Trotz Personalmangels, gestiegener Anforderungen an das Lehrpersonal und eines neuen „Normalbetriebs“ nach der Pandemie sieht Falkensteiner die Schule in Südtirol keineswegs in Not: „Schule ist in Entwicklung.“<BR /><BR /><b>STOL: Frau Falkensteiner, das Schuljahr 2022/23 ist zu Ende. Wie sieht Ihre Bilanz aus?</b><BR />Sigrun Falkensteiner: Es war ein sehr ereignisreiches Schuljahr, weil es das erste Schuljahr war, das wieder im „Normalbetrieb“ stattgefunden hat. Dadurch gab es wieder Raum für die unterschiedlichsten Themen, die in Kindergärten und Schulen wichtig sind: die tägliche pädagogische Arbeit vor Ort, die Begleitung der Kinder und Jugendlichen, das soziale Miteinander, das Schüler und Lehrer wieder sehr genossen haben. Ich habe heuer sehr viele Projekte und Aktionen in den Schulen erlebt, vor allem im kreativen Bereich – wie Musicals oder Theateraufführungen – oder auch im Bereich Nachhaltigkeit und Umwelt. Außerdem wurden wieder viele Lehrausgänge oder auch Sprachreisen angeboten. Es gab viel Bewegung in- und außerhalb des Klassenzimmers und es ist eine große Lebendigkeit in die Schulen zurückgekehrt.<BR /><b><BR />STOL: Welche Spuren hat die Zeit der Pandemie mit Fernunterricht in diesem „Normalbetrieb“ hinterlassen?</b><BR />Falkensteiner: Gerade in der sehr herausfordernden Zeit der Pandemie ist uns Vieles bewusst geworden – Positives, aber auch Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Ich hoffe, dass wir aus dieser Zeit etwas mitgenommen haben und dass keineswegs „alles beim Alten“ ist, sondern dass Schule heute anders ist als vor der Pandemie. Die Schattenseiten dieser Zeit zeigen, dass es für junge Menschen schwieriger geworden ist, den Weg zurück in die Gemeinschaft zu finden, aber manchmal auch, für sich selbst Perspektiven zu sehen. Die Risse, die durch die Gesellschaft gegangen sind, und der Blick in eine ungewisse Zukunft beschäftigen die Kinder und Jugendlichen sehr und haben auch zu Verunsicherung geführt. Daher ist es gerade für Schule wichtig, Sicherheit auszustrahlen, Bildungsperspektiven zu geben und den jungen Menschen zu signalisieren: Du wirst deinen Weg machen und ich unterstütze dich dabei. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60325804_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: In welchen Bereichen hat sich die Schule durch die Erfahrungen aus der Corona-Zeit weiterentwickelt?</b><BR />Falkensteiner: Wir sind im Bereich der Digitalisierung einen großen Schritt weitergekommen. Jetzt müssen wir aber sehr genau abwägen, wo und zu welchem Zweck Digitalisierung Sinn macht und wo nicht. Ein zweites Thema, das durch die Erfahrungen mit Fernunterricht und sozialer Distanzierung heute viel präsenter ist, ist das soziale Miteinander. Schulen fragen sich häufiger, was sie in ihrem sozialen Miteinander brauchen und wie soziale Kompetenz und Selbstkompetenz bei den Schülerinnen und Schülern gefördert werden können. Im Gegenzug steht jetzt aber euch gewisser maßen eine „kritische Revision“ bei den Fachinhalten an und Lehrpersonen müssen sich mit der Frage nach dem Wesentlichen in ihrem Fach auseinandersetzen. In der Corona-Zeit gab es nämlich zwangsläufig einige Veränderungen auch bei den Lerninhalten. Ich denke, wir tun gut daran, uns auch heute noch zu fragen, welche Inhalte wesentlich sind, wie Kompetenzen spitalförmig aufbauend ausgebaut werden und auch, wie eine gute fachliche Differenzierung aussieht. Ein inhaltlicher Frühjahrsputz tut der Schule in meinen Augen gut und kann auch dazu beitragen, unnötigen Ballast abzuwerfen und Druck herauszunehmen – nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern, sondern auch bei den Lehrpersonen. <BR /><BR /><b>STOL: Was waren die größten Herausforderungen im vergangenen Schuljahr?