Hier die beeindruckende Geschichte eines Mannes, der einen markanten Kontrapunkt zum herrschenden System und zu dessen Kriegsmaschinerie gesetzt hat, obwohl er, umständebedingt, dies nicht zwingend hätte tun müssen. <b>von Othmar Parteli</b><BR /><BR />Geboren in Bozen am 27. Dezember 1910, war <b>Josef (Peppi) Mayr</b>, dem laut Geburtsregister der Propsteipfarre Bozen auch noch die Vornamen <b>Johann</b> und <b>Stefan</b> zugedacht wurden, das vierte von 6 Kindern der Eheleute <b>Jakob Mayr</b> (*1873) und <b>Maria Mumelter</b> (*1879) vom Nusserhof am Bozner Eisackufer. Der Vater, im Zuge der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn im Mai 1915<i>„als Landsturmmann“</i> eingezogen und im <i>„südlichen Kriegsschauplatz“</i> zum Einsatz gekommen, erkrankte noch im gleichen Jahr an Cholera und starb daran am 7. September<i>„im Feldlazarett zu Podmelec, Bezirk Tolmein“</i>, weniger als 3 Wochen, bevor sein jüngstes Kind <b>Franz</b> am 26. desselben Monats zur Welt kommen sollte.<h3> Kindheit und Jugend</h3>Die Kindheit und Jugendzeit von Josef verlief unter der Obhut der Mutter, die mit 6 unmündigen Kindern den Nusserhof allein bewirtschaften musste, behütet, auf Grund des Kriegsgeschehens, der unmittelbaren Nachkriegszeit in Verbindung mit der Annexion Südtirols durch Italien (1919/1920), der faschistischen Machtergreifung im Jahre 1922 und der einsetzenden geballten Flut von ethnischen Gewaltmaßnahmen gegen alle gesellschaftsrelevanten Einrichtungen im Lande aber sehr eingeschränkt und entbehrungsreich.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1133412_image" /></div> <BR /><BR />Charakterlich sehr aufgeweckt und breitfächrig talentiert, widmete sich der sportbegeisterte Heranwachsende immer mehr naturwissenschaftlichen Wissensfeldern, in denen er sich vornehmlich von der Astronomie angezogen fühlte, die er auch gerne einmal studieren wollte. Doch dazu hätte er das Gymnasium besuchen müssen, was ihm verwehrt blieb, zumal schon sein älterer Bruder <b>Jakob</b> (*29.9.1908) Schüler des (Franziskaner)Gymnasiums war. So besuchte er die Handelsschule und trat nach deren Abschluss in den Dienst einer Möbelfirma, von der er später ins Bozner Textilgeschäft „Eccel“ und ab 1942 zur Firma <i>„Amonn“</i> wechselte. Gleichzeitig befasste er sich, seit frühester Jugendzeit, intensiv mit Glaubensfragen und setzte sich umfassend mit einzelnen Persönlichkeiten auseinander – wobei ihm <b>Thomas von Aquin</b>, der englische Lordkanzler <b>Thomas Morus</b> und aus der Zeit der Tiroler Freiheitskriege von 1809 die Gestalt des <b>Peter Mayr</b>, Wirt an der Mahr, besonders ans Herz wuchsen. Vornehmlich auch, weil letztere zwei <i>„ihre Treue zum Glauben und zur Wahrheit mit dem Leben bezahlten“</i> (Peter Egger).<h3>Vinzenz-Konferenz und Katholische Aktion</h3>Sein Glaubensleben pflegte er parallel dazu sehr bewusst durch häufigen Besuch der Werktags-Frühgottesdienste in der Bozner Pfarrkirche. Das Gebot der christlichen Nächstenliebe erfüllte er durch ein großes Engagement in der <i>„Vinzenz-Konferenz“</i> von Bozen, wo er bereits im Alter von 27 Jahren zum Präsidenten einer neu entstandenen Zelle der Vinzenz-Konferenzen aufstieg, und fand für eine nachhaltige Mitarbeit in der Kirche alsbald in der <i>„Katholischen Aktion“</i> breiten Raum, deren Anfänge in der Zeit von <b>Papst Leo XIII.</b> (1878-1903) wurzeln, die hauptsächlich aber im Pontifikat von <b>Pius XI.</b> (seit 1922), und hierin in besonderer Weise nach der Unterzeichnung der Lateranverträge zwischen Italien und der Katholischen Kirche (1929), staatsweit an Festigkeit gewann, und sich gleichzeitig auch in Südtirol wirkkräftig positionierte, wo sie ein gewichtiges Forum der kirchlichen Jugendarbeit wurde. <BR /><BR />Auf dem Hintergrund der massiven Assimilierungsmaßnahmen durch den Staat konzentrierte sich die <i>„Katholische Aktion“</i> in Südtirol neben ihren ekklesiastisch orientierten Aufgabenfeldern auch auf die Pflege des heimischen Brauchtums und in Verbindung dazu durch die Pflege deutscher Lieder, durch gemeinsames Wandern und durch das dadurch bedingte Kennenlernen der Heimat auf eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung in Form einer hauseigenen Kultur- und Bildungsarbeit. Was wiederum eine ungemein kraftvolle Liebe zur Heimat förderte, aus der u.a. ein wesentlicher Teil der politischen Verantwortungsträger Südtirols nach dem Zweiten Weltkrieg hervorging.