Bis heute bilden sie ein wichtiges Fundament von Verfassungen und Rechtssystemen demokratischer Staaten und sind in der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 verankert. Vor Kurzem jährte sich sein 300. Geburtstag. Hier nun eine Hommage an einen der wegweisenden deutschen Denker und weltweit wichtigsten Philosophen. <b>Von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021611_image" /></div> <BR /><BR />Der in Israel geborene Philosoph <b>Omri Boehm</b>, Professor an der New School for Social Research in New York, hält in seinem neuesten Buch „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität“ dem sogenannten „liberalen Universalismus“ einen „wahren Universalismus“ entgegen, den er aus 3 berühmten Quellen der Ideengeschichte destilliert: aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Diskussion über Sklaverei und Bürgerrechte der Afroamerikaner; dann aus Kants Schriften, insbesondere dem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ und schließlich aus der Erzählung von der Opferung Isaaks im 1. Buch Mose im Alten Testament. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021614_image" /></div> <BR /><BR />Kant habe, laut Boehm, diese Entstellung einer liberalen Identitätspolitik klar erkannt, ja, mit Kant könne und müsse man zu einem wirklichen und radikalen Universalismus zurückkehren. Denn entscheidend sei, dass man den Menschen nicht auf ein Naturwesen reduziere, das wissenschaftlich beschrieben werden könne, sondern ihm aufgrund seiner Freiheit eine letztlich nur metaphysisch zu begründende Würde zuerkenne.<BR /><BR /><BR />In einem „Gespräch über Kant“, das Omri Boehm mit dem Erfolgsschriftsteller <b>Daniel Kehlmann</b> geführt hat und nun als Buch vorliegt, geht es darum, wie Boehms These vom „Radikalen Universalismus“ auf Kants Denken zu beziehen ist: „…als ich Boehms 'Radikalen Universalismus' las, fühlte ich mich mit <i>aller Kraft an das erinnert, was mich an Kants Denken fasziniert hatte. Der Philosoph, dem ich durch Omri Boehms Vermittlung begegnete, war kein höflicher Wächter der Sittlichkeit, kein Produzent gewunden trockener Sätze, kein staatsfrommer Obrigkeitsanwalt, sondern ein Denker, vor dessen regelrecht anarchistischer Kompromisslosigkeit kein Stein auf dem anderen blieb.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021617_image" /></div> <BR /><BR />Immanuel Kant bietet laut Kehlmann zu vielen Konflikten unserer Zeit echte Lösungswege, und sein Universalismus ist ein echter Weg! Eine große Quelle von Konflikten unserer Zeit liegt ja in der Identitätspolitik. Und da wird man daran erinnert, wie viele unterdrückte Gruppen es gibt, die einfach übersehen werde und deren Geschichte nicht erzählt wird. Aber es ist dann eben doch wichtig zu sagen, wie sieht überhaupt die Welt aus, gibt es überhaupt etwas zusätzlich zu einer Welt, die nur aus gegeneinander kämpfenden Gruppen mit jeweils eigenen Interessen besteht? Und damit es ein Zusammenleben aller Menschen in einer „Republik“ – heute würden wir Demokratie sagen – in einem ewigen Frieden gibt. <BR /><h3> Krieg und Frieden</h3><BR />Doch im Zuge von Debatten über Identität und die Anerkennung diskriminierter Gruppen gerät dieses Erbe der Aufklärung zunehmend in die Kritik. Progressive linke Bewegungen erheben den Vorwurf, dass die Rede von universellen Werten von Anfang an scheinheilig gewesen sei.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021620_image" /></div> <BR />Und so äußert sich Kant auch zu einem überaus aktuellen Thema, Krieg und Frieden in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden. Ein Philosophischer Entwurf“ aus dem Jahr 1795, in der er eingangs festhält: <i>„Wenn …die Bestimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, ob Krieg sein soll, oder nicht, so ist nichts natürlicher, als dass, sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müssten, …sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen.“</i> Der neun Jahre vor seinem Tod in Königsberg verfasste „philosophische Entwurf“ reifte in den Jahren tiefgreifender politischer Umwälzungen heran: der Beginn der französischen Revolution, der Kampf gegen die preußische Zensur, die seine politischen Schriften mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Der ewige Frieden war ihm das „höchste politische Gut“. Allerdings unterstreicht er bereits in seinem Vorwort: <i>„Ob diese satirische Überschrift auf dem Schilde eines holländischen Gastwirts, worauf ein Kirchhof gemalt war, die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur die Philosophen gelte, die jenen süßen Traum träumen, mag dahin gestellt sein.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021623_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR />Wir begegnen hier einem Grundmotiv der kantischen Moralphilosophie: <i>„Krieg ist das größte Übel der Menschheit, weil er ein Unrecht ist.