</b><BR />Falkensteiner: Ich habe gemerkt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer in diesem Jahr sehr müde waren. Viele sind nach den Erfahrungen der Corona-Zeit mit großem Elan ins neue Schuljahr gestartet und teilweise über ihre Grenzen gegangen, weil sie viel bieten oder auch viel nachholen wollten. Außerdem hat man gemerkt, dass es einigen Kindern und Jugendlichen schwer gefallen ist, wieder in ihren Rhythmus zu finden oder auch Teil einer Gemeinschaft oder Gruppe zu sein. Hier unterstützend da zu sein und entwicklungspsychologisches Hintergrundwissen zu nutzen fordert die Lehrpersonen natürlich sehr, weil dieser Bereich für viele auch nicht Teil der Ausbildung war. Das macht den Lehrerberuf aber gerade auch aus, nämlich immer wieder mit Phänomenen konfrontiert zu sein, mit denen man sich neu auseinandersetzen und Handlungsweisen anpassen muss. Was die strukturellen Unterstützungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen betrifft, so gab es bereits vor der Pandemie einen Ausbau der Maßnahmen und Konzepte zum Aufbau von Unterstützungssysteme für die Jugendlichen, aber auch für die Lehrpersonen, wie zum Beispiel den Auf – und Ausbau des „ZIB“ (Zentrum für Information und Beratung) an den Schulen oder die Einführung des Berufsbilds der Schulsozialpädagogen. Zum Teil sind diese Angebote aber noch nicht aufeinander abgestimmt und zudem auch nicht mit externen Unterstützungsangeboten und anderen Diensten vernetzt. Das heißt, es gibt nebeneinander verschiedene Stellen und Personen, die mit Schülerinnen und Schülern und deren Familien arbeiten, es gibt aber keinen festgelegten Informationsfluss zwischen den Beteiligten. Hier müssen wir schauen, die Angebote besser miteinander zu verweben, aber auch klare Zuständigkeiten und damit einhergehend Grenzen für die jeweiligen Zuständigkeiten festzulegen. Aktuell konzentriert sich nämlich sehr viel auf Schule und Vieles wird dort auch „abgeladen“. Ab einem bestimmten Grad gibt es aber eine Grenze, wo wir uns als Schule zurückziehen müssen, weil wir in einen Bereich kommen, wo Therapie, psychologische Betreuung oder auch Arbeit mit den Familien notwendig werden. In diesen Fällen muss die Schule eine Schnittstelle bleiben, aber die Therapie oder die Fallführung bei sozialpädagogischen familiären Maßnahmen können und sollen wir nicht übernehmen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60325808_quote" /><BR /><b><BR />STOL: Die Rolle der Lehrpersonen verändert sich. Sie sollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch einen Teil der Erziehungsarbeit übernehmen. Sind das zu hohe Erwartungen?</b><BR />Falkensteiner: Lehrer als reine Wissensvermittler gibt es längst nicht mehr. Lernen fußt nämlich immer auch auf Beziehung und diese Beziehungsarbeit leisten Lehrpersonen schon lange. Das bedeutet, als Lehrperson muss ich die Kinder und Jugendlichen als Ganzes im Blick haben. Wir müssen Lehrpersonen aber auch davor schützen, sich tief in Situationen zu stürzen, die nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Wenn zum Beispiel Familien vom Sozialdienst begleitet werden, ist es Aufgabe der Schule, Schnittstelle zu sein, aber dann auch Verantwortung abzugeben. Lehrer sein ist ein anspruchsvoller Beruf. Das sagen wir schon lange, leider wird man dafür in der Gesellschaft manchmal belächelt, weil das, was hinter dem Unterricht in der Klasse liegt, nicht gesehen wird. Aber durch die Erfahrung des Fernunterrichts haben viele Eltern gelernt, was es heißt, Kinder beim Lernen zu begleiten und Lernen zu organisieren. Ich glaube, dass dadurch der Respekt vor der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer gewachsen ist.<BR /><BR /><b>STOL: Trotzdem wird das Lehrpersonal immer knapper. Mangelnde Wertschätzung und schlechte Bezahlung sind nur 2 Gründe, die oft genannt werden, wenn sich jemand gegen diesen Beruf entscheidet...</b><BR />Falkensteiner: Die Schule ist wie alle anderen Bereiche vom Personalmangel betroffen. Wenn in Diskussionen immer wieder die negativen Seiten der Schule hervorgehoben werden, macht das die Situation nicht einfacher. Lehrer zu sein und mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu dürfen, ist ein Privileg und unglaublich bereichernd, davon bin ich nach wie vor überzeugt. Und ich würde mir wünschen, dass auch die Stimmen jener mehr Öffentlichkeit finden, die große Freude und Genugtuung am Beruf haben. Was die Wertschätzung betrifft, so nehme ich wahr, dass der Begriff recht inflationär verwendet wird und dass das Thema mit unterschiedlichen Erwartungen verbunden ist: Gehalt ist sicher ein Element, das stimmt. Wertschätzung bedeutet aber auch, die Arbeit zu sehen und ein Danke dafür zum Ausdruck zu bringen. Lehrpersonen erfahren zum Beispiel am Ende des Schuljahres oder am Ende eines Bildungsabschnitts häufig eine sehr große Wertschätzung von ihren Schülern oder von deren Eltern, durch mündlich oder schriftlich mitgeteilte Dankesworte, durch Gedichte, Bilder oder andere kreative Zeichen. So etwas gibt es in dieser Frequenz und Regelmäßigkeit in anderen Berufen nicht. Und auch dass Vorgesetzte und Verantwortungsträger in den Schulen, auf Ebene der Bildungsdirektion oder auf Ebene der Politik regelmäßig die Leistungen der Lehrpersonen hervorheben, wird oft auch nicht wahrgenommen oder als selbstverständlich oder gar als „Geschwätz“ abgetan. Bei der Wertschätzung ist immer die Frage, was damit verbunden ist, aber ich glaube, dass viele Lehrerinnen und Lehrer sehr wohl auch eine offene Wertschätzung von verschiedenen Seiten bekommen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60326632_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Das Thema Personalmangel wird uns noch lange begleiten. Gibt es schon Ideen, wie die Schule damit umgehen will?</b><BR />Falkensteiner: Im Bereich der Primarstufe gibt es die universitäre Ausbildung. Außerdem haben wir heuer mit einem Quereinsteigermodell begonnen, bei dem wir gezielt Personen, die über 30 Jahre alt sind und bereits Berufserfahrung haben, nachqualifizieren, damit sie in die Grundschule gehen können. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, wie Personen, die sich noch im Studium befinden, schneller in die Berufswelt eintauchen können. Im Bereich der Mittel- und Oberschulen haben wir seit einigen Jahren den pädagogischen Teil der Ausbildung in unsere Verantwortung genommen und bieten hier ein Paket an, um Stabilität und Perspektiven bieten zu können. Grundsätzlich sind wir in den Ausbildungswegen nicht ganz autonom, aber es gibt mittlerweile auch ein Umdenken beim Staat, um dem Personalmangel vorzubeugen. So gibt es etwa im Kindergartenbereich Bestrebungen, die Ausbildungswege zu verkürzen. Trotzdem bleibt der Personalmangel eine große Herausforderung und erfordert auch von der Schule ein Umdenken, das nicht nur auf Zustimmung stößt: Wir müssen uns überlegen, welche Leistungen wir in Zukunft noch anbieten können. Neben der Kernleistung „Unterricht“ bieten Schulen zahlreiche weitere Leistungen an – etwa Wahlfächer oder Nachmittagsangebote. Wenn es hart auf hart kommt und einfach das Personal fehlt, dann hat die Aufrechterhaltung des Unterrichts oberste Priorität. Zusatzangebote müssen dann wegfallen.<BR /><BR /><b>STOL: Vor knapp 2 Monaten hat die Initiative „Petition – Schule in Not“ für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Mit Blick auf das vergangene Schuljahr: Ist die Schule in Südtirol in Not?</b><BR />Falkensteiner: Der Slogan war gewählt, um auf verschiedene Situationen in den Schulen und auf unterschiedliche Bereiche des Lehrerberufs aufmerksam zu machen. Es liegt in der Natur der Sache, dass man einen griffigen und auch durchaus provokanten Slogan wählt, wenn man auf sich aufmerksam machen will. Es gab inzwischen ein konstruktives Treffen mit der Initiativgruppe, bei dem im gemeinsamen Austausch über mögliche Lösungen nachgedacht wurde. Wogegen ich mich wehre, ist die Darstellung, dass die Schüler heute so anspruchsvoll sind, dass man sie kaum noch unterrichten kann. Ich war in letzter Zeit an einigen Schulen, auch im Rahmen der Abschlussprüfungen, und habe dort sehr viele tolle und begabte junge Menschen kennengelernt. Ich erlebe auch Lehrerinnen und Lehrer, die sich sehr bemühen und eine große Zufriedenheit in ihrem Beruf ausstrahlen. Ich glaube: „Schule ist in Entwicklung“.<BR /><BR /><b>STOL: Das Ende des Schuljahres ist nicht nur Anlass zum Rückblick, sondern auch für einen Ausblick auf den Schulstart im Herbst. Wo liegen die Schwerpunkte für das kommende Jahr?</b><BR />Falkensteiner: In der deutschen Bildungsdirektion haben wir für die kommenden Jahre den Schwerpunkt „Wege zur Bildung 2030 - Guter Unterricht in der inklusiven Schule“ festgelegt. Daran wollen wir in den nächsten Jahren arbeiten. Dabei geht es nicht darum, neue Konzepte aus dem Hut zu zaubern, sondern sich auf unseren Kernauftrag zu besinnen und zu überlegen, wie dieser am besten umgesetzt werden kann. Was bedeutet Inklusion? Welche Strukturen brauchen wir dafür? Diese „alten“ Fragen wollen wir wieder zu unserem aktuellen Thema machen.<BR /><BR /><b> <a href="https://www.stol.it/tag/Das%20Sonntags-Gespr%C3%A4ch" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Alle STOL-Sonntags-Gespräche finden Sie hier im Überblick.</a></b>