Die Gründung der tirolischen Rodungssiedlung Altrei hängt, wie so vieles in der Geschichte Tirols, mit Meinhard II. zusammen. <BR /><BR />Er hat die ehemals eppanische Grafschaft Castello (im Fleimstal) dem Land Tirol eingegliedert und den ursprünglich noch unfreien Gotschalk von Bozen zu seinem Richter in Enn ernannt. Unter ihm stieg Gotschalk zum „edlen und mächtigen Ritter“ mit Schloss Runkelstein auf. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664064_image" /></div> <BR />Heinrich („König von Böhmen und Polen“), der jüngste Sohn Meinhards II., erlaubte ihm mit Urkunde vom 24. Juli 1321 sodann, in der Grafschaft Castello („in der sogenannten Gegend von Antereu“), 10 Höfe nach Art eines Burgfriedens anzulegen, und zwar mit Steuer- und Gerichtsprivileg sowie mit Befreiung vom Dienst zur Landesverteidigung. Damit war die tirolische Rodungssiedlung Altrei geboren und Gotschalk, außer Richter in Enn und der Grafschaft Castello, auch noch Eigentümer und Richter des Burgfriedens Altrei. <BR /><BR /><BR /><b>„Stammvater“ Gotschalk</b><BR /><BR /><BR />Es fällt auf, dass für die neue Siedlung keine genaueren Grenzen festgelegt wurden, obwohl es in der besagten Gegend schon andere Grundherrschaften gab. Alle Indizien deuten darauf hin, dass der überaus dynamische Gotschalk selbst es war, der konkrete Grenzangaben zu vermeiden suchte, um Gestaltungsfreiheit zu bewahren. <BR />Er hatte vor, Stammvater eines mächtigen Adelsgeschlechtes zu werden mit dem Burgfrieden Altrei als Sprungbrett für ein größeres machtpolitisches Projekt im Fleimstal. Der Trienter Bischof und seine Fleimser Untertanen wussten dies allerdings zu verhindern, wobei ihnen die Schwäche und der Wankelmut Herzog Heinrichs sowie dessen Angst vor den Folgen des Kirchenbanns zugutekamen. Gotschalks Tochter Agnes war mit Konrad von Schenna, dem Landeshauptmann von Tirol, verheiratet. Ihre einzige Tochter Weyrad war Gattin des mächtigen Tegen von Villanders, der 1341 das Gericht Enn übernahm. Nach dessen Tod (1346) bekam Weyrad vom Landesfürsten Ludwig von Brandenburg Schloss Enn mit Gericht und Urbar verschrieben. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664067_image" /></div> <BR />In der Folge verschuldete sich Weyrad derart, dass sie bereits 1348 fast das ganze Erbe ihres Großvaters Gotschalk samt Schloss Runkelstein an ihren Vetter Petermann von Schenna verpfänden musste. Ihr Sohn, Zyprian von Villanders, verprasste, was übrig blieb, bevor er ohne überlebende Nachkommen 1398 verstarb. <BR /><BR /><BR /><b>Das Ende des Geschlechts</b><BR /><BR /><BR />Damit war das Geschlecht Gotschalks erloschen und auch das Schicksal des Burgfriedens Altrei besiegelt. Wie ein Komet war Gotschalk aus dem Nichts zu großem Glanz emporgestiegen, um dann relativ rasch samt seiner Sippe wieder von der Bühne zu verschwinden. <BR /><BR /><BR />Als Folge davon verlor Altrei zuerst das Steuerprivileg (1406). Das Privileg der Befreiung vom Dienst zur Landesverteidigung blieb bis 1582 erhalten. Am längsten hielt sich das Gerichtsprivileg. Als Gericht war Altrei auch mit Delegierten im Tiroler Landtag vertreten. Bis 1778 wurden so ziemlich alle Zivilangelegenheiten vom Dorfgericht selbst erledigt. Ein aus Enn/Neumarkt herbeigeholter Gerichtsschreiber sorgte für die Ausfertigung der Urkunden und deren Verfachung in Enn.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664070_image" /></div> <BR /><BR />Als äußerst nachteilig wirkte sich nach dem Tode Gotschalks die ungeregelte Grenzfrage aus. Nur er hätte die nötige Autorität gehabt, den Fleimsern die Grenzen aufzuzeigen. Mit Urteil des Jahres 1315 hatte er denselben z.B. sogar verboten, weiter als bis San Lugano heraus zu weiden. Zur Zeit Gotschalks konnten die Altreier unbehelligt auch den Hornberg bewirtschaften bis hinauf zu den Grenzen von Montan („huckender Stein“ am Weißen See). <BR /><BR /><BR /><b>Kampf um Siedlungsraum</b><BR /><BR /><BR />Nach Gotschalk begann ein verbissener Kampf um den Siedlungsraum. Es ging ums tägliche Brot! Dabei wurde nicht nur gerichtlich sondern auch brachial gekämpft. Beispiele: Um 1511 ging es um Weiderechte, als 50 bis 60 Fleimser auftauchten, „mit dem harnasch under den klaidern verporgen“ („harnasch“ = Kampfausrüstung), um die Altreier „mit werhafter hannd... gewalltiklich“ zu vertreiben; 1532 ging es ums Heu, wobei die Altreier sogar eine „Feuerwaffe“ mit sich führten; 1558 ging es im Bannwald Fraùl ums Holz, wobei die Fleimser in einer Nacht zum Trutz 320 Fichten fällten. 1537 scheiterte ein von Kardinalbischof Bernhard von Cles vorgeschlagener Gebietsaustausch. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664073_image" /></div> <BR />1778 trat <b>Kaiserin Maria Theresia</b> aus zollpolitischem Kalkül dann Altrei im Tausch gegen Grumeis (Cembra) an das Stift Trient ab. Dies hatte weitreichende politische Folgen. Das deutschtirolische Dorf war fortan den Italianisierungstendenzen von Verwaltung und Justiz in Cavalese und Trient ausgesetzt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664076_image" /></div> <BR /><BR />Dies provozierte die deutschnationalen Kreise (der sogenannte „Argonautenzug“ startete nicht zufällig von Altrei aus). Am Krieg des Jahres 1866 durften die Altreier, weil auf dem Papier „Trentiner“, nicht an der Seite der Deutschtiroler teilnehmen. Als Trostpflaster stiftete ihnen die Kaiserinwitwe Karolina Augusta eine prächtige Schützenfahne, die in Innsbruck ausgestellt und als besondere Rarität sogar in einem englischen Reiseführer von 1874 beschrieben ist. 1915 bot Kaiser Franz Josef dem Königreich Italien das Trentino – ohne Altrei – an, um es vom Kriegseintritt abzuhalten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664079_image" /></div> <BR /><BR />Auf Drängen Tolomeis wollte das italienische Militärkommando ab November 1918 im „Trentinerdorf“ Altrei dann alles Deutsche sofort radikal ausmerzen, sogar in der Kirche. Unbekannte reagierten mit nächtlichen Sabotageakten. Der Gemeindevorsteher Johann Ludwig wurde stellvertretend drangsaliert und in Ketten durchs Dorf geführt. Mussolini gliederte Altrei 1925 in die italienische Nachbargemeinde Capriana ein. Bei der Option entschied sich Altrei als einzige Gemeinde Südtirols mit großer Mehrheit gegen die Abwanderung „heim ins Reich!“. So hart Erkämpftes gibt man nicht her! 1948 kam Altrei – nach ca 170 jähriger „Trentinischer Gefangenschaft“ – dann wieder zurück zu Neumarkt/Bozen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="664082_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />