Anlässlich des 80. Jahrestages der ersten Südtiroler Großkundgebung in Sigmundskron hat uns Franz von Walther – einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen – nachstehende Erinnerungen und Gedanken zukommen lassen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309173_image" /></div> <BR /><BR />Heute, wo auch bei uns im Westen von Populisten aller Schattierungen die rechtsstaatlich fundierte Demokratie in Frage gestellt, ja auch angegriffen wird, und die Meinung, ein möglichst uneingeschränkter „Führer“ werde schnell alles besser machen, an Boden bewinnt, ja auch umgesetzt wird wie durch Trump in den USA, erscheint es dringend notwendig, immer wieder mit größtem Nachdruck daran zu erinnern, dass die radikale Wende, die auch für Südtirol alle späteren Errungenschaften ermöglichte, auf den Mai 1945 zurückgeht: Auf den Einzug von Freiheit und Demokratie dank dem Sieg über die faschistische und nazistische Diktatur. Eine Freiheit, die freilich zu ihrer vollen Entfaltung noch viele, vor allem nationalistische Hürden nehmen musste.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309176_image" /></div> <BR />Am Tag der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands durch Admiral Dönitz, am 8. Mai 1945 konnte, mit amerikanischer Billigung und mit amerikanischem Schutz vor italienischen Übergriffen, die Südtiroler Volkspartei gegründet werden. Als Antinazis waren die wenigen Dableiber die einzigen, die dazu legitimiert waren. Der Gründungsobmann Erich Amonn und die Gründungsmitglieder haben aber – zunächst nur inoffiziell – sofort auch prominente Optantenvertreter, wie Karl Tinzl beigezogen. Die bald erreichte Überwindung des Hitler-Mussolini-Abkommens zur Aussiedlung der Südtiroler aus ihrer Heimat und die Versöhnung mit den Optanten sowie deren Einbindung ins politische Wirken, war ein Hauptanliegen von Erich Amonn und seinen Mitstreitern.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309179_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Freilich, die große Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit Österreich wurde bald enttäuscht. „Am 30. April 1946“ – so schildert es Friedl Volgger – „kam endgültig die kalte Dusche. An diesem Tag erreichte uns die Schreckensnachricht, dass die Außenminister die Forderung Österreichs nach einer Volksabstimmung in Südtirol abgewiesen hatten. Erich Amonn war gerade abwesend. Am nächsten Morgen traf ich ihn auf der Talferbrücke. Der sonst so kühle und nüchterne Parteiobmann hatte Tränen in den Augen. Unser Traum von Selbstbestimmung war ausgeträumt. Das mussten wir zur Kenntnis nehmen. Was sollten wir tun? Am 5. Mai 1946 riefen die Südtiroler auf Schloss Sigmundskron bei Bozen ihre Not in die Welt hinaus.“ (F. Volgger: Südtirol am Scheideweg)<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309182_image" /></div> <BR />Es war schon eine staunenswerte Leistung, wenn es, knapp ein Jahr nach ihrer Gründung, der SVP gelang, das Südtiroler Volk so eindrucksvoll zu mobilisieren: Mit den damals noch wenigen, dafür aber vollgestopften PKWs, auf Lastwägen, mit Fahrrädern, aber auch sehr viele nur zu Fuß, kamen über 20.000 Demonstranten zum Bahnübergang von Sigmundskron um dann zum Schloss hinaufzusteigen. Schon am Vormittag waren in Brixen – es war der Kassiansonntag – nach der Patroziniumsprozession an die 10.000 Menschen zu einer spontanen Kundgebung zusammengekommen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309962_image" /></div> <BR /><h3> Das Versöhnungswerk mit den Optanten war gelungen</h3><BR />Auch wir Halbwüchsige im 14. Lebensjahr – mein Amonn-Vetter Ander und ich – haben die Bedeutung dieser Großveranstaltung mitgekriegt, als wir mit unseren Vätern zum Burghof hinaufgingen: bei Zurufen wie „Hoch unser Obmann Amonn!