Und für die unmittelbare Zeit nach 1945 steht der Kanonikus auch für Versöhnung zwischen „Dableibern“ und „Optanten“. Heute vor 140 Jahren wurde Kanonikus Michael Gamper geboren – ein Porträt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126872_image" /></div> <h3> Die Anfänge</h3>Michael Gamper wurde am 7. Februar 1885 als Sohn eines Dorfschmieds in Prissian geboren. Dass dieser Bub einmal zur wichtigsten Persönlichkeit Südtirols in schweren Zeiten werden und die Geschichte dieses Landes entscheidend prägen sollte, ahnte damals wohl niemand.<BR /><BR /><BR />Gamper verbrachte seine ersten Lebensjahre in Prissian, ebenso in Tisens, dem Ort seiner Taufe, in den Heimatorten seiner Eltern am Deutschnonsberg, ab und zu auch im Bezirkshauptort Meran. 1896 kam er ins Benediktinergymnasium nach Meran. Als Oberschüler gehörte er der Studentenverbindung Athesia an. Seit 1904 studierte er an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. 1907 spendete der Bischof von Brixen ihm in Innsbruck die sogenannten „Niederen Weihen“. Diese galten als Vorstufe zum Priesteramt. Anschließend übersiedelte Gamper ans Priesterseminar nach Trient.<BR /><BR /><BR />Als Neupriester widmete er sich zunächst völlig der Seelsorge, erkannte aber schon damals die Bedeutung der Presse für die Gesellschaft und schrieb kleinere Beiträge für den in Brixen im Tyrolia Verlag erscheinenden „Volksboten“. Kurz nach Ausbruchdes Ersten Weltkrieges wurde Gamper zum Kanonikus des Kollegiatskapitels in Bozen ernannt und arbeitete in dieser Funktion als Religionslehrer an der Marienschule. „Der Kanonikus“ wurde bald in und um Bozen die bekannte Persönlichkeit.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126875_image" /></div> <BR /><BR />1919 wurde Gamper die Chefredaktion des „Volksboten“ übertragen, ein Jahr später wurde er zum Präsidenten des Tyrolia-Unternehmens gewählt. Für den Kanonikus begann damit ein neuer Lebensabschnitt.<BR /><BR /><BR />Im Falle Südtirols war 1919 im Vertrag von St. Germain das von US-Präsident Woodrow Wilson verkündete Recht auf Selbstbestimmung in eklatanter Weise verletzt worden. Ein nahezu geschlossenes deutschsprachiges Gebiet wurde Italien als Kriegsbeute zugeschlagen. In dieser Situation sah sich Gamper gefordert. Von Anfang an verstand er sich als Anwalt und Sprachrohr für seine Landsleute im Kampf für die Heimat. Mittel dafür war ihm die Presse, deren Bedeutung ihm sehr bewusst war. Im „Volksboten“ schrieb er: <BR /><BR /><BR /><i>„Die wirkungsvollste Waffe in diesem Kampf ist unsere Presse. Sie ist das Signalhorn, welches das Volk aufruft und zu einigem, geschlossenem Vorgehen gegen die Feinde unseres Volkstums und unserer heiligsten Güter sammelt.“</i><BR /><BR /><BR />Gamper baute die Tageszeitung „Der Tiroler“ aus, gründete weitere Heimatzeitschriften und gab ab 1921 jährlich den „Reimmichl-Kalender“ heraus, den er für besonders wichtig hielt, weil, wie er meinte, abgesehen von den Religions- und Schulbüchern <i>„der Kalender eigentlich das einzige Buch ist, das alljährlich bis in die letzte Hütte unserer Heimat kommt“.</i><BR /><h3> Spiritus rector der Katakombenschule</h3><BR />1922 übernahmen Mussolinis Faschisten die Macht in Italien und begannen mit einer erbarmungslosen Italianisierungspolitik Südtirols.Will man einem Volk seine Identität nehmen, so muss man ihm als erstes die Sprache nehmen. Das wussten auch die Faschisten. Am 1. Oktober 1923 trat ein entsprechendes Schulgesetz in Kraft, das zum schwerwiegendsten Entnationalisierungsdekret und zum Todesurteil für die deutsche Volksschule in Südtirol wurde: Die deutschen Schulen wurden geschlossen, die deutschen Lehrer vom Dienst suspendiert. Damals wurde zum Widerstand aufgerufen – und zwar von Kanonikus Michael. Im „Volksboten“ erschien am 1. November 1923jener berühmte Artikel von ihm, der zum Fanal für seine Landsleute wurde: <BR /><BR /><i>„Was soll nun geschehen?