Am 11. Juni landeten alliierte Truppen auf der für unannehmbar gehaltenen Vulkaninsel Pantelleria zwischen Europa und dem afrikanischen Kontinent. Am nächsten Tag hisste die nahegelegene Insel Lampedusa die weiße Fahne, obwohl überhaupt keine Landung stattgefunden hatte. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli gelang es den Engländern und Amerikanern, auf Sizilien Fuß zu fassen. Diese Invasion beschleunigte den Zerfall des faschistischen Regimes unter dem „Duce“ Mussolini...<h3> Italien in Not</h3><BR />Am 17. Juli wurde ein von US-Präsident <b>Franklin D. Roosevelt</b> und dem britischen Premierminister <b>Winston Churchill</b> unterzeichnetes Flugblatt abgeworfen, in dem die Bevölkerung Italiens aufgefordert wurde, sich von ihrer Regierung zu trennen: <i>„Die einzige Hoffnung für den Bestand Italiens liegt in einer ehrenvollen Kapitulation vor der überwältigenden Stärke der militärischen Machtmittel der Vereinigten Nationen. […] Die Zeit ist gekommen, da ihr entscheiden müsst, ob Italiener für Mussolini und Hitler sterben oder für Italien und die Zivilisation leben sollen.“</i> Das Flugblatt löste eine tiefe Wirkung aus. Das Volk erwartete eine Beendigung des Krieges.<BR /><h3> Der Nachfolger Mussolinis steht bereit</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="921910_image" /></div> <BR /><BR />Die Lage war reif für Mussolinis Sturz. <b>König Viktor Emanuel</b> intensivierte seine heimlichen Vorbereitungen für eine Verschwörung – ohne Bürgerkrieg und ohne einen kommunistischen Umsturz. Ein für das Militär, für gemäßigte Faschisten, die Kirche und einen Teil der Antifaschisten akzeptabler Nachfolger stand bereit: der 72-jährige <b>Marschall Pietro Badoglio.</b> Der hatte sich 1922 gegen Mussolini ausgesprochen, war dann aber Faschist geworden und hatte 1935 den Abessinienkrieg mit brutaler Härte geführt. Schon am 15. Juli hatte er gegenüber dem König seine Bereitschaft erklärt, die Leitung einer neuen Regierung zu übernehmen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="921913_image" /></div> <BR /><BR />In der faschistischen Partei bildeten sich 2 Gruppen: Die eine forderte die Fortsetzung des Kampfes an der Seite Deutschlands, die andere die Trennung von Deutschland und damit ein Ende des Krieges in Italien. <b>Dino Grandi</b>, Faschist der ersten Stunde, Präsident der großen Kammer des Parlaments, ergriff die Initiative und drängte Mussolini, den Großen Faschistischen Rat, das alles entscheidende Gremium, einzuberufen. Es ist unklar, warum der Duce zusagte. Möglicherweise hoffte er, gestärkt aus der Sitzung herauszugehen. Er sollte sich bekanntlich irren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="921916_image" /></div> <h3> Treffen mit Hitler</h3><BR />Ein Ereignis beschleunigte die Entwicklung. Nach der alliierten Landung auf Sizilien hatte <b>Hitler Mussolini f</b>ür den 19. Juli zu einem Treffen eingeladen, das in Feltre, nicht weit von Venedig, stattfand. Der Verbindungsoffizier des Oberkommandos der Wehrmacht zum italienischen Oberkommando, General Enno von Rintelen, meinte später, dieses Treffen <i>„glich mehr einer Instruktionsstunde für Mussolini“</i> und habe beim italienischen <b>Generalstabschef Ambrosius</b> einen <i>„niederschmetternden Eindruck“</i> hinterlassen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="921919_image" /></div> <BR /><BR />Hitler sprach ohne Unterbrechung 2 Stunden, Mussolini hörte sich alles schweigend an und ergriff nicht das Wort. Während Hitler sprach, wurde Mussolini die Nachricht von dem Luftangriff auf Rom, dem ersten seit Kriegsbeginn, überbracht. Mit bewegter Stimme übersetzte der Duce den Inhalt des ihm überreichten Zettels. Notgedrungen musste Hitler eine Pause machen, aber er setzte seine Rede fort, ohne auch nur mit einem Wort auf den Luftangriff auf Rom einzugehen. Für Rintelen war Mussolini <i>„körperlich und geistig erschöpft... So ging das Schicksal über ihn hinweg.