Freitag, 12. Juni 2020

Der Panzerkommandant, die Covid-19-Pandemie und die Geschichte

Im April 1944 schreibt der Soldat Willi Klein von der Westfront in Frankreich an die Familie seines Waffenkameraden Karl Malfatti aus Nals: „Wir Soldaten haben ja sowieso kein anderes Recht als zu gehorchen und dem Befehl Folge zu leisten. Jedoch ist das Schicksal unberechenbar. Wir müssen uns aber stets seiner Fügung beugen.“

Willi Klein und seine Panzerbesatzung im Jahr 1944 vor einem Tiger-Panzer. Die Hälfte der Männer kam 1944 ums Leben.
Willi Klein und seine Panzerbesatzung im Jahr 1944 vor einem Tiger-Panzer. Die Hälfte der Männer kam 1944 ums Leben. - Foto: © Sammlung Grote
Der aus der Eifel im Westen Deutschlands stammende Klein beschreibt in diesen dürren Worten seine Befindlichkeiten als Soldat und Kommandant eines Panzers, der kurz vor der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 einen Abend im Kreise seiner Panzerbesatzung verbringt.

Man schreibt an die Familien und fügt Grüße an die jeweils anderen Familien dazu. In mehr als 4 Jahren ist aus den Männern eine Schicksalsgemeinschaft geworden, zusammengebracht und zusammengeschweißt durch die Kriegsereignisse, die wahrscheinlich niemand von ihnen gewollt hatte und die man nur zu überleben gedachte.

Krieg als Schicksal, dem man sich zu fügen hat


Klein drückt aber auch die absolute Ohnmacht aus, die Soldaten an allen Fronten in allen Kriegen immer wieder spürten: das Ausgeliefertsein einem Schicksal gegenüber, auf das sie so gar keinen Einfluss haben konnten, obwohl sie selbst ja aktiv Handelnde in jenem Krieg waren und der Krieg ohne sie gar nicht hätte geführt werden können. Der Krieg ist aber aus der Sicht der Soldaten keine selbstbestimmte Erfahrung, sondern ein Schicksal und eine Fügung, der man sich zu beugen hatte.

Aus der Perspektive des Panzerkommandanten konnte Klein die globalen Entwicklungen der Ereignisse in diesem Frühjahr 1944 in Frankreich überhaupt nicht ermessen – nur wenig weiter westlich, in Südengland, wurde bereits die größte Invasionsflotte der Menschheitsgeschichte zusammengezogen – und dennoch war er ein Teil jener historischen Epoche der Götterdämmerung des Dritten Reiches, das nur ein Jahr später aufhören sollte zu existieren.

Allerdings wird Klein gewusst haben, und das machen seine Zeilen ja auch deutlich, dass er sich inmitten einer historischen Umbruchphase befand und er konnte vermuten, dass die Welt nach dem Ende des Krieges nicht mehr so sein würde wie vorher – wie auch immer der Krieg auch ausgehen mochte. In treuem Soldatengehorsam schließt er seinen Brief mit den Worten: „Immer aber ist uns das Glück treu geblieben und so wollen wir auch künftig fest auf dieses Glück vertrauen, bis der groß und letzte Sieg errungen ist.“


Der Corona-Lockdown und Willi Kleins Befinden 1944

Die Situation, in der sich viele Menschen in diesen Tagen wiederfinden, nach ungezählten Tagen zu Hause im Angesicht des Coronavirus, hat eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten mit Willi Kleins Befinden im Jahre 1944. Wir sind in unseren ureigenen Freiheiten beschnitten und fügen uns den Notwendigkeiten des Schicksals – wir bleiben zu Hause, vermeiden den Kontakt zu anderen und lassen es zu, dass unser normaler und geliebter Vor-Corona-Alltag zu einer Grimasse seiner selbst verzerrt ist, die wir hinter den Gesichtsmasken unserer Mitmenschen kaum noch wiedererkennen. Und all das für den großen Sieg, auf den wir alle hoffen.

