Vor 150 Jahren wurde Winston Churchill, der größte britische Staatsmann des 20. Jahrhundert, geboren – ein Porträt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102554_image" /></div> <BR /><BR />Adel verpflichtet, aber Winston war ein miserabler Schüler in den obligaten Privatschulen. Ihn interessierte nur Geschichte und Literatur. Sein Vater, Lord Randolph Churchill,einflussreicher Politiker der Konservativen und Finanzminister, entschied für seinen Sohn. Die Lösung hieß Militär.<BR /><BR />Beim dritten Anlauf schaffte Winston die Prüfung für das Royal Military College, der heutigen Academy Sandhurst. Ihm gefiel das Leben dort. Er wurde 20. seines Jahrgangs (von 130) und ein leidenschaftlicher Soldat, nahm an zahlreichen Militäraktionen teil und wurde ein berühmter Kriegsberichterstatter. Er nutzte seine Popularität und zog 1900 für die Konservativen als jüngster Abgeordneter ins Unterhaus.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102557_image" /></div> <h3> Churchill als Marineminister</h3><BR />Gelangweilt als Hinterbänkler wechselte er 1914 zu den Liberalen und machte dort Karriere als Wirtschafts- und Innenminister, dann Marineminister (Lord of the Admiralty), wo er die Royal Navy von Kohle auf Öl umstellte. 1915 gab es einen Tiefpunkt in seiner politischen Karriere: Gallipoli. Aufgrund seiner Initiative wurde an den Dardanellen eine neue Front errichtet. Seine Argumente: Die Eroberung der Meerenge würde den Druck mildern, den die Türken auf die Russen an der Kaukasusfront ausübten, es würde die Versorgungslinie des Deutschen Reiches ins Osmanische Reich kappen und möglicherweise zum Kriegsaustritt der Türkei führen. Die Operation wurde ein Desaster und wurde nach schwersten Verlusten Ende 1915 abgebrochen. Churchill wurde entlassen.<BR /><BR /><BR />1917 war er wieder da, als Minister of Munition, wo er sich für die Entwicklung einer neuen Waffe einsetzte: dem Panzer.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102560_image" /></div> <h3> Churchill als Kolonialminister 1921/22</h3><BR />Als Kolonialminister drückte Churchill dem Nahen Osten einen dauerhaften Stempel auf (was in den zahlreichen Arbeiten über ihn erstaunlicherweise nicht erwähnt wird). Mit am Nachhaltigsten – ganz im Sinne von „aktuell bis auf den heutigen Tag“ – bleibt nämlich, wie er die während des Krieges gegenüber den Arabern und Zionisten gemachten Zusagen „realisierte“. <BR /><BR /><BR />Das zugesagte arabische Großreich würde es nicht geben. Churchill hatte eine einfache Lösung: Das Gebiet östlich des Jordan wurde kurzerhand von dem bislang so genannten Palästina abtrennen und als Transjordanien dem dritten Sohn Husseins, Emir Abdullah, unterstellet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102563_image" /></div> <BR />Churchill hat sich später gerühmt, er habe das Emirat Transjordanien mit einem Federstrich an einem sonnigen Sonntagnachmittag geschaffen und immer noch Zeit gehabt, bis Sonnenuntergang ein Bild des herrlichen Jerusalem zu malen.<BR /><BR /><BR />Dann hatte er die Idee, 2 vollkommen auseinander liegende Ölgebiete, Kirkuk und Mossul, zu verbinden und 3 Völker, die nichts miteinander gemein hatten – Kurden, Sunniten und Schiiten – in einem Staat zu „vereinen“. Das wurde der Irak.<BR /><BR />Und 1922 bestätigte er in einem Weißbuch, was die Regierung schon 1917 beschlossen und Teil des Palästina-Völkerbundmandats für Großbritannien geworden war: „Die jüdische nationale Heimstätte wird in Palästina errichtet.“<BR /><h3> 1929-1939: Ohne politisches Amt</h3><BR />Die Unterhauswahl 1929 gewann die Labourparty; Churchill blieb die folgenden 10 Jahre ohne politisches Amt. Viele glaubten, er habe seine Zukunft bereits hinter sich – und wurden eines Besseren belehrt. Churchill schrieb (Marlborough-Biografie), malte – und wurde ein ständiger Mahner mit Blick auf die Entwicklung in Deutschland. Dabei lehnte er die Appeasementpolitik von Premierminister <Fett>Chamberlain</Fett> entschieden ab. