Am 29. Oktober 1956 sprangen israelische Fallschirmjäger östlich des Mitlapasses im Sinai, 72 Kilometer vom Suezkanal entfernt, ab; eine Woche später landeten französische und britische Fallschirmjäger in Ägypten. <BR /><BR /><BR />Israelis, Briten und Franzosen hatten ein gemeinsames Ziel: den Sturz von Ägyptens Präsident <b>Gamal Abdel Nasser.</b> 3 Monate zuvor, im Juli 1956, hatte der die britische Suezkanal-Gesellschaft verstaatlicht. Er brauchte Geld für den Bau des Assuan-Staudamms, sein großes politisches Ziel. In London wurde diese Entscheidung so interpretiert, wie sie gemeint war: als Schlag gegen den britischen Imperialismus. Premierminister <b>Anthony Eden</b> stellte deshalb klar, dass der Kanal, durch den 2 Drittel des Öls für Europa transportiert wurden, für Großbritannien und für Europa lebenswichtig sei, und dass man Nasser nicht erlauben dürfe, <i>„seine Hand an unserer Gurgel zu haben“.</i> Nasser, so sein Außenminister <b>Selwyn Lloyd</b>, <i>„ist verrückt und tickt wie Hitler“.</i> Die Konsequenz war: militärische Intervention und Beseitigung Nassers.<BR /><BR />Der ägyptische Präsident sah sich als Führer aller Araber und Moslems. Damit bedrohte er auch Frankreichs Präsenz in Algerien, wo am 1. November 1954 die Moslems zum offenen Aufstand gegen die Kolonialmacht ausgerufen hatten. Das Hauptquartier der Aufständischen befand sich in Kairo, Nasser lieferte Waffen für den Algerienkrieg. Damit hatte auch Frankreich ein Interesse an Nassers Beseitigung.<BR /><BR /><BR /><b>Israel und Nasser</b><BR /><BR /><BR />Genauso wie Israel, das damit ein willkommener Bündnispartner in der Koalition zwischen Frankreich und Großbritannien war. Seit Herbst 1955 hatte die Sowjetunion über den Umweg Tschechoslowakei massiv Waffen an Nasser geliefert: bis zum Sommer 1956 200 MIG-Düsenjäger, 100 Panzer und 6 U-Boote. Gleichzeitig hatte Ägypten den Suezkanal und die Straße von Tiran am Ausgang des Roten Meeres für israelische Schiffe gesperrt, sowie den Luftraum über dem Golf von Akaba abgeriegelt. Die Flüge der israelischen Airline El-Al nach Südafrika mussten daraufhin eingestellt werden. Gleichzeitig verstärkten sich die Angriffe arabischer Feddajin (arabisch: „Die sich selbst aufopfern“) gegen Israel, dessen Grenze „Blut schwitzte“, wie das <b>Karl Hartl,</b> Österreichs diplomatischer Vertreter in Tel Aviv, trefflich formulierte. Allein 1955 wurden 260 Israelis getötet; die Zahl der Todesopfer seit 1951 erhöhte sich auf insgesamt 1000. In Israel wurde ein Präventivschlag gegen Ägypten diskutiert – bevor die Sowjets imstande wären, das Land aufzurüsten –, während Radio Kairo bereits eine mögliche Niederlage Israels meldete.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702206_image" /></div> <b>Der Krieg wird vorbereitet</b><BR /><BR /><BR />Am 28. September 1956 traf eine hochrangige israelische Delegation – u. a mit der Außenministerin <b>Golda Meir,</b> dem Generaldirektor des Verteidigungsministeriums <b>Shimon Peres</b> und dem Chef des Generalstabes <b>Moshe Dajan,</b>– in Paris mit dem französischen Außenminister <b>Christian Pineau</b> zusammen. Pineau machte klar, dass die militärische Aktion vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen am 6. November stattfinden sollte. In den Gesprächen wurde deutlich, dass Frankreich nicht über genügend Flugzeuge verfügte, um die ägyptische Luftwaffe auszuschalten, die ihrerseits israelische Städte bombardieren konnte. Deshalb war eine britische Beteiligung an den Kampfhandlungen unerlässlich. Die Briten wurden über die Planungen nicht im Detail informiert, allerdings versprach sich London im Falle eines israelischen Angriffs Vorteile im Zusammengehen mit Frankreich.<BR /><BR />Am 16. Oktober führten Premier <b>Eden</b> und sein Außenminister <b>Selwyn</b> Lloyd in Paris Gespräche mit dem französischen Ministerpräsidenten <b>Guy Mollet</b> und dem Außenminister Pineau. Eden stimmte einer Militäraktion am Suezkanal zu. Am 18. Oktober gab das britische Kabinett grünes Licht für die „Operation Musketier“. Gemeinsam mit den Israelis wurden auf einer Geheimkonferenz, die zwischen dem 22. und dem 24. Oktober in Sèvres bei Paris stattfand, die Operationspläne und Kriegsziele konkretisiert. Der israelische Premierminister <Fett>David Ben Gurion</Fett> stellte klar: <i>„Die Aktion kann morgen beginnen, falls Großbritannien mitmacht.“</i><BR /><BR /><BR />In einem 3 Seiten langen Geheimprotokoll wurden die einzelnen Schritte festgeschrieben: Angriff Israels am 29. Oktober, anschließend Ultimatum von Großbritannien und Frankreich an Israel und Ägypten, die Feindseligkeiten einzustellen und sich 10 Meilen vom Kanal zurückzuziehen (der entsprechende Text wurde bereits formuliert). Nach der zu erwartenden Ablehnung durch Nasser würden anglo-französische Truppen eingreifen, um die Kanalzone zu sichern. De facto beschlossen Großbritannien, Frankreich und Israel in Sèvres den Krieg gegen Ägypten. Eden wollte das Protokoll später vernichten lassen, was Ben Gurion aber ablehnte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702209_image" /></div> <b>Der Angriff</b><BR /><BR /><BR />Moshe Dajan befahl den Angriff für Montag, 29. Oktober, 17 Uhr. Tatsächlich begann der Krieg schon einen Tag vorher mit einer Aktion, die kaum bekannt geworden ist: Ein israelischer Meteor-Jet schoss eine ägyptische Iljuschin-Militärtransportmaschine, die von Syrien nach Ägypten unterwegs war, über dem Mittelmeer ab. An Bord war zwar nicht, wie erhofft, der ägyptische Generalstabschef <b>Amr</b>, aber immerhin 18 Mitglieder des ägyptischen Generalstabes. Dajans Kommentar dazu: <i>„Das war die erste Hälfte des Krieges. Lasst uns auf die zweite Hälfte anstoßen.“</i><BR /><BR />Am Nachmittag des 29. Oktober zerstörten 4 israelische Mustang-Jäger mit ihren Tragflächen die wichtigsten Telefonleitungen auf dem Sinai, was zu einem Zusammenbruch der ägyptischen Kommunikationswege führte.<BR /><BR />Wie in Sèvres vereinbart, wurden sodann 395 israelische Fallschirmjäger östlich des Mitlapasses abgesetzt. Das war die von Selwyn Lloyd geforderte <i>„wirkliche Kriegshandlung“,</i> die den Briten und Franzosen einen Grund für ihr Ultimatum gab. Als Nasser, wie erwartet, am 31. Oktober dieses Ultimatum ablehnte, bombardierten britische und französische Flugzeuge ägyptische Flugplätze und zerstörten innerhalb von 48 Stunden 200 Flugzeuge am Boden.<BR /><BR /><BR />Am 5. November begann die Invasion: Fallschirmjäger landeten in Port Said am nördlichen Eingang des Suezkanals, am nächsten Tag stießen britische und französische Truppen von dort nach Süden vor. 150 Kilometer vor ihrem Ziel Suez City stoppten sie am 7. November um 2 Uhr früh ihren Vormarsch, und zwar nicht ganz freiwillig. Paris und London befolgten einen Beschluss des UNO-Sicherheitsrates, den die USA und die Sowjetunion gemeinsam initiiert hatten – diese Allianz war übrigens in der Geschichte der UNO niemals zuvor zustande gekommen.<BR /><BR /><BR />Moskau hatte Paris und London darüber hinaus ultimativ angedroht, <i>„mit der Anwendung von Gewalt die Aggressoren zu vernichten und den Frieden im Nahen Osten wiederherzustellen“.</i> Man werde Großbritannien und Frankreich mit Atombomben vernichten. In einem Brief an Ben Gurion machte die sowjetische Regierung außerdem klar, dass Israels Angriff auf Ägypten <i>„unter den Völkern des Nahen Ostens gegen den Staat Israel einen Hass sät, der sich auf die Zukunft Israel auswirken muss und seine staatliche Existenz in Frage stellt“.</i> Ben Gurion notierte in sein Tagebuch, dass auch Hitler diesen Brief hätte geschrieben haben können. Die sowjetischen Panzer in Ungarn – wo die Sowjets am 4. November damit begonnen hatten, den Volksaufstand mit brutaler Gewalt niederzuschlagen – stellten unter Beweis, wozu <i>„diese kommunistischen Nazis fähig sind. Das erfüllt mich mit Sorge, weil Syrien sowjetische Waffen erhält und wir annehmen müssen, dass mit diesen Waffen auch 'Freiwillige' kommen.“</i><BR /><BR /><BR /><b>Washington greift ein</b><BR /><BR /><BR />Es waren nicht nur die UNO-Resolution und die sowjetischen Drohungen, die erst Großbritannien und dann Frankreich dazu brachten, die Suez-Aktion abzubrechen, sondern Entscheidungen in Washington. Die USA übten massiven wirtschaftlichen Druck auf London aus, das Pfund Sterling fiel ins Bodenlose, Öllieferungen nach Großbritannien wurden blockiert. Am 22. und 23. Dezember verließen die anglo-französischen Truppen Ägypten. Tags darauf sprengten ägyptische Pioniere in Port Said die Statue von <b>Fernand de Lesseps,</b> dem Erbauer des Suezkanals.<BR />Trotz der UNO-Resolution vom 7. November war Israel zunächst nicht bereit, sich aus dem Sinai zurückzuziehen. Doch die USA übten auch hier massiven Druck aus. Die Wirtschaftshilfe wurde eingestellt, UNO-Sanktionen, ja sogar der Ausschluss Israels aus der UNO wurden angedroht. Erst am 7. März 1957 verließen die letzten israelischen Soldaten ägyptisches Gebiet. 4 Tage später bezogen Einheiten der ersten UNO-Friedenstruppe Stellungen im Gazastreifen und in Sharm el Sheik an der Südküste des Sinai.<BR /><BR /><BR />Die USA wurden damals heftig kritisiert, dass sie im UNO-Weltsicherheitsrat mit Moskau gestimmt hatten, während die Sowjets in Ungarn ein Massaker anrichteten. Regierungschef <b>Nikolai Bulganin</b> hatte US-Präsident <b>Eisenhower</b> gewarnt, die Kämpfe im Nahen Osten könnten zu einem Weltkrieg führen, und vorgeschlagen, gemeinsam mit den USA militärisch einzuschreiten. Diesen Vorschlag hatte Eisenhower verärgert zurückgewiesen. Dennoch warf man ihm vor, Schwäche gegenüber den Sowjets gezeigt zu haben, da es die gemeinsame UN-Resolution gab.<BR /><BR /><BR /><b>Was bleibt vom Suezkrieg?</b><BR /><BR /><BR />Der Krieg bedeutete das definitive Ende der britischen Hegemonialstellung im Nahen Osten. An deren Stelle traten nun die USA. Der Krieg bedeutete auch das politische Ende Edens, der im Januar 1957 zurücktrat. Für seinen Nachfolger <b>Harold Macmillan</b> war klar, dass in Zukunft nur eine enge Zusammenarbeit mit den USA in Frage kam. Paris hingegen entwickelte vor allem unter dem Einfluss von Präsident <b>Charles De Gaulle</b> eine eindeutig anti-amerikanische Haltung.<BR /><BR />Der Konflikt führte nicht zum Sturz von Gamal Abdel Nasser. Im Gegenteil: Das Prestige des ägyptischen Präsidenten wuchs in der Folgezeit in der arabischen Welt stetig an. Das gescheiterte Unternehmen <Kursiv>„Regimewechsel in Ägypten“</Kursiv> wurde somit zur Geburtsstunde eines neuen arabisch/islamischen Nationalismus. Der nächste Krieg war damit bereits vorprogrammiert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702212_image" /></div> <b>Lesetipp:</b><BR />Rolf Steininger, <BR />„Der Nahost- konflikt“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2020, 128 .<BR />Bestellen: www.athesiabuch.it<BR /><BR /><BR />O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck www.rolfsteininger.a