“</i> Und dieses Unrecht besteht darin, dass im Krieg die Menschenrechte nicht hinlänglich gesichert sind. So kann ein Staat im Falle eines Krieges die Körperliche Unversehrtheit seiner Bürger ebenso wenig schützen wie ihr Eigentum und alle weiteren Rechte, die unser tägliches Leben regeln. Gleichermaßen betont Kant auch, „dass stehende Heere mit der Zeit ganz aufhören sollten, denn sie b<i>edrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen…“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021626_image" /></div> <BR />Immanuel Kant, der im fernen und abgesicherten Königsberg nie einen Krieg hautnah erlebt hat, der mit seinen 3 großen Abhandlungen – die „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) und die „Kritik der Urteilskraft“ (1790) – davon geträumt hat, ein allgemeingültiges, zeitloses und vernunftbasiertes Modell des Zusammenlebens und der Toleranz sowie ein analytisches Instrument der Welterkenntnis zu schaffen, das die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt, liefert in seinem „Ewigen Frieden“ eine konkrete Möglichkeit, den Frieden zu denken und gibt Instrumente, wie man Krieg vermeiden könnte. <BR /><BR /><BR />Deshalb ist Kants Denken, so systemisch es für viele Leser und Leserinnen und so sprachlich unzugänglich erscheinen mag, heute gewiss noch von großer Aktualität. Und der Friede ist deshalb ein so hohes Gut, weil nur er es möglich macht, die Rechte der Menschen zu schützen. Und Friede ist bei Kant ein Rechtszustand zwischen einzelnen Staaten, analog zum Rechtszustand zwischen den Bürgern eines Staates. Kant erinnert dabei an <b>Thomas Hobbes</b> „Gesellschaftsvertrag“, der die Rechtfertigung politischer Herrschaft und staatlicher Macht in einem, wenn auch stets, labilen Gleichgewicht bettet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021629_image" /></div> <h3> Bund der Völker</h3><BR />Kant spricht in seinem Entwurf auch von einem durch ein „Völkerrecht“ begründeten „Bund der Völker“ und nimmt prophetisch den Völkerbund vorweg, einen internationalen Zusammenschluss von Staaten aus fast allen Teilen der Welt, der am 10. Januar 1920 als Teil des Versailler Vertrags gegründet worden ist, eigentlich der Beginn unserer heutigen UNO: <i>„Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurteilt werden, die sich in ihrem Naturzustande schon durch ihr Nebeneinandersein lädieren, und deren jeder, um seiner Sicherheit willen, von dem andern fordern kann und soll, mit ihm in eine, der bürgerlichen ähnliche Verfassung zu treten, wo jedem sein Recht gesichert werden kann.“</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021632_image" /></div> <BR />Der „ewige Friede“ war wohl Kants kühnster Traum, weil er sich darin auch am weitesten von der Vernunft entfernt hat: <i>„Mit den Völkern der Erde sei es so weit gekommen, dass die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird.“</i> Heute ist der Frieden mit <Fett>Putins</Fett> Angriff auf die Ukraine in weite Ferne gerückt. Wieder einmal wurde der Krieg als Mittel der Machtausübung verwendet. Auch im Gaza-Konflikt tun sich immer größere und gefährlichere Abgründe auf.<BR /><BR /><BR />Wenn auch Kant zu einer anderen Zeit lebte und wirkte als der unseren, war er keineswegs ein weltfremder Philosoph, wie er oft gekennzeichnet wird. In einer Zeit sich anbahnender Großkonflikte betrat Immanuel Kant mit 71 Jahren den Hörsaal der Universität zu Königsberg und spricht über den Frieden. Vorausgegangen waren unzählige Schriften, die ihn zum ersten Philosophen in Europa gemacht haben, so die „Kritik der reinen Vernunft“, ein Meilenstein europäischer Geistesgeschichte. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021635_image" /></div> <BR /><BR />Der 22. April 2024, an dem wir den 300. Geburtstags Kants feierten, darf nicht der einzige Grund dafür sein, dass, man sich mit seiner Philosophie beschäftigen soll. Nicht nur seine Überlegungen zu Demokratie und Frieden, seine Gedanken über Schönheit und Natur, auch seine Analyse von Moral und Recht wie auch die Erkenntnis der Grenzen menschlichen Wissens, sollten uns heute ebenso zu denken geben. <BR /><BR /><BR />Die verwendeten Zitate stammen aus folgenden Büchern: <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1021638_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Immanuel Kant:</b> Von den Träumen der Vernunft. Kleine Schriften zur Kunst, Philosophie, Geschichte und Politik. Wiesbaden 1979.<BR /><BR /><BR /><b>Marcus Willaschek</b>: Kant. Die Revolution des Denkens. München 2023.<BR /><BR /><BR /><b>Omri Boehm</b><b>– Daniel Kehlmann:</b> der bestirnte himmel über mir. Ein Gespräch über Kant. Berlin 2024. <BR /><BR /><BR /><b>Kant im TV:</b><BR /><BR />Anlässlich seines 300. Geburtstags geht die ORF2-TV-Sendung „Was ich glaube“ (in der letzten Folge von 3 jeweils am Sonntag, 16.55 Uhr) zentralen Fragen des Vordenkers nach. „Was ich glaube“ beleuchtet Kants zentrale Überlegungen, wie etwa den Kategorischen Imperativ, die Vernünftigkeit des Glaubens und seine großen Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?<BR /><BR /><BR />