Mittwoch, 16. September 2020

Die Karnische Krise: Neues Massensterben identifiziert

Die Welt, wie wir sie heute kennen, hat ihren Ursprung vor 233 Millionen Jahren. Dies behauptet ein internationales Forschungsteam, das einen Klimawandel in der Zeit des Karniums für eine Revolution in den globalen Ökosystemen und ein großes Massensterben verantwortlich macht. Dies brachte allerdings auch eine Phase der Diversifizierung mit sich, aus der die heute bekannte Welt entstand. Im Forschungsteam vertreten war auch das Naturmuseum Südtirol.

Das Ereignis der „Karnischen Krise“ ist auch  in der Morphologie der Dolomiten-Landschaft ganz klar sichtbar.
Das Ereignis der „Karnischen Krise“ ist auch in der Morphologie der Dolomiten-Landschaft ganz klar sichtbar. - Foto: © Landesmuseen Südtirol/Piero Gianolla
Es kommt nicht oft vor, dass die Wissenschaft ein neues Massensterben identifiziert. Gelungen ist dies kürzlich allerdings einem internationalen Forschungsteam. Die Ergebnisse beschreiben die beteiligten Geologen und Paläontologinnen in einem am Dienstag in der renommierten Zeitschrift Science Advances veröffentlichten Artikel.

Das neu entdeckte Massensterben ereignete sich demnach vor etwa 233 Millionen Jahren und wird „Karnische Krise“ genannt. Dem von Jacopo Dal Corso der China University of Geosciences geleiteten Team gehörten unter anderem Evelyn Kustatscher, Paläontologin am Naturmuseum Südtirol und Forschende der Universitäten Padua und Ferrara, des CNR und des MUSE - Museo delle Scienze di Trento an.

Die Fachleute untersuchten Gesteine und Fossilien, die in jahrzehntelangen Geländearbeiten gesammelt wurden, führten Laboranalysen und Modellierungen aus, und rekonstruierten daraus ein vollständiges Bild der Ursachen, der Dynamiken und Auswirkungen der Karnischen Krise.

Was verursachte das Massensterben?

Die Ursachen stehen im Zusammenhang mit massiven Vulkanausbrüchen aus der Karnischen Periode in der magmatischen Provinz Wrangellia, wovon es heute noch Beweise in Westkanada und Alaska gibt. Diese Eruptionen schossen riesige Mengen an Treibhausgasen, wie Kohlendioxid in die Atmosphäre, was zu einer globalen Erwärmung führte. Diese Phase der globalen Erwärmung provozierte eine starke Niederschlagszunahme (daher die englische Bezeichnung „Carnian Pluvial Episode“), die Regenphase dauerte etwa eine Million Jahre.

Dieser plötzliche Klimawandel führte zu einem gravierenden Verlust der Artenvielfalt in den Ozeanen und auf dem Festland, weshalb das Ereignis laut Dal Corso und seinem Team als eines der tiefgreifendsten Massensterben der gesamten Lebensgeschichte katalogisiert werden kann.

Die positive Seite

Unmittelbar nach diesem Ereignis traten neue Gruppen auf oder diversifizierten sich rasch, wie z.B. die Dinosaurier, was wiederum neue Ökosysteme entstehen ließ. „Eine der wichtigsten Auswirkungen der Karnischen Krise ist die Diversifizierung und Ausbreitung vieler moderner Tier- und Pflanzengruppen“, erklärt Evelyn Kustatscher, Paläontologin am Naturmuseum Südtirol.


„Weder die typischen jurassischen und kreidezeitlichen Ökosysteme mit den Riesendinosauriern und Araukarien und Palmfarn-Wäldern, noch die heute bekannten Ökosysteme mit Schildkröten, Krokodilen, Eidechsen, Säugetieren und modernen Nadelbaum- und Farnwäldern hätten sich ohne diesen wichtigen Moment in der Geschichte unseres Landes jemals entwickeln können.“

Spuren des Massensterbens in den Dolomiten

Die Karnische Krise beeinflusste auch das Leben im Meer und die Chemie der Ozeane stark. Dies wird zum Beispiel in den Dolomiten dokumentiert, wo das Ereignis in der Morphologie der Landschaft ganz klar sichtbar ist, man denke nur an die berühmten Dolomitwände: Als die Riffe aufgrund der Karnischen Krise zusammenbrachen, lagerten sich weniger widerstandsfähige Gesteine ab, was man als Stufe sehr deutlich in unseren Bergen beobachten kann.

Der Artikel von Jacopo Dal Corso, Evelyn Kustatscher und 15 weiteren Forschenden trägt den Titel „Extinction and dawn of the modern world in the Carnian (Late Triassic)“ (Deutsch: Aussterben und Aufbruch der modernen Welt im Karnium (Spättrias)“ und erschien am Dienstag in der Zeitschrift Science Advances 6.

stol