Donnerstag, 15. April 2021

Kanonikus Michael Gamper: Ein Leben für Südtirol

Heute vor 65 Jahren ist Kanonikus Michael Gamper gestorben – und damit ein Mann mit Blick auf die Zukunft Europas. Historiker Rolf Steininger hat auf das Leben, Schaffen und auf das Vermächtnis Gampers zurückgeblickt.

Heute vor 65 Jahren starb Kanonikus Michael Gamper.
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Heute vor 65 Jahren starb Kanonikus Michael Gamper. - Foto: © Repro / Dolomiten-Archiv
Von Rolf Steininger

Am 15. April 1956 ist Kanonikus Michael Gamper gestorben. Mehr als 20.000 Trauergäste nahmen am Gottesdienst und am Begräbniszug teil – ein ganz besonderes Zeichen der Ehrerbietung für einen Mann, der selbstlos für die christlich-sozialen Ideale, für sein Land und für seine Mitmenschen gekämpft hatte.


Der Kanonikus ist die wohl hervorragendste und einflussreichste Persönlichkeit Südtirols in schweren Zeiten gewesen. 3 zentrale Begriffe werden mit ihm dauernd verbunden bleiben: Katakombenschule, Dableiber und Todesmarsch, Begriffe, die die Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben. Und für die unmittelbare Zeit nach 1945 steht der Kanonikus auch für Versöhnung zwischen „Dableibern“ und „Optanten“.

Die Anfänge

Michael Gamper wurde am 7. Februar 1885 als Sohn eines Dorfschmieds in Prissian geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre auch dort, ebenso im Ort seiner Taufe, Tisens, in den Heimatorten seine Eltern am Deutschnonsberg, ab und zu auch im Bezirkshauptort Meran.



Pfarrer und Lehrer im Dorf überzeugten die Eltern, den Jungen auf eine höhere Schule zu schicken. 1896 kam er ins Benediktinergymnasium nach Meran. Zunächst wohnte er privat bei einer Näherin, dann kam der 12-jährige Michael von der zweiten Klasse an im Johanneum unter. Als Oberschüler gehörte er der Verbindung Athesia an. Er war damals kein Kind von Traurigkeit und musste im Schuljahr 1902/03 sogar das Johanneum verlassen.

Studienjahre und eine Eröffnung mit Folgen

Seit dem Herbst des Jahres 1904 studierte Michael Gamper an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Im selben Jahr kam es in der Tiroler Landeshauptstadt zu einem Konflikt um die neue italienische Rechtsfakultät an der Universität. Mancher Deutschnationale sah in der Eröffnung einer solchen Fakultät eine Italianisierung Innsbrucks.

Bei der Eröffnung standen sich plötzlich mehrere hundert deutsche und italienische Studenten kampfbereit gegenüber. Die Polizei war machtlos, und der Statthalter sah sich gezwungen, Militäreinheiten der Kaiserjäger anzufordern. Bei den folgenden Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Demonstranten wurde ein Deutschtiroler Student verwundet und starb in der Folge. Die aufgebrachte Menge tobte. Auch das neue italienische Fakultätsgebäude wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Einheiten der Kaiserjäger mussten ausrücken, um in Innsbruck die Polizei zu unterstützen und die Ordnung wiederherzustellen. Gamper befand sich unter den Demonstranten, wurde aber nicht verhaftet. Auf italienischer Seite waren 2 später bekannte Persönlichkeiten mit dabei: die aus dem Trentino stammenden Alcide De Gasperi und Cesare Battisti.

Der Priester und die Presse

1907 spendete der Bischof von Brixen Gamper in Innsbruck die sogenannten „Niederen Weihen“. Diese galten als Vorstufe zum Priesteramt. Anschließend übersiedelte Gamper an das Priesterseminar nach Trient. Aufgrund einer Krankheit musste er die Priesterweihe durch Fürstbischof Endrici im Jahr 1908 im Lehnstuhl empfangen. Als Neupriester widmete er sich zunächst völlig der Seelsorge, erkannte aber schon damals die Bedeutung der Medien für die Gesellschaft, in erster Linie der Presse.



Schon damals schrieb er kleinere Beiträge für den im Tyrolia Verlag erscheinenden „Volksboten“. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er zum Kanonikus des Kollegiatskapitels in Bozen ernannt und arbeitete in dieser Funktion als Religionslehrer an der dortigen Marienschule. „Der Kanonikus“ wurde schon bald in und um Bozen zu einer bekannten Persönlichkeit.

Der Erste Weltkrieg und dessen Folgen für den Tyrolia-Verlag

Mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg im Mai 1915 wurde Südtirol zum engeren Kriegsgebiet erklärt. Damit wurde die Freizügigkeit zwischen den Landesteilen stark beeinträchtigt. Das hatte auch für den Tyrolia-Verlag Folgen: Die Herausgabe des wöchentlich erscheinenden „Volksboten“ wurde von Brixen nach Innsbruck verlegt.

1918 endete der Krieg. Am 3. November 1918 wurde in der Villa Giusti in Abano in der Nähe von Padua der Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und Italien geschlossen. Anschließend begann die kampflose Besetzung Südtirols durch italienische Truppen, die bereits am 4. November Salurn, den Mendelpass und Schluderns erreichten. Am 5. November wurde Meran besetzt. Von der Mendel kommend erreichte eine Kavalleriepatrouille am 6. November Bozen, am nächsten Tag schließlich besetzten Truppen der 7. Armee die Stadt. Von Bozen drangen die Truppen dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, am 10. November besetzten sie den Brennerpass.


Wenige Tage später untersagten die Italiener die Verbreitung des in Innsbruck verlegten „Volksboten“. Die Konsequenz war ein in Südtirol produzierter „Volksbote“. Für den Chef der Tyrolia, Prälat Ämilian Schöpfer, und seinen Generaldirektor Albert Schiemer kam dafür nur Gamper als Chefredakteur infrage. Der aber lehnte zunächst ab. Schöpfer bat dann den Pfarrer Steck in Grissian, der als ehemaliger Abgeordneter des Tiroler Landtages großes Ansehen genoss. Der sagte zwar zu, aber nur für ein Jahr und unter der Bedingung tatkräftiger Mithilfe Gampers.

