Ein Gespräch mit der Soziologin und feministischen Aktivistin Sara Degli Agostini. Sie arbeitet mit dem Frauenarchiv zusammen und engagiert sich als Freiwillige bei B open.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138176_image" /></div> <BR />An den gesellschaftlichen Rand gedrängt, lebte Mariasilvia Spolato in Zügen, auf der Straße, zuletzt in Bozen. Ein bekanntes Gesicht in der Stadt. Auch ich habe öfters mit ihr kurz gesprochen, ohne zu wissen, wer sie war. Sie war stets freundlich, hatte immer ein Buch bei sich, und ich sehe sie noch in einem blättern und lesen. Eine Kämpferin im Namen der Liebe. Gegen Diskriminierung, Stigmatisierung und Pathologisierung von sexueller Orientierung.<BR /><BR /><BR /><b>Wer war Mariasilvia Spolato?</b><BR />Sara Degli Agostini: Mariasilvia Spolato war eine feministische und lesbische Aktivistin, die in den frühen 1970er-Jahren viel für die Gemeinschaft tat. Sie war auch leidenschaftliche Mathematikerin und schrieb das Buch <TextHBlau>„Gli insiemi e la matematica: Con 120 esercizi“</TextHBlau> (1969/1972). Ein zweiter wichtiger Text (1972) von ihr befasste sich mit der LGBTQIA*-Gemeinschaft, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Das Vorwort schrieb Dacia Maraini. 1971 gründete sie die F.L.O. (Homosexuelle Befreiungsfront) und gemeinsam mit Angelo Pezzana F.U.O.R.I. (Fronte Unitario Omosessuale Rivoluzionario Italiano). <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138179_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum sollen wir uns an sie erinnern?</b><BR />Degli Agostini: Es ist wichtig, an sie zu erinnern, weil sie italienweit die erste lesbische Frau war, die sich in einem bigotten und verurteilenden Italien öffentlich outete. Das war 1972. Sie war mutig, frei und sehr politisch. Am 8. März 1972 hielt sie während einer Demo in Rom ein Schild mit der Aufschrift „Homosexuellenbefreiung“. Sie wurde dabei fotografiert, und das Foto landete auf der Titelseite der Zeitschrift „Panorama“. Von diesem Moment an änderte sich ihr Leben radikal und für immer: Sie verlor ihre Stelle als Lehrerin, ihre Partnerin verließ sie, und sie entfremdete sich nach und nach von ihrer Familie und ihren Freundinnen und Freunden. <BR /><BR /><BR /><b>Dann können wir sie als Pionierin bezeichnen...</b><BR />Degli Agostini: Absolut! Sie war eine echte Pionierin der Bürgerinnen- und Bürgerrechte in Italien. Mariasilvia verbrachte viele Jahre ihres Lebens damit, sich für die Rechte von Frauen und insbesondere von lesbischen Frauen einzusetzen. Ich erinnere daran: Die WHO strich erst am 17. Mai 1990 Homosexualität aus der Liste psychischer Krankheiten und definierte sie als „eine Variante menschlichen Verhaltens“. Mariasilvia Spolato war bereits 20 Jahre vorher aktiv; 1972 erschien ein Interview mit ihr zu diesem Thema im Corriere della Sera. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138182_image" /></div> <BR /><BR /><b>Haben Sie sie persönlich kennengelernt?</b><BR />Degli Agostini: Ja, ich habe sie in den letzten 10 Jahren ihres Lebens begleitet; sie wohnte im Altersheim „Villa Armonia“ in Bozen. Kennengelernt habe ich sie 2008, sie starb dann im Oktober 2018.<BR /><BR /><BR /><b>Welcher unglaubliche Moment in eurer Begegnung hat Sie geprägt?</b><BR />Degli Agostini: Jedes Jahr lernte ich sie ein wenig besser kennen und machte mir viele Gedanken darüber, was ich in das Päckchen, das ich ihr zu Weihnachten brachte, legen könnte. Sie schrieb viel und gerne, hatte zahlreiche Bündel an Notizen und Zettel, die sie in ihrem Zimmer sorgfältig stapelte. Daher schenkte ich ihr viele Hefte und Stifte. Das Pflegeheim versorgte sie mit allem Notwendigen; mir war es wichtig, ihr ein bisschen „Luxus“ zukommen zu lassen: eine bunte Decke fürs Zimmer, einen duftenden Badeschaum, Süßigkeiten. Ich werde mich immer an ihre begeisterte, mädchenhafte Freude erinnern, mit der sie das Weihnachtsgeschenk auspackte. <BR /><BR /><BR /><b>Worüber haben Sie mit Mariasilvia Spolato gesprochen? Gab es auch Tabuthemen?