Freitag, 15. Mai 2020

„Schule wird im Herbst völlig anders sein“

Südtirols Schule steht im Wandel, sagt Sonia Spornberger, die Vorsitzende des Katholischen Südtiroler Lehrerbunds. Sie ist sich sicher: Im Herbst wird es das System Schule, wie wir es bisher gekannt haben, nicht mehr geben: „Wir haben jetzt die Chance, Unterricht und Schule neu anzudenken.“

„Wir haben jetzt die Möglichkeit, das Konzept Schule völlig neu anzudenken, aufgebaut auf all den Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt haben“, sagt Sonia Spornberger.
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„Wir haben jetzt die Möglichkeit, das Konzept Schule völlig neu anzudenken, aufgebaut auf all den Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt haben“, sagt Sonia Spornberger. - Foto: © shutterstock
Interview: Elisabeth Turker

STOL: Frau Spornberger, wie haben die Betreuer und Lehrpersonen von Kindergarten und Grundschule die vergangenen Wochen erlebt?

Spornberger: Natürlich waren wir anfangs alle geschockt. Niemand hat mit dieser Situation gerechnet: Plötzlich mussten die Kinder zu Hause bleiben und keiner wusste, wie es weitergeht. Um nicht untätig daheim herumzusitzen, stürzten sich die Lehrpersonen in den digitalen Unterricht – allerdings zunächst mit dem Ergebnis, dass es fast zu viel des Guten wurde. Nicht nur die Kinder waren von den vielen Aufgabestellungen überfordert, auch die Eltern. Das hat sich nach einem Rundschreiben der Bildungsdirektion eingependelt, und mittlerweile funktioniert der Fernunterricht in der Grundschule recht gut.


STOL: Und im Kindergarten?

Spornberger: Hier hat es mich besonders beeindruckt, wie rasch die Pädagogen auf digitale Weise den Kontakt zu ihren Schützlingen gesucht haben. Sie haben sich über die Eltern bei den Kleinen gemeldet oder auch Arbeitsblätter geschickt. Das hatte in meinen Augen weniger mit Bildungsarbeit zu tun, sondern war einfach sehr wichtig für die Beziehung zwischen den Pädagogen und ihren Schützlingen. Das war eine sehr schöne Erfahrung.

STOL: Was waren denn anfängliche Schwierigkeiten?

Spornberger: Ich bin mir sicher, dass die Umstellung zu Beginn eine große Hürde für viele Familien war. Sie waren technisch nicht für einen Fernunterricht ausgerüstet, und gerade bei den Grundschülern lag es oft sehr stark an den Eltern, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Und ich habe vollstes Verständnis dafür, dass es gerade auch als arbeitendes Elternteil sehr schwierig ist, auch noch die Rolle des Lehrers für das eigene Kind zu übernehmen. Aber auch für die Lehrer war der Anfang sicher nicht leicht: Einerseits stellte sich die große Frage, wie man die Leistungen der Schüler in dieser besonderen Zeit bewerten solle. Ein zweites Problem stellten eben jene Familien dar, die für einen Fernunterricht technisch nicht ausgerüstet und somit nicht erreichbar waren, immerhin etwa ein Drittel der Eltern. Da gab es die große Sorge, dass die Bildungsschere noch weiter auseinandergeht.

STOL: Aber mittlerweile konnten die Probleme gelöst werden?

Spornberger: Vieles schon, ja. Ich bin wirklich erstaunt und auch berührt, welch großen Sprung in der Digitalisierung die Schulen in Zeiten von Corona gemacht haben: Was vorher schier unmöglich schien, musste plötzlich umgesetzt werden – und es hat funktioniert. Und noch etwas sehr Interessantes war zu beobachten: Die Kinder mussten plötzlich mehr Eigenverantwortung tragen als noch in der Vor-Corona-Zeit. Wo sie zuvor in der Schule vielleicht sogar zu viel betreut wurden, mussten sie jetzt selbst tätig werden und sich organisieren.



STOL: Am Montag startet der Notdienst für Kindergarten und Grundschule: Wie stehen Sie dazu?

Spornberger: Der Notdienst passt sehr gut in die Phase 2, das war ein richtiger Schritt der Landesregierung und ein erster Schritt in Richtung Präsenzunterricht. Der Fernunterricht hat sicher seine Vorzüge, wird aber den Unterricht in einer Klasse nie voll ersetzen können. Ich hatte in letzter Zeit das Gefühl, dass viel häufiger Betreuung verlangt wurde als Bildungsarbeit. Die Schule ist allerdings keine Aufbewahrungsstätte und Kinder brauchen das Lernen auch für ihre Entwicklung. Deshalb ist es wichtig, von einem Notdienst und nicht von einem Notbetreuungsdienst zu sprechen: Es geht nicht darum, die Kinder zu betreuen, sondern darum, unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden.

STOL: Und wie könnte das dann aussehen?

Spornberger: Ich glaube, dass es nach dem Fernunterricht der vergangenen Wochen wichtig ist, die Kinder wieder vom PC wegzuholen und den Schwerpunkt jetzt auf andere Sachen zu legen, darunter etwa Sprachförderung, Arbeit mit Lektüre oder auch musische Betätigung wie etwa Malen. Es war auffällig, wie viele Lehrer sich freiwillig für die Arbeit im Notdienst gemeldet haben: Man merkt, sie können es kaum erwarten, wieder in den Präsenzunterricht zurückzukehren. Es gibt aber auch manche, die gesundheitliche Bedenken haben und lieber im Fernunterricht bleiben – was in Ordnung ist, schließlich kann nicht jeder den Notdienst machen.

STOL: Wie wird es Ihrer Meinung nach im Herbst weitergehen?

Spornberger: Ich bin überzeugt, dass die Schule völlig anders sein wird als bisher. Was ich mir sehr gut vorstellen kann sind zunächst mal kleinere Klassen, ganz klar, und auch weniger Bezugs- beziehungsweise Lehrpersonen. Vielleicht wird dann auch die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler wieder wichtiger als bisher. Auch räumlich sind wir in Südtirol für so eine Unterrichtsform gut aufgestellt, besonders, wenn man andenkt, mehr Unterricht im Freien zu halten. Ich glaube, wir stehen vor aufregenden Zeiten: In den vergangenen 30 Jahren wurden mehrere Reformen durchgeführt, die Schule hat sich sehr entwickelt – und jetzt ist plötzlich nichts mehr wie es war. Ich sehe das aber keineswegs als Rückschritt: Wir haben jetzt die Möglichkeit, das Konzept Schule völlig neu anzudenken, aufgebaut auf all den Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt haben. Das ist eine tolle Chance!


Auf der Homepage des Katholischen Südtiroler Lehrerbunds haben Lehrpersonen ihre Erfahrungen in Zeiten von Corona veröffentlicht.

liz

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