<BR /><BR />Innerhalb der Jugendarbeit der <i>„Katholischen Aktion“</i> wurde Josef Mayr in den mittleren 1930er Jahren erster Diözesan-Jugendführer des deutschen Anteils der Erzdiözese Trient, ein Dienst, den er in engster Zusammenarbeit mit dem Geistlichen <b>Josef Ferrar</b><b>i</b>, der die Leitung der <i>„Katholischen Aktion“</i> nach einem kurzen Intermezzo durch <b>Friedrich Pfister</b> übernommen hatte, flächendeckend abwickelte. Dabei legte er einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Abfassung von begleitenden und richtungsweisenden medialen Beiträgen, die er in der <i>„Jugendwacht“</i> und in den <i>„Vinzenz-Briefen“</i> veröffentlichte.<BR /><BR />Ab 1939 hatte sich das Weltgeschehen dramatisch verändert. Seit September 1939 gab es in Europa wieder Krieg, und gleichzeitig sah sich die deutsche und ladinische Bevölkerung im kleinen Südtirol mit in diesem Maße nie dagewesenen Herausforderung konfrontiert: mit der Option. Die bis zum 31. Dezember 1939 zu treffende Entscheidung, im Lande zu bleiben oder aber das Land zu verlassen und ins Deutsche Reich zu übersiedeln, trieb auf dem Höhepunkt einer ebenso noch nie erlebten Propagandamaschinerie sehr viele unserer Leute an den Rand des ethnischen Abgrunds. Josef Mayr Nusser entschied sich an seinem Geburtstag, 4 Tage vor dem Ablauf der festgesetzten Frist, fürs Bleiben.<BR /><BR />Drei Jahre darauf ehelichte der eben 32-Jährige am 26. Mai 1942 die etwas ältere <b>Hildegard Straub</b> (*7.7.1907), die er an seinem Arbeitsplatz bei der Firma <i>„Eccel“</i> kennengelernt hatte, wo sie als Sekretärin und Buchhalterin tätig gewesen ist. Zu dieser Eheschließung schreiben die „Dolomiten“ vom Tage: <i>„Bräutigam und Braut gehören der Katholischen Aktion als eifrige Mit-glieder an, der Bräutigam seit mehreren Jahren an leitender Stelle.“</i> Ein gutes Jahr darauf kam deren einziger Sohn <b>Albert</b> (*1.8.1943) zur Welt.<h3>Konitz in Westpreußen: Mayr verweigert den Eid auf die SS</h3>Nachdem im September 1943 die deutsche Wehrmacht Südtirol besetzt hatte und die Operationszone Alpenvorland geschaffen war, wurden viele Südtiroler Nazi-Gegner, zu denen in seiner Eigenschaft als Führer der Katholischen Jugend auch Josef Mayr Nusser gezählt wurde, eingezogen und der SS zugeordnet. Zusammen mit rund 80 Landsleuten kam er in die frühere Deutschordensstadt Konitz in Westpreußen, heute Chojnice in der polnischen Woiwodschaft Pommern, zur Ausbildung.<BR /><BR />In Konitz fand seine persönliche Tragik ihren Auftakt, denn Josef Mayr Nusser erklärte kurz vor der Vereidigung der Kompanie, den SS-Eid aus religiösen Gründen nicht leisten zu können/zu wollen. Dies zog seine sofortige Untersuchungshaft nach sich, in deren Folge er vor das SS-Gericht in Danzig gestellt wurde, das seinen Transfer in das Konzentrationslager Dachau bestimmte. In den Monaten seiner Inhaftierung schrieb Mayr Briefe an seine Frau in Bozen, aus denen deutlich hervorgeht, dass er sich über die Konsequenzen seiner Entscheidung völlig im Klaren war.<h3>Tod in einem Viehwaggon im Bahnhof von Erlangen</h3>Zum gegebenen Zeitpunkt erfolgte der Transport nach Dachau mit der Bahn, und zwar in einem Viehwaggon, wo alle Insassen sehr stark an der argen Februarkälte des Jahres 1945 litten und durch die unterbliebene Nahrungsverabreichung sehr rasch sehr geschwächt waren. Nach einem befristeten Aufenthalt im KZ Buchenwald nahe Weimar ging die Eisenbahnfahrt weiter, sie kam jedoch im Bahnhof von Erlangen zum Stillstand, weil wegen heftiger Bombardements im Bahnhofsbereich von Nürnberg eine Weiterfahrt nicht möglich war. <BR /><BR />Josef Mayr Nusser erkrankte schwer; er litt immer heftiger an starken Brustschmerzen und an Durchfall, was die Überstellung in ein Krankenrevier nahelegte, die letztlich aber nicht erfolgte, weil der dort diensthabende Arzt seine Aufnahme verweigerte. So erlag er, völlig erschöpft, nachdem er zuvor mangels eines Krankenwagens den Weg vom Erlanger Bahnhof ins Krankenrevier und zurück zu Fuß zurücklegen musste, am 24. Februar 1945 im Bahnhofsbereich seiner Erkrankung. Allein und unbetreut. Es könnte auch gesagt werden: Er verendete. Wie ein Tier. <i>„Lungenentzündung und Hungerwassersucht“</i> (Peter Egger) wurden als Todesursache konstatiert. Unter seinen Habseligkeiten fand sich nichts außer einer Ausgabe des Neues Testaments, einem Messbuch (Schott) und einem Rosenkranz.