<b>von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR />Friedrich Wilhelm Schelling wurde am 27. Jänner 1775 im schwäbischen Leonberg geboren und war einer der wichtigen Vertreter deutscher Philosophie des 19. Jahrhunderts. Er entstammte einer Pfarrersfamilie und besuchte, gemeinsam mit Hölderlin und Hegel, das Tübinger Stift. „Er setzte einen Diskurs in Gang, der bis heute wirksam ist“, ist der Meraner Philosoph Georg Siller überzeugt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1123698_image" /></div> <BR /><BR /><BR /> Als Hauslehrer in Stuttgart und Leipzig, wo er 1796 bis 1798 umfangreiche naturwissenschaftliche Studien betrieb, eine Grundlage für seine Hauptschriften der „Natur- und Transzendentalphilosophie“. In diesen Schriften entwickelte Schelling seine Idee der inneren Einheit der Natur und die Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit. Er sah in der Natur einen dynamischen Prozess, der mehrere Abstufungen „Potenzierungen“ aufweist: anorganische Natur wie Magnetismus, Elektrizität und chemische Prozesse versus organische Natur wie Sensibilität, Irritabilität und Bildungstrieb. <BR /><BR />Auf Betreiben Goethes wurde Schelling 1798 als außerordentlicher Professor nach Jena berufen, wo er in engem Kontakt mit Hegel, Schiller und Fichte stand. 1802 und 1803 brachte Schelling seine Schriften zu einer „Philosophie der Kunst“ heraus. Neben den Schriften zur Naturphilosophie und zur Mythologie gehören diese Arbeiten zu den aktuellen und modernsten Texten Schellings: Die Kunst ist das Reale, Objektive, die Philosophie das Ideale, Subjektive. Es ist also die ureigene Aufgabe seiner „Philosophie der Kunst“, das Reale, welches in der Kunst ist, im Idealen darzustellen… und weiter die Philosophie Kunst enthüllt sich aus dem Gesamtzusammenhang des Kosmos, die Identität von Bewusstem und Unbewusstem in der Geschichte… <BR /><BR />Schelling war auch einer der ersten, der die Kritik an der Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus übte und so einen Diskurs in Gang setzte, der bis heute wirksam ist. Nach Stationen in Würzburg, Erlangen und München wurde Schelling 1841 endlich an die Universität Berlin berufen und trat so wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Es entstand die „Philosophie der Mythologie und Offenbarung“, die aber nicht jenen Erfolg verbuchen konnte, den Schelling für sich beanspruchte und so zog er sich allmählich aus der Öffentlichkeit zurück und starb am 20. August 1854 in Bad Ragaz. <BR /><BR />Mit Schelling war ein genialischer junger Philosoph in die illustre Riege der Philosophen des deutschen Idealismus getreten. Mit Fichte und Hegel findet man in seinen Schriften die Themenfelder Freiheit und Notwendigkeit, Natur und Geist, Geschichte und Vernunft sowie Wirklichkeit und Reflexion. Mit einer „dämonisch anmutenden Selbstsicherheit setzte sich um das Jahr 1800 ein Zwanzigjähriger an die Spitze der deutschen Philosophie.“ (Peter Sloterdijk) <BR /><BR />Über die Bedeutung und den Einfluss von Friedrich Wilhelm Schelling befragten wir den Meraner Philosophen Georg Siller.<BR /><BR /><BR /><b>Hat für Sie F.W. Schellings Philosophie heute noch Bestand, und kann er uns in unserer Zeit Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart geben?</b><BR />Georg Siller: Zwar gilt Schelling als bedeutender Vertreter des Deutschen Idealismus, doch hat er keinen leichten Stand in der Philosophiegeschichte: Meist steht er im Schatten Hegels, mit dem er als Student des „Tübinger Stifts“ Schlaf- und Studierzimmer teilte. Zu diesem Image der zweiten Reihe trägt auch der Umstand bei, dass Schelling zwar schon früh als philosophisches Genie galt, aber schon mit 40 Jahren kaum mehr etwas veröffentlichte und einige Zeitgenossen sich enttäuscht von ihm abwandten. So hat er auch keine „Schule“ begründet. Trotzdem finden sich zahlreiche Impulse bis in die Gegenwart hinein, welche Schelling zu einem <Kursiv>„Zeitgenossen incognito“</Kursiv> (Odo Marquard) machen. Hervorzuheben ist seine spezifische Verknüpfung von Bewusstem und Unbewusstem sowie seine Auffassung von Natur als Subjekt bzw. als schöpferische Kraft.