Rom nahm die Sache sehr ernst und demonstrierte seine Macht. In wenigen Wochen waren die eher amateurhaft vorgegangenen Täter gefasst. Sie wurden gefoltert, was eines demokratischen Staates unwürdig war. Aber es kam noch schlimmer: Während die Folterer 1963 freigesprochen wurden, wurden die Attentäter 1964 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Sie litten im Gefängnis, genauso wie ihre Familien zu Hause. Politische Unterstützung von außen gab es kaum. <b>von Rolf Steininger</b><BR /><BR />In der Folgezeit rückte das menschliche Leid mehr und mehr in den Vordergrund der Diskussion, bis hin zu der von ehemaligen Attentätern und ihren Sympathisanten immer wieder geradezu ritualmäßig vertretenen These, dass Südtirol seine Autonomie den Freiheitskämpfern von 1961 verdanke. Ein Mythos war geboren, der nicht mehr infrage gestellt wurde, nachdem ihn in späteren Jahren sogar hochrangige Politiker bestätigten.<BR /><BR />Die Fakten sehen allerdings ganz anders aus. <h3>Selbstbestimmung, nicht Autonomie</h3>Wenn die Attentäter etwas nicht wollten, dann war es die Autonomie! Alle wollten nur eines: die Selbstbestimmung, d.h. die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Das war damals ein großes Thema. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1322931_image" /></div> <BR /><BR />Der intellektuelle Führer der Tiroler, <b>Univ.-Prof. Franz Gschnitzer</b> (im Bild), bis 1961 Staatssekretär im Wiener Außenministerium, hatte schon 1957 intern die <i>„komplette Rückgliederung“</i> Südtirols als <i>„Endziel“ </i>genannt. In Südtirol wollte das die Mehrheit der SVP-Ortsobleute! In der Führung der Partei sprach der einflussreiche <b>Peter Brugger</b> Ende 1959 davon, dass man allmählich auf die Selbstbestimmung <i>„umstecken“</i> solle.<BR /><BR />Im Oktober 1960 forderte die UNO Italien und Österreich zu Autonomieverhandlungen auf, die im Jänner 1961 in Mailand und dann im Mai 1961 in Klagenfurt stattfanden. Der neue Staatssekretär im Außenministerium und Nachfolger Gschnitzers, <b>Ludwig Steiner</b>, hatte in Klagenfurt den Eindruck, <i>„als ob in merito verhandelt werden könnte“</i>. Außenminister <b>Bruno Kreisky</b> meinte, es sei dort <i>„eine Auflockerung eingetreten“. </i>Einigen Tirolern gefiel diese Entwicklung überhaupt nicht. Die Überlegung, dass die Südtiroler direkt mit den Italienern verhandeln sollten, bezeichnete ÖVP-Landesrat <b>Aloys Oberhammer</b> wörtlich als <i>„Zumutung“.</i> Autonomie war eine Horrorvorstellung.<BR /><BR />Oberhammer hatte das intern so formuliert: <i>„Am Ende geben uns die Italiener die Landesautonomie, und dann stehen wir da.“ </i> Und die scharfsinnige Leiterin des Referates „Südtirol“ der Tiroler Landesregierung in Innsbruck, <b>Viktoria Stadlmayer,</b> stellte klar: <i>„Wir wollen gar keine Autonomie.“</i><BR /><BR />Um möglicherweise erfolgreiche Autonomieverhandlungen zu beenden, musste man handeln, wollte man nicht das eigene Ziel verpassen, die Selbstbestimmung. Die Feuernacht sollte dazu dienen. <BR /><BR />Vorbereitet hatten sie die Hauptakteure in Tirol: <b>Wolfgang Pfaundler, Eduard Widmoser, Aloys Oberhammer.</b> Sie wollten Selbstbestimmung für Südtirol – mit Bomben, Toten und Partisanenkampf à la Zypern oder Algerien.<BR /><BR />Pfaundler war Journalist, wurde intern als <i>„minderwertiger Charakter“</i> bezeichnet; Widmoser war Direktor des Tiroler Landesarchivs und geschäftsführender Obmann des Bergisel-Bundes, bekannt als <i>„Kampfmoser“</i>. Der dritte im Bunde war ÖVP-Landesrat Oberhammer; von ihm stammt der Satz: <i>„Blut muss fließen“</i>; für Außenminister Kreisky war er ein <i>„Scharfmacher und pathologisch veranlagt“</i>. Ein Geldgeber war der Wiener Medienzar <b>Molden</b>.