So erschien am 3. September 1919 die erste Ausgabe des neuen Blattes. Steck sah sich in erster Linie als Pfarrer, nicht als Zeitungsmacher. Nach einem Jahr zog er sich zurück, Gamper übernahm die Chefredaktion. Für den Kanonikus begann damit ein ganz neuer Lebensabschnitt. 1920 wurde er zum Präsidenten des Südtiroler Tyrolia-Unternehmens gewählt.

Südtirol italienisch

Im Falle Südtirols war das Recht auf Selbstbestimmung in besonders eklatanter Weise verletzt worden. Ein nahezu geschlossenes deutschsprachiges Gebiet war Italien im Vertrag von St. Germain zugeschlagen worden. Für viele Südtiroler war das kaum nachvollziehbar; an den neuen Realitäten konnten sie allerdings nichts ändern. Sie standen mit leeren Händen da und konnten nur das machen, was sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatten: Sie veranstalteten Protestkundgebungen, so am 9. Mai 1920 mit 15.000 Teilnehmern vor dem Andreas-Hofer-Denkmal in Meran.

Sie verlangten die Selbstverwaltung für Südtirol, lehnten jede Gemeinschaft mit dem Trentino ausdrücklich ab, da man befürchtete, in einer Einheitsprovinz von Italienern majorisiert und vom wirtschaftlich schwächeren südlichen Nachbarn ausgenutzt zu werden. Für die Herz-Jesu-Nacht am Sonntag des 13. Juni 1920 wurde ein Flugblatt verbreitet, in dem das ganze Land aufgefordert wurde, auf den Bergketten Feuer zu entzünden. Der letzte Satz lautete: „Von Kufstein bis Salurn mögen die Flammenzeichen lodern, die Nacht unsere Knechtschaft erhellen.“


Generalkommissar Luigi Credaro befürchtete einen Aufstand der Südtiroler, da Gerüchte kursierten, dass 20.000 Bauern an jenem Sonntag nach Bozen marschieren würden. Er verbot das Abschießen von Böllern und das Tragen von Waffen, die Carabinieri- und Militärstationen wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. In Bozen besetzte das Militär die Talferbrücke und stellte vor der Pfarrkirche und im Hof des Postgebäudes Maschinengewehrposten auf.

In mehreren Orten kam es zu Zwischenfällen, zahlreiche Tiroler wurden verhaftet. Zur schwersten Auseinandersetzung kam es in Tramin, wo Carabinieri 2 Männer verhafteten, weil diese ohne behördliche Erlaubnis Böller abgefeuert hatten. Die Traminer Bevölkerung reagierte mit der Belagerung der Carabinierikaserne. Am nächsten Tag wurden 31 Traminer verhaftet und in Ketten nach Trient gebracht, wo einige von ihnen bis zu 7 Monaten Kerkerstrafe erhielten. Ganz misstrauisch wurde man, als der Regierungskommissar von Neumarkt den Eltern befahl, ihre Kinder nicht mehr wie bisher in die deutsche, sondern in eine italienische Schule zu schicken.

Gamper Anwalt und Sprachrohr für die Südtiroler

In dieser Situation war der Kanonikus gefordert. Von Anfang an verstand er sich als eine Art Anwalt und Sprachrohr für die Südtiroler im Kampf gegen die Italianisierung. Mittel dafür war ihm die Presse, deren Bedeutung ihm sehr bewusst war. Am 9. Dezember1929 schrieb er im „Volksboten“:

„Die wirkungsvollste Waffe in diesem Kampfe ist unsere Presse. Sie ist unser Sprachrohr, das den hohen Herren der Regierung laut und entschieden zuruft: die Hände weg von unserer christlichen und deutschen Schule! Die Presse ist das Signalhorn, welches das Volk aufruft und zu einigem, geschlossenem Vorgehen gegen die Feinde unseres Volkstums und unserer heiligsten Güter sammelt ... Die katholischen Tiroler Zeitungen sind die treuen Wächter auf den Zinnen Südtirols, die es uns künden, wenn unserem Volkstum oder unserer Religion Gefahr droht ... Die katholische Presse ist ein Anwalt des Rechtes und der Gerechtigkeit; jedem Unrecht und jeder Bestechlichkeit entschiedener Feind, jedem unterdrückten, unrecht Verfolgten entschiedener Helfer und Freund!“

Gamper baute die Tageszeitung „Der Tiroler“ weiter aus, gründete die Heimatzeitschrift „Der Schlern“, „Die Frau“, die „Jugendwacht“, das „Katholische Sonntagsblatt“ und den „Kleinen Postillon“. Darüber hinaus gab er ab 1921 jährlich den Reimmichl-Kalender heraus, den er für besonders wichtig hielt, weil, wie er einmal meinte, abgesehen von den Religions- und Schulbüchern „der Kalender eigentlich das einzige Buch ist, das alljährlich bis in die letzte Hütte unserer Heimat kommt“.



Mit dem Sieg der Faschisten in Italien 1922 änderte sich alles für die Südtiroler. Einen Vorgeschmack hatte man bereits am 24. April 1921 erlebt, als Faschisten den Marlinger Lehrer Innerhofer ermordeten. Dieser Tag ist als „Blutsonntag“ in die Geschichte Südtirols eingegangen.

Ab 1923 ging es an die Substanz: Fast alles, was deutsch war, wurde verboten, u. a. der Name Tirol. Die Tageszeitung „Der Tiroler“ musste in „Der Landsmann“ geändert werden.

Von Tyrolia zu Vogelweider zu Athesia

Noch gab es deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften. Sie berichteten, so gut es ging, über die Ereignisse und informierten die Bevölkerung – und waren damit den Faschisten ein besonderer Dorn im Auge. 1925 mussten sie ihr Erscheinen einstellen.

Im Rückblick schrieb Gamper 1952: „Das wichtige Bindeglied von Ort zu Ort, von Tal zu Tal war somit zerrissen.“ Mit Unterstützung der Bischöfe von Brixen und Trient gelang ihm allerdings 1927 die Wiederzulassung der „Dolomiten“ und des „Volksboten“.

