Montag, 16. Januar 2017

Das schwierige Erbe der Habsburgermonarchie

Der US-amerikanische Historiker Pieter Judson stellt seine radikale Neubewertung der Habsburgermonarchie am 20. Jänner in Bozen vor.

Der US-amerikanische Historiker Pieter Judson stellt seine radikale Neubewertung der Habsburgermonarchie am 20. Jänner in Bozen vor.- Foto: Geschichte und Region/Storia e regione
Der US-amerikanische Historiker Pieter Judson stellt seine radikale Neubewertung der Habsburgermonarchie am 20. Jänner in Bozen vor.- Foto: Geschichte und Region/Storia e regione

Es kommt in der Geschichtswissenschaft selten vor, dass neue Bücher etablierte Lehrmeinungen herausfordern und jahrzehntealte Erkenntnisse auf den Kopf stellen. Der in Florenz am renommierten „European University Institute“ lehrende Historiker Pieter Judson nimmt es in seinem neuen Buch „The Habsburg Empire. A New History“ gleich mit mehreren Meisterzählungen auf.

Habsburgermonarchie war kein „Völkerkerker“

Die Vorstellung der Habsburgermonarchie als unzeitgemäßem „Völkerkerker“, der die nationalen Rechte seiner Untertanen unterdrückte und deshalb nicht nur den Ersten Weltkrieg verlieren, sondern früher oder später zwangläufig kollabieren musste, lässt sich spätestens mit Judsons elegantem wie überzeugendem Buch nicht mehr halten. Es lehrt uns die provokante Einsicht, dass nicht die Habsburgermonarchie, sondern die Staaten, die ihr Erbe antraten, als eigentliche „Völkerkerker“ zu bezeichnen sind: Indem sie sich als National-Staaten definierten, hatten auf ihrem Boden sprachlich-kulturelle Minderheiten kein Existenzrecht mehr.

Dass diese Staatsräson nach 1919 nur schwer haltbar, ja absurd war, zeigt sich nicht nur an der Geschichte Südtirols, sondern an beinahe jeder Region der ehemaligen Habsburgermonarchie. So sprachen etwa im tschechoslowakischen Nationalstaat zwei Millionen Menschen Deutsch als Muttersprache - deutlich mehr als Slowakisch.

Judson stellt Staatsbildung in den Vordergrund

Judsons „neue Geschichte“ setzt mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts ein und stellt den schwierigen Weg der Staatsbildung in den Vordergrund, die die Habsburgermonarchie zwischen der pragmatischen Sanktion und dem Ersten Weltkrieg zurücklegte. Die dramaturgische Anlage des Buches weist drei zentrale Pfeiler auf: Judson schreibt das Buch aus der Perspektive des Imperiums selbst, er stellt also die Akteure, Absichten, Institutionen und Instrumente des sich ausbildenden kaiserlich-königlichen Zentralstaates in den Vordergrund.

Nationalismusforschung radikal umgesetzt

Die zweite und wohl entscheidende Besonderheit des Buches liegt darin, dass Judson die Erkenntnisse der Nationalismusforschung radikal umsetzt und anstatt von „Nationalismen“ konsequent von „Nationalisten“ spricht. „Nationen“ entpuppen sich so als politische Ideologien, die von Nationalisten erfunden und propagiert wurden - nicht die vermeintlichen „Nationalismen“ bereiteten also der Monarchie Probleme, sondern nationalistische Politiker und Agitatoren.

Habsburgermonarchie war außergewöhnlicher Normalfall

Drittens gelingt es Judson nicht nur, einen stupenden Überblick über die komplexen habsburgischen Herrschaftskomplexe anzubieten, die sich von Vorarlberg nach Lemberg und von Krakau bis nach Sarajevo erstreckten, sondern die Monarchie stets in einen europäischen Vergleich zu setzen. Dabei zeigt sich, dass die Habsburgermonarchie keineswegs eine Anomalie, eine Ausnahmeerscheinung der europäischen Geschichte darstellte, sondern vielmehr einen außergewöhnlichen Normalfall.

Faszinierende Studie

Pieter Judson legt eine faszinierende Studie vor, die der Habsburgermonarchie in der historischen Rückblende Gerechtigkeit verschafft. Er fordert die klassische Nationalgeschichtsschreibung ernsthaft heraus und zeigt auf, dass ihre Begriffe und Instrumente nicht hinreichen, um die europäische Geschichte darzustellen.

Vortrag am 20. Jänner

Auf Einladung des Vereines „Geschichte und Region/Storia e regione“ und des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen wird der Autor Pieter Judson sein neues Buch im Gespräch Marco Bellabarba (Uni Trento) vorstellen.

Die Buchvorstellung findet am 20. Jänner 2017, um 19.30 Uhr im Konferenzsaal des Stadtarchivs Bozen, Lauben 30, statt und allen Geschichtsinteressierten frei zugänglich.

stol

stol