“ fragte er. „Sollen wir mit dem Verlust der deutschen Schule auch das deutsche Volkstum verlieren? Die heutigen Machthaber möchten es. Möge es unser Volk zu verhindern wissen!“</i><BR /><BR />Und dann gab er die Parole für das weitere Vorgehen aus: <BR /><BR /><i>„Nun müssen wir es den ersten Christen nachmachen. Als diese vor den Verfolgern nicht mehr sicher waren, wenn sie in der Öffentlichkeit ihren Gottesdienst hielten, zogen sie sich an den häuslichen Herd zurück. [...] Als sie vor den Verfolgern auch da nicht mehr sicher waren, nahmen sie zu den Toten in den unterirdischen Grabkammern, in den Katakomben, ihre Zuflucht.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126878_image" /></div> <BR /><BR />Michael Gamper wurde zum Spiritus rector der entstehenden Geheimschule, die unter dem Begriff Katakombenschule ein unzertrennlicher Teil der Geschichte Südtirols geworden ist. Von den Faschisten aus dem Schuldienst entlassene Lehrpersonen und Priester widmeten sich dem Aufbau dieser Geheimschule. Gampers aktivste Mitarbeiter waren J<b>osef Noldin, Eduard Reut-Nicolussi, Maria Niculossi, Emma von Leurs, Gerd Holzeis, Rudolf Riedl</b> und <b>Rudolf Mali.</b><BR /><BR /><BR />Am 7. März 1922 war Gamper zum dritten Obmann der Südtiroler Volkspartei bestellt worden; dies ermöglichte es ihm in der Folgezeit, Verbindungen nach Österreich und Deutschland aufzubauen und Hilfe von „draußen“ für die Notschule zu sichern.<BR /><BR /><BR />Die Faschisten reagierten mit Hausdurchsuchungen, Verhören, Misshandlungen, Beschlagnahme der deutschen Schulbücher, Verwarnungen, Mahnungen, Gefängnis und Verbannung. Aber es gelang ihnen nicht, die Katakombenschule zu zerschlagen, auch wenn Mitarbeiter wie Riedl ausgewiesen wurden. Noldin wurde auf die Insel Lipari verbannt und starb nach seiner Rückkehr. Ein weiteres Opfer war die Lehrerin <b>Angela Nikoletti,</b> die mehrmals verhaftet, unter Polizeiaufsicht gestellt und dann ausgewiesen wurde und 1930, erst 25-jährig, starb. Der Geheimunterricht war primitiv und unzureichend, aber, und das war entscheidend: die deutsche Sprache überlebte. Und auch als ein Zeichen des gewaltlosen Widerstands bleibt die Katakombenschule ein Ruhmesblatt Südtirols und unvergessen.<BR /><BR />1925 wurden auch die deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften verboten. Mit Unterstützung der Bischöfe von Brixen und Trient gelang Gamper allerdings 1927 die Wiederzulassung der „Dolomiten“ und des <Kursiv>„Volksboten“</Kursiv>. Diese Blätter erschienen in der Folgezeit dreimal in der Woche und waren einer strengen Zensur unterworfen. 1925 wurde der Verlagsname Tyrolia verboten; der neue Name lautete Vogelweider. 1936 wurde auch der verboten; er klang immer noch zu deutsch. Gamper wählte den Namen Athesia. Das war der Name seiner alten Pennälerverbindung und die lateinische Bezeichnung des Etschlandes.