Diese Blätter erschienen in der Folgezeit 3 Mal in der Woche und waren einer strengen Zensur unterworfen. 1925 wurde auch der Verlagsname Tyrolia verboten; der neue Name lautete Vogelweider. 1936 wurde auch der verboten; er klang zu deutsch. Gamper wählte den Namen Athesia. Das war der Name seiner alten Pennälerverbindung und die lateinische Bezeichnung des Etschlandes.

Spiritus rector der Katakombenschule

Will man einer Minderheit ihre Identität nehmen, muss man ihr ihre Sprache nehmen. Das geschah ab 1923, als die Faschisten mit der Zerstörung der deutschen Schule begannen. Da leisteten die Südtiroler Widerstand, und da spielte Gamper die entscheidende Rolle. Der erste der anfangs genannten 3 Begriffe lautet Katakombenschule. Als die Schließung der deutschen Schule anstand, schrieb Gamper im „Volksboten“:

„Was soll nun geschehen? Sollen wir mit dem Verlust der deutschen Sprache auch das deutsche Volkstum verlieren? Die heutigen Machthaber möchten es. [...] Möge es unser Volk zu verhindern wissen! Nun müssen wir es den ersten Christen nachmachen. Als diese vor den Verfolgern nicht mehr sicher waren, wenn sie in der Öffentlichkeit ihren Gottesdienst hielten, zogen sie sich an den häuslichen Herd zurück. Ein hoher Regierungsbeamter hat die Maßnahme damit begründet, dass die Regierung bestrebt sein müsse, in unserem Lande möglichst rasch einen italienischen Nachwuchs zu erziehen. Soll ihr dies gelingen? Möge es unser Volk zu verhindern wissen! Nun müssen wir es den ersten Christen nachmachen.Als diese vor den Verfolgern nicht mehr sicher waren, wenn sie in der Öffentlichkeit ihren Gottesdienst hielten, zogen sie sich an den häuslichen Herd zurück. Als sie vor den Verfolgern auch da nicht mehr sicher waren, nahmen sie zu den Toten in den unterirdischen Grabkammern, in den Katakomben ihre Zuflucht.“


Michael Gamper wurde zum Spiritus rector einer entstehenden Geheimschule, die unter dem Begriff Katakombenschule in die Geschichte Südtirols eingegangen ist. Am 27. November 1924 machte er im „Volksboten“ klar, was zu tun sei: „Bis zu der Zeit, da wir uns die deutsche Schule wiedererkämpft haben werden, bleibt uns kein anderes Ersatzmittel dafür als die Hausschule.“

Dies wurde von allen verstanden und motivierte die Kräfte der Familien, aus dem Schuldienst entlassene Lehrer und Priester, sich dem Aufbau dieser Geheimschule zu widmen. Gampers aktivste Mitarbeiter waren Josef Noldin, Eduard Reut-Nicolussi, Maria Nicolussi, Emma von Leurs, Gerd Holzeis, Rudolf Riedl und Rudolf Mali. Am 7. März 1922 war Gamper zum 3. Obmann der Südtiroler Volkspartei bestellt worden; dies ermöglichte es ihm in der Folgezeit, Verbindungen nach Österreich und Deutschland aufzubauen und Hilfe von „draußen“ für die Notschule zu sichern.

Die Faschisten reagierten mit Hausdurchsuchungen, Verhören, Misshandlungen, Beschlagnahme der deutschen Schulbücher, Verwarnungen, Mahnungen, Gefängnis und Verbannung. Aber es gelang ihnen nicht, die Katakombenschule zu zerschlagen, auch wenn Mitarbeiter wie Riedl ausgewiesen wurden. Noldin wurde auf die Insel Lipari verbannt und starb nach seiner Rückkehr. Ein weiteres Opfer war die Lehrerin Angela Nikoletti, die mehrmals verhaftet, unter Polizeiaufsicht gestellt und dann ausgewiesen wurde und 1930, erst 25-jährig, starb. Der Geheimunterricht war primitiv und unzureichend, aber, und das war entscheidend: Die deutsche Sprache überlebte.

Der Kampf fürs Dableiben

Der zweite Begriff gilt für die Zeit der Option in der 2. Jahreshälfte 1939. Mit dem Hitler-Mussolini-Abkommen sollten die Südtiroler dem Bündnis der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini geopfert werden.

Die Südtiroler wurden vor die Wahl gestellt, entweder für die deutsche Staatsbürgerschaft zu optieren, was mit der Aussiedlung aus der angestammten Heimat verbunden war, oder sich für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft zu entscheiden, mit der Drohung, dass sie dann keinerlei Schutz mehr für ihr Volkstum in Anspruch nehmen konnten. Das war die berühmt-berüchtigte Option.

Die bittere Alternative lautete: Entweder durch Dableiben dem Volkstum oder durch Gehen der Heimat untreu zu werden, ins Großdeutsche Reich bzw. in Deutschland erobertes Gebiet zu übersiedeln oder in der zunehmend „welschen“ Heimat zu bleiben – unter dem Damoklesschwert, „südlich des Po“ angesiedelt zu werden. Die Heimat würde man in jedem Fall verlieren.

Von Nazis überfallen, von Landsmännern geschmäht

Gamper steht fürs Dableiben. Er kämpfte – im wahrsten Sinne des Wortes unter Einsatz seines Lebens – fürs Dableiben. In zahlreichen Beiträgen erinnerte er die Südtiroler daran, wie stark sie und ihre Vorfahren mit dem Land, ihren Höfen und Häusern verbunden waren. Unermüdlich wanderte er von Gemeinde zu Gemeinde, von Hof zu Hof, um die Menschen auch persönlich davon zu überzeugen, dass Hitler-Deutschland keine Rettung, sondern nur Verderben brächte. Sehr viele Gleichgesinnte hatte er nicht, aber Männer wie die Gebrüder Erich und Walther Amonn, Friedl Volgger, Rudolph Posch, Josef Ferrari, Baron Sternbach und Josef Raffeiner stehen stellvertretend für diese kleine Gruppe der entschlossenen Dableiber.