Nach-Corona-Zeit wird anders sein als vorher

Und dennoch ist da ein nicht gekanntes Gefühl der Ohnmacht, der Machtlosigkeit angesichts eines Ereignisses, das so viel größer ist als unser Horizont reicht und dem gegenüber wir winzig klein erscheinen. Wir spüren, dass auch dieses Frühjahr 2020 eine epochale Veränderung mit sich bringen und dass es für uns alle eine Nach-Coronazeit geben wird, die essentiell anders als die Vor-Corona-Zeit sein wird.

Parallelen drängen sich auf, vielleicht mit der finanziellen Krise vor 12 Jahren, mit den Anschlägen in New York im September 2001, mit dem Fall der Mauer in Berlin 1989, dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 oder der Aids-Pandemie der frühen 1980er Jahre – die Liste wäre endlos und nur bestimmt durch das Lebensalter des sich Erinnernden.

Parallelen zu 9/11, Tschernobyl und Aids

Eckpunkte, die unser individuelles und gemeinschaftliches Dasein als Gesellschaft für die Zukunft nachhaltig veränderten. All diesen Ereignissen gemein ist die Fassungslosigkeit über das, was gerade geschieht. Gemein ist ihnen aber auch, dass nach jedem dieser epochalen Ereignisse ein Moment kam, in dem wir – individuell und gemeinschaftlich – erste Schritte wagten, um mit dem, was gerade passiert war, umzugehen und die Ereignisse in unser Leben einzubauen und – statt gegen sie – mit ihnen zu leben. Keine der oben genannten epochalen Veränderungen, die mein Leben bestimmten, sind seither auch nur einen Moment vergessen worden, aber ich lebe damit und habe es nicht zugelassen, dass die Ohnmacht mein Leben dauerhaft lähmte.

Erinnerung als Helfer in der neuen Zeit

Geschichte und Erinnerung sind in diesem Kontext unschlagbare Helfer, denn sie erlauben uns, die Zeit vor Corona nicht zu vergessen und einen Zustand anzustreben, in dem die furchtbaren Gesichtsmasken verschwinden werden und wir ein freundliches Lächeln und ein schelmisches Zucken der Mundwinkel in unserem Gegenüber wieder genießen werden können – denn das macht uns als Menschen eben aus.

Die Geschichte zeigt uns, dass wir nicht die ersten Menschen sind, die dermaßen Gewaltiges zu erleiden und erdulden haben und dass die Menschheit trotz all der Rückschläge, die sie erlitten hat, dennoch einen Grad an Lebenszufriedenheit in uns erzeugen konnte, die wir bis zum Ende Februar dieses Jahres 2020 genießen durften.

In kleinen Schritten unsere Welt zurückfordern

Willi Kleins Welt brach zusammen. Er verlor die Hälfte seiner Panzermannschaft im Herbst des Jahres 1944 und seine Ordnung verschwand mit dem Ende des Dritten Reiches im Mai 1945. Wir dagegen sind nicht im Krieg, der Coronavirus wird die Welt verändern, aber die Erinnerung an die Welt, die uns so viel bedeutete und die wir alle wieder gern zurückholen würden, wird uns die Kraft geben, genau dies auch zu tun. Wichtig ist es, unsere Ohnmacht als solche zu akzeptieren und ihre Existenz nicht zu leugnen, dann aber mit kleinen Schritten unser Leben zurückzufordern.

Südtiroler Korrespondenzen

Der in Bozen forschende Historiker Georg Grote sammelt Briefe und Tagebücher und bewahrt durch Bücher und Studien Schicksale von Kriegsteilnehmern und ihren Angehörigen vor dem Vergessen. Dieser Artikel behandelt einen Brief aus dieser Sammlung. Kontakt: [email protected]













georg grote