<BR /><BR />Sie hatten das Geld und fanden Mitstreiter in Südtirol; allen voran <b>Georg Klotz,</b> der ständig von <i>„bewaffnetem Kampf und Vertreibung der Italiener“</i> redete. <BR /><BR />Das Ziel der Attentate war klar: die Stromzufuhr in Bozen – mit Auswirkungen auf Norditalien – unterbrechen und so die Industriezone zum Stillstand bringen mit dem Verlust von einigen Tausend Arbeitsplätzen. Dagegen würde es in Südtirol Protestaktionen von kommunistischer Gewerkschaft und Partei geben, unterstützt von der extremen Rechten Italiens. Dem würde die deutschsprachige Front gegenüberstehen. Der von Exponenten des BAS-Nordtirol anvisierte <i>„Partisanenkrieg“</i> wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Und damit natürlich auch das Ende aller Autonomieverhandlungen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1322934_image" /></div> <BR /><BR />Der ehemalige Attentäter <b>Siegfried Steger</b> (im Bild) 1999: <i>„Sicher ist, der Partisanenkampf war von Anfang an geplant, sonst wären ja auch nicht in ganz Südtirol Waffen verteilt worden. Uns hat man von vornherein so gesagt: zuerst die faschistischen Denkmäler nieder, dann die Masten, dann die Eisenbahn und als letzte Konsequenz der Partisanenkampf.“ </i><BR /><BR />Und 2001: <i>„Ich hätte nicht einen Zentimeter Zündschnur angerührt für diese Autonomie oder sonst was. Uns ging es um die Selbstbestimmung.“</i><BR /><BR />Die „Feuernacht“ hat dieses Ziel verfehlt. Nicht alle geplanten Strommasten konnten gesprengt werden, im Industriegebiet wurde nichts stillgelegt; es gab keine italienische Protestbewegung als Auslöser für einen Partisanenkrieg, keine allgemeine Volkserhebung. <BR /><BR />Ein anderer ehemaliger Südtiroler Attentäter, <b>Siegfried Carli,</b> dem 1961 die Flucht nach Nordtirol gelang und der später in Italien in Abwesenheit zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, war ehrlich genug, um das 1999 so zu formulieren :<i> „Wir haben es verhackt!“ </i><h3>Neunzehner-Kommission trotz der Feuernacht</h3>Diese Kommission wird von ehemaligen Attentätern direkt mit den Anschlägen in Verbindung gebracht, nach dem Motto: <i>„Ohne Anschläge keine Neunzehner-Kommission, ohne Neunzehner-Kommission kein Paket.“</i> (<b>J. Fontana</b>) Die Frage lautet: Hätte es ohne Feuernacht keine Kommission gegeben? Oder anders ausgedrückt: Hat Rom die Kommission auf Grund der Feuernacht eingesetzt? Und war das ernst gemeint oder nur ein taktischer Schachzug?<BR /><BR />Tatsache ist, dass die Feuernacht und die anschließenden Anschläge im Juli 1961 kontraproduktiv für die Haltung etlicher Mitglieder der italienischen Regierung waren. Tatsache ist auch: Schon vor der Feuernacht hatte Innenminister <b>Mario Scelba</b> den Realisten unter den Südtirolern Vorschläge für ein inneritalienisches Gespräch gemacht, die gerade wegen der Attentate beinahe nicht realisiert worden wären, weil Mitglieder des italienischen Ministerkomitees den Eindruck der Schwäche in der Öffentlichkeit vermeiden wollten. Scelba setzte sich im Ministerrat durch. Er wollte trotz der Attentate die Kommission – als Zeichen der Stärke! Mit einem Satz: Neunzehner-Kommission nicht wegen, sondern trotz der Feuernacht. Im Ministerrat war Scelba zuvor mit seinem Vorschlag auf <i>„harten Widerstand“</i> gestoßen. <i>„Ein anderer“,</i> so Scelba Monate später zum österreichischen Botschafter in Rom, <b>Löwenthal</b>, <i>„hätte sich nicht durchgesetzt.“ </i>Dabei ist festzuhalten: die Attentäter wollten alles, nur keine Neunzehner-Kommission!<BR /><BR />Dabei war etwas anderes auch mitentscheidend: Der auf Verlangen der Tiroler zustande gekommene Beschluss der österreichischen Bundesregierung, die Südtirolfrage erneut vor die UNO zu bringen. Eine ähnlich unangenehme Debatte wie ein Jahr zuvor vor der UNO wäre für Italien besonders unangenehm gewesen. Würde eine Debatte kommen, so wollte man jetzt auf eigene Großzügigkeit verweisen können – und das war diese Kommission. Italiens UNO-Botschafter <b>Martino</b> hatte genau das seinem Minister am 19. Juli empfohlen, einen Tag nach dem österreichischen UNO-Antrag. Er hatte da von <i>„unserer entschlossenen Absicht, direkt mit den Südtirolern zu verhandeln“</i> gesprochen, um damit die Diskussion in der UNO<i> „zu unseren Gunsten zu beeinflussen“.</i><BR /><BR />So kam es dann auch. Am 24. Juli machte Scelba sein Angebot gegenüber der SVP. Es war – parallel zu den Maßnahmen seines Polizeichefs in Südtirol – natürlich an eine Bedingung gebunden: Die Südtiroler sollten eine Erklärung abgeben, wonach für die Dauer der Kommissionsarbeit (fünf SVP-Parlamentarier, fünf Parlamentarier der Regierungsparteien) keinerlei internationale Aktion betreffend Südtirol unternommen würde. Daraus wurde dann die Neunzehner-Kommission.<BR /><BR />War unter diesen Umständen diese Kommission ein Erfolg – gar ein Erfolg der Feuernacht? Viktoria Stadlmayer beantwortete diese Frage Anfang 1962 in einem streng vertraulichen Memorandum so: „Die Neunzehner-Kommission und ihre positive Aufnahme in Südtirol ist kein Erfolg der Bombenpolitik, sondern ist ein Sieg Italiens.“<h3>Gespräche zwischen Italien und Österreich</h3>Haben die Attentate die Qualität dieser Gespräche verbessert, wie einige meinen? Auch hier ein klares Nein! Das Gegenteil war der Fall. Es gab überhaupt keine Gespräche mehr. Die Italiener verwiesen stets auf das inneritalienische Gespräch, sprich: Neunzehner-Kommission, die sich Monat für Monat dahinschleppte, immer am Rande der Auflösung. Ende September 1963 meinte Außenminister <b>Kreisky</b> dazu, es stelle sich die Frage: <i>„Wie lange kann sich Österreich dies gefallen lassen?“</i><h3>Wurde die Welt auf das Südtirol-Problem aufmerksam gemacht?</h3>So lautet ein anderes Argument der Attentäter und ihrer Sympathisanten. In der wenig überzeugenden ORF Tirol-Dokumentation vom Dezember 2015 „Geteiltes Land“ wurde dies sogar als einziges Ziel der Feuernacht genannt! Dies ist allerdings das schwächste aller Argumente, auch wenn der prominente „Freiheitskämpfer“ <b>Prof. Heuberger</b> noch 2001 gemeint hatte: „Die Feuernacht war ein Signal, das die Blicke der Welt auf Südtirol lenkte. Genau das haben wir gewollt.“ Genau das hatte man allerdings nicht gewollt.<BR /><BR />Seit der mehrwöchigen Debatte in der UNO im Herbst 1960 kannte die Welt das Südtirolproblem. Es gab denn auch nur ein paar Artikel in einigen Zeitungen, nicht mehr. Im Sommer 1961 hatte die Welt mit Berlinkrise und Mauerbau andere Sorgen.<h3>Drohende Spaltung der SVP </h3>In der SVP gaben damals die Radikalen den Ton an und riskierten mit ihrer Politik auch die Spaltung der Partei. <b>Toni Ebner</b> verurteilte die Attentate in einem Leitartikel der „Dolomiten“ scharf. Wie aufgeheizt die Stimmung war, zeigt die Tatsache, dass man ihn ermorden wollte und seine Familie mit Polizeischutz leben musste. Die Wende in der italienischen Südtirolpolitik kam im Dezember 1963 mit der erstmaligen Bildung einer Mitte-links-Regierung in Rom.<BR /><BR />Abschließend das Urteil des ehemaligen Staatssekretärs im Außenministerium, des hoch angesehenen, 2015 verstorbenen <b>Ludwig Steiner</b> zur Feuernacht. 2011 nannte er die Attentate öffentlich <i>„sinnlos und überflüssig“</i>. Mehr ist dazu nicht zu sagen.<BR /><BR />Zur Person: Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Uni InnsbruckBuchtipp: Rolf Steininger, „Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“, Haymon Verlag Innsbruck 2020, 224 SeitenBestellen: www.athesiabuch.it