„Wir haben uns entschlossen, dieses Risiko einzugehen.“ So teilte Amerika am 6.April 1917 mit, dass es gedenke, in den Ersten Weltkrieg einzutreten. Und Amerika wurde zur ausschlaggebenden Macht. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="755465_image" /></div> <b>Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg</b><BR /><BR />Anfang 1917 waren die entscheidenden Militärs auf deutscher Seite, die Generäle Hindenburg und Ludendorff, davon überzeugt, dass der Krieg allein auf dem Land nicht mehr siegreich beendet werden konnte und daher jedes verfügbare andere Mittel eingesetzt werden musste. Und das hieß U-Boot-Krieg. <BR /><BR />Am Nachmittag des 9. Januar unterschrieb Kaiser Wilhelm den Befehl, <i>„dass der uneingeschränkte Unterwasserkrieg am 1. Februar mit voller Energie einsetzt“.</i> Anschließend schrieb Reichskanzler Theobald Bethmann Hollweg an den deutschen Botschafter in Washington, Graf Bernstorff:<BR /><i><BR />„Ich weiß sehr gut, dass diese Maßnahme die Gefahr eines Bruches und möglicherweise sogar eines Krieges mit den Vereinigten Staaten mit sich bringt. Wir haben uns entschlossen, dieses Risiko einzugehen.“</i><BR />Als den USA am 31. Januar 1917 der deutsche Beschluss mitgeteilt wurde, brach Washington am 3. Februar die diplomatischen Beziehungen ab. Am 26. Februar bat US-Präsident Woodrow Wilson den Kongress um die Erlaubnis zur Bewaffnung amerikanischer Handelsschiffe. Am selben Tag versenkte ein deutsches U-Boot den britischen Passagierdampfer Laconia; zwei US-Amerikaner fanden dabei den Tod.<BR /><BR /><b>Das Zimmermann-Telegramm</b><BR /><BR />Wie der Funke im Pulverfass wirkte dann das berühmt-berüchtigte Zimmermann-Telegramm, das am 1. März in der New York Times erschien. Der deutsche Außenminister <b>Arthur Zimmermann</b> hatte am 19. Januar über die deutsche Botschaft in Washington ein Telegramm an den deutschen Botschafter in Mexiko geschickt, in dem es hieß:<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="755468_image" /></div> <BR /><BR /><i>„Wir beabsichtigen, am 1. Februar uneingeschränkten U-Boot- Krieg zu beginnen. Es wird versucht werden, Amerika trotzdem neutral zu halten. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, schlagen wir Mexiko auf folgender Grundlage Bündnis vor: Gemeinsame Kriegführung. Gemeinsamer Friedensschluss. Reichlich finanzielle Unterstützung und Einverständnis unsererseits, dass Mexiko in Texas, Neu Mexiko, Arizona früher verlorenes Gebiet zurückerobert.<BR /><BR />Regelung im einzelnen Euer Hochwohlgeborenen überlassen. Euer Hochwohlgeborenen wollen Vorstehendes Präsidenten streng geheim eröffnen, sobald Kriegsausbruch mit Vereinigten Staaten feststeht, und Anregung hinzufügen, Japan von sich aus zu sofortigem Beitritt einzuladen und gleichzeitig zwischen uns und Japan zu vermitteln. Bitte Präsidenten darauf hinweisen, dass rücksichtslose Anwendung unserer U-Boote jetzt Aussicht bietet, England in wenigen Monaten zum Frieden zu zwingen. Empfang bestätigen.“</i><BR /><BR />Zimmermann<BR /><BR /><BR /><b>Die amerikanische Kriegserklärung</b><BR /><BR />Die Briten hatten das Telegramm abgefangen, entschlüsselt und den Amerikanern zugespielt, die es am 1. März veröffentlichten. Als Zimmermann dann sogar noch öffentlich die Echtheit bestätigte, führte die endgültig zu einem Meinungsumschwung in der amerikanischen Öffentlichkeit. Nachdem inzwischen weitere US-Schiffe torpediert worden und dabei 48 US-Amerikaner ums Leben gekommen waren, betonte US-Präsident Woodrow Wilson am 2. April 1917 vor dem Kongress, der U-BootKrieg sei ein Krieg gegen die Mensch- heit; die USA führten dagegen einen Krieg für die Beendigung aller Kriege und für allgemeine Menschheitsideale: die Welt müsse für die Demokratie sicher gemacht werden („must be made safe for democracy“).