Donnerstag, 07. September 2017

„Wir wollen Nordtirol nicht die Lehrer abluchsen“

Kürzlich hatte Philipp Achammer angekündigt, den vorherrschenden Lehrermangel an Südtirols Grundschulen gegebenenfalls mit Personal aus Nordtirol kompensieren zu wollen. Im Interview mit STOL erklärt der Bildungsrat, was es mit dem Vorschlag auf sich hat.

Vollständig ausgebildetes Lehrpersonal ist derzeit nicht leicht zu finden - vor allem für die deutschsprachigen Grundschulen in Südtirol.
Vollständig ausgebildetes Lehrpersonal ist derzeit nicht leicht zu finden - vor allem für die deutschsprachigen Grundschulen in Südtirol. - Foto: © D

Die Schule hat vor wenigen Tagen begonnen, die Schultaschen sind gepackt, nur bei den Lehrern gab es einige Turbulenzen: Berichten zufolge fehlten an Südtirols Grundschulen beim ersten Läuten der Schulglocke noch 200 Pädagogen. Eine Aussage, die so nicht ganz stimmt, betont Bildungslandesrat Philipp Achammer am Donnerstag im Gespräch mit STOL.

„Es ist nicht so, dass die Stellen nicht besetzt sind. Vielmehr fehlt es an Lehrern, die die vorgeschriebene Ausbildung für eine Stelle an einer Grundschule haben. Es mangelt als nicht an Lehrpersonal als solches, sondern an Lehrpersonal mit der exakt richtigen Qualifikation für den Job“, so Achammer.

Zahlreiche Pensionierungen und wenige, die nachrücken

Ein Problem, das leicht zu erklären ist: In den vergangenen Jahren kam es bei den deutschsprachigen Grundschullehrern zu einer wahren Welle an Pensionierungen. Die dadurch im Lehrkörper entstandene Lücke lässt sich jedoch nicht sofort vollständig schließen: „Es kommen einfach nicht genügend junge Grundschullehrer mit der richtigen Ausbildung aus der Universität nach“, so Achammer.

Dabei bestehe durchaus Interesse am Beruf: Erst vor kurzem wurde die Zahl der Studienplätze an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen in Brixen erhöht, in diesem Herbst starten 213 deutschsprachige Studierende ihre Ausbildung. „Doch bis diese nachrücken, vergehen wieder 5 Jahre“, gibt Achammer zu denken. Außerdem müsse man mit einberechnen, dass einige das Studium möglicherweise nicht abschließen oder sich nach dem Studium für eine Stelle im Kindergarten statt in der Grundschule entscheiden.

Brixen derzeit einzige Stelle für vorgeschriebene Ausbildung

Die Fakultät in Brixen ist derzeit auch über die Landesgrenzen hinaus die einzige, die die vorgeschriebene Ausbildung für Grundschullehrer anbietet: Ein Studium etwa an der Pädagogischen Schule in Tirol werde noch nicht vollständig anerkannt.

„Auch das stellt ein Problem dar. Junge Menschen, die lieber im Ausland studieren möchten, haben derzeit keine Chance, ihr Studium für eine Stelle als Grundschullehrer in Südtirol anerkennen zu lassen.“

Mehrere Lösungen angedacht

Um die Lücken in Zukunft wieder schließen zu können, wurden deshalb mehrere Lösungswege angedacht. Einer davon, der bereits umgesetzt wurde, ist die Erhöhung der Studienplätze in Brixen. Ein weiterer wäre die Möglichkeit, das Studium etwa an der Pädagogischen Schule in Tirol zu beginnen und anschließend in Brixen beenden zu können, um so auch einmal „auswärtige“ Luft schnuppern zu können.

Ein dritter Lösungsvorschlag wäre es, Quereinsteigern eine Chance zu bieten: So könnte es in Zukunft auch Absolventen anderer (pädagogischer, aber nicht nur) Studiengänge möglich sein, als Grundschullehrer tätig zu sein und gleichzeitig mittels eines berufsbegleitenden Studiums die Module nachzuholen, die für eine vollständige Qualifizierung nötig sind.

Und schlussendlich, so Achammer, gebe es eben die Überlegung, Lehrern aus Nordtirol eine Stelle zu vermitteln. „Damit meinen wir natürlich nicht, dass wir Nordtirol permanent die Lehrer abluchsen, um unsere Stellen zu füllen“, lacht der Bildungslandesrat. Vielmehr gehe es darum, jungen Pädagogen aus Nordtirol eine Möglichkeit zu geben, ein oder zwei Jahre in Südtirol berufstätig zu sein, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Pensionierungswelle steht in Nordtirol noch bevor

In Nordtirol stehe der große Abgang von Lehrern nämlich noch bevor: „Dort kommt die Welle an Pensionierungen erst in einigen Jahren, weshalb es in Nordtirol derzeit eher einen Stellenmangel gibt“, erklärt Achammer. Die Lösung sei es, die jungen Lehrer vorübergehend hierzulande anzustellen. „Das könnte durchaus auch förderlich für ihre Karriere sein, und auch im Sinne der Euregio wäre der Aspekt interessant“, so der Bildungslandesrat.

In wenigen Jahren, wenn auch in Nordtirol wieder mehrere Lehrstellen freiwerden, könnten die „ausgeliehenen“ Lehrkräfte dann zurückkehren – um eine Erfahrung reicher. Auch in Nordtirol sei man der Idee nicht abgeneigt, versichert Achammer abschließend. Nun müsse man lediglich die Voraussetzungen schaffen, um das Projekt zu ermöglichen.

Interview: Elisabeth Turker 

stol