</b><BR />Degli Agostini: Ich versuchte, ein paar Antworten zu bekommen; ich war neugierig auf ihren Hintergrund als Aktivistin, denn ich bin auch seit vielen Jahren eine, und dieser gemeinsame Aspekt brachte uns einander näher. Sie wollte die Vergangenheit nicht erwähnen, und ich habe aus Respekt nicht weiter nachgefragt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138185_image" /></div> <BR /><BR /><b>Seit Ende der 1980er-Jahre lebte sie in Bozen – zunächst auf der Straße, dann im Haus Margaret, später in der „Villa Armonia“. Wie waren ihre letzten Jahre?</b><BR />Degli Agostini: Jahrelang reiste sie mit Zügen durch Italien und Europa. Sie hielt Züge für einen relativ sicheren Ort zum Schlafen. Das ständige Umherziehen war Teil ihres Wesens. Mariasilvia entschied sich für ein Leben auf der Straße. Das muss ich betonen. Sie lehnte jeden „Käfig“ ab, sowohl mental als auch real. Sie vereinbarte mit der Heimleitung, dass sie sich nur „helfen“ ließ, wenn sie auch ihre Freiheit behielt, das Heim zu verlassen, wann immer sie wollte. Deshalb erinnern sich viele in Bozen an sie – an Mariasilvia mit ihrer Umhängetasche voller Bücher. Sie war eine gebildete Frau, liebte Lesen und Kreuzworträtsel. Ihre letzten Jahre waren friedlich, sie hatte endlich einen sicheren Ort gefunden, und dafür möchte ich denen danken, die sich um sie gekümmert haben. Das Leben auf der Straße kann wirklich hart sein, besonders für eine Frau.<BR /><BR /><BR /><b>Was ist das Projekt „Gocce Tropfen“?</b><BR />Degli Agostini: Das Projekt „Gocce-Tropfen“ ist ein historisches Kunstprojekt und entstand aus dem Bedürfnis heraus, an Frauen wie Mariasilvia Spolato, Theresia Raich (inhaftiert im Bozner Durchgangslager), Franca Turra (Widerstandskämpferin in der Resi-stenza), Maria De Paoli Toffol (die erste italienischsprachige Frau, die eine Schutzhütte in Südtirol führte) und Ada Vita (Krankenpflegerin und Gründerin des Vereins Blutspenden) zu erinnern. Sie alle haben durch ihre Entscheidungen zur Verbesserung des Lebens für alle beigetragen. Das dreisprachige Projekt „Gocce-Tropfen“ ist eine Zusammenarbeit zwischen lokalen Vereinen und der Stadtgemeinde Bozen. <BR /><b>Projekt Gocce:</b> https://goccetropfen.net<BR /><BR /><h3> „Die (un)bekannte Lesende“</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138188_image" /></div> <BR /><BR />„Anfang der 1990er-Jahre arbeitete ich als Buchverkäuferin in Bozen. Auf dem Bahnhof und vor dem Parkplatz des Hotel Laurin saß oft eine Frau, im blau gestrickten Wollpullover, mit Sack und Pack. Dass sie obdachlos war, war ihr gleich anzusehen. Als sie an der Buchhandlung vorbeiging, warf sie immer einen Blick ins Schaufenster. Daher nahm ich an, dass sie Bücher interessierten. Ich wusste nichts über sie, nicht ihren Namen, nicht ihre Herkunft, nicht ihre Geschichte. Irgendwann aber fiel mir auf, dass sie einige Tage lang hintereinander länger als üblich vor dem Schaufenster stand. Das machte mich stutzig und ich ging zu ihr. Gleich fragte sie mich, wie viel das neue Buch von Dacia Maraini kosten würde, das dort ausgestellt war. Und dass es bestimmt gut sei! Kurz entschlossen ging ich ins Geschäft zurück, kaufte das Buch mit meinem Geld und schenkte es ihr. Sie strahlte übers ganze Gesicht, hörte nicht auf zu danken. Als ich nach der Arbeit auf den Zug ging, sah ich sie auf einer Parkbank sitzen mit dem Buch in der Hand. Wer sie war, welche Schicksalswege sie prägten und warum die bekannte italienische Schriftstellerin Dacia Maraini in ihrem Leben eine besondere Rolle einnahm, erfuhr ich erst Jahrzehnte später, nach ihrem Tod, als ich 2018 in der Zeitung einen Nachruf auf sie las. Das Buch, „Die stumme Herzogin“ von Dacia Maraini, habe ich später auch gelesen.