<BR /><BR />In der Folge wurde Mayrs Leichnam im Zentralfriedhof in Erlangen bestattet. 13 Jahre später, 1958, wurden seine sterblichen Überreste exhumiert und nach Südtirol gebracht, wo exakt am Sterbetag in der Bozner Propsteipfarrkirche ein feierliches Requiem, zelebriert vom Stadtpropst <b>Josef Kalser</b>, stattfand. In der Folge galt es dann eine Reihe behördlicher Vorgaben zu erfüllen und auch kirchliche Genehmigungen einzuholen, zumal sehr bald der Wunsch entstanden war, Josef an der Außenmauer der 1953/1955 errichteten Waldkirche in Lichtenstern am Ritten, neben dem Haupteingang, beizusetzen. Was aber eine besondere Erlaubnis von Seiten der Römischen Kurie notwendig machte, die sehr lange auf sich warten ließ. Bis es soweit war, stand der kleine Schrein mit seinen Gebeinen in der Sakristei der genannten Kirche, die auf Initiative von <b>Josef Kögl</b>, Generalvikar für den deutschen Anteil der Diözese Trient, dem Namenspatron Mayrs, dem Hl. Josef, geweiht worden war. <BR /><BR />Im Jahre 1963 war es endlich soweit: Am Todestag Mayrs, 24. Februar (es war ein Sonntag) fand in der genannten Kirche ein Gedenkgottesdienst für Josef Mayr statt. <i>„Anschließend erfolgt(e) die stille Beisetzung“,</i> wie es in einer „Dolomiten“-Ankündigung 2 Tage zuvor heißt.<BR /><BR />Josef Kögl war einer der ersten, der Mayr öffentlich als Märtyrer bezeichnete, indem er ihm an seinem 10. Todestag, im zeitlichen Umfeld zur Eröffnung des Tiroler Gedenkjahres 1809-1959, eine „Dolomiten“-Sonderseite unter dem Titel „Tor oder Held?“ widmete und darin unausgesprochen seine Seligsprechung lancierte. Ein Gedanke, den viele seiner Freunde und Weggefährten unterstützten, und so kam es im Jahre 2017, für kirchliche Usanzen relativ rasch, zu dessen Verwirklichung, indem im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes <b>Angelo Kardinal Amato</b> das vom Papst unterzeichnete Seligsprechungsdekret verlas, von dem es, neben dem Original in Latein, 3 weitere Ausfertigungen gibt: eine in deutscher und 2 in ladinischer Sprache: im Idiom des Gadertales und im Idiom von Gröden. In Verbindung zum offiziellen Akt dieser Seligsprechung Mayrs wurden seine sterblichen Überreste an der Außenmauer der Kirche in Lichtenstern neuerdings gehoben und in den Bozner Dom gebracht, wo sie im Unterbau des Floriani-Altares, unweit vom Hauptaltar, beigesetzt wurden.<BR /><BR />Josef Mayr Nusser hat durch seine Entscheidung, den Eid auf die SS zu verweigern, einen markanten Kontrapunkt zum herrschenden System und zu dessen Kriegsmaschinerie gesetzt, obwohl er, umständebedingt, dies nicht zwingend hätte tun müssen, wie allenthalben in seinem Umkreis bedeutet wurde/wird. Doch für ihn kam nichts anderes in Frage, als sich selber und seiner Grundhaltung treu zu bleiben. Und demnach so zu handeln, wie er gehandelt hat.<BR /><BR />Kontrapunkte gleichwertiger Art setzten im Dritten Reich auch andere Südtiroler, für die hier in Verbindung mit Josef Mayr Nusser ein Memento eingelegt sei: die Jesuiten <b>Johann Schwingshackl</b>/Welsberg und <b>Johann Steinmair</b>/St. Magdalena in Gsies, <b>Heinrich Dalla Rosa</b>/Lana, <b>Leonhard Dallasega</b> (ursprünglich Andersag)/Proveis u.a., die wegen Wehrkraftzersetzung oder Dienstverweigerung zum Tode verurteilt und, größtenteils in den letzten Kriegsmonaten, durch Erschießung oder Enthauptung hingerichtet wurden. Obwohl diesen die Ehre der Altäre nicht zuteil wurde, gelten sie gleich dem Nusser-Sohn von Bozen als Opfer eines der schrecklichsten Regimes der Menschheitsgeschichte und verdienen höchste Achtung.