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102566_image" /></div> <BR /><BR />Die Entwicklung gab ihm recht. Am 10. Mai 1940begann der deutsche Angriff gegen Frankreich; am selben Tag wurde Churchill Premierminister einer Allparteienregierung.<BR /><h3> Churchill als Kriegspremier</h3><BR />In dieser Funktion hielt Churchill mehrere Reden, die sich gleichermaßen an das Parlament, die Bevölkerung Großbritanniens wie an die Außenwelt richteten und allesamt berühmt geworden sind. In seiner ersten Rede am 13. Mai fiel der unvergessliche Satz: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.“<BR /><BR /><BR />Am 14. Juni hielt er angesichts der schwierigen Kriegslage Großbritanniens und der Möglichkeit einer deutschen Invasion im Unterhaus eine Rede, die zu den bedeutendsten seines politischen Lebens zählt:<BR /><BR />„Wir werden ausharren, wir werden in Frankreich kämpfen, wir werden auf den Meeren und Ozeanen kämpfen, wir werden mit wachsender Zuversicht und zunehmender Stärke in der Luft kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, was immer es uns auch kosten möge, wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden auf den Landungsplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern und in den Straßen kämpfen, wir werden auf den Hügeln kämpfen, wir werden uns niemals ergeben.“(„we shall never surrender.“)<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102569_image" /></div> <BR />Diese Rede war auch ein rhetorisches Glanzstück. Einige Passagen sind noch heute populär. (Nach Russlands Überfall auf die Ukraine zitierte Ukraines Präsident Selensky in seiner Rede im britischen Unterhaus daraus.) Der Churchill-Biograf Alan Moorehead, der damals die Rede unmittelbar miterlebt hatte, meinte zu deren Wirkung: „Unter einem solchen Führer gab es keine Alternative, niemand wünschte etwas anderes als den Kampf fortzusetzen.“<BR /><BR /><BR />Es war ein Jahr lang ein einsamer Kampf; ohne Verbündete stand Großbritannien gegen Hitlerdeutschland allein, und das macht die unvergessliche Größe des Landes und ihres Führers Churchill aus!<BR /><BR /><BR />Mit der Teilnahme der USA am Krieg ab Dezember 1941 änderte sich alles. Churchill war jetzt einer der „Großen Drei“, zusammen mit US-Präsident Roosevelt und Sowjetdiktator Stalin – und dachte bereits an die Zeit nach dem Sieg. Er wollte frühzeitig der neuen <Kursiv>„russischen Gefahr“</Kursiv> vorbeugen, plädierte für die Errichtung der zweiten Font auf dem Balkan, um vor den Sowjets in Zentraleuropa präsent zu sein. Nicht überraschend wollte Stalin die zweite Front in der Normandie und wurde dabei von Roosevelt auf der Konferenz in Teheran im Dezember 1943 unterstützt. Churchills interner Kommentar: „Wir müssen etwas gegen diese verdammten Russen tun.“<BR /><BR /><BR />Im Oktober 1944 versuchte er es bei seinem Besuch in Moskau mit Stalin, der einer prozentualen Aufteilung Südosteuropas in Einflussbereiche zustimmte. Für Russland sollte demnach gelten: Rumänien 90 Prozent, Bulgarien 50 Prozent, Jugoslawien und Ungarn 50 Prozent, Griechenland 10 Prozent. Stalin hielt sich später Punkt für Punkt an diesen Schacher. Auf der Konferenz in Jalta im Februar 1945 bestand Stalin auf der Westverschiebung Polens bis an die Oder-Neiße-Linie, d. h. einschließlich ganz Schlesiens. Churchill war dagegen, aber Roosevelt unterstützte Stalin. Am Ende des Krieges wollte Churchill die Probleme mit Stalin austragen. Dazu kam es nicht mehr. Auf seine Initiative gab es zwar die Konferenz von Potsdam. Als er aber im Juli 1945 zur Bekanntgabe der Unterhauswahlen nach London flog, kehrte er nicht zurück: Er hatte die Wahlen verloren und trat zurück.