Dienstag, 01. Oktober 2019

Verantwortung um die Schönheit

Die Sextner Kamingespräche sind in den ersten fünf Jahren ihres Bestehens zu einer richtungsweisenden Plattform für Visionen und Weiterentwicklung der Dolomiten auf politischer, gesellschaftlicher und ökologischer Ebene geworden. Seit 3 Jahren stellen sie eine Kombination zum UNESCO Forum dar, mit dem Fokus auf Verantwortung, Identität und Glaubwürdigkeit der Menschen dieses Naturjuwels.

2015 wurden die Sextner Kamingespräche ins Leben gerufen.
Badge Local
2015 wurden die Sextner Kamingespräche ins Leben gerufen. - Foto: © Christian Tschurtschenthaler

„Es geht bei diesen Kamingesprächen auch ums Feiern“ sagt Christoph Rainer, der 2015 mit seiner Schwester Judith die Sextner Kamingespräche ins Leben gerufen hat. 10 Jahres UNSESCO Welterbe werden aber immer mehr zu einem Faktor für Verantwortung einer Landschaft gegenüber, die droht in den Touristenströmen der Hotspots zu ersticken. Moderator Erwin Brunner, ehemaliger Chefredakteur von National Geografik versuchte der hochkarätigen Expertenrunde auf den Zahn zu fühlen – mit überraschenden Ergebnissen.

Mit der Einführung zum Tagungsthema „Verantwortung und Schönheit – 10 Jahre UNESCO Welterbe Dolomiten“ schwörte der akademische Leiter der Sextner Kamingespräche Prof. Harald Pechlaner die zahlreichen Spitzenexponenten aus Wirtschaft und Politik auf den Abend ein.

Raum zum mitgestalten für die Menschen vor Ort

„Die Schönheit ergibt sich aus einem tieferen Verständnis des Lebensraumes, einem tieferen Verständnis der Menschen die in diesen Bergen wirtschaften, leben und arbeiten. Der Link zwischen Mensch und Territorium muss bleiben.“ Pechlaner unterstrich, dass es in Zukunft vielmehr um Besucherlenkung und Besuchersteuerung gehen müsse. „Hier tut sich in Südtirol in den kommenden Jahren sehr viel.“

Für Landeshauptmann Arno Kompatscher ist eines klar: „Unsere Aufgabe ist es, Leitplanken zu setzen, die das UNESCO-Welterbe in Bahnen lenkt, die nachhaltig sind.“

Südtirol will Modellregion Europas werden

„Es geht um die Frage der Nachhaltigkeit, kulturell, sozial und ökonomisch - ganz besonders aber ökologisch“, so der Landeshauptmann. „Südtirol will Klimaland werden, Vorreiter in Europa sein für eine besondere Form des Wirtschaftens, und daraus einen ökonomischen Mehrwert erzielen, nach dem Motto Qualität vor Quantität. Wir haben nicht generell zu viel Tourismus, wir haben ein Problem der kurzen Aufenthaltsdauer, deshalb möchte Südtirol Modellregion in Europa sein. Und Kompatscher plädiert für einen Eintrittspreis. „Vieles geben wir derzeit unter seinem Wert her.“ Es gehe aber nicht allein um Wertschöpfung sondern um Wertschätzung.

Gäste belohnen, die länger bleiben

Es braucht insgesamt Mut zum Preis für das gebotene. Die Idee Kompatschers ist eine Erlebnismobil-Karte: „Ich will die mobile App haben, wo der Gast an seinem Mobiltelefon alle Möglichkeiten der Verkehrsmittel mit Reiseroute bis hin zum Hotel und bis zu seinen Tageszielen abfragen kann. Das muss für alle buchbar sein – und zwar sehr schnell. Wir müssen dem Gast etwas zumuten: er kommt in ein besonderes Land, dafür sind besondere Regeln einzuhalten. Wer länger bleibt, wird mit besonderen Erlebnissen und Dienstleistungen belohnt. Dieser Gast soll mehr bekommen, als einer, der nur wegen eines Handyfotos vorbeischaut.“

Angesprochen auf die Handhabe des Verkehrs auf den Dolomitenpässen sagt Kompatscher: Man muß den Artikel der italienischen Straßenverkehrsordnung ändern. Hier kam direkte Zustimmung vom Podium durch Ex-Minsterin Erika Stefani. Die Pässe sollen für den Verkehr gesperrt werden. Derzeit gibt es noch große Sorgen bei den Touristikern. Es ist aber an der Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.

Kinder in den UNESCO-Welterbeprozess einbeziehen

Wie weit werden Kinder und Jugendliche in den UNESCO-Welterbeprozess miteinbezogen? Diese Frage stellte sich die Geschäftsführerin der Kunsthalle Emden im Weltnaturerbe Wattenmeer, Eske Nannen. Friday for future – das ist politisches Engagement – die Jugend selbst erzieht die Eltern. Eine enorme Chance für unsere Gesellschaft.

Erika Stefani, Senatorin und bis vor kurzem Ministerin für Regionen und Autonomie sieht das ähnlich. Sie verspürt aber große Unterschiede in der Umsetzbarkeit zwischen den autonomen Provinzen und den Regionen mit Normalstatut. Dort fallen die Entscheidungen fernab der Problematik in Rom ohne Einbindung der Menschen vor Ort.
Für Dr. Walter Hirche, den ehemaligen Wirtschaftsminister der FDP von Niedersachsen und Brandenburg und Präsident der deutschen UNESCO-Kommission ist es wichtig, dass Vorsorge getroffen wird, damit eine Landschaft, die gerade zum UNESCO Welterbe ernannt wurde , nicht von von der Masse „kaputt getreten“ wird. Noch wichtiger als der Preis sei der Stolz der Menschen auf ihre Region – die soziale und emotionale Situation einer Region müsse zum Trumpf gemacht werden. Daher seihen junge Menschen vor Ort die Verantwortungsträger der Zukunft.

Das Plädoyer Reinhold Messners

„Die Schönheit dieser Bergwelt besteht mindestens zur Hälfte in der Bearbeitung der Kulturlandschaft unterstreicht Bergsteigerlegende Reinhold Messner. Deshalb muss die Politik alle Maßnahmen ergreifen, dass die Bauern am Berg bleiben und dort arbeiten und leben können.
Wer erzählt unsere Heimat an die Gäste wenn nicht unsere Mitarbeiter, die hier geboren sind. Deshalb müssen diese über 10 Monate im Jahr beschäftigt werden können, brauchen gerechte Entlohnung, müssen zu attraktiven Bedingungen gehalten werden. Wir brauchen in Südtirol eine internationale Gästeschicht. Und wir brauchen den Flughafen für die internationale Erreichbarkeit“, ist Messner überzeugt, denn Südtirol muß den Anspruch erheben, das Leadership im Bergtourismus weltweit anzupeilen.

Zum Finale im Bergstadel Patzenfeld marschierte die Sextner Bergsteigermusik auf, während unter den Klängen des Sextner Bergsteigermarsches Umweltlandesrätin Maria Hochgruber Kuenzer den Anschnitt der UNESCO-Jubiläumstorte vollzog.


christian tschurtschenthaler