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126881_image" /></div> <h3> Der Kampf fürs Dableiben</h3><BR />Gamper war nicht nur ein entschiedener Gegner der Faschisten, er war genauso Gegner der Nationalsozialisten. Sein Name steht fürs Dableiben. Er kämpfte diesmal gegen die Mehrheit seiner Landsleute. In zahlreichen Beiträgen erinnerte er sie daran, wie stark sie und ihre Vorfahren mit dem Land, ihren Höfen und Häusern verbunden waren. Unermüdlich wanderte er von Gemeinde zu Gemeinde, von Hof zu Hof, um die Menschen auch persönlich davon zu überzeugen, dass Hitler-Deutschland keine Rettung, sondern nur Verderben brächte. Sehr viele Gleichgesinnte hatte er nicht, aber Männer wie die Gebrüder <b>Erich und Walther Amonn, Friedl Volgger, Rudolph Posch, Josef Ferrari, Baron Sternbach</b> und <b>Josef Raffeiner</b> stehen stellvertretend für diese kleine Gruppe der entschlossenen Dableiber.<BR /><BR />Gamper kämpfte im wahrsten Sinne des Wortes unter Einsatz seines Lebens fürs Dableiben. Nazis überfielen ihn, man schlitzte die Reifen seines Autos auf, in einer Straßenkurve legte man einen Prügel quer über den Weg, damit er mitsamt Auto verunglücken würde. Es kam sogar vor, dass in das Versammlungslokal, wo er gegen die Option für Deutschland plädierte, hineingeschossen wurde. Die Nazi-Propaganda war bei vielen Südtirolern allerdings erfolgreicher; fürs Dableiben zu plädieren war höchst unpopulär – und gefährlich. Man kann sich heute nurmehr schwer vorstellen, mit wie viel Hass sich die Menschen damals begegneten. Gamper hätte man am liebsten gesteinigt, sogar in seinem eigenen Dorf. Die Schmähbriefe, die er damals erhielt, sind geradezu Legende. Da gab es Briefe wie:<BR /><BR /><BR /><i>„An Pfaff-Gamper, Michael, Verräter Deutsch-Südtirols.<BR />Was willst Du mit Deinen geheimen Versammlungen erreichen?<BR />Willst Du diese paar 100 Wähler, die noch sind, in Verzweiflung treiben oder gar zum Selbstmord?<BR />Kannst Du das verantworten, ist das Eure Lehre?“</i><BR /><BR /><BR />Oder:<BR /><BR /><BR /><i>„Der Teufel in der Wüste versuchte einst den Herrn,<BR />Der Herr Kanonikus die Südtiroler gern.<BR /> Wir lieben unsere Heimat über alles in der Welt,<BR /> Verkaufen keine Seele um lumpig’s Judasgeld. <BR />Wir schänden nicht das Erbe, nicht das eigne Blut, <BR />Wie es der klerikale Agitator tut.“</i><BR /><BR /><BR />86 Prozent der Südtiroler wollten am Ende gehen und ins Deutsche Reich auswandern. 75.000 haben tatsächlich ihre Heimat verlassen.<BR /><h3> Der „Volksfeind Nr. 1“ entkommt der Gestapo</h3><BR />1943 gab es den nächsten Einschnitt: Italien wechselte die Seiten. Die Regierung Badoglio schloss am 8. September einen Waffenstillstand mit den Alliierten, am 9. September besetzte die Wehrmacht Italien. Am gleichen Tag wurde der Athesia-Verlag beschlagnahmt und von den Nazis übernommen, die „Dolomiten“ verboten und eingestellt, der Kanonikus zum „Volksfeind Nr. 1“ erklärt. Aber die Gestapo kam zu spät: Gamper war bereits am 9. September geflüchtet und versteckte sich beim Pfarrer von Wangen. Von da gelang ihm Ende Oktober mit Hilfe seiner Sekretärin <b>Martha Flies,</b> seiner Nichte, zunächst die Flucht nach Parma und von da, allein auf sich gestellt, ins 200 Kilometer entfernte Florenz. Dort kam er am 1. November für die nächsten 14 Tage im Hospiz der Neustifter Chorherren „Poggio alla Noce“ unter. Als es da zu gefährlich für ihn wurde, brachte man ihn im Priesterheim „Convitto ecclesiastico San Leonardo“ in Florenz unter.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126884_image" /></div> <h3> Die Denkschrift</h3><BR />Dort schrieb Gamper die inzwischen berühmte Denkschrift: „Südtirol – ein Problem des Friedens“: 34 Seiten mit 25 Beilagen (insgesamt 100 Seiten). Im September 1944, nach Abzug der Deutschen, kehrte er ins Hospiz der Neustifter Schwestern zurück, wo er die händisch verfasste Denkschrift einer Schreibkraft diktierte.<BR /><BR /><BR />Am 15. Februar 1945 übersiedelte Gamper von Florenz nach Rom. Die Denkschrift war im Prinzip fertiggestellt, musste aber noch ins Englische und Französische übersetzt und dann vervielfältigt werden. Mit viel Mühe hatte man im März je 120 Exemplare zusammen, die dann der Alliierten Kontrollkommission, dem Papst und allen in Rom akkreditierten Vertretern der auswärtigen Mächte übergeben wurden.<BR /><BR /><BR />Auch diese Denkschrift gehört zum bleibenden Vermächtnis des Kanonikus. Sie ist das eindrucksvollste Dokument für die Forderung nach Wiederherstellung der Einheit Tirols. Für den Fall aber, dass „wider Erwarten eine Wiederherstellung Österreichs als freier und unabh<i>ängiger Staat nicht erfolgen sollte“,</i> machte Gamper folgenden Vorschlag: <i>„Die Errichtung eines von anderen Staaten unabhängigen, selbstständigen Tirols als neutraler Freistaat nach Art der Schweiz.“</i> Schließlich verlangte er, dass dem Südtiroler Volk endlich die Möglichkeit gegeben werde, <i>„sich durch eine Volksabstimmung über seine Zukunft auszusprechen“.</i><BR /><BR /><BR />Genauso lautete dann auch der Punkt 3 des Aufrufs der am 8. Mai 1945 gegründeten Südtiroler Volkspartei, der am 19. Mai in den „Dolomiten“ veröffentlicht wurde. An diesem Tag erschien die Zeitung erstmals wieder – gedruckt in Brixen (die Druckmaschinen in Bozen waren zerstört) und offiziell mit Gamper als Chefredakteur, der noch von Rom aus die Politik der SVP mitgestaltete. Am 26. August übergab er in Rom eine „Petition der SVP“ an die Alliierte Kontrollkommission, den Papst und alle in Rom akkreditierten Vertreter der auswärtigen Mächte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126887_image" /></div> <BR /><h3> Keine Rückkehr Südtirols – keine Teilung Südtirols</h3><BR />Die Alliierten entschieden bekanntlich anders. Es gab zwar wieder Österreich, aber keine Rückkehr Südtirols. Aus Misstrauen gegenüber den Absichten der Sowjets – die die Rückkehr ebenfalls abgelehnt hatten – brachten die Briten dann Anfang Mai 1946 die sogenannte Pustertallösung ins Spiel: die Teilung Südtirols. Der nördliche Teil einschließlich Brixen würde an Österreich gehen, der Rest bei Italien bleiben. Österreichs Außenminister <b>Karl Gruber</b> stimmte dem zu, in der Hoffnung, dass, wenn mit dieser Lösung ein Anfang gemacht worden war und Italien die Brennergrenze aufgegeben hatte, wenn man die Italiener damit erst einmal „on the run“ habe, früher oder später auch das übrige Südtirol zurückkehren würde. SVP-Obmann Amon und Gamper lehnten diese Lösung vehement ab, Gamper insbesondere auch wegen der „<i>katastrophalen Folgen“,</i> die sich daraus für den bei Italien verbleibenden Teil des Landes ergeben würden. <BR /><BR /><BR />Der Druck der italienischen Mehrheit auf die tirolische Minderheit werde für diese <i>„umso sicherer tödlich wirken“.</i> Durch die Abtrennung der Bischofsstadt Brixen werde die Geistlichkeit der Führung beraubt und dann <i>„muss das Volk umso leichter eine Beute der italienischen Unterdrückungspolitik werden“.</i> Und: <i>„Ohne Meran, die Wiege des Landes Tirol, gibt es kein Tirol. Ebenso nicht ohne Passeier, dem Geburtsort Andreas Hofers.