“<BR /><h3> „Sie sah mir tief in die Augen“</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138191_image" /></div> <BR /><BR />„Als Pendlerin kannte ich Mariasilvia aus dem Zug oder aus der Bahnhofshalle in Bozen, wo sie immer in ihre Lektüre oder ein Kreuzworträtsel vertieft war. Oft sah ich sie auch am Waltherplatz in der Sonne sitzen. Sie hatte immer ein Buch oder ein Heft der Settimana Enigmistica bei sich, beobachtete aber auch gerne das Treiben auf dem Platz und sprach manchmal Passanten auf eine Zigarette an. So auch mich. Da ich damals nicht rauchte, fragte ich sie nach ihrer Lieblingssorte und brachte ihr eine Schachtel rote Gauloises mit. Von da an hatte ich immer Zigaretten für sie dabei. Sie bedankte sich mit einem klaren, festen Blick, der direkt ins Herz ging und den ich nie vergessen werde. Die roten Wollstrümpfe, die prall gefüllte Umhängetasche, die Wollmütze und der weite blaue Wollpullover, alles trug sie mit Würde. Aber wir kamen nie richtig ins Gespräch, was ich heute sehr bedaure. Irgendwann verlor ich sie aus den Augen. Ich wusste nicht, dass sie im Altersheim war. Ich hätte sie besucht.“ <BR /><h3> „Wo sind ihre Fotos geblieben?“</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138194_image" /></div> <BR />„Ich kannte Mariasilvia aus der Bar. Sie kam mit ihrer Umhängetasche an den Tresen, legte das Geld hin, bestellte einen Macchiato oder Cappuccino und ging wieder. Sie beachtete niemanden, aber manchmal fragte sie nach einer Zigarette. Ich traf sie wieder in der Villa Armonia, als meine Mutter dort einzog. Ich sah sie vor dem Eingang rauchen, den Blick auf die Züge gerichtet, die ihr jahrelang ein Zuhause geboten hatten. Mariasilvia kannte sich in Literatur, Musik und Fotografie aus, sie besaß eine analoge Kamera, mit der sie Fotos machte, die sie auch ausdrucken ließ. Als diese kaputt ging, bat sie darum, die Digitalkamera des Heims ausleihen zu dürfen. Sie erinnerte mich an Vivian Maier: Wer weiß, was sie fotografiert hat, wer weiß, welche Vision sie von Bozen hatte. Wir werden es nie erfahren. Die Fotos sind leider verschwunden. Als Volontär hatte ich der Heimleitung angeboten, die Gäste zu porträtieren. Als ich damit anfing, kam Mariasilvia auf mich zu und sagte: „Mach' auch mein Foto!“<BR /><h3> Der 8. März ist Kinotag</h3><BR />Unter dem Motto „Women’s Movie Day“ organisiert FEMALE VIEWS Filmclub in Zusammenarbeit mit VBB und B-Open und unterstützt von Alchemilla, Centaurus, FAS Frauen Roundtable, Femfesta, Frauenmarsch, Frauenarchiv, Officine Vispa, Queer Movies Gruppe und Tanna den FrauenKinoTag im Filmclub Bozen zum Internationalen Frauentag.<BR /><BR /><BR /><b>Termine:</b><BR />10.30 Uhr: „Woman“ von Anastasia Mikova & Yann Arthus- Bertrand. Der Film ist ein weltweites Projekt, das 2000 Frauen aus über 50 Ländern zu Wort kommen lässt. Mit diesen persönlichen Frauenstimmen zeichnet „Woman“ ein vielfältiges, breites und intimes Porträt von Frauen weltweit. Themen wie Mutterschaft, Sexualität, Bildung, finanzielle Unabhängigkeit, Menstruation, Stereotype werden behandelt.<BR /><BR />17.30 Uhr: tricky women/tricky realities <BR />7 Kurzfilme, Animationsfilme aus 6 Ländern (Afghanistan, Deutschland, Frankreich, Finnland, Großbritannien, USA) <BR /><BR />19 Uhr: Aperitif<BR /><BR />20 Uhr: „Io non sono nessuno“, Spielfilm über Mariasilvia Spolato der Regisseurin Geraldine Ottier, die anwesend sein wird. Musik von Rumore Rosa.