Montag, 19. März 2018

„Für die Gletscher ist es 5 nach 12“

Selbst wenn Emissionen gestoppt würden, könnten wir das Abschmelzen der Gletscher nicht mehr verhindern: Das zeigen Forscher der Universität Bremen und Innsbruck in einer aktuellen Studie auf. Unser Verhalten hat über das 21. Jahrhundert hinaus schwerwiegende Auswirkungen. 500 Meter Autofahrt mit einem Mittelklasse-Fahrzeug kosten langfristig ein Kilo Gletschereis. Die Studie wurde im Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlicht.

500 Meter Autofahrt mit einem Mittelklasse-Fahrzeug kosten langfristig ein Kilo Gletschereis.
500 Meter Autofahrt mit einem Mittelklasse-Fahrzeug kosten langfristig ein Kilo Gletschereis. - Foto: © D

Im „Paris Agreement“ haben sich 195 Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen auf die Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad Celsius, wenn möglich auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau geeinigt. Die Risiken des Klimawandels sollen dadurch deutlich reduziert werden. Was bedeutet dieses Vorhaben – sofern erfolgreich – für die Entwicklung der Gletscher?

Die Klimaforscher Ben Marzeion und Nicolas Champollion vom Institut für Geographie der Universität Bremen sowie Georg Kaser und Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck sind dieser Frage nachgegangen.

Für die Entwicklung der Gletscherschmelze macht es keinen großen Unterschied, ob die Durchschnittstemperatur um 2 oder nur 1,5 Grad Celsius steigt, zumindest nicht für das laufende Jahrhundert. Die Ursachen für die Gletscherschmelze reichen zeitlich viel weiter zurück: So werden etwa 36 Prozent des heute noch in Gletschern gespeicherten Eises langfristig auch ohne weiteren Ausstoß von Teibhausgasen schmelzen. Das heißt: Gut ein Drittel des heute noch vorhandenen Eises ist nicht mehr zu retten.

Völlig anders gestaltet sich die Situation allerdings, wenn der zeitliche Horizont erweitert wird: Über das aktuelle Jahrhundert hinaus betrachtet, macht es durchaus einen Unterschied, ob nur das 2 Grad-Ziel oder das 1,5 Grad-Ziel erreicht wird.

„Unser Verhalten hat langfristige Auswirkungen“

„Gletscher reagieren langsam auf klimatische Veränderungen. Wenn wir beispielsweise den aktuellen Umfang des Gletschereis-Bestandes erhalten wollen würden, müssten wir ein Temperaturniveau aus vorindustriellen Zeiten erreichen, was natürlich nicht möglich ist. Wir haben in der Vergangenheit durch Treibhausgasemissionen bereits Entwicklungen angestoßen, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Für die Gletscher ist es 5 nach 12. Das bedeutet aber auch, dass unser heutiges Verhalten Auswirkungen auf die langfristige Entwicklung der Gletscher hat – das sollten wir uns bewusstmachen“, ergänzt Gletscherforscher Kaser.

Die Wissenschaftler haben errechnet, dass jedes Kilogramm Kohlenstoffdioxid, das wir heute ausstoßen, langfristig 15 Kilogramm Gletscherschmelze verursachen wird. Ben Marzeion liefert ein praktisches Beispiel: Ein 2016 zugelassenes Durchschnittsauto verursacht alle 500 Meter den Verlust von einem Kilo Gletschereis.

stol

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