“.<BR /><BR /><BR />Die bewegende Bitte an den Allerhöchsten, mit der der Gründungsobmann seine Rede beschloss, hat sich vielen zutiefst ins Gedächtnis eingeprägt: <Kursiv>„Nie werde ich vergessen,“ </Kursiv> – so Volgger weiter – „wie Parteiobmann Erich Amonn zum Schluss seiner Rede die Arme zum Himmel erhob und rief: 'Wir alle richten heute zu dem, der die Geschicke der Völker entscheidet, die heiße Bitte: Herr mach’ uns frei!’“<BR /><BR />Sigmundskron I war jedenfalls das starke Signal zum entschlossenen Weiterkampf für Südtirols Rechte. Die deutsche Schule war bereits sichergestellt. Im Herbst 1945 begann für mich der durchgehend deutschsprachige Unterricht im Bozner „Patergymnasium“, wie man damals sagte.<BR /><BR />Am 5. September 1946 erfolgte dann die Unterzeichnung des Gruber-Degasperi-Abkommens, des Pariser Vertrages: Die internationale Absicherung und bleibende Grundlage für unseren Schutzanspruch als sprachliche Minderheit, die Voraussetzung für die weiteren Erfolge.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309185_image" /></div> <BR /><BR />Trotz aller Mängel und vor allem trotz aller einschränkenden Auslegungen durch Trient und Rom, gab dennoch das erste Autonomiestatut von 1948 die Möglichkeiten zu konkreten Maßnahmen in Schule, Kultur-, Denkmal- und Landschaftspflege, Handwerk und Landwirtschaft. Möglichkeiten, die nun von vollberuflich tätigen Mandataren wie Karl Erckert, Peter Brugger, Alfons Benedikter, Anton Zelger, und natürlich auch Silvius Magnago – um nur besonders hervorstechende Persönlichkeiten zu nennen – auch umgesetzt wurden. Vor allem aber boten die autonomen Einrichtungen, der Regionalrat und der Landtag, das resonanzfähige Forum, um medienwirksam alle Mängel aufzuzeigen und lautstark neue Forderungen zu stellen.<BR /><BR />Wichtig ist auch, nicht zu vergessen, dass erst ab Mai 1955, mit dem Abzug der vier Besatzungsmächte (USA, England, Frankreich und Sowjetunion) und der Wiedererlangung der vollen Souveränität, die Republik Österreich ihre Schutzfunktion für Südtirol in vollem Umfang wahrnehmen konnte. Es kam Bewegung in die Südtiroler Politik. Es erwuchs auch die Hoffnung, dass die 1946 von den Siegermächten verweigerte Rückkehr zum früheren Vaterland nun wieder möglich geworden sei. Wenn nötig, auch mit Gewalt, meinten einige. Die bedrohliche Zuwanderung aus Italien, der „Todesmarsch“, wie das damalige Schlagwort lautete, und der zähflüssige Fortgang der wiederaufgenommenen Verhandlungen zwischen Österreich und Italien hatten einer starken Radikalisierung der Stimmung Auftrieb gegeben.<BR /><BR />Mit einer 2. Großkundgebung in Sigmundskron sollte nun der Unmut der Südtiroler lautstark zum Ausdruck gebracht werden. Nunmehr als 25-Jähriger konnte ich auch diese Kundgebung vom 17. November 1957 als Zeitzeuge miterleben. Das Programm der SVP war die Forderung einer besseren Autonomie ohne Bevormundung durch Trient. Die Versuchung von Scharfmachern, denen diese Forderung zu kleinlaut erschien, bei diesem Aufmarsch von rund 35.000 Demonstranten ernste Zwischenfälle mit den italienischen Ordnungskräften zu provozieren, lag in der Luft. Gegen ein solches <Mager>„Extraprogramm“</Mager> wandte sich aber Parteiobmann Magnago mit voller Aufbietung seiner Rhetorik. Am Vortag hatte er dem Regierungskommissär zugesichert, dass es keine Zwischenfälle geben werde. Noch heute habe ich deutlich im Ohr wie er rief: „Ich habe dem Regierungskommissär mein Wort gegeben…“ und, nach Unterbrechung durch Pfiffe, sich steigerte und noch lauter rief: „Ich habe ihm mein deutsches Wort gegeben!…“. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309188_image" /></div> <BR /><BR />Die Kundgebung für eine bessere Autonomie verlief ohne nennenswerte Störung. Sie hatte ein gewaltiges Echo. Der mit der Autonomieforderung verbundene scharfe Protest gegen ein von Rom angekündigtes Volkswohnbauprogramm in Bozen zur Förderung der italienischen Zuwanderung – <Kursiv>„sarete una grande città!“</Kursiv> tönte es aus Ministermund –, hatte auch ein positives Umdenken bei einflussreichen italienischen Politkern bewirkt. Das Majorisierungsvorhaben nahm bald sein Ende.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309191_image" /></div> <BR /><BR />Der damalige österreichische Außenminister und spätere Bundeskanzler Bruno Kreisky brachte mit Erfolg die Südtirolfrage vor die UNO. Mit dem befreundeten, langjährigen österreichischen Botschafter in Rom (von 1955-1974) Max Löwenthal-Chloumecki, bin ich weiterhin der Meinung, dass die Anschläge von 1961den positiven Abschluss der Autonomieverhandlungen um einige Jahre verzögert haben. Dies ändert nichts an meiner Achtung vor dem Idealismus eines Sepp Kerschbaumer, der bei der Planung der Sprengstoffanschläge sorgsam darauf bedacht war, keine Menschenleben zu gefährden. Bei Gedenkfeiern verfälscht man die Erinnerung an Kerschbaumer, wenn man ihn in die gleiche Ahnenreihe stellt, wie die sogenannten Pusterer Buabm und einige andere, die – auch in völliger Verkennung der Machtverhältnisse – glaubten, gegen Italien einen erfolgreichen Partisanenkrieg vom Zaun brechen zu können.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309194_image" /></div> <BR />Kerschbaumer und die vielen weiteren Häftlinge im ersten Mailänder Sprengstoffprozess haben hingegen durch ihr würdiges Auftreten und durch ihre Aussagen über das von Italien, vor allem vom Faschismus verübte Unrecht, bewirkt, dass diese Aussagen, die in den Medien ein breites Echo fanden, zur Aufklärung der bis zu 90 Prozent unwissenden italienischen Öffentlichkeit Italiens wesentlich beitrugen. So war ihr Opfer nicht umsonst.<BR /><h3> Ende der Gewalt</h3><BR />Mit Beseitigung der Gewalt kam es dann endlich 1969 zum Abschluss des Pakets und 1971 zur Verabschiedung des erneuerten Autonomiestatuts im römischen Parlament mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit für Gesetze mit Verfassungsrang. Man muss auch sagen, dass die parallel dazu gelaufenen Fortschritte in europäischen Einigungsprozess mit der Überwindung des Nationalismus, einen allgemeinen Mentalitätswandel herbeiführten, der auch unserer Stellung in Italien zugute kam.<BR /><BR /><BR />All dies und, so wie wir heute dastehen, wo die früheren italienischen Autonomiegegner für eine einvernehmlich erarbeitete Autonomiereform eintreten, wäre nie möglich gewesen ohne die anfängliche, radikale Wende aus Unfreiheit und Diktatur in die rechtsstaatlich fundierte Demokratie im Mai 1945. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Bei allen menschlich bedingten Mängeln, bleibt die liberale Demokratie das unverzichtbare Gut, das gegen alle populistischen, auch totalitären Bedrohungen mit Entschlossenheit und Kraft zu verteidigen ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309197_image" /></div> <BR /><BR />Die Autonomie bleibt auch für die Zukunft eine Baustelle, an der fleißig weitergebaut werden muss. Ebenso wie an der Euregio Tirol.<BR /><BR />Wenn wir auf die vielen, auch blutigen ethnischen Konflikte in den verschiedensten Weltgegenden schauen, auf die mörderischen Kriege, auf die unzähligen Todesopfer von Soldaten und unbeteiligten Zivilisten, auf die aus ihrer Heimat in die Flucht gejagten Millionen von Menschen, können wir rückblickend nur dankbar sein. Die von Erich Amonn am 5. Mai 1946 zum Himmel ausgerufene Bitte wurde jedenfalls erhört.