<BR /><BR />Da passte es gut, dass wenige Tage zuvor der Zar gestürzt worden war. Jetzt musste man „nur noch“ gegen die deutschen „Hunnen“ und den „Hunnenkönig“ Kaiser Wilhelm Krieg führen. Wilson hatte auch gesagt, man habe keinenen Streit mit den Deutschen; für die hege man nur Gefühle der Sympathie und der Freundschaft; seine Politik sei eine Politik des Krieges gegen die deutsche Regierung und des Friedens mit dem deutschen Volk.Am 6. April 1917, Karfreitag, erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="755471_image" /></div> <BR /><BR />Wilson:<BR /><i>„Ich stelle fest, dass die in jüngster Zeit von der deutschen kaiserlichen Regierung verfolgte Politik nichts Geringeres ist als ein Krieg gegen die Regierung und das Volk der Vereinigten Staaten. Der Kongress möge formell den uns aufgezwungenen Kriegszustand akzeptieren. Es ist schrecklich, dieses große friedliebende Volk in einen Krieg zu führen. Doch Recht ist kostbarer als Frieden.“</i><BR /><BR /><b>Anti-deutsche Reaktionen in den USA</b><BR /><BR />Der Krieg gegen Deutschland führte damals in de USA zu schlimmen anti-deutschen Auswüchsen. Die Deutschen waren nur noch die „Hunnen“. Alles, was deutsch klang und/oder an Deutschland erinnerte, wurde eliminiert. In den Schulen wurde Deutsch als Unterrichtsfach abgeschafft, an Universitäten Germanistik-Institute geschlossen, Professoren entlassen. Deutsche Zeitungen stellten ihr Erscheinen ein, deutsche Bücher wurden aus öffentlichen Bibliotheken entfernt bzw. durften nicht mehr entliehen werden, deutsche Firmen wurden geschlossen und deren Patente amerikanischen Firmen überlassen.<BR /><BR />Damals wurde aus einem Hamburger ein liberty steak bzw. liberty sausage, aus Sauerkraut wurde liberty cabbage, aus German measles gar liberty measles, aus der großen Versicherungsgesellschaft Germania Life Insurance wurde Guardian Life usw. (Als Frankreich sich im Jahr 2003 weigerte, am Irakkrieg teilzunehmen, wurden im amerikanischen Kongress aus French fries freedom fries. Manch ein Kongressabgeordneter wurde da möglicherweise an das Jahr 1917 erinnert.)<BR /><BR />Deutsch-Amerikaner amerikanisierten jetzt ihre Namen, Orte, Straßen, Schulen und Parks mit deutscher Bezeichnung erhielten Namen zerstörter Orte in Belgien und Frankreich; so wurde Berlin in Michigan zu Marne (in Erinnerung an die Marne-Schlacht). Beethoven, Bach und Mozart wurden nicht mehr gespielt; Frederick Stock, der hervorragende Kapellmeister des Chicagoer Symphonieorchesters durfte nicht mehr dirigieren, Fritz Kreisler durfte nicht mehr auf die Konzertbühne, und die Brown-Universität nahm den Doktortitel zurück, den sie Graf Bernstorff, bis Kriegsausbruch deutscher Botschafter in Washington, verliehen hatte.<BR /><BR />Die Regierung von Iowa ordnete an, dass <i>„Unterhaltungen an öffentlichen Orten, in Zügen oder am Telefon in englischer Sprache geführt werden müssen“.</i> Ähnliches gab es auch in anderen US-Staaten. Selbsternannte Bürgerwehren kontrollierten solche Maßnahmen. Deutschstämmige Bürger wurden oftmals geteert und gefedert und öffentlich in Parks angekettet, wo sie „to hell with the Kaiser“ rufen und die US-Flagge küssen muss- ten. Als in Minnesota ein Pfarrer einer sterbenden Frau, die nur deutsch sprach, auf Deutsch Trost spendete, wurde er geteert und gefedert und aus dem Ort gejagt. So etwas ging manch- mal bis zum Lynchmord. Mit am bekanntesten ist der Fall des deutschstämmigen <b>Robert Prager i</b>n Illinois, der als angeblicher Spion aufgehängt wurde. Die Täter wurden freigesprochen.