Von der Geburt Jesu Christi – der Weihnachtsgeschichte – berichten im Neuen Testament der Bibel zwei Evangelisten: Lukas und Matthäus. Im Lukas-Evangelium („Es begab sich aber zu der Zeit ...“) wird die Futterkrippe erwähnt, nicht aber, welche Tiere daraus fraßen: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ (Lukas 2,7). <BR /><BR />Matthäus überspringt die genaueren Umstände von Jesu Geburt und erwähnt dafür die „Weisen aus dem Morgenland“: „Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: ,Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten‘.“ (Matthäus 2,1).<BR /><BR />„Dennoch haben Ochs und Esel ihren Weg in die Weihnachtsgeschichten gefunden, sind ganz nah dran an der Botschaft der Menschwerdung Gottes“, wendet Michael Horrer, Vorsitzender des Vereins Krippenfreunde Südtirol, ein. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254267_image" /></div> <BR /><BR />Und zwar tauchen die beiden Tiere in den sogenannten Apokryphen – religiöse Schriften jüdischer und frühchristlicher Herkunft, die nicht in den offiziellen biblischen Kanon aufgenommen wurden – auf. „Sie legte den Knaben in eine Krippe, und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ,Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn‘“, heißt es dort. <BR /><BR />Der alttestamentarische Prophet Jesaja schrieb zudem: „Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“ (Jesaja 1,3). Die Botschaft dahinter: Die Tiere sind klüger, als sie eingeschätzt werden, und wissen, wohin sie gehören. Nehmt sie euch zum Vorbild! Der (mögliche) Grund, warum Ochs und Esel in der Krippe stehen, ist also viel älter als die Weihnachtsgeschichte, denn Jesaja soll an die 700 Jahre vor Christus gelebt haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254270_image" /></div> <BR />„Eine weitere Lesart: Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe symbolisieren die Völker“, erklärt Michael Horrer. „Der Ochse steht für das Volk Israel, das das Gesetz kennt, der Esel für die Heiden. Aber beide beten das Jesuskind an.“ <BR /><BR />Die ältesten Darstellungen von Tieren an der Krippe gehen auf das vierte Jahrhundert nach Christus zurück. Und zwar sind das Opfertier (Ochse) und das Lasttier (Esel) auf dem Stadttorsarkophag in der Kirche St. Ambrogio in Mailand (etwa 380 bis 400 n. Chr. erschaffen) zu sehen. Hier liegt Jesus ganz allein in der Krippe, ohne Maria und Josef – lediglich flankiert von Ochs und Esel.<BR /><BR />Die erste „lebende“ Krippe in der Geschichte des Christentums soll in der Nacht auf den 25. Dezember 1223 in Greccio in der Provinz Rieti (Region Latium), in einer Landschaft, die in ihrer Kargheit an Bethlehem erinnert, zu sehen gewesen sein. Es war der Hl. Franz von Assisi, der Dorfbewohner in einer Höhle zusammenbrachte, um die Szene der Geburt des Herrn darzustellen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254273_image" /></div> Mit dabei: die Heilige Familie, Ochs, Esel und weitere Tiere. Warum? Franz von Assisi wollte vor allem den Gläubigen, die nicht lesen konnten, das Evangelium nach Lukas bildhaft nahebringen. Auf diese Weise entstand ein geistliches Schauspiel, das später als „Krippenspiel“ bekannt wurde. Diese einfache Darstellung in Mittelitalien legte den Grundstein für eine Tradition, die sich über die ganze Welt verbreitete. Und Franz von Assisi gilt heute als „Vater des Krippenbaus“.<BR /><BR />Eine der ältesten erhaltenen Krippen der Welt findet sich heute in Rom. Michael Horrer: „Im Jahr 1291 stiftete der Kanoniker Pandolfo im Seitenschiff von Santa Maria Maggiore in Rom eine Kapelle. Diese enthielt einen Altar mit verstellbaren Alabasterfiguren des Florentiner Bildhauers Arnolfo di Cambio.“<h3> Der Siegeszug der Krippe rund um die Welt</h3>Ein Zeitsprung. Die große Blütezeit der Krippen war das Zeitalter des Barock. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitete sich die Krippenkunst in ganz Europa. Besonders die Jesuiten trugen zur Popularisierung bei: 1560 wurde in Coimbra (Portugal) die erste Krippe des Ordens aufgestellt, 1562 folgte eine Ausstellung nördlich der Alpen – und zwar in Prag. <BR /><BR /> Erste sichere Nachrichten von Kirchenkrippen stammen auch aus Süddeutschland, wo nach der unruhigen Zeit der Reformation zuerst die Jesuiten den großen Wert der Krippe als Andachtsgegenstand erkannten. <BR /><BR />Die Jesuiten ließen beeindruckende, wertvolle Krippen bauen, und diese verbreiteten sich rasch in den Kirchen des gesamten katholischen Europas. Schließlich wollte jede Gemeinde eine eigene Krippe haben. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich das Aufstellen von Krippen in den Familien durch; zuvor waren sie überwiegend kirchlich verankert.<h3> Originalschauplatz oder Heimatszenen</h3>Mit der Zeit wuchs die Vielfalt der Krippen: Neben der Heiligen Familie kamen Engel, Hirten und die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar hinzu. Stallungen wurden mit Sternen, Verkündigungsengeln und regionalen Landschaften versehen. So entstanden neben den „Orientalischen Krippen“, die Landschaft und Menschen am Originalschauplatz darstellten (also Bethlehem rund um die Zeitenwende), auch die „Heimatkrippen“, die die Geburtsgeschichte in die eigene Umgebung übersetzten, schildert Michael Horrer. Etwa bei den sogenannten Tiroler Krippen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254276_image" /></div> <BR />Neben Ochs und Esel entdeckt man fortan weitere Tiere an der Krippe. Schafe sind die Tiere, die am häufigsten in der Bibel erwähnt werden. Sie galten zur damaligen Zeit als nützliche Tiere. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ist an zahlreichen Stellen die Rede von Schafen oder Lämmern. Während es im Alten Testament um das Opferlamm geht, steht das Schaf im Neuen Testament sinnbildlich für den irrgeleiteten Menschen, der durch den Hirten Jesus wieder auf den richtigen Weg gebracht wird.<BR /><BR />Auch in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas werden Hirten mit ihren Herden erwähnt. Denn es waren Schafhirten auf dem Feld, die die frohe Botschaft von der Geburt Jesu durch einen Engel als Erste erfuhren. Sie begaben sich in aller Eile zu dem Stall, zusammen mit den Tieren, für die sie Verantwortung trugen. Die Bibel dazu: „In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie.“ (Lukas 2,8-2,9). <h3> Die gesamte Schöpfung Gottes kommt zur Krippe</h3>Auch ein Hund reiht sich in vielen Fällen in die Schar der Tiere an der Krippe ein. Er ist der Hütehund der Schafherde und des Hirten und steht symbolisch für Wachsamkeit und Schutz. In manchen Krippen sind oft auch viele weitere tierische Figuren an der Krippe zu bestaunen. Das zeigt, dass an Weihnachten die gesamte Schöpfung Gottes bedacht wird, nicht nur die menschliche, sondern auch die tierische Welt.<BR /><BR />Ab dem Dreikönigstag bereichern exotische Tiere die Weihnachtskrippen – und zwar als Reittiere der Weisen aus dem Morgenland. Sie stellen, wie ihre Reiter, die zur damaligen Zeit bekannten Kontinente dar. Der Elefant in der Krippe, der meist neben dem König Caspar mit dunkler Hautfarbe aufgestellt wird, repräsentiert den afrikanischen Kontinent. König Balthasar kommt als Asien-Vertreter auf dem Kamel angeritten. Und Melchior reitet als europäischer Vertreter auf einem Pferd.<BR /><BR />Ob Tiroler Krippenszene oder orientalische, ob ins Gebirge versetzt oder unter Palmen – die Anordnung rund um die Krippe bleibt stets dieselbe: Die Heilige Familie steht im Mittelpunkt, vom Betrachter aus kniet oder sitzt Maria meistens links vom Kind, Josef steht hingegen auf seiner rechten Seite. Ochs und Esel befinden sich hinter der Heiligen Familie, der Ochs meistens rechts, der Esel links. Ein Lamm am Boden vor dem Jesukind, als Gabe der Hirten, symbolisiert das Opfer Christi.<h3> Die „arische“ Krippe von Ferdinand Plattner</h3>So sieht die Geburt Christi im Normalfall aus. Es sei denn, man will provozieren – so wie es der „Krippenapostel“ Ferdinand Plattner, Mitbegründer des Tiroler Krippenvereins, getan hat. Der Priester aus Steinach am Brenner hatte 1924 die Krippenbauschule in Sarns begründet und die Werkstätte im Bildungshaus St. Georg in ein Zentrum des Tiroler Krippenbaus in der Zwischenkriegszeit verwandelt; 1927 war er maßgeblich am Aufbau des Krippenmuseums in Brixen beteiligt. <BR /><BR />Seine Weihnachtskrippe im Jahr 1943 hätte den Ehrenkanonikus aber beinahe das Leben gekostet. Plattner, der aus seiner anti-nationalsozialistischen Gesinnung keinen Hehl gemacht hat, hatte zur Krippenausstellung eine leere Krippe präsentiert. Nur Ochs und Esel hockten im Stall. <BR /><BR />„Plattner erklärte, wenn man nach nationalsozialistischen Rassekriterien Juden und Ausländer aussieben würde, würden nur noch Ochs und Esel in der Krippe übrig bleiben“, erzählt Michael Horrer. Und dann ging Plattner auch noch in die Falle eines Nazi-Spitzels. Die heilige Familie sei vor dem Nazismus geflohen, nur die beiden Tiere – Hitler und Mussolini –, seien zurückgeblieben, sagte der Geistliche angeblich. Für ihn klickten die Handschellen. <BR /><BR />Plattner wurde von den Nationalsozialisten festgenommen und ins Gefängnis nach Bozen gebracht, wo der Oberste Kommissar Franz Hofer das Todesurteil wegen Majestätsbeleidigung forderte. Nur sein Alter bewahrte Plattner vor der Todesstrafe. Er blieb bis zum Kriegsende in Hausarrest und kehrte dann nach Sarns zurück, wo er 1950 starb.<h3> Grödner Holzschnitzer spielen wichtige Rolle</h3>In Südtirol findet man erste Bilder der Geburt Jesu in Handschriften und auf Siegeln. Die Weihnachtsfresken in der Kapelle von Schloss Tirol, in der Schlosskapelle Hocheppan und im Kreuzgang von Brixen gehen auf die Frühgotik zurück, aus der Spätgotik stammt die Anbetung der Hl. Drei Könige in der Jakobskirche in Gröden.<BR /><BR /> Krippen werden in Südtirol seit dem 18. Jahrhundert gebaut – zunächst nur im kirchlichen Umfeld. So finden sich einige Krippen aus jener Zeit im Kloster Neustift sowie im Kloster Muri-Gries in Bozen. Eine wichtige Rolle spielten hierbei Grödner Holzschnitzer. <BR /><BR />Erst ab dem 19. Jahrhundert hielten Krippen auch Einzug in die Südtiroler Stuben. „Hauptsächlich waren es Bauern, die die langen, dunklen Winterabende nutzten, um eine Krippe nach ihren Vorstellungen zu erschaffen, mit Materialien, die sie in ihrer Umgebung fanden“, erklärt Horrer. Und wer besonders geschickt beim Figurenschnitzen und Krippengestalten war, führte andere in die Kunst ein. <BR /><BR />Heute lassen Krippenfiguren viel Spielraum für Interpretation – und auch Südtirol folgt diesem Trend. Zu den Figuren, von denen die Weihnachtsgeschichte der Evangelien berichtet, kommen Menschen aus dem gegenwärtigen Alltag mit ihrem Stand, ihren Berufen, ihrer Mode. Michael Horrer: „Man sieht beispielsweise die Heiligen Drei Könige auf Rollern, Josef am Handy...“ Aber egal, jeder Weihnachtskrippe wohnt ein ganz eigener Zauber inne, mit der Botschaft: „Weder Stand, Alter, Hautfarbe oder Gesundheitszustand sind ausschlaggebend – alle dürfen zur Krippe kommen“, so Horrer.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254279_image" /></div> <BR />In Südtirol haben sich passionierte Krippenbauer 1979 zum Verein Krippenfreunde Südtirol EO zusammengeschlossen, sein Sitz ist seit 2023 im Kloster Neustift. Zu seinen höchsten Zielen – so liest man auf der Homepage nach (www.krippenfreunde.bz) – gehören die Förderung der Volkskunst, des Krippenschnitzens und Krippenbaus sowie die Anleitung der Jugend zu sinnvoller Freizeitgestaltung. „Wir sind aber kein Bastelverein“, schränkt der Vorsitzende ein. Vermittelt werden auch die religiösen und erzieherischen Werte, die mit der Krippe eng verbunden sind. Aktuell zählt der Verein 29 Ortsgruppen mit 1110 Mitgliedern („Krippeler“). „Unser Leitmotiv ist: In jeder Familie eine Krippe“, erklärt deren Vorsitzender. <BR /><BR />Zu den größten Projekten der Krippenfreunde Südtirol gehört ein neues Vereinslokal mit angeschlossener Werkstatt in Neustift, in der die Krippenbau-Meisterschule angesiedelt werden kann. „Derzeit zählen wir in Südtirol sieben Meister, die eine vierjährige Ausbildung absolviert haben und nun ihr Wissen weitergeben“, erzählt Horrer, seit 2017 Vorsitzender. Der gebürtige Schlanderser hat als Bub, gemeinsam mit dem Vater, seine erste Krippe gebaut; diese steht heute im Bischöflichen Ordinariat in Bozen. Neben zahlreichen weiteren Krippen, die in seinem Besitz sind. <h3> Erster Adventsonntag bis Maria Lichtmess</h3>Übrigens, laut Tradition sollte die Weihnachtskrippe am ersten Adventsonntag aufgestellt werden. Wer es genau nimmt, stellt einen leeren Stall und die Landschaft hin und fügt über die darauffolgenden Tage hinweg – je nach überliefertem Geschehen – die Figuren hinzu. Im alten liturgischen Kalender endete die Weihnachtszeit zu Maria Lichtmess (2. Februar). Und so lange sollte auch die Krippe ihren festen Platz in Kirchen und Wohnungen haben.