Nazis überfielen Gamper, man schlitzte die Reifen seines Autos auf, in einer Straßenkurve legte man einen Prügel quer über den Weg, damit er mitsamt Auto verunglücken würde. Es kam sogar vor, dass in das Versammlungslokal, wo er gegen die Option für Deutschland plädierte, hineingeschossen wurde. Er setzte sein Leben aufs Spiel.


Man kann sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, mit wie viel Hass sich die Menschen damals begegneten. Gamper hätte man am liebsten gesteinigt, sogar in seinem eigenen Dorf. Die Schmähbriefe, die er damals erhielt, sind geradezu Legende und einfach furchtbar. Da gab es Briefe wie:

„An Pfaff-Gamper, Michael, Verräter Deutsch-Südtirols.
Was willst Du mit Deinen geheimen Versammlungen erreichen?
Willst Du diese paar 100 Wähler, die noch sind, in Verzweiflung treiben oder gar zum Selbstmord?
Kannst Du das verantworten, ist das Eure Lehre?“


Oder:

„Der Teufel in der Wüste versuchte einst den Herrn,
Der Herr Kanonikus die Südtiroler gern.
Wir lieben unsere Heimat über alles in der Welt,
Verkaufen keine Seele um lumpig’s Judasgeld.
Wir schänden nicht das Erbe, nicht das eigne Blut,
Wie es der klerikale Agitator tut.“


86 Prozent der Südtiroler wollten am Ende gehen und ins Deutsche Reich auswandern. 75.000 haben tatsächlich ihre Heimat verlassen.


Der „Volksfeind Nr. 1“ entkommt der Gestapo

1943 gab es den nächsten Einschnitt. Italien wechselte die Seiten; die Regierung Badoglio schloss am 8. September einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Gamper berichtete später in den „Dolomiten“ über das Geschehen an jenem Tag:

„Am 8. September 1943 war es. Wir hatten aus dem Lautsprecher Badoglios Radiobotschaft über den Abschluss des Waffenstillstandes mit den Alliierten vernommen. Eben war ein Freund bei mir eingetreten, um mir angesichts der neuen Lage Ratschläge für das für mich persönlich daraus zu folgende Verhalten zu geben. Durch das Fenster drang der Jubel der durch die Straßen flutenden italienischen Mitbürger über die 'Beendigung des Krieges'. 'Diese werden sich morgen anschauen, wenn sie gewahr werden, wie das Kriegsende aussieht', bemerkte mein Besuch. Bald hernach kam auch Herr Posch [Chefredakteur der 'Dolomiten', Rudolf Posch] zu uns. Den Armen schien nur der Gedanke zu beschäftigen, wie das neueste Ereignis journalistisch ausgewertet werden könnte. 'Wir müssen doch morgen eine Extraausgabe herausbringen', meinte er. Da mir andere Sorgen näher lagen, zeigte ich nicht allzu viel Lust, auf die wohlgemeinte Anregung meines Kollegen einzugehen. Doch er drängte: 'Waffenstillstand! Das wird wohl wichtig genug sein, um eine Sonderausgabe zu rechtfertigen?!' Schließlich bemerkte ich, er möge, wenn er wirklich eine solche Ausgabe beabsichtige, einmal bei der Präfektur anfragen, ohne deren Erlaubnis ein Extrablatt nicht ausgegeben werden konnte, fügte aber hinzu: 'Morgen können wir ja auch besetzt sein!' Daran hatte unser guter Posch nicht gedacht. 'Glaubst du wirklich ...?' Mit dem Bemerken, er habe noch nicht zu Abend gegessen – es war bereits 9 Uhr –, verabschiedete er sich.
Am nächsten Tag ging er wie jeden Tag um 7 Uhr früh in die Redaktion, um an der nächsten Nummer der 'Dolomiten' zu arbeiten. Kurz darauf traten Abgesandte der Gestapo, die in der Nacht zuvor in Bozen die Macht ergriffen hatte, bei ihm ein und forderten ihn auf mitzukommen. Der verantwortliche Direktor bezahlte ebenso wie sein Kollege Dr. Friedl Volgger die Treue zu seinem Blatt und den von ihm vertretenen Grundsätzen mit dem KZ von Dachau. Von dem Tag an erschienen die 'Dolomiten' nicht mehr.“


Verbot der „Dolomiten“

Der „nächste Tag“ war der 9. September, an dem die Wehrmacht Italien besetzte. Am gleichen Tag wurde der Athesia-Verlag beschlagnahmt und von den Nazis übernommen und die „Dolomiten“ verboten und sofort eingestellt. Die Besetzung Südtirols und Italiens durch die deutsche Wehrmacht wurde von der überwiegenden Mehrheit der Südtiroler als Befreiung vom italienischen Joch empfunden. Nach 20 Jahren faschistischer Herrschaft schien der Tag der lang ersehnten Befreiung gekommen zu sein.

Der erklärte Gegner von Faschismus, Nationalsozialismus und Option, Kanonikus Michael Gamper, wurde zum „Volksfeind Nr. 1“ erklärt. Aber die Gestapo kam zu spät: Gamper war bereits am 9. September geflüchtet und versteckte sich in den folgenden Wochen beim Pfarrer von Wangen. Von da gelang ihm Ende Oktober mit Hilfe seiner Sekretärin Martha Flies, seiner Nichte, die Flucht nach Parma; und von da, allein auf sich gestellt, ins 200 Kilometer entfernte Florenz. Dort kam er am 1. November für die nächsten 14 Tage im Hospiz der Neustifter Chorherren „Poggio alla Noce“ unter. Als es dort zu gefährlich für ihn wird, bringt man ihn im Priesterheim „Convitto ecclesiastico San Leonardo“ in Florenz unter.


Die Denkschrift

Dort schrieb er die inzwischen berühmte Denkschrift mit dem Titel: „Südtirol – ein Problem des Friedens“: 34 Seiten mit 25 Beilagen (insgesamt 100 Seiten). Im September 1944, nach Abzug der Deutschen, kehrte er in das Hospiz der Neustifter Schwestern zurück, wo er die händisch verfasste Denkschrift einer Schreibkraft diktierte.

