In Südtirol fällt eine solche Unterscheidung sicher schwerer als etwa in der dünn besiedelten Uckermark im Norden meiner Wahlheimat Berlin-Brandenburg. Sie wird als „Toskana des Nordens“ bezeichnet und ist ideal für Ruhesuchende und gestresste Berliner. Von denen zieht es viele vor die Tore der Stadt, ins Grüne. Braucht eine von Überkonsum geprägte westliche Gesellschaft diese Unterscheidung zwischen Land- und Stadtbewohnern überhaupt noch? <b>Eine Kolumne von von Christoph Kohl</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020591_image" /></div> <BR /><BR />Die Metropole pulsiert im wahrsten Sinne des Wortes, der Zuzug in die deutsche Hauptstadt ist ungebrochen. Die am 9. April vorgestellte Studie „Wegweiser Kommunen“ der Bertelsmann Stiftung weist einen Bevölkerungszuwachs von 5,8 Prozent auf 3,88 Millionen Menschen aus. Damit verzeichnet die Hauptstadt Deutschlands im Ländervergleich das größte Wachstum. Deutlich weniger Menschen werden der Studie zufolge im Jahr 2040 in Brandenburg leben, nämlich 2,4 Prozent. Dies sei auf die Nähe zu Berlin zurückzuführen.<BR /><BR />Mit den Städten hat sich die Zivilisation, wenn man sie als Ökosystem menschlicher Interaktion definiert, eine Art „zweite Natur“ geschaffen – eine vom Menschen gemachte „Natur“. Dazu gehört auch jener Teil der Natur, der nicht wild ist und deren Fruchtgenussrecht wir beanspruchen. Nimmt man die 3500 Jahre zurückliegende alttestamentarische Aufforderung, uns die Erde untertan zu machen, als Anstoß, so existierte diese zweite Natur – scheinbar – schon ewig im Gleichgewicht mit der „ersten Natur“. Wir nennen sie fälschlicherweise Umwelt. Der Begriff Umwelt impliziert eine Trennung zwischen dem Menschen im Zentrum und einer Natur um ihn herum. Dabei ist er Teil der Natur, nicht von ihr getrennt. Und wir können sicher sein, dass die Natur auch ohne den Menschen auskommt, auch ohne Kulturlandschaft, ohne Dorf und ohne Stadt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020594_image" /></div> <h3> Zwei Tendenzen</h3><BR />Zwei Tendenzen werden heute kolportiert: die Landflucht und die Stadtflucht. Beide gibt es, und für beide gibt es gute Gründe. Es sind zwei gegensätzliche Trends, die beide in westlichen Wohlstandsgesellschaften zu beobachten sind. Einerseits zieht es die Menschen – wie schon im Mittelalter und besonders während der industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach wie vor vom Land in die Stadt. Die junge Generation wird angezogen von lukrativeren Arbeitsmöglichkeiten, Bildung, sozialen und kulturellen Angeboten, aber auch von Konsum, – die klassische Landflucht.<BR /><BR />Andererseits sehnt sich der Stadtbewohner nach Ruhe, Natur und engeren Gemeinschaften, was ihn aufs Land oder gar in eine Urlaubsdestination zieht – die Stadtflucht. Ein Trend, der sich durch die Erfahrung der Coronapandemie und die daraus resultierende Telearbeit von zu Hause aus verstärkt hat. Er gipfelt in Phänomenen wie <Kursiv>„Workation“</Kursiv> (Kombination von Arbeit und Urlaub) und <Kursiv>„Frugalisten“</Kursiv> (junge Menschen, die hart arbeiten, sehr sparsam leben und eine finanzielle Unabhängigkeit anstreben, um so früh wie möglich „auszusteigen“).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020597_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Es stellt sich die Frage, ob die vielen „analogen“ Vorteile der zivilisatorischen Entwicklung wie Innovation, Kreativität, Vielfalt, Bildung, Gesundheit, Kultur und Demokratie, die durch zunehmend „digitale“ Lebensentwürfe obsolet zu werden drohen, ohne Urbanisierung überhaupt möglich (gewesen) wären.<BR /><BR />Braucht eine von Überkonsum geprägte westliche Gesellschaft diese Unterscheidung zwischen Land- und Stadtbewohnern überhaupt noch? Unsere europäische Zivilisation zeichnet sich durch einen hohen sozialen und technologischen Entwicklungsstand, eine gemeinsame Identität und gemeinsame Werte, eine stabile Ordnung und die friedliche Koexistenz mit anderen Gesellschaften aus. Nach dieser Definition könnte auch eine Gesellschaft ohne festen Ort – also ohne Dorf und Stadt – eine Zivilgesellschaft sein.<BR /><h3> Gegenbewegungen</h3><BR />Es gab und gibt Gegenbewegungen. Aber Beispiele wie das Schreckensregime unter Pol Pot von 1975 bis 1979 in Kambodscha lehren, dass die Zwangsbeglückung einer antiurbanen Revolution ins Unheil führt. Millionen von Menschen starben im Zeichen der Ideologie einer sich selbst versorgenden Bauerngesellschaft, die die „wahre Identität“ eines Volkes bewahren sollte. Die Hauptstadt Phnom Penh verwandelte sich in eine Geisterstadt. Die Folgen dieser Ideologie waren für Mensch und Umwelt in Kambodscha verheerend. Letztlich scheiterten die Roten Khmer mit ihrem Versuch, eine harmonische und gerechte Gesellschaft ohne Bürger zu schaffen. Die Identität des gesamten Landes wurde für diese Chimäre zerstört.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020600_image" /></div> <BR /><BR />Die Diskussion um Stadt- und Landflucht unterstreicht die Notwendigkeit einer ausgewogenen Entwicklung, die sowohl städtische als auch ländliche Lebensweisen anerkennt und integriert. Eine zukunftsorientierte Gesellschaft sollte die positiven Aspekte der Urbanisierung – wie Bildung, Gesundheit und kulturelle Vielfalt – fördern und gleichzeitig die Verbindung zur Natur, zur Gemeinschaft und zu nachhaltigen Lebensweisen stärken.<BR /><BR /><BR />Für eine erfolgreiche Gesellschaft müssen wir unsere Städte so gestalten, dass sie nicht nur bestehen, sondern aufblühen – indem wir urbane Vorzüge wie eine gewisse wohltuende Anonymität in der Masse mit den dörflichen Qualitäten wie nachbarschaftlicher Verbundenheit in Einklang bringen. In der Synthese von Stadt und Land liegt die Blaupause für die Zukunft: eine Gesellschaft, die technologische und kulturelle Dynamik mit Naturverbundenheit und Gemeinschaftssinn gekonnt verbindet. Herausforderung und Ziel zugleich ist es, einen Lebensraum zu schaffen, der innovativ und heimatverbunden zugleich ist, um eine fruchtbare Zivilisation zu ermöglichen. <BR /><BR /><BR />Ihr Christoph Kohl<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />