Städte gab es zahllose Pro-Palästina-Demonstrationen, verbunden mit einer Welle antisemitischer Äußerungen. In New York mit der weltweit größten jüdischen Gemeinde außerhalb Israels und an amerikanischen Eliteuniversitäten wurde <i>„Free, free Palestine“</i> skandiert. Ähnliche Szenen gab es in Toronto, Brüssel, Paris und Lausanne. In Sydney schrien Teilnehmer <i>„Gas the Jews“.</i> In London legten 100.000 Teilnehmer einer Pro Palästina-Aktion den Verkehr lahm; es gab Rufe nach der Zerstörung Israels. In Wien feierten Pro-Palästina-Anhänger die Tat und schwenken palästinensische Fahnen. Dem standen insgesamt nur wenige pro-Israel- Demonstrationen gegenüber.<h3> Bemerkenswerte Reaktionen</h3>Die Reaktionen in Deutschland sind besonders bemerkenswert. Möglicherweise ist das Teil dessen, was Bundeskanzlerin <b>Merkel</b> 2008 in Israel erklärt hatte: Israels Sicherheit sei Deutschlands <i>„Staatsräson“.</i> In Berlin gab es eine große Pro-Israel Demonstration mit einer Rede des Bundespräsidenten. Das war aber womöglich erst der Anfang. Immerhin war Bundeskanzler <b>Scholz</b> der erste westliche Regierungschef, der in Jerusalem Netanjahu versicherte, dass die Bundesrepublik <i>„eng und unverrückbar“</i> an der Seite Israels stehe, und Außenministerin <b>Baerbock</b> bestätigte inzwischen mehrfach Israels Recht auf Selbstverteidigung.<BR /><BR />In vielen Städten, allen voran Berlin, gab es fast ausschließlich pro-palästinensische Demonstrationen mit Slogans wie <i>„Freiheit für Palästina“,</i> Palästina <i>„from the river to the sea“</i>, vom Jordan bis zum Mittelmeer, d. h. Vernichtung Israels, die zentrale Forderung der Feinde Israels. <i>„Gaza in Neukölln“</i> war ein Schlagwort. Das war und ist primitiver Antisemitismus, oftmals importierter Antisemitismus als Ergebnis misslungener Integration, wie das der ehemalige Botschafter Israels in Berlin, Stein, formulierte. Die Zahl der Straftaten in den ersten Tagen war erschreckend: mehr als 1100; in Berlin gab es hunderte Festnahmen, 100 Polizisten wurden verletzt. Jüdische Häuser wurden wie in der Nazizeit mit einem Judenstern markiert. Verängstigte jüdische Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule, jüdische Gebäude werden verstärkt von deutscher Polizei geschützt. In Schulen werden von muslimischen und anderen Schülern provokante oder manchmal auch nur naive Fragen gestellt. <BR /><BR />Falschmeldungen sind an der Tagesordnung. Seit dem 7. Oktober werden immer mehr Bombendrohungen per E-Mail verschickt. Betroffen sind Behörden, Rundfunkanstalten, Polizeireviere, Jobcenters sowie Schulen. Immerhin wurde inzwischen ein Betätigungverbot für die Hamas und das palästinensische Netzwerk Samidoun in Deutschland verhängt.<h3>Das Massaker und der Nahostkonflikt</h3>Der 7. Oktober hat eine lange Vorgeschichte. Russlands Präsident <b>Putin</b> verwies auf den Beschluss der UNO vom Jahr 1947, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen, Islamisten sprechen von Freiheitskampf, UN-Generalsekretär <b>Antonio Guterres</b> betonte, die Angriffe hätten <i>„nicht im luftleeren Raum“</i> stattgefunden, und er verwies dabei auf 56 Jahre <i>„erdrückende Besatzung“</i> durch Israel. Der EU-Außenbeauftragte <b>Joseph Borrell</b> sprach vom Versagen bei der Zweistaatenlösung 30 Jahre zuvor.<BR /><BR />Das Massaker kann jedenfalls nicht isoliert betrachtet werden; es gehört in den größeren Rahmen des Nahostkonflikts. Um zu verstehen, warum der Nahe Osten <i>„die gefährlichste Region der Welt“ </i>ist, wie es US-Außenmister <b>Henry Kissinger</b>1975 einmal zutreffend formulierte, und wie es zu solchen Exzessen wie jenes vom 7. Oktober kommen konnte, muss man weiter zurückblicken.<h3> Zur Person</h3><div class="img-embed"><embed id="978310_image" /></div> <BR />Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck – <a href="https://www.rolfsteininger.at/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.rolfsteininger.at</a><BR />