Am 15. Februar 1945 übersiedelte Gamper von Florenz nach Rom. Die Denkschrift war im Prinzip fertiggestellt, musste aber noch ins Englische und Französische übersetzt und dann vervielfältigt werden.

Mit viel Mühe hatte man im März je 120 Exemplare zusammen, die dann der „Alliierten Kontrollkommission, dem Papst und allen in Rom akkreditierten Vertretern der auswärtigen Mächte“ übergeben wurden.

Die Denkschrift ist das eindrucksvollste Dokument für die Forderung nach Wiederherstellung der Einheit Tirols. Für den Fall, dass „wider Erwarten eine Wiederherstellung Österreichs als freier und unabhängiger Staat nicht erfolgen sollte“, machte Gamper folgenden Vorschlag: „Die Errichtung eines von anderen Staaten unabhängigen, selbstständigen Tirols als neutraler Freistaat nach Art der Schweiz.“

Schließlich verlangte er, dass dem Südtiroler Volk endlich die Möglichkeit gegeben werde, „sich durch eine Volksabstimmung über seine Zukunft auszusprechen“.

Genauso lautete auch der Punkt 3 des Aufrufs der Südtiroler Volkspartei vom 8. Mai 1945, der am 19. Mai in den „Dolomiten“ veröffentlicht wurde. An diesem Tag erschien die Zeitung erstmals wieder – gedruckt in Brixen (die Druckmaschinen in Bozen waren zerstört) und offiziell mit Gamper als Chefredakteur, der noch von Rom aus die Politik der SVP mitgestaltete.

Am 26. August übergab er eine „Petition der SVP“, wie die berühmte Denkschrift ebenfalls adressiert an die Alliierte Kontrollkommission, den Papst und alle in Rom akkreditierten Vertreter der auswärtigen Mächte.

Keine Rückkehr Südtirols – keine Pustertal-Lösung

Die Alliierten entschieden bekanntlich anders. Aus Misstrauen gegenüber den Absichten der Sowjets – die Rückkehr ebenfalls abgelehnt hatten – brachten die Briten dann Anfang Mai die Pustertal-Lösung ins Spiel – der nördliche Teil Südtirols einschließlich Brixen würde an Österreich gehen, der Rest bei Italien bleiben.

Außenminister Karl Gruber stimmte dem zu, in der Hoffnung, dass, wenn mit dem Pustertal ein Anfang gemacht worden war und Italien die Brennergrenze aufgegeben hatte, wenn man die Italiener damit erst einmal „on the run“ habe, früher oder später auch das übrige Südtirol zurückkehren würde.


Gamper war ein vehementer Gegner der Pustertal-Lösung und sah hier nur eine weitere Teilung Südtirols. In einem umfangreichen Memorandum stellt er u.a. fest:

„Es musste von Anfang an klar sein, dass sich die Südtiroler einer Grenzziehung gegenüber, die nur einen kleinen Streifen ihres Landes Österreich zurückgeben und den größeren Rest bei Italien belassen würde, absolut ablehnend verhalten würden, insbesondere auch wegen der katastrophalen Folgen, die sich für den bei Italien verbleibenden Teil des Landes daraus ergeben würden... Der Druck der italienischen Mehrheit auf die tirolische Minderheit wird für diese umso sicherer tödlich wirken, als die Verwaltung Südtirols heute noch fast ganz in Händen von Beamten liegt, die bereits in der faschistischen Ära hier gewesen sind und – selber Faschisten – gefügige Werkzeuge der gegen die Südtiroler gerichteten Ausrottungspolitik gewesen sind... Mit der Abtrennung der Bischofsstadt Brixen, dem 1000-jährigen Zentrum des Landes, wäre das gesamte übrige bei Italien verbleibende Südtirol dem italienischen Bistum Trient überantwortet... Der Führung durch die Geistlichkeit beraubt, muss das Volk umso leichter eine Beute der italienischen Unterdrückungspolitik werden... Ohne Meran, die Wiege des Landes Tirol, gibt es kein Tirol. Ebenso nicht ohne Passeier, dem Geburtsort Andreas Hofers.“


Statt Selbstbestimmung Autonomie

Am 24. Juni 1946 entschieden die Alliierten definitiv für Italien und gegen Österreich. Am Ende stand das in Paris abgeschlossene Gruber-De Gasperi-Abkommen vom September 1946. Gamper war zwar enttäuscht, aber doch davon überzeugt, dass Südtirol ein Recht auf eine eigene Autonomie hatte.

Am 5. Dezember 1946 schrieb er in einem Leitartikel der „Dolomiten“:

„Die Umfriedung des auszuführenden Baues ist uns vorgeschrieben worden. Es sind die Grenzen des italienischen Staates, aber innerhalb dieser Umzäunung wollen wir uns ein Eigenheim aufrichten, nach unserem Geschmack und nach unseren Bedürfnissen – ein richtiges Tiroler Haus.“

Für ihn konnte das nur Provinzautonomie heißen. Was die SVP-Delegation dann Anfang 1948 mit dem ersten Autonomiestatut aus Rom zurückbrachte, sah er sehr kritisch: „Die getroffene Regelung stellt einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zur Erfüllung des Pariser Vertrages dar, aber die Erfüllung ist sie nicht. Erst recht für Südtirol bedeutet die beschlossene Autonomie wohl eine 'Annäherung an ein autonomes Leben', aber nicht dieses selbst. Eine solche wird erst die Frucht weiteren Ringen unseres Volkes sein um die Verwirklichung des ihm zugestandenen und nun erst zum Teil verwirklichten Rechtes.“

Gamper sei, so hieß es intern, über die Ergebnisse der Verhandlungen in Rom enttäuscht, ja bestürzt. Vor allem die zum Abschluss der Verhandlungen von Parteiobmann Amonn abgegebenen Erklärung – der berühmte Perassi-Brief –, wonach der Pariser Vertrag durch die von Italien gewährte Autonomie erfüllt worden sei. In der Parteiausschusssitzung am 3. Februar 1948 führte Gamper den Angriff gegen die Delegationsmitglieder, hauptsächlich wegen der abgegebenen Erklärung:

„Das durften sie nie und nimmer. Sie haben sich damit des einzigen Erbes begeben, das von dem Kampf um unser Selbstbestimmungsrecht und von Paris her auf uns gekommen und das allein uns Stütze sein konnte gegenüber dem sicher bald fühlbar werdenden Druck des 50 Millionen Volkes. Sie durften diese Erklärung nicht abgeben einmal, weil sie der Wahrheit widerspricht...
Unseren Vertretern in Paris ist es ja schon dort klar geworden, dass De Gasperi den Vertrag vor allem dazu benutzen sucht, um dem Trentino eine Sonderautonomie zuzuschanzen, die es sonst niemals erhalten konnte, die es nur erreichen konnte, wenn man es bei uns einhängen ließ...
In Paris ist Italien in einem internationalen Vertrag verpflichtet worden, uns ein Eigenleben zuzugestehen. Und so blieb für die Zukunft die Möglichkeit bestehen, an die Alliierten zu appellieren. Wir waren nicht für immer Italien allein ausgeliefert. In Paris hatte man uns ein Instrument in die Hand gegeben, das wir zu unserem Schutze gebrauchen konnten, wenn es einmal notwendig sein sollte. Dieses Instrument haben sich die Herren in Rom von Innocenti und seinen Auftraggebern aus den Händen winden lassen und haben dafür diesen ein Dokument in die Hand gegeben, womit wir auf Gnade und verderben den Italienern überantwortet sind. Ich betrachte die Erklärung als ein nationales Unglück....
Eine endgültige Zustimmung zu der in Rom abgegebenen Verzichtserklärung würde uns die Waffe, die uns für den legalen Kampf um unsere Rechte verblieben ist, für immer aus der Hand schlagen. Und das darf nicht geschehen... Für die Entscheidung, die wir heute fällen, werden wir über kurz oder lang von unserem Volke zur Verantwortung gezogen werden. Möge die Entscheidung so ausfallen, dass wir vor der Verantwortung bestehen können.“


Gamper erwartete, dass der Parteiausschuss ebenfalls seine Missbilligung aussprechen würde. „Aber“, so notierte SVP-Generalsekretär Raffeiner, „Gampers wohlvorbereitete Rede fand nur sehr geringen Beifall.“ Der Antrag, die Tätigkeit der Delegation, einschließlich der Erklärung, gutzuheißen und zu billigen, wurde vom Ausschuss mit 17 gegen eine Stimme und 2 Enthaltungen angenommen.

Die Todesmarsch-Parole

Die Presse war wie schon in der Vergangenheit Gampers Sprachrohr; er war eine anerkannte Führungsgestalt innerhalb der SVP-Spitze und war an fast allen Entscheidungen der Partei maßgeblich beteiligt. Er hielt in der Folge vielfältigen Kontakt zu Politikern in Nordtirol und Deutschland. 1951 ernannte ihn die Universität Innsbruck für „besondere Verdienste um die geistige Kultur von Südtirol“ zum Ehrenmitglied.


Diese Kultur sah Gamper mehr und mehr gefährdet. In einem inzwischen berühmten Artikel in den „Dolomiten“ vom 28. Oktober 1953 ging er darauf ein:

„Nicht genug damit. Wir müssen immer wieder davon reden, weil es unsere tägliche, ja stündliche Not ausmacht – die gewollte Unterwanderung unseres Volkes geht unaufhaltsam weiter. Auch das eine Frucht der unzulänglichen 'Lösung'! Zu vielen Zehntausenden sind nach 1945 und nach Abschluss des Pariser Vertrages Italiener aus den südlichen Provinzen in unser Land eingewandert, während zur gleichen Zeit die Rückkehr von einigen Zehntausenden unserer umgesiedelten Landsleute unterbunden wurde. Von Jahr zu Jahr sinkt so der Prozentsatz der einheimischen Bevölkerung steil ab gegenüber dem unheimlichen Anschwellen der Einwanderer. Fast mit mathematischer Sicherheit können wir den Zeitpunkt errechnen, zu dem wir nicht bloß innerhalb der zu unserer Majorisierung geschaffenen Region, sondern auch innerhalb der engeren Landesgrenzen eine wehrlose Minderheit bilden werden. Dies in einem Raume, in dem noch vor kurzem die Italiener nur drei Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht hatten. Es ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler seit 1945 uns befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt .“

Am nächsten Tag meldete die „Alto Adige“ mit entsprechenden Fotos, dass an den Häuserwänden Bozens Parolen aufgemalt worden seien, wie „Südtirol zu Österreich“, „Volksabstimmung für Südtirol“ und andere „von der Villa Brigl [dem Sitz der SVP] lancierte Idiotien“.

Mit seiner Todesmarsch-Befürchtung hatte Gamper im Prinzip Recht: Rom wollte damals durch massive Zuwanderung von Italienern eine italienische Mehrheit in Südtirol schaffen. Das war die inzwischen viel zitierte, im italienischen Außenministerium intern so genannte „51 Prozent“-Politik, die in vielem den Plänen der Faschisten ähnelte. Dazu passt eine Äußerung von Giulio Andreotti, die er im November 1960 in kleinem Kreise machte, nämlich: „Man muss etwas Geduld üben – in einer Generation wird sich die Lage zu Gunsten der Italiener gewandelt haben.“

Letztlich funktionierte dieser Plan nicht. Dies lag auch daran, dass man bei der SVP und vor allem in Österreich beim Thema künstliche Zuwanderung immer empfindlicher reagierte und Italien einer groben Verletzung des Pariser Vertrages bezichtigte.



Die Todesmarsch-Parole beherrschte jedenfalls von nun an die Diskussion. Am 24. November 1953 veranstaltete der „Bund der Tiroler Heimatverbände“ in Innsbruck eine Südtirolkundgebung, um die „Volksmeinung aufzuwecken“. Es war die erste Veranstaltung dieser Art seit 1946 mit etwa 1000 Teilnehmern. An diesem selben 24. November fand auch die konstituierende Sitzung des neu gewählten Tiroler Landtages statt, in der Landeshauptmann Alois Grauß Verwahrung einlegte gegen die rücksichtslose Verdrängung des Südtiroler Volkstums durch eine sinnwidrige italienische Auslegung und Anwendung des Pariser Vertrages. Am nächsten Tag lautete die Schlagzeile der „Tiroler Tageszeitung“: „Südtirol auf dem Todesmarsch.“ Nordtirol hatte die Parole von Kanonikus Gamper übernommen.

„Die gefährlichsten Feinde der Südtiroler“

Nur wenige Tage später, am 5. Dezember 1953, tagte der „Südtiroler Arbeitskreis“ in Innsbruck. Dieser Kreis war im Oktober 1952 gegründet worden, um in der Südtirolfrage aktiv zu werden. Es waren nur wenige Mitglieder, aber illustre Namen, die in den folgenden Jahren noch eine entscheidende Rolle in der Südtirolfrage spielen sollten.

An der Spitze stand Univ.-Prof. Franz Gschnitzer, Mitglied des Nationalrates; dann waren dabei: Eduard Reut-Nicolussi, der 1918/19 Südtiroler Vertreter in der provisorischen Nationalversammlung in Wien gewesen, 1928 aus Südtirol geflüchtet war und in seinem Buch „Südtirol unterm Beil“ mit den Faschisten abgerechnet hatte; 1934–1958 war er Professor für Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Innsbruck, Mitglied der Widerstandsbewegung O5, nach 1945 als Referent für Südtirol bei der Tiroler Landesregierung faktisch Leiter der Landesstelle für Südtirol und Obmann des „Verbandes der Südtiroler“; mit dabei waren auch Herbert Thalhammer, Leiter der Abteilung Landesplanung und Statistik bei der Tiroler Landesregierung sowie Hans Graf Trapp, bevollmächtigter Vertreter der SVP in Tirol und Verbindungsmann zwischen SVP und Tiroler Landesregierung.

Der Sitzung am 5. Dezember kommt besondere Bedeutung zu, da erstmals ein Vertreter der SVP teilnahm, nämlich Friedl Volgger, der über die Lage in Südtirol berichtete. Anschließend fielen harte Worte. Für Gschnitzer war klar: „Österreich soll bei Italien intervenieren“, und Thalhammer ergänzte: „Man muss aber Wien zwingen, sich zu äußern. Wir müssen Wien vorwärtstreiben und zwingen.“ Reut-Nicolussi brachte die Diskussion auf den Punkt. Die Sache sei nun im Rollen und müsse auch betreffs Lautstärke weitergetrieben werden: „Heute muss eine radikale Lösung verlangt werden: Bruch mit Trient, Regionalautonomie für die Südtiroler allein, keine Kompromisse mehr.“

Graf Trapp nannte das eigentliche Problem: „Die Trentiner sind die gefährlichsten Feinde der Südtiroler.“

Ein Jahr später, am 20. November 1954, lud Landeshauptmann Grauß zu einer Südtirol-Besprechung ein, an der von Südtiroler Seite auch Kanonikus Gamper teilnahm, der an entscheidender Stelle anregte, für das weitere Vorgehen folgende Punkte zu prüfen:

1. ob man eine „Europäisierung“ Südtirols verlangen solle, auch wenn man wisse, damit über das Ziel hinauszuschießen;
2. wie weit Österreich in der gegenwärtigen Situation in der Lage sei, die Bestrebungen der Südtiroler zu unterstützen, insbesondere unter Ausnutzung des „Trumphes Triest“ [wo Italien eine Volksabstimmung gefordert hatte];
3. ob Österreich eine gewissenhafte Durchführung oder eine Reform des Pariser Abkommens verlangen sollte;
4. wie die gegenwärtige Position der Regierung Scelba zu beurteilen sei und ob deren allfällige Schwächen zu Gunsten Südtirols ausgenützt werden könnten;
5. die Bedienung der deutschsprachigen, aber auch der fremdsprachigen Presse mit Material über Südtirol, „damit das Interesse der Welt daran wach erhalten bleibe“.

Zum 70. Geburtstag

Anlässlich seines 70. Geburtstages 1955 wurde Gamper außerordentlich geehrt.

Glückwünsche kamen aus Österreich – u. a. von Kardinal Theodor Innitzer, Bundeskanzler Julius Raab, Außenminister Leopold Figl und dem Ersten Präsidenten des Nationalrats, Felix Hurdes –, aber auch aus Deutschland: von Kardinal Josef Frings aus Köln und mehreren deutschen Bischöfen.


Der Vorsitzende der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands, Heinrich Jansen-Cron, schrieb:

„Wir alle sehen in Ihrem Leben wirklich eine vorbildliche Leistung sowohl auf dem Gebiet der Zeitung als auch in der Behandlung des Interesses der katholischen Tiroler überhaupt.“

Gampers Persönlichkeit wurde allseits gewürdigt, selbst von seinen Gegnern. Unter den vielen ehrenden Zeitungsartikeln, die in der italienischen und internationalen Presse erschienen, sei hier nur der des schärfsten Gegners von Gamper, die „Alto Adige“, erwähnt, der den Kanonikus trotz dieser Gegnerschaft uneingeschränkt seine Anerkennung und Bewunderung zollte. Dort hieß es u. a.:

„Der hervorragende Journalist und Schriftsteller, der sich seit über 30 Jahren mit Ungestüm für die Ziele der deutschen Volksgruppe einsetzt und ohne die taktischen Rücksichten dessen, der in der Politik eine Kunst des Möglichen sieht, wird mit Recht südlich des Brenners als der bedeutendste Vertreter der strengsten katholisch-konservativen Tradition Tirols betrachtet. Damit erklärt sich sein kompromissloses Vorgehen und ebenso auch seine Unnachgiebigkeit, die manchmal fast an fanatischen Radikalismus grenzt. Das schließt jedoch nicht aus, dass alle seine Gegner, selbst diejenigen, die ihn nicht verstehen können noch wollen, seine Redlichkeit, seine Logik und – es bedarf keiner besonderen Erwähnung – auch seine Fähigkeiten anerkennen müssen, die Fähigkeiten dieses Journalisten im Priestergewand, der trotz allem allgemeine Achtung gebietet und von dem man mit dem volkstümlichen, aber treffenden Ausdruck sagen kann: Er ist aus einem Stück Holz geschnitzt.“

Die Zeitung „Alto Adige“ würdigte anschließend die unbeugsame und patriotische Haltung Gampers in der Zeit der Besetzung Südtirols durch deutsche Truppen und äußerte sogar den Wunsch, dass der Journalist Gamper mit seinen anerkannten Fähigkeiten noch für viele Jahre an der Spitze der Presse der Südtiroler Volksgruppe bleiben möge.

