Das Treffen gilt als die Begründung der strategischen Partnerschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien, die alle Stürme der Zeit überdauern sollte. Von nun an galt: saudisches Öl für amerikanische Sicherheit. <b>von Rolf Steininger</b><BR /><BR />Am 11. Februar 1945 konnten die Bewohner von Dschidda an der Westküste Saudi-Arabiens am Roten Meer ein außergewöhnliches Ereignis im Hafen ihrer Stadt beobachten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ging dort ein 106 Meter langes amerikansches Kriegsschiff, der Zerstörer USS Murphy, vor Anker. Wenig später wurde <b>König Abdul Aziz,</b> besser bekannt als <b>Ibn Saud</b>, in seinem Thron aufs Schiffsdeck gebracht. Begleitet wurde er von 48 Personen, die anschließend an Bord gingen. Dann wurden noch 10 Schafe verladen, die am hinteren Teil des Schiffes angebunden wurden.<BR /><BR />Der Herrscher Saudi Arabiens, des wichtigsten Landes im Nahen Osten, verließ erstmals sein Königreich, um 3 Tage später <b>Franklin D. Roosevelt</b>, den Präsidenten der USA, auf einem anderen Kriegsschiff, dem Schweren Kreuzer USS Quincy, im Großen Bittersee im Suezkanal zu treffen. Es würde ein Treffen von historischer Bedeutung werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129608_image" /></div> <h3>Mit der Murphy zur Quincy</h3>Da die Saudis unter freiem Himmel schlafen wollten, wurde das Deck der Murphy mit Teppichen belegt und ein majestätisches Zelt für den König aufgebaut. Allein das Einschiffen der königlichen Familie mit Gefolge war ein Spektakel. Als alle an Bord waren, wurden abschließend noch die anfangs bereits erwähnten 10 Schafe verladen. Die Fahrt dauerte 2 Nächte und einen Tag. Es gab ein erstaunliches <i>„Unterhaltungsprogramm“</i> – nur unterbrochen von fünfmal Beten am Tag, nachdem die Besatzung angezeigt hatte, in welcher Richtung Mekka lag. <BR /><BR />Die Saudis bedienten die Flugabwehrkanonen und Maschinengewehre, die Matrosen warfen Wasserbomben und zeigten unter Deck einen Film – das nicht unbedingt zur Freude des Königs. Auf Holzkohlefeuer – eines zum Entsetzen der Matrosen direkt neben der Munitionskammer – kochten die Araber ihren Kaffee. Man unterhielt sich prächtig, auch wenn außer dem <b>amerikanischen Gesandten Eddy</b> niemand die Sprache des anderen verstand.<BR /><BR />Am 14. Februar erreichte die Murphy ihr Ziel: die Quincy. Wegen der unterschiedlichen Höhe der beiden Schiffe war eine feste Verbindung nicht möglich, und der König musste mit einem Bootsmannstuhl (Bosunstuhl) auf die Quincy transportiert werden, wo Roosevelt bereits auf ihn wartete. In seinen Unterlagen für dieses Treffen hatte der Präsident zuvor folgendes über den König lesen können: <i>„Er erfreut sich an 3 Dingen im Leben: Frauen, beten und Perfume. Seine Majestät besitzt persönlichen Charme und hat einen starken Charakter. Mit seinem Aufstieg zur Macht hat er in einem traditionell gesetzlosen Land Ordnung geschaffen. Er soll großzügig und entschlossen sein, je nach Lage der Dinge. Jedes Nachgeben in seiner entschlossenen Haltung gegenüber den Zionisten in Palästina würde ein Verrat an seinen Prinzipien sein.“</i><h3>Amerika entdeckt Saudi-Arabien</h3>Mit Blick auf Saudi-Arabien dachte Roosevelt strategisch und für die Zukunft. Das war neu. Noch Anfang 1941 hatte er den Vorschlag des State Department, die Lend-Lease-Lieferungen auch auf Saudi-Arabien auszudehnen, mit dem Satz abgelehnt: <i>„Das ist doch etwas weit weg für uns!“</i> Das offizielle Washington zeigte zu diesem Zeitpunkt wenig bis gar kein Interesse am Nahen Osten, obwohl es seit 1938 zumindest eine Verbindung mit Saudi-Arabien gab: Ibn Saud hatte der Ölgesellschaft Standard Oli Company of California die alleinige Konzession für sein Land erteilt (1944 wurde daraus die Arabian American Oil Co., die Aramco, seit Jahren die größte Ölgesellschaft der Welt).