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="755474_image" /></div> <BR /><BR />Der Krieg mit seiner antideutschen Hexenjagd markierte das Ende der bis dahin hochangesehenen deutschen Sprache, Kultur und Wissenschaft in den USA. Davon hat sich das Deutsche dort (ganz unabhängig vom Zweiten Weltkrieg) niemals wieder erholt.<BR /><BR /><b>Die neue Taktik der Alliierten: Geleitzüge</b><BR /><BR />Deutschland besaß 145 U-Boote, von denen 55 gleichzeitig eingesetzt wurden und die Monat für Monat höhere Versenkungszahlen meldeten: im Februar 520.412 Bruttoregistertonnen, im März 564.479, im April 860.334. „Die letzte Karte“, wie Reichskanzler Bethmann Hollweg die U-Boot-Waffe genannt hatte, schien zu stechen.<BR /><BR />Für Admiral John Jellicoe, Befehlshaber der Grand Fleet, war klar: <i>„Die Deutschen werden den Krieg gewinnen, wenn wir diesen Verlusten keinen Einhalt gebieten können – und zwar bald.“</i><BR /><BR />Es gelang durch eine neue Taktik: die hieß Geleitzug. Schiffe in Gruppen waren weniger anfällig gegen U-Boote. Die USA hatten im April 1917 zwar nur 200.000 Soldaten, von denen auch noch 67.000 der Nationalgarde angehörten, aber sie besaßen eine gut ausgestattete Marine. Ihre Kreuzer sicherten jetzt die Geleitzüge. Der erste wurde am 28. April losgeschickt und erreichte Großbritannien am 10. Mai – ohne Verluste.<BR /><BR /><b>Die USA entscheiden den Krieg</b><BR /><BR />Die Alliierten erwarteten – noch – keine militärische Hilfe. Ein erstes Kontingent amerikanischer Soldaten kam zwar bereits im Juni 1917 in Frankreich an und veranstaltete am 4. Juli – dem amerikanischen Unabhängigkeitstag – unter dem Beifall der Pariser eine Parade auf den Champs Élysées. Aber das hatte nur psychologische Bedeutung und war nur gut für die Moral der Franzosen. Die benötigten Nahrungsmittel und Kriegsmaterial. Und dafür Schiffe. Und die USA lieferten. Der Kongress genehmigte am 16. April Requirierung, Ankauf, Bau und Betrieb von Schiffen – ohne jede Begrenzung.<BR /><BR />Hindenburg meinte damals in einem Zeitungsinterview zur amerikanischen Kriegserklärung: <i>„Keinen Augenblick unterschätzten wir die Gefahr und den Ernst der Stunde, aber der Eintritt Amerikas in den Kreis unserer Feinde hat alle Ungewissheit von uns genommen. Wir stehen mit unseren Verbündeten geschlossen einsam in der Welt, klar und kalt. Ich sagte schon anfangs des Krieges, dass es die Nerven sind, die den Krieg entscheiden. Dieses Wort gilt heute mehr denn je.“</i><BR /><BR />Es waren nicht nur die Nerven. Mitentscheidend war das ungeheure Potenzial, das die USA in diesen Krieg mit einbrachten. Mit Kriegsbeginn wurde die gesamte Wirtschaft des Landes in einem bisher noch nie da gewesenen Ausmaß für diesen Krieg mobilisiert. Seit Mitte 1917 wurden z.B. für jedes von deutschen U-Booten versenkte Schiff zwei neue auf Kiel gelegt. Bis Ende 1917 wurden monatlich 1 Million Tonnen Nachschub nach Frankreich geschickt. Ende 1917 waren 171.000 Soldaten in Frankreich. Zwar noch schlecht ausgebildet und noch nicht einsatzbereit, aber das sollte sich schnell ändern.<BR /><BR />Hindenburg stellte damals die entscheidende Frage: „<i>Wird Amerika noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen?“</i> Amerika kam zur rechten Zeit: mit Material und Soldaten. Allein von März bis Oktober 1918 waren es 1,75 Millionen Soldaten, die in die Kämpfe an der Westfront eingriffen. „Amerika“, so Ludendorff, <i>„wurde auf diese Weise zur ausschlaggebenden Macht im Kriege.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="755477_image" /></div> <BR /><BR /><b>Rolf Steininger:</b><BR />Der Autor war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Von ihm ist erschienen: Der Große Krieg 1914–1918, Lau Verlag, Reinbek 2016.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />