Montag, 11. Mai 2020

„Unsere Kinder sind die größten Opfer der Krise“

Die Coronakrise hat niemanden verschont: Einige verloren liebe Angehörige, andere mussten ihren Arbeitsplatz verlassen, wieder andere bangen noch immer um ihre Existenz. Und jeder einzelne musste seine Freiheit aufgeben. Aber Heidrun Goller vom Landesbeirat der Eltern ist sich sicher: Zu den größten Opfern der Coronakrise gehören die Kinder und Jugendlichen.

Der Fernunterricht war als Notlösung in Ordnung, muss aber für den Herbst umgedacht werden, sagt die LBE-Vorsitzende Heidrun Goller.
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Der Fernunterricht war als Notlösung in Ordnung, muss aber für den Herbst umgedacht werden, sagt die LBE-Vorsitzende Heidrun Goller. - Foto: © shutterstock
Seit Donnerstag, 5. März, sind Südtirols Schulen, Kindergärten, Kindertagesstätten und Universitäten geschlossen. Was zunächst als temporäre Maßnahme der Coronakrise gedacht war, wurde immer wieder verlängert, bis Ende April die endgültige Entscheidung fiel: Ein Neustart kann erst im Herbst erfolgen.

Welche Herausforderungen diese Entscheidung für Schüler und Eltern bereithielt, wie es den Kindern und Jugendlichen damit ergeht und wie es nun weitergehen sollte, darüber hat die Vorsitzende des Landesbeirats für Eltern Heidrun Goller im Interview gesprochen.


STOL: Frau Goller, seit mehr als 2 Monaten sind die Schulen in Südtirol geschlossen, vor etwa einem Monat wurde der Fernunterricht eingerichtet. Wie erleben Schüler und Eltern diese außergewöhnliche Zeit?

Heidrun Goller, Vorsitzende des Landesbeirats der Eltern: Wir befinden uns in einer äußerst zermürbenden Situation. Was die Eltern vor allem bedrückt, ist die Planungsunsicherheit: Man weiß nicht, wie es weitergeht, weder jetzt noch im Herbst. Obwohl man mit dem Fernunterricht zumindest teilweise einen gemeinsamen Weg mit der Schule gefunden hat, liegen sowohl die Umsetzung als auch die Verantwortung bei den Eltern.
Die Isolation der Kinder und Jugendlichen hinterlässt allerdings ihre Spuren: Es wird immer offensichtlicher, dass sich die Ausgangssperre auch auf die soziale Entwicklung ausgewirkt hat. Die Jungen dürfen zwar aus dem Haus, sich aber nicht mit ihren Freunden treffen. Da bleiben sie oft lieber vor dem PC sitzen. Das ist gefährlich. Und wenn sie sich mal treffen, wird das von allen Seiten angeprangert. Das finde ich nicht richtig: Wir müssen die Grundbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen schützen. Sie sind unsere Zukunft – und sie wurden in dieser Krise geopfert.

STOL: Rückblickend: Welche von der Politik getroffenen Entscheidungen waren Ihrer Meinung nach richtig?

Goller: Hier muss ich zunächst betonen: In so angespannten Zeiten wie diesen kann man es niemandem mehr recht machen, egal, welche Entscheidung man trifft. Ich denke, dass der Fernunterricht als Notlösung sehr gut funktioniert hat, in einigen Klassen und Schulstufen sicher besser als in anderen. Die Eltern haben von der Schule ein Mindestmaß an Bildung und oft auch ein straffes Programm gefordert, um einen Bildungsrückstand zu vermeiden. Auch wurde der Corona-Alltag durch die Einführung des Fernunterrichts wieder besser strukturiert. Ich glaube aber auch, dass es nun an der Zeit ist, das Konzept neu zu überdenken, weg vom Fernunterricht hin zu Sozialisierungsmaßnahmen.

STOL: Und welche Entscheidungen waren rückblickend nicht ideal?

Goller: Die Entscheidung an jenem Mittwochabend Anfang März, die Schulen sofort zu schließen, war denkbar schlecht. Wenigstens bis zum Wochenende hätte man noch weitermachen sollen. Weder Schüler noch Lehrer konnten sich auf die Schließung vorbereiten, Bücher, Hefte, fast das gesamte Lehr- und Lernmaterial blieb in der Schule. Zudem war kaum ein Haushalt auf die Situation vorbereitet, vor allem, wenn mehr als ein Kind schulpflichtig war: Es fehlte oft an Geräten wie ausreichend Computer und Laptops, viele Haushalte hatten keinen Drucker oder eine nicht ausreichende Internetverbindung. Auch hätte man sofort für eine langfristige Schließung planen müssen, nicht erst 2 Wochen, dann nochmal 2 Wochen und so weiter. Es war ja absehbar, dass uns diese Krankheit länger begleiten wird. Denkbar schlecht war es auch, dass mit der Schulschließung viele minderjährige Kinder über Stunden alleine zu Hause zurückblieben, weil die Eltern weiterhin zur Arbeit mussten. Und schließlich war es denkbar schlecht, die risikokleinste Gruppe über einen so langen Zeitraum derart von ihren Gleichaltrigen zu isolieren.

STOL: Wenn Sie es sich frei wünschen könnten: Wie sollte es jetzt weitergehen?

Goller: Das Mindestmaß an Bildung sollte mittels Fernunterricht natürlich bleiben, aber vielleicht nur noch 2 bis 3 Mal die Woche. An den anderen Tagen sollte ein Notbildungsprogramm eingeführt werden, bei dem sich die Schüler vielleicht auch nur in kleinen, lokalen Gruppen unter striktem Einhalten der Sicherheitsmaßnahmen treffen können. Das könnte zum Beispiel eine Wanderung oder ein Ausflug sein, immerhin kann Bildung auch in der Natur passieren. Die Gruppen könnten dabei immer dieselben bleiben. Das wäre jedenfalls meine Idealvorstellung.

STOL: Noch unklar ist, wie es im Herbst weitergeht. Wie blicken die Eltern hier in die Zukunft?

Goller: Wir schauen mit Hoffnung und auch mit Schrecken in Richtung Herbst. Sollte tatsächlich ein Teil-Unterricht umgesetzt werden, also ein Teil des Unterrichts in der Klasse, ein Teil weiterhin von zu Hause aus, dann muss der Fernunterricht dringend umstrukturiert werden. Wie gesagt, als Notlösung hat er gut funktioniert, aber für eine langfristige Lösung ist er noch nicht konzipiert. Da der Fernunterricht oft klassenweise passiert, wird er dem individuellen Lernfortschritt der Schüler nicht gerecht. Wenn möglich müsste hier mehr auf Individualunterricht gesetzt werden. Und auch der physische und psychische Kontakt zu den Lehrern und vor allem den Mitschülern fehlt. Und sollte der Fernunterricht teilweise bestehen bleiben, muss die Politik den Eltern mit Betreuungsmaßnahmen entgegenkommen. Und abschließend gibt es noch einen wichtigen Punkt, der nicht vergessen werden darf und unbedingt gelöst werden muss: Der Schülertransport.

Interview: Elisabeth Turker

liz

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