Mittwoch, 14. April 2021

Expertin: „Kinder haben ein Recht, gehört zu werden“

Kinder wollen mit ihren Bedürfnissen und Beschwerden gehört und berücksichtigt werden. Darauf weist die Forschung von Iris Nentwig-Gesemann hin, wie sie kürzlich beim Pädagogischen Nachmittag des Kindergartensprengels Lana darlegte. Im Interview erklärt die Expertin, worauf Pädagogen, aber auch Eltern achten sollten.

Im Kindergarten und in der Grundschule werde das Fundament für eine demokratische Kultur gelegt, sagt Iris Nentwig-Gesemann.
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Im Kindergarten und in der Grundschule werde das Fundament für eine demokratische Kultur gelegt, sagt Iris Nentwig-Gesemann. - Foto: © Familienagentur/Ingrid Heiss
Was bedeutet für Sie Partizipation im Allgemeinen und warum ist dieses Thema gerade im Bildungsbereich so aktuell und wichtig?
Iris Nentwig-Gesemann: Partizipation bedeutet: Mitsprache, Mitwirkung und Mitbestimmung und ist ein Kernelement von Demokratieerziehung. Demokratie muss in jeder Generation immer wieder neu gelernt und eingeübt werden – der Kindergarten und die Grundschule sind dafür ausgezeichnete Orte. Wenn uns daran gelegen ist, dass Kinder sich nicht von autoritären, nationalistischen und menschenfeindlichen Ideologien verblenden lassen, wenn wir in Europa weiter auf Demokratie und ein solidarisches, inklusives Miteinander setzen wollen, dann muss es in den Bildungseinrichtungen nicht nur um fachbezogenen Unterrichtsstoff gehen, sondern um Bildung für eine demokratische Gesellschaft – und im Übrigen auch um Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

Warum ist in Ihren Augen gerade der Kindergarten ein geeigneter Ort für Demokratieerziehung und wie kann diese mit Kindern von 3 bis 6 Jahren konkret aussehen?
Nentwig-Gesemann: Demokratie ist nicht nur ein politisches Prinzip und eine Gesellschaftsform, sondern eine Lebensform. Der Kindergarten ist ein Ort, an dem Erwachsene und Kinder zusammenleben, lernen und Beziehungen gestalten. Was die Kinder hier erfahren, nehmen sie als Vorbilder und Arbeitsmodelle mit auf ihrem weiteren Bildungs- und Lebensweg. Jedes Kind möchte und kann etwas zur Gemeinschaft beitragen. Wenn Kinder als Dialogpartner anerkannt und mit ihren Themen, Ideen, Wünschen und auch mit ihren Beschwerden wertgeschätzt werden, wenn sie respektvoll und höflich behandelt werden, dann erleben sie Demokratie. Wenn Kinder am Ringen um Gerechtigkeit und am Bemühen um ein rücksichtsvolles Miteinander beteiligt sind, wenn Regeln transparent gemacht, gut begründet und mit Kindern zusammen ausgehandelt werden, wenn sie im Kindergarten den Wert von Kooperation und Solidarität erleben und dabei zugleich ihre Individualität und Besonderheit entwickeln können, dann leben und erleben Kinder Demokratie.




Wie sehen Sie den aktuellen Stellenwert der Partizipation in den Kindergärten Südtirols? Wird in den Einrichtungen bereits eine partizipative Kultur gelebt?

Nentwig-Gesemann: Ich lebe seit 2 Jahren in Südtirol und habe schon in mehreren Kindergärten hospitiert, aber natürlich kann ich nur von ersten Eindrücken berichten. In der Praxis konnte ich sehr viele Elemente einer partizipativen Kultur erleben. Das pädagogische Konzept der offen gestalteten Pädagogik, wie es in den Kindergärten Südtirols gelebt wird, eröffnet den Kindern sehr viele Möglichkeiten mitzuwirken und mitzubestimmen, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich mit anderen abzustimmen. Der Grundgedanke der Offenheit meint, dass die pädagogischen Fachkräfte Kindern gegenüber offen und dialogbereit sind: Jedes Kind wird in seiner Individualität und Besonderheit wahrgenommen, wertgeschätzt und anregend begleitet. Und Offenheit meint auch, dass die Fachkräfte sich für die Perspektiven der Kinder öffnen, für ihr Lob, aber auch für ihre Kritik und ihre Verbesserungsvorschläge. Demokratie beruht auf Dialog, auf dem Aushandeln und Kompromisse finden. Ich habe in dieser Hinsicht die Fachkräfte, die ich bisher kennengelernt habe, als sehr aufmerksam und den Kindern zugewandt erlebt.

Kann es überhaupt gelingen, dem Recht jeden Kindes auf Gehör und Beteiligung gerecht zu werden?
Nentwig-Gesemann: Ja, natürlich! Das kann nicht nur gelingen, sondern es muss uns zumindest immer hinreichend gut gelingen, wenn wir den Weg der Inklusion weiter folgen wollen. Fachkräfte brauchen dafür eine sehr gute, wissenschaftlich fundierte Ausbildung und sehr gute strukturelle Rahmenbedingungen, die ihnen den notwendigen Freiraum geben, sich auf die pädagogische Arbeit mit den Kindern zu konzentrieren. Um jedem Kind gerecht werden zu können, braucht es zudem eine sehr intensive Zusammenarbeit mit Familien. Familien sind so unterschiedlich wie Kinder es sind – auch sie müssen abgeholt, gehört und einbezogen werden, auch Eltern brauchen vielfältige Angebote der Mitwirkung und der Mitbestimmung im Kindergarten.

Was würden Sie sich bezüglich Partizipation im Bildungsbereich wünschen?
Nentwig-Gesemann: Ich wünsche mir, dass Inklusion, Bildungsteilhabe und -gerechtigkeit, Partizipation und Demokratieerziehung noch mehr zusammen gedacht werden. Dazu gehört auch, dass wir die Kinderrechte, die ja die eigentlichen Rahmenrichtlinien für die pädagogische Arbeit mit Kindern sind, immer wieder bewusst reflektieren und sie zur Richtschnur unseres Handelns machen. Im Kindergarten und in der Grundschule wird das Fundament für eine demokratische Kultur gelegt – dafür gebührt den Fachkräften ein hohes Maß an Anerkennung und dafür sollten ihnen bestmögliche Bedingungen bereitgestellt werden.

stol