“</i><BR /><h3> Bomben auf Rom</h3><BR />Die Alliierten hatten den Luftangriff auf Rom bewusst auf den Tag des Treffens Hitler-Mussolini gelegt. Es hatte 186 Tote und 1650 Verletzte unter der Zivilbevölkerung gegeben. Unmittelbar nach dem Angriff war der König in die betroffenen Gebiete gefahren und auf eisiges Schweigen und Feindseligkeit der Betroffenen gestoßen. Es wird vermutet, dass der König an diesem 19. Juli die Entscheidung getroffen hat, Mussolini abzusetzen. <h3>Die Entscheidung</h3><BR />Das sollte nun in der Sitzung des Großen Faschistischen Rates geschehen.<BR />Am 24. Juli versammelte sich um 17 Uhr im Palazzo Venezia das 28-köpfige Gremium. Es hatte zum letzten Mal 1939 getagt. Die meisten Mitglieder waren entschlossen, von Mussolini eine Entscheidung zu erzwingen, so oder so. Grandi hatte einen Antrag verfasst, der die sofortige Wiederherstellung aller verfassungsmäßigen Institution forderte und es Mussolini nahelegte, den König zu bitten, wieder den Oberbefehl über die Streitkräfte zu übernehmen. Praktisch bedeutete das die Absetzung Mussolinis.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="921922_image" /></div> <BR />Der Duce eröffnete die Sitzung mit einer anderthalbstündigen Rede, die, so der <b>italienische Botschafter in Berlin, Alfieri</b>, <i>„unordentlich und wirr“ war; „es fehlte vollkommen an Überzeugungskraft.“</i> Anschließend meldete sich jeder zu Wort. Grandi erläutert seinen Antrag. Um Mitternacht schlug Parteichef <b>Carlo Scorza</b> eine Verschiebung der Sitzung vor. Grandi: <i>„Diesen Saal dürfen wir nicht ohne Entscheidung verlassen, selbst wenn wir eine ganze Woche hierbleiben müssen. Es geht um die Zukunft des Landes, und während wir hier diskutieren, sterben im Kampf italienische Soldaten.“</i><BR /><BR />Nach 10 Stunden Diskussion fiel um 2.30 Uhr die Entscheidung: 19 zu 8 bei einer Enthaltung für Grandis Antrag. Als der Duce sich unbeeindruckt von diesem „Vorschlag“ zeigte – er hatte die Abstimmung zugelassen –, schlug am nächsten Tag die Stunde Viktor Emanuels. Nach einer späteren Aussage Mussolinis habe der König zu ihm gesagt, er sei <i>„heute der meistgehasste Mann Italiens.“D</i>er König forderte den Duce zum Rücktritt auf und nannte ihm gleich seinen Nachfolger: Marschall Badoglio. Beim Verlassen des Palastes wurde Mussolini verhaftet.<BR /><h3> Waffenstillstand</h3><BR />Die neue Regierung unter Badoglio gab zwar die Parole aus „La guerra continua“, aber Hitler sah das anders:<Kursiv> „Das ist Verrat, nackter Verra</Kursiv>t“ Insgeheim wurden die notwendigen Vorbereitungen getroffen, um den erwarteten Abfall Italiens abzufangen: Entwaffnung der italienischen Wehrmacht durch deutsche Truppen und die Übernahme der Küstenverteidigungsanlagen zur Abwehr einer erwarteten alliierten Landung auf dem italienischen Festland.