<BR /><BR />Der König hatte nicht vergessen, dass die Briten sich nicht an ihre Zusage aus dem Ersten Weltkrieg gehalten hatten, sich für ein arabisches Großreich einzusetzen. Die Briten waren anschließend auch nicht am Öl Saudi-Arabiens interessiert, das dort nur in geringen Mengen gefördert wurde – was sich erst in späteren Jahren dramatisch ändern sollte. Sie bezogen ihr Öl primär aus dem Irak, dem Iran, Kuwait und Bahrain. Sie hatten auch dafür gesorgt, dass Amerikaner dort keine Konzessionen bekamen.<BR /><BR />Immerhin nahmen die USA aber 1939 diplomatische Beziehungen mit Saudi-Arabien auf, ohne allerdings einen Diplomaten in das Land zu entsenden. Wenn etwas zu tun war, erledigte das der amerikanische Vertreter in Kairo. Mit dem Eintritt der USA in den Weltkrieg Ende 1941 änderte sich dann alles: Die USA würden in Zukunft mehr Öl brauchen, als sie selbst produzierten. Saudi-Arabien wurde interessant. Washington wurde sich der Bedeutung der arabischen Ölfelder mit ausschließlich amerikanischer Konzession mehr und mehr bewusst. Gleichzeitig wollte die Armee einen Luftwaffenstützpunkt in einem Gebiet im Nahen Osten, das nicht von Briten oder Franzosen kontrolliert wurde. Und das war Saudi-Arabien. <BR /><BR />Im April 1942 wurde der Berufsdiplomat <b>James Moose</b> in der damaligen Hauptstadt Dschidda stationiert. Auf Drängen von Innenminister <b>Harold Ickes</b>, der gleichzeitig die amerikanische Ölversorgung koordinierte, erklärte Roosevelt im Februar 1943 Saudi-Arabien für lebenswichtig für die Verteidigung der USA und von daher berechtigt, finanzielle Unterstützung zu erhalten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129611_image" /></div> <BR /><BR />Ein britischer Journalist formulierte das so: <i>„Der große Übernahmekampf der Amerikaner hat begonnen.“ </i>Damit lag er nicht ganz falsch.<BR /><BR />Von da an gab es nämlich auch immer mehr Kontakte zwischen Saudis und Amerikanern. Im September 1943 wurden 2 Söhne des Königs (von denen einer der spätere <b>König Faht</b> wurde) nach Washington eingeladen und freundlichst behandelt. Ihnen wurde sogar ein Sonderzug zur Verfügung gestellt, der sie auf eine Sightseeing Tour an die Westküste brachte. Als sie ihrem Vater später berichteten und ihm auch mitteilten, Roosevelts Hobby sei das Briefmarkensammeln, schickte der dem Präsidenten einen Satz seltener Marken aus Saudi-Arabien. Roosevelt bedankte sich am 10. Februar 1944 für dieses Geschenk und äußerte gleichzeitig die Hoffnung, den König demnächst treffen zu können, denn <i>„es gibt viele Dinge, die ich mit Ihnen besprechen möchte“.</i><BR /><BR />Als erstes durften die Amerikaner dann am Ort ihrer Ölfirma in Dharan ein Konsulat eröffnen. Etwa zur gleichen Zeit, Anfang 1944, wurde die diplomatische Mission in Dschidda in den Rang einer Gesandtschaft erhoben. Der neue Mann dort war der hoch dekorierte ehemalige Nachrichtenoffizier <b>Oberst William A. „Bill“ Eddy,</b> der seine militärische Herkunft nicht verleugnete: Während seiner Dienstzeit trug er stets die Uniform eines Marineoffiziers. Eddy war 1885 in Sidon geboren und sprach perfekt Arabisch. Mit ihm begann eine neue Ära in den Beziehungen USA-Saudi-Arabien. <BR /><BR />Aus einem ersten Treffen mit Ibn Saud entwickelte sich dann eine tiefe Freundschaft. Eddy bewunderte den König, nicht wegen seiner zahlreichen Frauen, sondern weil dieser Mann – nur 5 Jahre älter als er selbst – es geschafft hatte, die Stämme der arabischen Halbinsel zu unterwerfen und das Land zu einen und so 1932 das Königreich Saudi-Arabien zu gründen.<BR /><BR />Für ihn war Saudi-Arabien nach eigener Aussage <i>„die kostbarste Perle im Nahen Osten“</i>, die es für die Amerikaner zu gewinnen galt. Er wurde zur treibenden Kraft hinter dem Treffen zwischen Roosevelt und Ibn Saud. Die Konferenz von Jalta (4.