“</i><BR /><h3> Statt Selbstbestimmung Autonomie</h3><BR />Es gab keine Teilung. Am 24. Juni 1946 entschieden die Alliierten definitiv für Italien und gegen Österreich. Am Ende stand im September 1946 das von Karl Gruber und Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi in Paris abgeschlossene <i>„Gruber-De Gasperi-Abkommen“</i> (Pariser Vertrag), das die Autonomie bringen sollte, in manchen Punkten allerdings – ganz bewusst, wie wir inzwischen wissen – unklar formuliert war. Gamper war enttäuscht, aber davon überzeugt, dass Südtirol ein Recht auf eine eigene Autonomie hatte.<BR /><BR /><BR />Am 5. Dezember 1946 schrieb er in einem Leitartikel der „Dolomiten“: <BR /><BR /><i>„Die Umfriedung des auszuführenden Baues ist uns vorgeschrieben worden. Es sind die Grenzen des italienischen Staates, aber innerhalb dieser Umzäunung wollen wir uns ein Eigenheim aufrichten, nach unserem Geschmack und nach unseren Bedürfnissen – ein richtiges Tiroler Haus.“</i><BR /><BR /><BR />Dazu kam es nicht. Italien sorgte für ein fait a compli, indem es im Juli 1947 eine Verfassung beschloss, die die Bildung einer autonomen Region Trentino-Alto Adige vorsah, und im Jänner 1948 das entsprechende Autonomiestatut verabschiedete. Dies war keine Landesautonomie für Südtirol! Was SVP-Delegierte dann Anfang 1948 mit dem ersten Autonomiestatut aus Rom zurückbrachten, sah er sehr kritisch, vor allem die zum Abschluss der Verhandlungen abgegebene, zustimmende Erklärung zum Vorgehen Roms. Damit, so Gamper, hätten sie den Südtirolern ihre beste Waffe, die Berufung auf die Nichterfüllung des Pariser Vertrages, aus der Hand geschlagen. In der Parteiausschusssitzung am 3. Februar 1948 führte er den Angriff gegen die Delegationsmitglieder, hauptsächlich wegen der abgegebenen Erklärung – „nationales Unglück“ – und erwartete, dass der Parteiausschuss seine Missbilligung aussprechen würde. <Kursiv>„Aber“</Kursiv>, so notierte SVP-Generalsekretär Raffeiner,<i>„Gampers wohlvorbereitete Rede fand nur sehr geringen Beifall.“</i><BR /><BR /><BR />Die Presse blieb Gampers Sprachrohr; seine Kritik drang bis in den Vatikan (Staatssekretär Tardini 1952 zu Österreichs Botschafter <Fett>Kripp</Fett>: „In der Südtiroler Presse ist auch ein Priester tätig, ein unruhiger Mensch; der sollte sich doch ruhiger verhalten...“). Was Gamper, der gemeint war, nicht tat. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126890_image" /></div> <h3> Der Todesmarsch</h3><BR />1951 hatte die Universität Innsbruck Gamper für „besondere Verdienste um die geistige Kultur von Südtirol“ zum Ehrenmitglied ernannt. Diese Kultur sah Gamper damals durch die von Italien in Südtirol praktizierte Politik gefährdet. Mit Misstrauen hatte er die Umsetzung des Autonomieabkommens verfolgt. Aus seiner Sicht spielten die Italiener ein falsches Spiel: Die Südtiroler bekamen keine wirkliche Autonomie, sondern nur eine Scheinautonomie. Gleichzeitig setzte das nunmehr demokratische Italien fast die gleiche Politik fort wie die Faschisten, in erster Linie eine massenhafte Einwanderung. Wir wissen heute, dass dies auf italienischer Seite intern die <Kursiv>„51 Prozent“</Kursiv>-Politik hieß: Das Ziel war weiter die Unterwanderung Südtirols. Bei einer 51-prozentigen Mehrheit der Bevölkerung wäre Rom möglicherweise zu einer Abstimmung bereit gewesen, wenn der außenpolitische Druck entsprechend stark geworden wäre.<BR /><BR /><BR />Gamper wusste nichts von dieser 51-Prozent-Politik, aber sein Gefühl gab ihm recht. In einem inzwischen berühmten Artikel in den „Dolomiten“ vom 28. Oktober 1953 prägte er mit Hinweis auf die anhaltende Zuwanderung von Italienern nach Südtirol den Begriff Todesmarsch: <BR /><BR /><i>„Fast mit mathematischer Sicherheit können wir den Zeitpunkt berechnen, zu dem wir nicht bloß innerhalb der zu unserer Majorisierung geschaffenen Region, sondern auch innerhalb der engeren Landesgrenzen eine wehrlose Minderheit bilden werden. Dies in einem Raum, in dem noch vor kurzem die Italiener nur 3 Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht hatten. Es ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler seit 1945 uns befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt.“</i><BR /><BR /><BR />Seiner Meinung nach würde Rom die Autonomie erst geben, wenn die Italiener die Mehrheit hätten, und dann würde man machtlos sein. Die „Todesmarsch“-Parole beherrschte von nun an die Diskussion. An diesem Thema kam in (Süd-)Tirol – und in Österreich – kein Politiker mehr vorbei.<BR /><BR /><BR />Der deutsche Generalkonsul in Mailand, Reiner Kreutzwald, besuchte Gamper Anfang März 1955in Bozen, um ihm zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren. Was die Zukunft Südtirols betraf, war Gamper damals zutiefst pessimistisch. Gegenüber seinem Besucher meinte er, man werde wohl wieder <i>„in die Schützengräben gehen müssen.“</i> An dem nun beginnenden Kampf für eine echte Autonomie konnte Gamper nicht mehr teilnehmen. Er erkrankte schwer und starb am 15. April 1956.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126893_image" /></div> <h3> Sein Vermächtnis</h3><BR />Kurz vor seinem Tod vertraute Gamper „seine“ Athesia <b>Toni Ebner</b> an, den er schon 5 Jahre zuvor zum Direktor der Verlagsanstalt bestellt hatte und der sein Werk in seinem Sinn fortführen würde. Seinem Wunsch folgend übertrug der Vorstand des Verlagshauses Toni Ebner die Leitung des Unternehmens und den Posten des Chefredakteurs der „Dolomiten“.<BR /><BR /><BR />Zwei Äußerungen von Gamper können als das politische Vermächtnis dieses großen Mannes bezeichnet werden. Zum einen sein Grußwort mit Blick auf die Zukunft Südtirols, das er 4 Wochen vor seinem Tod vom Krankenbett in München an die SVP-Landesversammlung in Bozen schickte, auf der Toni Ebner am 3. Märzzum neuen Parteiobmann gewählt wurde:<BR /><BR /><BR /><i>„Ein Volk, das um nichts anderes kämpft als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!“</i><BR /><BR /><BR /> Dabei verstand er diesen Kampf stets als einen Kampf ohne Gewalt. Die hatte er zeit seines Lebens immer vehement abgelehnt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126896_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Zum andern sein Blick auf die Zukunft Europas – und auch Südtirols. Dazu hatte er in einer Hörfunksendung des RAI Sender Bozen zuvor Folgendes gesagt: <BR /><BR /><i>„Ich bin voller Hoffnung. Dazu ermutigt mich besonders die Überzeugung, dass künftig die politischen Grenzen in einem Europa nicht mehr dieselbe Bedeutung haben werden wie in der Vergangenheit. Es wird darum leichter möglich sein, über diese immer unsichtbarer werdenden Grenzen hinweg kulturelle Gemeinschaft zu pflegen mit Völkern derselben Sprache. Dies verstößt auch ganz und gar nicht gegen das eigene, anderssprachliche Staatsvolk, sondern wird von diesem als ein Beitrag betrachtet werden zu kulturellen Gütern Europas und der Menschheit.“</i><BR />In Südtirol ist der Kanonikus unvergessen. Im Kanonikus-Michael-Gamper-Werk, mit dem die Ausbildung junger Südtiroler/innen unterstützt wird, lebt sein Name fort.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1126899_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Rolf Steininger (Hrsg.), Ein Leben für Südtirol. Kanonikus Michael Gamper und seine Zeit, Athesia Verlag, Edition Dolomiten, Bozen 2017, 431 Seiten