Wo kann man nachschlagen, wenn man auf der Suche nach einer Standardaussprache ist? Gibt es regionale oder andere Unterschiede bei der Standardaussprache? Welche Rolle spielt die „Standardaussprache“ im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht?Ursula Hirschfeld, Professorin am Seminar für Sprechwissenschaft und Phonetik der Universität Halle und Mitautorin des „Deutschen Aussprachewörterbuchs“, gibt im Rahmen eines Vortrags mit dem Titel „Richtige und gute Aussprache – Was ist das?“ am 15. April in der Landesbibliothek Teßmann in Bozen Antworten auf diese Fragen. Sie haben am „Deutschen Aussprachewörterbuch“ mitgearbeitet. Wie entstehen solche Wörterbücher? Ursula Hirschfeld: Es gibt momentan verschiedene Aussprachewörterbücher für das Deutsche in Deutschland. Neben dem Duden-Aussprachewörterbuch existieren immer noch Nachauflagen des Siebs-Aussprachewörterbuchs (von 1969) und seit 2009 unser „Deutsches Aussprachewörterbuch“. Übereinstimmend wird davon ausgegangen, dass in bestimmten Bereichen bzw. Situationen eine überregionale und allgemein anerkannte Standardaussprache verwendet wird oder werden soll, z. B. in Film, Theater, Hörspiel, Hörbuch, aber auch im Rundfunk bei Nachrichtensendungen oder in Moderationen. Die Untersuchung und Beschreibung der Standardaussprache ist jedoch sehr unterschiedlich. Wir haben z. B. soziophonetische und phonetische Analysen vorgenommen, die sich über fast zwei Jahrzehnte hingezogen haben. Wurden in Ihrem Aussprachewörterbuch auch regionale Unterschiede berücksichtigt, etwa die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland?Hirschfeld: Da die Standardaussprache als überregionale Sprechweise definiert wird – man kann somit einen Standardsprecher keiner Region wie Sachsen oder Bayern zuordnen –, spielen regionale Unterschiede hier keine Rolle. Wir gehen aber davon aus, dass es mehrere Standardaussprachen gibt. Im theoretischen Teil unseres Wörterbuchs gibt es deshalb drei Kapitel, die die Standardaussprache in Deutschland, die in Österreich und die in der deutschsprachigen Schweiz beschreiben und so die Unterschiede zwischen den drei Aussprachestandards herausarbeiten. Im Wörterverzeichnis wird allerdings nur die Standardaussprache für Deutschland transkribiert. Neben einer „richtigen“ Aussprache stellt sich die Frage, was eine „gute“ Aussprache ist. Gibt es dafür allgemeine Kriterien oder ist sie je nach Situation verschieden?Hirschfeld: Die Aussprache ist stark situationsabhängig: Je nach Gesprächspartner, Thematik und äußeren Bedingungen variiert die gesprochene Sprache. Mit Freunden spricht man anders als mit dem Chef, ein Goethe-Gedicht wird anders vorgetragen als ein Witz erzählt, in einem großen Saal ist man lauter, langsamer und deutlicher als am Frühstückstisch. Es gibt also Kriterien für eine „gute“ Aussprache, die durch die Situation bestimmt werden. Es ist z. B. nicht immer notwendig, die Standardaussprache zu verwenden, es kann auch Dialekt oder regional gefärbte Umgangssprache sein, wenn dies zur Situation passt, also von den Gesprächspartnern erwartet und akzeptiert wird. Und innerhalb der Standardaussprache oder innerhalb des Dialekts gibt es weitere Merkmale, die eine situationsangemessene Aussprache ausmachen: Man kann nachdrücklich oder energisch sprechen, freundlich oder ärgerlich, schnell oder langsam, laut oder leise. Viele Menschen sind der Ansicht, dass ein guter Sprecher einer sei, bei dem man seine regionale Herkunft nicht heraushöre. Was halten Sie davon?Hirschfeld: Das kann und sollte man so pauschal nicht formulieren. Nur in einer Situation, in der die Standardaussprache erwartet wird, sollten keine regionalen Formen zu hören sein. Außerdem können auch Sprecher, bei denen man die regionale Herkunft nicht heraushört, nuscheln oder zu schnell oder zu leise oder eben nicht situationsangemessen sprechen. Diese würde man sicher nicht als gute Sprecher bezeichnen.„Im Alltag besteht gute Aussprache v. a. in der Erfüllung der ‚Norm der Unauffälligkeit’“, schrieben Sie in einem Aufsatz. Was meinen Sie damit?Hirschfeld: Im Alltag geht es vor allem darum, etwas mitzuteilen, miteinander zu sprechen, sich zu streiten usw. Es geht also um Inhalte. Die Konzentration auf den Inhalt sollte nicht durch Auffälligkeiten in der Form, also auch nicht durch Auffälligkeiten in der Aussprache, gestört werden. Natürlich können Auffälligkeiten in der Aussprache auch im Alltag bewusst genutzt werden, wenn man z. B. jemanden nachahmt oder besondere Effekte erzielen will.Interview: Monika ObristDer Vortrag „Richtige und gute Aussprache – Was ist das?“ findet am 15. April um 20 Uhr in der Landesbibliothek Teßmann statt. Der Eintritt zu der Veranstaltung, die vom Bozner Zweig der Gesellschaft für deutsche Sprache und der Landesbibliothek organisiert wird, ist frei.