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1123701_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Bedeutung messen Sie als Philosoph und Historiker Schellings Naturphilosophie bei?</b><BR />Siller: Schellings Naturphilosophie des frühen 19. Jahrhunderts unterscheidet sich deutlich von moderner Naturwissenschaft, sie ist in weiten Teilen spekulativer, ihren begrifflichen Verbindungen fehlt die empirische Basis. Hier zeigt sich Schelling als Romantiker, der Natur durch und durch geistig versteht. Sie ist für ihn „produzierende Anschauung“ in unbewusster Form. Heute können Elektrizität oder chemische Prozesse ganz „ungeistig“ erklärt werden, doch gaben solche Phänomene den Wissenschaften zur Zeit Schellings große Rätsel auf. Tatsächlich hat er mit seinem Holismus spätere Forschungen etwa zum Elektromagnetismus vorweggenommen – oder auch das heutige Paradigma der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften in einer überraschend ähnlichen Form beschrieben. Und dass die Interpretation der Natur als technisch zu beherrschende Ressource mittlerweile auf dramatische Weise in eine Sackgasse geraten ist, dürfte Schelling zusätzlich recht geben.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Schriften Schellings halten Sie für die wichtigsten und die für seine Denkansätze die schlüssigsten?</b><BR />Siller: Die bekannteste Schrift ist sicherlich die sogenannte „Freiheitschrift“ (Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit), in der Schelling die grundlegende Frage seiner Philosophie – nämlich die Frage nach der Verbindung von Freiheit und Notwendigkeit – auf eine sehr dichte Weise auf den Punkt bringt. Mich fasziniert darin vor allem, dass Schelling Freiheit und Notwendigkeit gerade nicht als zwei voneinander zu trennende Bereiche beschreibt, nach dem Prinzip: Der Mensch verfügt trotz aller externen Vorgaben über einen gewissen Spielraum für seine individuellen Entscheidungen. <BR /><BR />Schelling denkt Freiheit und Notwendigkeit vielmehr zusammen, indem er Freiheit mit der grundsätzlichen Wahl unseres eigenen Selbst gleichsetzt. Diese Wahl macht uns als Personen erst zu dem, was wir sind, steht jedoch als „Tat“ außerhalb jeder zeitlichen oder räumlichen Ordnung und fällt nicht mit einer konkreten Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammen. Das heißt, rein sachlich müssen wir uns in unserer Identität als notwendiges Produkt bestimmter Umstände sehen – doch verstehen wir uns zugleich als verantwortlich für unsere Identität, da diese einem unergründlichen Willen in uns entspringt. An diesem komplexen Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit arbeitet sich nach Schelling das Menschsein ab – auch in einem moralischen Sinn.<BR /><BR /><h3> Zur Person Georg Siller</h3><BR />Der Philosoph und Historiker unterrichtet Philosophie und Geschichte am Sprachengymnasium Meran und hat während seiner Lehrtätigkeit 2017 am Institut für Philosophie in Innsbruck mit einer Arbeit über Ludwig Wittgenstein promoviert. Seit 2010 koordiniert er das „philosophische Café“ der Urania in der Akademie Meran und gestaltet regelmäßig Radiosendungen zu philosophischen Themen.<BR /><BR /><BR /><b>Nächster Termin „Philosophisches Café“:</b><BR />Diversität, Repräsentation, Partizipation – wie schaffen wir eine inklusive Gesell- schaft?<BR />30.1., 19.30 bis 21.30 Uhr, Villa San Marco, Franz-Innerhoferstr. 1, Meran – Kursleiterin: PhD Katharina Crepaz