<h3> Nach dem Ersten Weltkrieg</h3><b>Präsident Wilsons 14 Punkte</b><BR /><BR />Seit <b>Anfang November 1918</b> stand die italienische Armee in Südtirol und machte den Brenner quasi zur neuen Grenze. In Tirol konnte oder wollte man sich allerdings nicht vorstellen, dass Südtirol an Italien verloren gehen würde. Genau das aber stand im <b>Geheimvertrag von London</b> aus dem Jahr 1915, in dem Frankreich, Großbritannien und Russland Italien für den Eintritt in den Krieg auf ihrer Seite auch Südtirol als Kriegsbeute zugesagt hatten (und dazu u. a. noch das Trentino, Istrien, Teile Dalmatiens an der Adriaküste). Seit der Veröffentlichung durch die Bolschewiken <b>1917</b> war dieser Vertrag bekannt. <BR /><BR />Die Rettung des Landes erhoffte man sich von <b>US-Präsidenten Woodrow Wilson.</b> Der hatte am <b>8. Januar 1918</b> sein 14-Punkte-Programm für eine zukünftige Friedensordnung verkündet, in dem es in Punkt IX hieß: <i>„Eine Berichtigung der Grenzen Italiens gemäß der klar erkennbaren Nationalitäten.“</i><BR /><BR />Bei Anwendung dieses Prinzips würde das zu 96 Prozent deutschsprachige Südtirol nicht an Italien gehen. Der Kommentar von Frankreichs Ministerpräsident <b>Clemenceau</b> zu den 14 Punkten ließ allerdings nichts Gutes erwarten: <i>„Wilson langweilt mich mit seinen 14 Punkten; selbst der Allmächtige braucht nur zehn!“</i> Allerdings: Die USA waren die eigentlichen Sieger des Krieges, sie waren nicht an den Londoner Vertrag gebunden, und Wilson hatte seine 14 Punkte wenig später öffentlich durch das <i>„Recht der Nationen auf freie Selbstbestimmung“</i> ergänzt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1332210_image" /></div> <BR /><BR /><b>Keine Selbstbestimmung für Südtirol</b><BR /><BR />In den Friedensverhandlungen in Paris war Wilson dann aber nur einer der <b>„Großen Vier“</b>. Clemenceau gab den Ton an, sekundiert von Großbritanniens Premierminister <b>Lloyd George</b> und Italiens Ministerpräsident <b>Vittorio Orlando.</b> Wilsons großes Ziel war die Schaffung des Völkerbundes, mit dem zukünftige Kriege verhindert werden sollten. Da war er Idealist. Dem ordnete er fast alles unter. Bei einigen Forderungen der übrigen drei war er zu Kompromissen bereit, bei einigen nicht. Da war er Realist, manchmal wohl auch Opportunist. Südtirol fällt in die letzte Kategorie. Nach dem von ihm so hochgehaltenen Prinzip der Selbstbestimmung hätte Südtirol niemals an Italien fallen dürfen. Er entschied anders. <BR /><BR />Die später kolportierte Geschichte, falsche Karten seien der Grund für diese Fehlentscheidung gewesen, ist eine Mär. Die italienische Delegation hatte zwar dafür gesorgt, dass in Paris nur die vom italienischen Nationalisten <b>Tolomei</b> produzierten Landkarten Südtirols mit ausschließlich italienischen Bezeichnungen vorlagen, aber in Wilsons Stab gab es genug Experten, die dieses Spiel durchschauten. Es war anders. Orlando forderte mit Fiume etwas, was Italien im Londoner Vertrag ausdrücklich nicht zugesprochen worden war. Wilson lehnte das denn auch strikt ab, nicht zuletzt unter Hinweis auf die Selbstbestimmung. Er wollte Fiume als Hafen für das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Er blieb bei dieser Haltung, auch als die italienische Delegation kurzzeitig aus Paris abreiste. Ein Völkerbund ohne Italien war allerdings für ihn undenkbar. Für sein „höhere“ Ziel setzte er das Selbstbestimmungsprinzip für Südtirol außer Kraft und gab Italien das, was im Londoner Vertrag versprochen worden war.