–11. Februar 1945) bot sich für dieses Treffen an. <h3>Das Treffen auf der Quincy</h3>Gleich zu Beginn meinte der König als eine Art Begrüßung, er sei der Zwillingsbruder des Präsidenten mit Blick auf das Alter, in der Verantwortung als Regierungschef und der physischen Beeinträchtigungen. Roosevelt antwortete, der König könne sich glücklich fühlen, dass er noch seine Beine bewegen und gehen könne, wohin er wolle, worauf der König erwiderte, der Präsident könne sich glücklich fühlen, denn <i>„meine Beine werden jedes Jahr schwächer, aber ihr wunderbarer Rollstuhl wird sie überall hinbringen.“</i><BR /><BR />Darauf Roosevelt: <i>„Ich habe 2 von diesen Rollstühlen. Würden sie einen als mein persönliches Geschenk annehmen?“</i> Ibn Saud: <i>„Mit großer Dankbarkeit. Ich werde ihn täglich benutzen und immer an jenen großzügigen Menschen denken, der ihn mir geschenkt hat, mein großer und guter Freund.“</i><BR /><BR />Damit war das Eis gebrochen. Nach einem gemeinsamen Essen ging es 4 Stunden u.a. um Palästina und die mögliche Einwanderung von Juden dorthin. Habe seine Majestät einen Ratschlag, fragte Roosevelt? Der hatte einen, und der war eindeutig. Die Juden sollten in die Länder zurückgehen, von wo sie vertrieben worden seien. Und weiter: <i>„Was haben die Araber den Juden in Europa getan? Es waren die christlichen Deutschen, die ihnen Heim und Leben genommen haben. Die Deutschen sollen zahlen.“ </i> Er hoffe, dass die USA die Araber unterstützen würden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129614_image" /></div> <BR /><BR />Roosevelt gab daraufhin die später oft zitierte Versicherung ab, er werde die Juden niemals auf Kosten der Araber unterstützen; es werde keine feindliche Aktion gegen die Araber geben, und mit Blick auf Palästina werde nichts geschehen ohne vollständige und vorherige Konsultation sowohl mit den Juden wie mit den Arabern.<BR /><BR />Mit einem weiteren Gastgeschenk des Präsidenten wurde die Stimmung noch besser. Der König erhielt eine DC-3 Passagiermaschine, in der ein Sitz so eingerichtet war, dass er jederzeit in Richtung Mekka gedreht werden konnte. Dieses Geschenk weckte das Interesse des Königs für die Luftfahrt und wurde später die erste Maschine der modernen saudi-arabischen Luftfahrtgesellschaft Saudi Arabian Airlines.<BR /><BR />In Washington berichtete Roosevelt dem Kongress über die Konferenz von Jalta und das Treffen mit König Ibn Saud. Zu den Gesprächen mit Ibn Saud meinte er, er habe da in 5 Minuten mehr über das Problem – Moslems und Juden – gelernt als nach der Lektüre von 2 oder 3 Dutzend Briefen. Er sagte allerdings nicht, was er gelernt hatte. Das formulierte dann einer seiner engsten Mitarbeiter eher sarkastisch so: <i>„Das einzige, was er gelernt hat, wussten wir eh alle schon, nämlich dass die Araber keine weiteren Juden mehr in Palästina haben wollen.“</i><BR /><BR />Bei dem Treffen auf der Quincy ging es am Ende noch um etwas anderes: Roosevelt und Ibn Saud begründeten eine strategische Partnerschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien, die alle Stürme der Zeit überdauern sollte. Von nun an galt: saudisches Öl für amerikanische Sicherheit. Die Amerikaner durften sogar als die ersten<i> „Ungläubigen“</i> in Dhahran die gewünschte Luftwaffenbasis einrichten. Das Treffen gehört somit zu einem der weitsichtigsten Entscheidungen Roosevelts, der die strategische Bedeutung Saudi-Arabiens damals frühzeitig erkannte und dieses Treffen unbedingt wollte – und das, obwohl er schwer krank war. Sein Arzt hatte einen Blutdruck von 250 zu 140 gemessen. <BR /><BR />Roosevelt starb am 12. April. Er hinterließ seinem Nachfolger Truman ein Problem, das auf der Quincy nicht gelöst worden war.<h3> Buchtipp</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129617_image" /></div> <BR /><BR />Rolf Steininger, Die USA, Israel und der Nahe Osten. Von 1945 bis zur Gegenwart, Lau Verlag, Reinbek 2022, 447 Seiten<BR /><BR />Bestellen können Sie das Buch hier: <a href="https://www.athesiabuch.it/?gad_source=1&gclid=CjwKCAiA8Lu9BhA8EiwAag16b3JkGbdRDg26BE90Nlj9d38FEsm9LRjOwtZyIxHbUX_6bJXgIgtLbRoC6C0QAvD_BwE" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www. athesiabuch.it</a>