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102572_image" /></div> <h3> 1945-1951: Oppositionsführer</h3><BR /><BR />Churchill ist wohl der berühmteste Oppositionsführer aller Zeiten. Er war weltbekannt, hochgeachtet, sein Wort hatte Gewicht. Wie zuvor machte er auf aktuelle Gefahren aufmerksam und wies Wege in die Zukunft. Seine Reden sind genauso unvergessen wie seine „Kriegsreden“. Etwa jene am 5. März 1946 in Fulton, Missouri im Beisein von US-Präsident <Fett>Truman</Fett>: die berühmte „Eiserner Vorhang“-Rede, in der er angesichts der „russischen Gefahr“ für den Zusammenschluss der englischsprachigen Länder plädierte. Am Ende führte dies zur Gründung der NATO im April 1949.<BR /><BR /><BR />In mehreren Reden schlug er auch die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ und die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland vor, 1950 plädierte er für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im Rahmen einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft.<BR /><h3> 1951–1955: Wieder Premierminister</h3><BR />Als Stalin am 5. März 1953 starb, glaubte Churchill, an einem <Kursiv>„Wendepunkt der Weltgeschichte“</Kursiv> zu stehen. Er war entschlossen, den direkten Kontakt mit Moskau herzustellen und notfalls eine, wie er formulierte, „einsame Pilgerfahrt“ („solitary pilgrimage“) nach Moskau zu unternehmen. US-Präsident Eisenhower war skeptisch, Churchill wurde nicht zum Friedensstifter im Kalten Krieg; im Juni 1953 erlitt er einen Schlaganfall.<BR /><BR /><BR />Ein Jahr später gab es noch einmal eine historische Entscheidung. Würden die USA Frankreich im Kampf gegen die Kommunisten in Dien Bien Phu unterstützen und militärisch eingreifen – auch mit taktischen Atomwaffen? In Washington waren führende Militärs dafür, Eisenhower nur bei einer united action mit London. Von Churchill kam ein klares Nein: „Ich begreife nicht, warum wir für Frankreich in Indochina kämpfen sollen, wenn wir selber Indien aufgegeben haben.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1102575_image" /></div> <BR /><BR />Wegen Äußerungen mit Blick auf Indien ist Churchill in letzter Zeit als „Rassist“ bezeichnet worden, was er nicht war. Er war ein Kind seiner Zeit: Verfechter des Britischen Empire und des damit verbundenen Kolonialismus.<BR /><BR /><BR />Über allem steht seine Leistung als Kriegspremier. Worum man überhaupt kämpfe, wurde Churchill während des Zweiten Weltkrieges einmal gefragt. Seine Antwort: „Wenn wir aufhörten zu kämpfen, würdet ihr es bald herausfinden.“ Kurz und bündig befand Willy Bretscher, Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Churchill rettete im Sommer 1940 Europa.“<BR /><BR /><BR />Mit seiner Gestaltungs- und Führungskraft ist Churchill zweifelsohne der bedeutendste Brite und einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Das 21. Jahrhundert bräuchte so jemand wie ihn! Churchill starb am 24. Januar 1965 in London.<BR /><BR /><BR />Zusatz: 1953 erhielt Churchill den Literaturnobelpreis für seine historischen Bücher. Das Komitee lobte nicht nur Churchills „Meisterschaft in der historischen Darstellung“, sondern auch seine „glänzende Redekunst, mit der er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten“ auftrat. Allerdings konnte der Historiker David Reynolds Jahrzehnte später nachweisen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil seines Werkes „Der Zweite Weltkrieg“ aus den Federn von Ghostwritern stammte.<BR /><BR /><BR /><b>Veranstaltung:</b><BR />In der Reihe „HÖRbar gut!“ wird die Historikerin und Journalistin Franziska Augstein ihre Biographie über Winston Churchill und seine Zeit vorstellen – Termin: 6.12., 19 Uhr, Waltherhaus Bozen.