Freitag, 27. Januar 2017

„...wir waren fertig“

Das Leben im Lager war für die Häftlinge geprägt von Willkür, Brutalität und dem Gefühl, den Wachmannschaften völlig ausgeliefert zu sein“, sagt Johannes Breit über das Gestapo-Lager Innsbruck- Reichenau. Am Freitagabend wird sein Buch über diesen Ort vorgestellt.

Gegen das Vergessen: Heute Buchvorstellung „Das Gestapo-Lager Innsbruck-Reichenau“
Gegen das Vergessen: Heute Buchvorstellung „Das Gestapo-Lager Innsbruck-Reichenau“

Südtirol Online: In einem 1944 geschriebenen Geheimdienstbericht bezeichnen die Alliierten das Innsbrucker Lager Reichenau als „concentration camp“ – ein Begriff, den Sie für Reichenau ablehnen. Welche Funktion hatte dieses Lager in der NS-Zeit?

Johannes Breit: Wenn man es in einem Begriff zusammenfassen wollte, dann müsste man es ein „Allzwecklager“ der Gestapo nennen: Es diente der Internierung aus Deutschland flüchtender italienischer Arbeiter, der Bestrafung von Zwangsarbeitern, als Durchgangslager für Deportierte und auch zur Inhaftierung politischer Häftlinge. Die Unterscheidung zu einem KZ ist deshalb von Bedeutung, weil Lager wie das in der Reichenau einerseits innerhalb des NS-Staates eine andere Funktion erfüllten, andererseits weil sich die lagerinterne Struktur anders gestaltete. Das Lager Reichenau und ähnliche Lager dienten regionalen Allianzen aus Gestapo, anderen staatlichen Institutionen und Wirtschaft als Machtinstrument gegen die zentrale KZ-Struktur. Innerhalb des Lagers war der Zugriff der Wachmannschaften viel direkter und die „Häftlingsgesellschaft“, wenn man so will, eine andere als in einem KZ.

STOL: Durch Arbeit zur Arbeit erziehen“, lautete eine Parole der NS-Arbeitspolitik. Für welche Vergehen wurde man von den Behörden in ein Arbeitslager interniert und woher stammten die Zwangsarbeiter des Reichenauer Lagers?
Breit: Der Großteil der Arbeitserziehungshäftlinge des Lagers war beschuldigt, „Arbeitsvertragsbruch“ begangen zu haben. Dieser Begriff umschreibt quasi jedes Verhalten, das Arbeitgebern zuwiderlief; von ungemeldetem Krankenstand bis hin zu dem Vorwurf, nicht hart genug zu arbeiten, ungeachtet dessen, ob dem so war oder nicht. Dieser Spielraum war es auch, was Lager wie dieses für die schon angesprochenen regionalen Allianzen so attraktiv machte: Arbeiter, die in irgendeiner Weise auffielen, konnten durch zeitlich beschränkte Lagerhaft und unter weiterer Ausbeutung ihrer Arbeitskraft diszipliniert werden.

Die Zusammensetzung der Häftlinge war sehr heterogen und spiegelt die Demografie der Zwangsarbeit in Tirol wider: Italiener und sowjetische Bürger waren die größten Gruppen, gefolgt von Polen. Man kann allerdings sagen, dass Menschen aus ganz Europa in Innsbruck eingesperrt waren. Die Akten erwähnen sogar einen Fall eines Chinesen oder Japaners – die Unterlagen widersprechen sich hier –, der in Bozen verhaftet wurde und heute auf dem Militärfriedhof in Innsbruck begraben liegt.

STOL: Und für welche Arbeiten wurden sie eingesetzt, gab es bestimmte Profiteure?
Breit: Die Arbeit der Häftlinge bestand zu einem großen Teil aus Bautätigkeiten, wobei einige prominente Innsbrucker Bauunternehmen als die Hauptprofiteure bezeichnet werden können. So wurden z.B. zum Bau der Postgarage Häftlinge aus dem Lager Reichenau herangezogen. Ein weiterer Profiteur war die Stadt Innsbruck selbst, die regelmäßig auf die Arbeitskraft der Insassen des Lagers Reichenau zurückgriff, um Schnee zu schaufeln oder Trümmer nach Bombenangriffen zu entfernen. Und nicht nur Trümmer wurden entfernt: Eine Gruppe von Häftlingen des Lagers Reichenau, genannt „Himmelfahrtskommando“, wurde von der Lagerverwaltung gezwungen, Blindgänger aus dem Stadtgebiet zu schaffen und in den Innauen zu entschärfen.

STOL: Permanente Strafen und auch die große Kälte  – all das hat uns jeden Gedanken an eine Zukunft genommen, wir waren fertig“,  erzählte Ihnen Dragomir Salmic, ein slowenischer Insasse. Wie muss man sich die Behandlung der  Häftlinge durch die Lagerverwaltung und Wachmann- schaften vorstellen?
Breit: Das Leben im Lager war für die Häftlinge geprägt von Willkür, Brutalität und dem Gefühl, den Wachmannschaften völlig ausgeliefert zu sein. Lager wie jenes in der Reichenau waren Räume innerhalb einer Gesellschaft, in denen für uns heute selbstverständliche Regeln der gesellschaftlichen Interaktion außer Kraft waren. Die Wachmänner und Lagerverwaltung konnten jederzeit und ohne Konsequenzen massive Gewalt gegen die Häftlinge anwenden, Strafen wie das Einsperren in einen winzigen Betonbunker verhängen oder auch Häftlinge töten. Symptomatisch hierfür ist das in Erinnerungen ehemaliger Häftlinge sehr präsente „Abspritzen“. Oft ohne oder mit nichtigem Anlass spritzen die Wachmänner die Häftlinge in der Waschbaracke mit kaltem Wasser ab, egal ob es gerade tiefster Winter war oder nicht. Im Dezember 1943 hängte der Lagerkommandant  7 Häftlinge, nachdem diese einen Laib Brot und ein Glas Marmelade aus einem ausgebombten Haus mitgenommen hatten.