<BR /><BR />Am <b>28. April</b> stimmte die Konferenz auf ihrer 5. Vollsitzung einstimmig für die Errichtung des Völkerbundes. Es war Wilsons größter Erfolg in Paris.<BR /><BR /><b>Nach dem Zweiten Weltkrieg</b><BR /><BR /><b>Briten und Amerikaner einig</b><BR /><BR />Am <b>8. Juni 1944</b> entstand im US State Department ein bemerkenswertes Dokument. Das für Nachkriegsfragen zuständige Planungsgremium empfahl die Rückgabe Südtirols an Österreich, weil<BR />1. dieses Gebiet und seine Bevölkerung am Ende des Krieges „historisch, kulturell und traditionell“ überwiegend österreichisch seien;<BR />2. dies dem politischen und wirtschaftlichen Aufbau Österreichs dienen werde und<BR />3. der Verlust für Italien im Vergleich zu dem, was Österreich gewinnen werde, gering sei.<BR /><BR />Die Akten sagen nichts darüber aus, wie dieses Memorandum entstanden ist, aber es gibt Hinweise. So hatte der geistige Führer des Südtiroler Widerstandes gegen die Entnationalisierungspolitik des faschistischen Italien, <b>Kanonikus Michael Gamper,</b> bereits im <b>März 1943</b> eine Denkschrift fertiggestellt, die über den Vatikan an <b>US-Präsident F. D. Roosevelt</b> übermittelt worden war. Angeblich – nicht belegt – soll Roosevelt dem zugestimmt haben.<BR /><BR />Mehr als ein Jahr lang geschah in Washington in dieser Frage zunächst nichts mehr.<BR /><BR />Die Rückkehr Südtirols war auch im <i>Foreign Office in London</i> diskutiert und im <b>Mai 1944</b> nicht ausgeschlossen worden. Das Thema wurde aber erst wieder im <b>April 1945</b> aufgegriffen, als die Vorarbeiten für den mit Italien abzuschließenden Friedensvertrag begannen. <b>Anfang September</b> war man sich mit Washington einig, nichts am Status quo zu ändern. Mit Washington war man zu der Überzeugung gelangt, dass man alles vermeiden müsse, was die Lage in Italien destabilisieren könnte; auch den USA ging es darum, Italien im westlichen Lager zu halten.<BR /><BR /><b>Eine historische Entscheidung</b><BR /><BR />Am <b>14. September</b> wurde der britische Friedensvertragsentwurf für Italien von den Außenministern in London als Verhandlungsgrundlage angenommen. Ohne Diskussion. Südtirol war in dem Entwurf nicht vorgekommen. Von keiner Seite wurde auch keine Änderung der Brennergrenze vorgeschlagen. Lediglich US-Außenminister <b>James Byrnes</b> legte eine Zusatzformel vor, die ohne Diskussion angenommen wurde. Sie lautete: <i>„Die Grenze mit Österreich wird unverändert bleiben, mit Ausnahme, jeden Fall zu hören, den Österreich für kleinere Grenzberichtigungen zu seinen Gunsten vorbringt.“</i> Das Ganze hatte nicht einmal eine Minute gedauert. Es war eine historische Entscheidung für Südtirol.<BR /><BR /><b>Neue Überlegungen in Washington</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1332213_image" /></div> <BR /><BR /><b>Anfang 1946</b> gab es in Washington und London dann allerdings neue Überlegungen. Ausschlaggebend dafür waren die Wahlen in Österreich am <b>25. November 1945,</b> bei denen die Kommunisten nur vier von 165 Sitzen im Nationalrat gewonnen hatten. Für Washington und London hieß das: Österreich war doch nicht so anfällig für den Kommunismus wie befürchtet. Die Rückgabe Südtirols würde Österreich weiter stärken. <BR />Der Leiter der Mitteleuropaabteilung im State Department, <b>James W. Riddleberger,</b> verwies am <b>3. Januar 1946</b> auf das Memorandum vom <b>Juni 1944</b> und schlug genau das für die nächste Sitzung der Außenminister vor. Seine Argumente waren nur allzu bekannt:<BR />die Bevölkerung sei eindeutig deutschstämmig;<BR />trotz aller Bemühungen von Seiten Italiens habe die Provinz nichts von ihrem österreichischen Charakter verloren;<BR />wenn man die Provinz nicht zurückgebe oder kein Plebiszit durchführe, würden die Großmächte den gleichen Fehler wie nach dem Ersten Weltkrieg ma-chen.<BR />Die Rückgabe werde das österreichische Nationalgefühl stärken und die Westorientierung Österreichs fördern;<BR />die Schaffung eines gesunden Österreich könne von grundlegender Bedeutung für den Wiederaufbau der kleinen Staaten in Mitteleuropa sein;<BR />der Verlust Südtirols für Italien werde andererseits keine ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten für das Land mit sich bringen: Die Stromerzeugung in Südtirol müssten Italien und Österreich gemeinsam betreiben.<BR /><BR />Riddlebergers Vorstoß wurde vom amtierenden Leiter der Südeuropaabteilung, <b>Samuel Reber</b>, sofort abgeblockt. Auch er trug altbekannte Argumente vor, die in vielem den Vorstellungen der italienischen Seite glichen:<BR />beide, Italien und Österreich, hätten starke emotionale Bindungen an jenes Gebiet,<BR />man könne das Wiederaufleben großdeutschen Denkens nicht ausschließen, und daher sei die Brennergrenze für Italien notwendig;<BR />Österreich habe bis zuletzt an der Seite der Deutschen gekämpft;<BR />viele, die jetzt in Südtirol die Forderungen Österreichs unterstützten, seien überzeugte Nazis gewesen;<BR />Österreich verdiene daher keine Rücksichtnahme auf Kosten des Kriegsalliierten Italien;<BR />Südtirol sei für die Stromerzeugung und die Steuereinnahmen Italiens wichtig;<BR />alle Parteien, einschließlich der Kommunisten, würden die österreichischen Forderungen ablehnen;<BR />wenn die USA die jetzt unterstützen würden, könnte dies schwerwiegende innenpolitische Folgen in Italien haben.<BR />Abschließend verwies er auf den Beschluss der Außenminister vom <b>September 1945.</b><BR /><BR />Im State Department war man über die Auseinandersetzung in der Europaabteilung nicht besonders glücklich. Als der stellvertretende Außenminister <b>Dean Acheson</b> in scharfer Form eine Klärung der Frage verlangte, einigten sich Reber und Riddleberger am <b>11. Januar</b> als taktische Linie für die bevorstehende Außenministerkonferenz darauf, dass die USA in der Südtirolfrage keine Initiative ergreifen sollten. Sollte die Frage dennoch in der Absicht aufgeworfen werden, den Beschluss der Außenminister vom <b>September 1945</b> zu ändern, wollte man zwar deutlich machen, „dass wir gegen eine vorbehaltlose Rückgabe Bozens sind“, aber ein Plebiszit zur Lösung des Problems in Betracht gezogen werden solle, wobei Reber nicht glaubte, „<i>dass irgendeine italienische Regierung einen Friedensvertrag unterzeichnen wird, der die Abtretung Bozens an Österreich vorsieht“.</i><BR /><BR />Im Foreign Office in London gab es eine ähnliche Diskussion, die Außenminister Bevin Anfang März beendete.<BR /><BR />Es gab kein Plebiszit, und auch sonst keine Änderung. Am Ende bestätigten die Außenminister ihre Entscheidung vom <b>14. September 1945.</b> Die Brennergrenze blieb unverändert.<BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR /><BR />Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck<BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1332216_image" /></div> <BR /><BR />Rolf Steininger, Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart, Haymon Verlag, Innsbruck 2022, 319 Seiten<BR />Bestellen: www.athesiabuch.it