Die Zeitung sprach mit diesen Worten nur das aus, was wohl viele Italiener von diesem Mann dachten, den sie insgeheim wegen seines folgerichtigen, geradlinigen Eintretens für die Belange des Deutschtums in Südtirol bewunderten.

Der deutsche Generalkonsul in Mailand, Reiner Kreutzwald, hatte damals im Auswärtigen Amt in Bonn anlässlich des Geburtstages von Gamper angeregt, eine deutsche Universität zu veranlassen, Gamper wegen „seiner vielfältigen kulturellen Verdienste und insbesondere des politischen Verdienstes, für die Achtung des Volkstums und die Wahrung der Volksgrenzen eingetreten zu sein, ohne die ein neues Europa wird nicht existieren können, die Würde eines Ehrendoktors zu verleihen“.

Was folgte, zeigte das schwierige Verhältnis des offiziellen Bonn beim Thema Südtirol. Bonns Botschafter in Rom, Heinrich von Brentano, der vom Auswärtigen Amt um eine Stellungnahme gebeten wurde, sah das alles ganz anders.

Bei aller aufrichtigen Anerkennung der Verdienste von Gamper hatte er doch Bedenken, die Verleihung eines Ehrendoktorates zu befürworten. Die Gründe: „Gamper war der Führer der heimattreuen Deutschen in Südtirol. Wenn man ihn jetzt auf Initiative amtlicher Stellen hin zum Ehrendoktor einer deutschen Universität machen würde, könnte dies doch als eine Einmischung in innere politische italienische Angelegenheiten ausgelegt werden.“

Und wenn schon ein Ehrendoktorat, dann hielt von Brentano es zumindest für erforderlich, vorher mit der italienischen Regierung Fühlung aufzunehmen, um festzustellen, ob von Seiten Italiens Bedenken bestünden. Und dann kam ein abschließender Satz, der die Dinge noch deutlicher machte: „Unabhängig davon bin ich der Ansicht, dass diese Art der Ehrung besser unterbleibt. Südtirol hat schließlich zu Österreich gehört, und Kanonikus Gamper ist auch [...] von österreichischer Seite gebührend geehrt worden. Eine weitere Herausstellung seitens der Bundesrepublik halte ich nicht für angebracht.“

Die Auffassung Brentanos wurde im Auswärtigen Amt geteilt. Es war dort sogar von „ernstesten Bedenken“ die Rede, da ganz allgemein die Auffassung herrsche, „dass ein derartiger Schritt fast mit Sicherheit zu außenpolitischen Weiterungen führen müsste.“ Und es wurde die Weisung erteilt, von allen weiteren Schritten in dieser Angelegenheit abzusehen. Es gab kein Ehrendoktorat.

Kreutzwald besuchte Gamper aber Anfang März 1955 in Bozen, um ihm persönlich zu gratulieren. Was die Zukunft Südtirols betraf, war Gamper damals zutiefst pessimistisch.

Gegenüber seinem Besucher meinte er, man werde wohl wieder „in die Schützengräben gehen müssen“.

An dem nun beginnenden Kampf für eine echte Autonomie konnte Gamper nicht mehr teilnehmen. Er erkrankte schwer und starb am 15. April 1956. Sein Vermächtnis lebt im Kanonikus-Michael-Gamper-Werk fort, mit dem die Ausbildung junger Südtiroler und Südtirolerinnen unterstützt wird.


Das Vermächtnis des Kanonikus


Zum einen: Kurz vor seinem Tod vertraute Gamper „seine“ Athesia Toni Ebner an, den er schon 5 Jahre zuvor zum Direktor der Verlagsanstalt bestellt hatte und der sein Werk in seinem Sinn fortführen würde. Seinem ausdrücklichen Wunsch folgend übertrug der Vorstand des Verlagshauses Toni Ebner die Leitung des Unternehmens und den Posten des Chefredakteurs der „Dolomiten“.


Zum anderen: 2 Äußerungen von ihm, die man als das politische Vermächtnis dieses großen Mannes bezeichnen kann.
Das Grußwort mit Blick auf die Zukunft Südtirols, das er vom Krankenbett in München an die SVP-Landesversammlung schickte: „Ein Volk, das um nichts anderes kämpft als um sein natürliches und verbrieftes Recht, wird den Herrgott zum Bundesgenossen haben!“ Dabei verstand er diesen Kampf stets als einen Kampf ohne Gewalt. Die hatte er zeit seines Lebens immer vehement abgelehnt.

Und mit Blick auf die Zukunft Europas – und auch Südtirols – hatte er kurz zuvor in einer Hörfunksendung des RAI Sender Bozen Folgendes gesagt:

„Ich bin voller Hoffnung. Dazu ermutigt mich besonders die Überzeugung, dass künftig die politischen Grenzen in einem Europa nicht mehr dieselbe Bedeutung haben werden wie in der Vergangenheit. Es wird darum leichter möglich sein, über diese immer unsichtbarer werdenden Grenzen hinweg kulturelle Gemeinschaft zu pflegen mit Völkern derselben Sprache. Dies verstößt auch ganz und gar nicht gegen das eigene, anders- sprachliche Staatsvolk, sondern wird von diesem als ein Beitrag betrachtet werden zu kulturellen Gütern Europas und der Menschheit.“



Buchtipp:

Rolf Steininger (Hrsg.), „Ein Leben für Südtirol. Kanonikus Michael Gamper und seine Zeit“, Edition Dolomiten, Athesia Verlag, Bozen 2017, 431 Seiten, (mit der Denkschrift „Südtirol – ein Problem des Friedens“, S. 226–425).

stol