Das kleine Büchlein fängt den Blick des Lesers mit großen schwarzen Flugschriftlettern und einem warnenden Ausrufezeichen.“Findet eure eigenen Motive für Empörung, bringt euch wieder in den Strom der Geschichte ein!“, hatte der 93jährige Mitautor der Menschenrechtserklärung der Vereinigten Nationen seinem Publikum zugerufen. Hessel hatte am 17. Mai 2009 in einer Rede daran erinnert, dass das Motiv der Résistance die Empörung gewesen war und die Eindringlichkeit seiner Worte hatten landesweit ein so großes Echo ausgelöst, dass er sich zur Publikation seines Aufrufs entschloss.Einzigartiges Zeugnis eines politischen OptimistenAls letzte Möglichkeit die Jugend an seinen Erfahrungen, an seinem politischen Engagement teilhaben zu lassen, sieht der Autor diese Schrift. Mit seinem wechselvollen, teilweise waghalsigen Leben legt Hessel Zeugnis ab für den politischem Idealismus und den Kampf um Gerechtigkeit seiner Zeit und erhebt mahnend das Wort gegen die Unzulänglichkeiten unserer heutigen Gesellschaft, in der die Macht des Kapitals droht, die demokratischen Grundsätze von Gleichheit und Freiheit außer Kraft zu setzen.Als Sohn des Schriftstellers und Übersetzers Franz Hessel 1917 in Berlin geboren, zog Stéphan Hessel 1924 mit seinen Eltern nach Paris und arbeitete für die Résistance im Büro der Spionageabwehr in London, bis er auf der Suche nach neuen Widerstandsnetzen in Frankreich im Juli 1944 verraten und von der Gestapo gefangen genommen wurde. Knapp vor seiner Exekution gelang es ihm im deutschen Konzentrationslager Buchenwald seine Identität mit der eines verstorbenen Franzosen zu vertauschen und sich nach zwei Fluchtversuchen bis zu den alliierten Truppen durchzuschlagen. Dieses „neu geschenkte Leben“ galt es ihm nun sinnvoll zu nutzen.„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“In seinem Pamphlet umreißt Stéphan Hessel mit wenigen klaren Linien die problematische Entwicklung der westlichen Demokratien, vornehmlich Frankreichs, die zugunsten einer Kapitalvermehrung in ihrem ureigensten Wesen ausgehöhlt und geschwächt worden seien. Er appelliert an die Jugend, sich wieder einzubringen, Unrecht wahrzunehmen und für jene universellen Menschenrechte einzustehen, die er an vielen Orten unserer Welt - gerade auch in Europa - beschnitten sieht. Freilich, räumt Hessel ein, hätten er und seine Mitstreiter der Résistance es einfacher gehabt, die nötige Energie für den Widerstand aufzubringen. Für sie hieß Widerstand, die deutsche Besatzung in Frankreich zu bekämpfen, den Nationalsozialismus zu bekämpfen. Ein klarer Feind, ein klares Ziel. Heute lägen die Anlässe sich zu engagieren nicht mehr so klar vor Augen. Das Unrecht sei eingebettet in formal demokratische Formen und ließe sich leichter verbergen. Gewaltloser Widerstand getragen von dem kreativen Gefühl der Anteilnahme. Jedem einzelnen wünscht der kämpferische Menschenrechtler einen Grund zur Empörung. Empörung macht aktiv, stark und engagiert, davon ist er überzeugt und verweist dabei auf die großartigen sozialen Errungenschaften der westlichen Demokratien nach dem 2. Weltkrieg. Jeder Mensch sollte die selben Rechte und Möglichkeiten haben, dafür hätte der Sozialstaat zu sorgen und daran erinnert Hessel seine Leser, wenn er davor warnt, die weltweite Wirtschaftskrise als Grund für die Beschneidung allgemeiner Sozialleistungen zu akzeptieren. Umweltzerstörung, Palästinenserfrage und Medienmacht als Krisenherde unserer Zeit.Hessel verbindet die Erinnerungen an sein ereignisreiches Leben im Zeichen der universellen Menschenrechte mit einem Ausblick auf die demokratischen Gefahrenzonen unserer Welt, kritisiert die Umweltzerstörung, die Medienkonzentration und verurteilt die Demütigung der Palästinenser.Stéphan Hessels Worte beeindrucken durch ihre Dringlichkeit, durch die Klarheit, mit der er seine Forderungen formuliert. Gewaltloser Widerstand ist möglich und notwendig, davon ist er fest überzeugt, und vermittelt seinen Lesern dadurch die Hoffnung, dass persönliches Engagement, getragen von authentischer Anteilnahme, tatsächlich etwas bewirken kann. Ein empfehlenswertes Buch, ein tröstendes Buch für alle, die ihren Glauben und ihre Fähigkeit zur Empörung noch nicht verloren haben.Jutta TelserBuchtipp: Stéphane Hessel: "Empört Euch!"; aus dem Französischen von Michael Kogon; Ullstein Verlag, Berlin 2011; 32 Seiten