STOL: Lässt sich eine kollektive Biografie der Gestapo-Männer nachzeichnen, wer waren die „Männer mit der Peitsche“?
Breit: Eine kollektive Biografie ist schwierig nachzuzeichnen, vor allem da weder Namen noch Biografien aller Wachmänner soweit bekannt sind. Was allerdings gesagt werden kann, ist, dass abseits der obersten Führungsriege, also Gestapo-Leitung und Lagerverwaltung, die Wachmänner fast ausschließlich Nord- und Südtiroler waren und dass einige von ihnen bereits Gewalterfahrung mitbrachten. Es gab mehrere Angehörige der Wachmannschaft, die Teil einer Einsatzgruppe – Mordkommandos, die in der Sowjetunion u.a., Millionen von Menschen erschossen – gewesen waren. Ansonsten ist es aber nicht einfach, generelle Aussagen zu treffen. Die Wachmannschaft und Lagerverwaltung bestand aus gelernten Polizisten, verpflichteten Hilfspolizisten, Karrieremännern der Gestapo usw. Im Zusammenhang mit der Nord- und Südtiroler Herkunft der Wachmannschaft kann allerdings auf Quellen verwiesen werden, die betonen, dass nach den politischen Veränderungen zwischen Italien und NS-Deutschland im September 1943 die italienischen Häftlinge des Lagers besonders schlecht behandelt wurden, teilweise unter explizitem Rückgriff auf Tiroler Vorurteile gegen Italiener.

STOL: Nach 1945 gab es in Österreich zwei alliierte Nachkriegsprozesse, einer davon betraf das Lager Reichenau…
Breit: ...und der andere gegen die Täter eines Todesmarsches in der Steiermark. Der Prozess der französischen Behörden in Tirol gegen die Täter aus dem Lager Reichenau wurde 1948 mit großem Interesse verfolgt. Regionale Zeitungen berichteten täglich über den Fortgang und die Zeugenaussagen. Das ist insofern historisch interessant, als dass es zeigt, dass ein Bedürfnis bestand, mehr zu erfahren. Die Bevölkerung Innsbrucks und Umgebung wusste von dem Lager. Zwangsarbeiter generell und gerade auch die Häftlinge aus dem Lager waren in den Kriegsjahren ein alltägliches Phänomen. Allerdings war das Lager in der Reichenau primär eben kein Lager für die einheimische Bevölkerung. Ich würde deswegen die These aufstellen, dass dies der Grund war einerseits für das große öffentliche Interesse, andererseits für das schnelle öffentliche Vergessen des Lagers.

Wenn es darum gehen soll, die Bilanz des Prozesses zu ziehen, kann man sagen, dass die Verurteilungen zwar die Möglichkeiten des Strafrechts, mit NS-Verbrechen umzugehen, widerspiegelten, keiner der Täter aber seine volle Strafe absaß. Die Veränderungen im politischen Klima Österreichs und international, u. a. durch den Kalten Krieg, führten dazu, dass alle  vor Ablauf ihrer Strafe begnadigt wurden.

STOL: In den 1960er Jahren wurden die Lager-Baracken abgerissen, 1972 errichtete das Land Tirol einen Gedenkstein. In Ihrem Schlusskapitel schreiben Sie: „Die Erinnerungskultur wird sich hoffentlich bald verändern.“ Ist das mehr als Aufforderung an Politik und Gesellschaft oder als Kritik an ihr zu verstehen?
Breit: Die Frage ist, ob eine solche Aufforderung ohne implizite Kritik überhaupt möglich ist. Es ist Fakt, dass die Republik Österreich – Tirol miteingeschlossen – unter Bezugnahme auf den eigenen Opfermythos über einen langen Zeitraum hinweg große Versäumnisse in der Erinnerungspolitik an den Nationalsozialismus produziert hat. Die Erinnerung an das Lager Reichenau ist symptomatisch hierfür: Zwar existiert ein Gedenkstein, dieser ist allerdings in mehrfacher Hinsicht problematisch. So impliziert die Verwendung des Begriffs „Patrioten“ und des Symbols des roten Winkels, dass es sich bei den Häftlingen um politisch Verfolgte handelte, obwohl es sich vorwiegend um zur Arbeit verschleppte Männer, Jugendliche und Kinder gehandelt hat.

Natürlich hat es spätestens seit den 80er Jahren auch sehr positive Fortschritte in Bezug auf die Erinnerungspolitik in Österreich gegeben. Auffallend ist allerdings, dass zwar Interesse an der Geschichte des Lagers Reichenau zu bestehen scheint – der beste Beweis hierfür ist doch gerade, dass mein Buch überhaupt verlegt werden konnte –, ein in irgendeiner Form institutionalisiertes Gedenken oder Erinnern an dieses Lager allerdings fehlt. Ich hoffe, in Form meines Buches eine Ressource geschaffen zu haben, die dazu führt, dass es in Zukunft in Bezug auf das Lager Reichenau nicht mehr nur heißen wird, da war ja irgendwas, sondern dass sich Menschen informieren können und die Erinnerung an das Lager so Eingang in die populäre Geschichte Innsbrucks und Tirols finden kann.

Interview: Andrej Werth

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Johannes Breit aus Hall in Tirol lebt und arbeitet in Berlin. Der Historiker und Filmemacher veröffentlichte mehrere filmische Arbeiten zu den Themen Migration und Arbeitserziehung im Dritten Reich.

stol