von Karl Psenner<BR /><BR /><b>Herr Rizzolli, wie sind eigentlich Trachten entstanden, welchen Ursprung haben sie?</b><BR />Helmut Rizzolli: Wenn wir heute von „Trachten“ sprechen – das Wort kommt von „tragen“ –, so meinen wir damit die Ende des 18. Jahrhunderts entstandene örtliche Festtagskleidung der Bauern und Bürger.<BR /><BR /><b>Und wann und wie ist es zur Bozner Tracht gekommen? Es gibt ja die Männer- und Frauentracht – sind sie gleichzeitig entstanden? </b><BR />Rizzolli: Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Bozner Bürgerkleidung bildlich gut dokumentiert. Während die Bozner Messekaufleute kleidungsmäßig vom Adel und von den Fernhändlern in Venedig und Augsburg kaum zu unterscheiden waren, trugen die restlichen Bürger und reichen Weinbauern den langen braunen Rock. Gleichzeitig zeigen die Bürgerinnen mit ihren „Krausshauben“ (= „Heilig-Geist-Hauben“) und den städtischen Kleidern aus Seide aber ein nicht-bäuerliches Lokalkolorit.<BR /><BR /><b>Worin unterscheidet sich die Bozner Tracht von anderen Trachten hierzulande? Welche besonderen Merkmale weist sie auf? </b><BR />Rizzolli: Die Bozner Bürgertracht mit Zylinder als Kopfbedeckung für Männer und auch für Frauen sieht bei den Männern ein Brokat-„Leibl“ unter dem langen Rock aus feinem Strichloden vor und für die Frauen ein Seidenkleid. Eine bäuerliche Variante der Männertracht zeigt einen breiten Scheibenhut, breite grüne Stoffhosenträger und einen Bauchgurt über dem Lodenleibl, wie es die einstmals als „Bauernschützen“ bezeichneten Bozner Schützen seit 1988 wieder tragen. Die bäuerliche Version der Frauentrachten hat ein Schnürmieder, einen plissierten bzw. gereihten „Kittel“ und einen breiten schwarzen Scheibenhut.<BR /><BR /><b>Die Tracht wurde üblicherweise zu großen kirchlichen Festtagen wie auch bei besonderen weltlichen Ereignissen getragen. Ist sie aber heute noch „modern„ bzw. salonfähig, insbesondere in einer Stadt wie Bozen?</b><BR />Rizzolli: Historische Bürgertrachten und deren bäuerliche Varianten bestechen durch ihre kostbaren Importtextilien, die seinerzeit über die Messen in die Stadt kamen und von Bürgern und vermögenden Weinbauernfamilien getragen wurden. Diese „anziehende“ Geschichte, mit Konzessionen an den Tragekomfort, ist keiner Mode unterworfen und hat vor allem als Kleidung der Vereine weitergelebt. Dafür braucht es aber historisch fundierte Beratung. Seit ihrer Gründung vor mehr als 15 Jahren steht die Arbeitsgruppe „Unsere Tracht“ mit einem reich dotierten Privatarchiv und einer wissenschaftlich untermauerten Anleitung für den gesamten Tiroler Raum zwischen Kufstein und Ala kostenlos den Interessierten zur Verfügung.<BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie den kulturellen Aspekt einer Tracht ein; ist sie identitätsstiftend und trägt somit zum Heimat- bzw. Zugehörigkeitsgefühl bei?</b><BR />Rizzolli: Schützen, Musikkapellen, Volkstanzgruppen, Chöre sowie Nicht-Vereinsangehörige drücken durch ihre ortsgebundene Kleidung und ihre kulturelle Tätigkeit eine Zugehörigkeit zu unserer Stadt aus, ohne eine Abschottung gegen Zugewanderte zu wollen, die inzwischen längst zum Stadt- und Trachtenbild der Kulturvereine gehören.