<BR /><BR />Das deutsche Misstrauen war berechtigt. Die Regierung Badoglio und die Westmächte führten seit dem 3. August Geheimverhandlungen. Am 3. September 1943 wurde ein zunächst noch geheim gehaltener Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet, der formal <b>Roosevelts</b> Forderung nach bedingungsloser Kapitulation entsprach, Italien aber gewisse Rechte ließ. Nun überstürzten sich die Ereignisse: Noch am gleichen Tag landeten die Briten in Kalabrien. Am 8. September wurde eine auf Tonband gespielte Erklärung, der die italienische Besetzung folgte, von allen alliierten Rundfunksendern ausgestrahlt. <BR /><BR />Darin hieß es u.a.:<BR /><i>„Hier spricht General <Fett>Dwight D. Eisenhower,</Fett> der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte. Die italienische Regierung hat die bedingungslose Kapitulation ihrer Streitkräfte erklärt. […] Die Kampfhandlungen zwischen den Streitkräften der alliierten Mächte und denen Italiens werden sofort eingestellt. Alle Italiener, die von nun an zur Vertreibung des deutschen Angreifers von italienischem Boden beitragen, werden Hilfe und Unterstützung von den Alliierten Mächte erhalten.“</i><BR /><BR />In einem Telegramm an Hitler rechtfertigte Badoglio am 8. September die Entscheidung seiner Regierung:<BR />„Italien verfügt über keine Widerstandskraft mehr... Italien ist, um seinen <i>gänzlichen Ruin zu vermeiden, gezwungen, an den Gegner ein Gesuch um Waffenstillstand zu richten.“</i><BR /><h3> Der Fall „Achse“</h3><BR />Am 9. September liefen mit dem Losungswort „Achse“ die deutschen Gegenmaßnahmen an. Italienische Soldaten wurden entwaffnet und gefangen genommen, viele warfen ihre Waffen weg und machten sich davon. Während die Amerikaner am selben Tag bei Salerno landeten, wurde Rom am 10. September von Fallschirmjägern unter dem Oberbefehl von <b>Generalfeldmarschall Kesselring</b> besetzt. Die Regierung Badoglio und der König flüchteten nach Brindisi. Von nun an standen sich die ehemaligen Verbündeten als Feinde gegenüber. Anders als die Italiener empfanden viele Südtiroler den Einmarsch der deutschen Soldaten als Befreiung vom Faschismus. <BR /><h3> Das Ende</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="921925_image" /></div> <BR /><BR />Am 12. September wurde Mussolini in einem Handstreich von deutschen Fallschirmjägern unter der Leitung von <b>SS-Hauptsturmführer Otto Skorzeny</b> aus der Gefangenschaft auf dem Gran-Sasso-Massiv in den Abruzzen befreit. Er übernahm das Amt des Regierungschefs der neuen, von Hitlers Gnaden abhängigen Repubblica Sociale Italiana, einer Republik, der selbst angesehene Faschisten den Rücken kehrten.<BR /><BR />Am 13. Oktober 1943 erklärte die Regierung Badoglio Deutschland den Krieg und wurde daraufhin von den Alliierten als Bundesgenosse anerkannt. Italien war endgültig Kriegsschauplatz geworden. Damit war das genaue Gegenteil von dem eingetreten, was man mit dem Sturz Mussolinis eigentlich bezweckt hatte. <BR /><BR /><BR />Die bedingungslose Kapitulation für die in Italien kämpfenden deutschen Verbände wurde am 29. April 1945 in Caserta unterzeichnet. Sie trat am 2. Mai in Kraft.<BR /><BR /><BR />Mussolini und seine Geliebte wurden auf der Flucht in die Schweiz am <TextHBlau>28. April</TextHBlau> von kommunistischen Partisanen erkannt und erschossen. Die Leichen wurden in Mailand, der einstigen Hochburg des Faschismus, mit dem Kopf nach unten an einer Tankstelle auf der Piazza Loreto aufgehängt. Der Korrespondent der New York Times schrieb damals über die Ereignisse: <BR /><i>„Dieser Epilog auf der Piazza Loreto ist grauenhaft und abstoßend. Er wird als das Ende eines Tyrannen in die Geschichte eingehen, wie es schrecklicher kaum vorstellbar ist. Kein gestürzter Herrscher wurde so würdelos von seinen Feinden behandelt.“</i><BR /><BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR />Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR />