Ein Lehrer aus Brixen leistete beim Lehrbuch zur Südtiroler Geschichte viel Pionierarbeit. Im Interview erzählt er von dieser Arbeit, die viel Zeit und Fingerspitzengefühl erforderte. <BR /><BR />Denn Geschichte kann politisch aufgeladen sein, insbesondere wenn es um nationale Identität, Kriege oder Konflikte geht. Regierungen, Interessengruppen oder ideologische Strömungen können versuchen, bestimmte Ereignisse zu betonen oder zu verzerren, um ihre eigene Agenda zu befördern. Schulbücher sollten daher möglichst unabhängig von politischen Interessen sein und objektive Informationen vermitteln.<BR /><BR /> Aufgrund der begrenzten Seitenzahl in Schulbüchern müssen Autoren bestimmte Ereignisse, Themen und Personen auswählen und priorisieren. <BR />Nach dem 2. Weltkrieg und der Errichtung einer deutschen Schule in Südtirol arbeiteten die Lehrpersonen mit bundesdeutschen Geschichtsbüchern. Diese nahmen Bezug auf die deutsche Geschichte. Die Lehrpersonen der deutschen Schule mussten sich mühsam selber die Informationen suchen und aufbereiten, um ihren Auftrag zu erfüllen. <BR />In den 70er Jahren schlossen sich einige besonders aktive Lehrpersonen zusammen um gemeinsam Unterlagen für die Kollegen zu erstellen. Der Arbeitskreis Südtiroler Mittelschullehrer, (ASM) hat das Verdienst, viele Unterlagen intern erstellt und verteilt zu haben. Daneben gab es noch andere rührige Lehrpersonen, die ihre Freizeit für die Erstellung von Schulbüchern opferten.<BR /><BR />Einer der Pioniere auf diesem Feld ist Roland Perathoner aus Brixen. 1948 geboren, konnte er nach der Matura in Padua Sprachen studieren. Er unterrichtete in Klausen, dann an der Mittelschule O. v. Wolkenstein in Brixen. Die Fächer Deutsch, Geschichte, Politische Bildung und Geografie erforderten viel Vorbereitungsarbeit. Vor allem in Fach Geschichte waren gute Unterlagen Mangelware, wie er im Interview erzählt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="935350_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie war die Situation für die Geschichtslehrer an der deutschen Mittelschule in den 70er Jahren?</b><BR />Roland Perathoner: Es gab Schulbücher aus dem deutschen Sprachraum. Sie behandelten die Geschichte Deutschlands. Zur Geschichte Südtirols gab es kein Buch. Jede Lehrperson stellte eigene Unterlagen zusammen und die Sammlungen wurden unter den Kollegen oft ausgetauscht. <BR /><BR /><b>Sie scheinen als Autor des Schulbuches Geschichte auf. Wie ist es dazu gekommen?</b><BR />Perathoner: An der Mittelschule Oswald von Wolkenstein in Brixen gab es einen guten Direktor. Dr. Innerkofler förderte das Anliegen, endlich ein Südtiroler Geschichtebuch für die Mittelschule zu veröffentlichen. Die Autorensitzungen fanden in einem Gasthaus statt. Jeder in der Gruppe bearbeitete eine Epoche, z.B. die Römer oder das Mittelalter. <BR /><BR /><b>Sie haben dann Südtirols Geschichte übernommen?</b><BR />Perathoner: Ja, das war eine große Herausforderung. Ich hatte keine anderen Geschichtsbücher zur Verfügung, wo die Eckdaten und Themen schon aufbereitet waren. Die Suche nach den Quellen gestaltete sich sehr schwierig. So bin ich z.B. ins Ferdinandeum in Innsbruck gegangen, um solide Daten zu sammeln. Viele Bücher habe ich selber gekauft und Quellen studiert, um die Texte für das Schulbuch zu erstellen. Damals gab es noch keinen PC. Wir haben unsere Texte mit der Schreibmaschine getippt. Der Anspruch war da, ein gutes Schulbuch zu erstellen. Es gab Zeitleisten, Gliederungen und Merktexte. Am Ende eines jeden Kapitels wurden Wiederholungsfragen angeboten. Auch das Bildmaterial und die Landkarten zu beschaffen war aufwendig. <BR /><BR /><b>Der österreichische Bundesverlag hat die erste Auflage gedruckt, später hat die Athesia das Schulbuch aufgelegt. Ihr Name steht im Autorenverzeichnis. Hat es Anerkennung für diese Arbeit gegeben?</b><BR />Perathoner: Die meisten Lehrpersonen waren froh, endlich eine Unterlage zu haben. Das macht schon zufrieden. Meine Familie zeigte Verständnis, dass ich neben der Unterrichtstätigkeit noch viel Zeit in dieses Projekt gesteckt habe. Aber ich war von meiner Arbeit überzeugt. Es gab ja nichts anderes was vergleichbar war. Eine große Freude war es, dass meine Kinder in der Mittelschule das Geschichtsbuch im Unterricht benutzten. <BR /><BR />EIN DANK<BR /><BR />Das Schreiben von Schulbüchern für Geschichte erfordert eine ausgewogene und sachliche Herangehensweise, um den Schülerinnen und Schülern ein umfassendes Verständnis der Vergangenheit zu vermitteln und sie zu mündigen Bürgern zu erziehen, die in der Lage sind, historische Ereignisse zu analysieren und zu interpretieren. Es ist dem Einsatz von Lehrpersonen wie Roland Perathoner zu verdanken, dass Südtirols Schule ein eigenes Geschichtsbuch vorweisen kann. Er und seine Mitstreiter verdienen Anerkennung für die vielen Stunden Recherche und Schreibarbeit, für das Nachdenken, diskutieren und auswählen. <BR /><BR />DIE AUTORIN<BR /><BR />Verena Niederegger ist Lehrerin in St. Ulrich in Gröden, sie arbeitete zuletzt 5 Jahre lang in der Bibliothek des Schulamtes in Bozen, wo sie das Südtiroler Schularchiv einrichtete. Ein großes Anliegen ist das systematische Erfassen der Südtiroler Schulbücher.<BR />