Die Aussage ist politisch zu lesen. Weil damit jedoch ein bereits 2020 vom Bozner Vizebürgermeister Stephan Konder formulierter Vorschlag wieder aufgegriffen wurde, ist davon auszugehen, dass diese Idee in regelmäßigen Abständen wiederkehrt. Das spricht dafür, sie zu Ende zu denken. <b>Von Andreas Kofler</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1307592_image" /></div> <BR /><BR />Dabei ist vorwegzunehmen, dass pragmatische Vorschläge in der Architektur durchaus Potenzial haben. Umnutzungen gehören seit jeher zur architektonischen Praxis und sollten im Kontext von Klimakrise und Ressourcenknappheit nicht nur eine Option sein, sondern der Ausgangspunkt. Wenn die Brixner Stadtbibliothek in ehemaligen Finanz- und Gerichtsgebäuden untergebracht ist, es in Venedig einen Supermarkt im ehemaligen Teatro Italia gibt und der europäische „Mies van der Rohe“-Preis jüngst an die Transformation einer leerstehenden Messehalle im belgischen Charleroi ging, dann scheint ein Umzug innerhalb derselben Nutzung naheliegend: Museum = Museum. Oder doch nicht?<BR /><BR /><BR />Die Provinz lobte 2000 den Wettbewerb für das Museion mit der Absicht aus, die Südtiroler Hauptstadt mit einem bedeutenden Museumsneubau als Standort für moderne und zeitgenössische Kunst international zu positionieren. Wie bei Architekturwettbewerben üblich wurde ein Raumprogramm mit Größenordnungen definiert – etwa ein Ausstellungs- und Sammlungsbereich von 2.295 Quadratmetern Nutzfläche – dem die 285 eingereichten Projekte entsprechen mussten. Aus ihnen ging das der Berliner KSV Architekten hervor. <Kursiv>„Die starke Geste wird der schweren Aufgabe gerecht, das Thema 'zeitgenössische Kunst' der Bevölkerung näher zu bringen“</Kursiv>, liest man im Jurybericht. Der 2. Platz ging übrigens an den WaltherPark-Architekten David Chipperfield aus London.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1307595_image" /></div> <h3>Auf Maß</h3>Das 2008 eröffnete Museion-Gebäude ist also kein neutrales Bauvolumen, sondern auf zeitgenössische Kunst und Wechselausstellungen maßgeschneidert, mit spezifischen Raumhöhen, Lichtverhältnissen und entsprechender logistischer Infrastruktur. Anders das Archäologiemuseum, das in einem anderen Kontext entstanden ist: Nach dem Fund der Similaunmumie 1991 bestand unmittelbarer Bedarf nach passenden Räumlichkeiten. Eine historische Filiale der Österreichisch-ungarischen Bank in der Bozner Museumstraße war in den 1980er Jahren in Landesbesitz übergegangen. Lage, Gebäudestruktur und die Möglichkeit einer schnellen Umsetzung erwiesen sich als entscheidend, sodass die Eröffnung bereits 1998 erfolgen konnte. Mit einer mittlerweile auf rund 300.000 gestiegenen jährlichen Besucherzahl stößt die Logistik rund um die 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche an ihre Kapazitätsgrenzen.<BR /><h3> Ein Vergleich</h3>Andere Museen, die in umgenutzten Bestandsgebäuden untergebracht wurden, konnten in solchen Situationen oft zusätzliche Raumreserven erschließen. Ein Extremfall ist der Louvre, der in einem ehemaligen Palast zum weltweit größten und meistbesuchten Kunstmuseum herangewachsen ist und heute ebenfalls vor drängenden Fragen der Sicherheit und Instandhaltung steht. Ötzi und Gioconda sind ein ungleiches Paar, aber als Exponate gar nicht so unterschiedlich: Beide generieren enorme Besucherströme, die sich auf ein einzelnes Objekt verdichten. Dadurch haben es Louvre und Archäologiemuseum mit einem konstanten Strom an Besuchenden wie in einem Flughafen zu tun, zugleich aber auch mit zeitlich und räumlich verdichteten Spitzen. Wie ein Stadion müssen sie täglich möglichst reibungslos gefüllt und geleert werden. Und hier macht es dann auch wirklich Sinn, sich die Zahlen genauer anzuschauen.<BR /><BR /><BR />Mit rund neun Millionen Besucherinnen und Besuchern pro Jahr verteilen sich auf die über 70.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche des Louvre zwischen 120 und 130 Personen pro Quadratmeter. Doch das Südtiroler Archäologiemuseum stellt diesen Wert mit rund 250 Personen pro Quadratmeter deutlich in den Schatten, bei nahezu doppelter Dichte. Ein Ortswechsel ins Museion würde den Besucherfluss nicht lösen, sondern lediglich die Schlange eine Straße weiter verlagern. Der Louvre arbeitet seit Jahrzehnten daran, seine internen Ströme zu organisieren. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1307598_image" /></div> <BR />Die Glaspyramide, 1989 unter Präsident François Mitterrand nach einem Entwurf von I. M. Pei realisiert, war ein Eingriff, der den Zugang bündelte und die Verteilung neu ordnete. Aktuell ist ein Architekturwettbewerb für einen neuen Zugang ausgeschrieben, der parallel zu einem differenzierten Ticketsystem und zusätzlichen Räumlichkeiten für den gezielten Besuch der Mona Lisa umgesetzt werden soll. Selbst ein globales Referenzmuseum muss also seine räumliche Organisation laufend anpassen.<h3> Die Frage</h3>Zurück nach Bozen und zur eigentlichen Frage: Wie misst man den qualitativen Impakt sozialer Infrastrukturen? Besucherzahlen für Museen als alleinigen Maßstab heranzuziehen wäre, als würde man Bibliotheken an der Zahl ihrer Ausleihen messen oder Sportplätze an der Anzahl der ausgetragenen Fußballspiele. Oder als würde man das Bruttoinlandsprodukt als alleinigen Indikator für Wohlstand und Lebensqualität eines Landes verstehen. Weil dies nur begrenzt Aufschluss über das tatsächliche Befinden der Bevölkerung gibt, dient in Bhutan hingegen das sogenannte Bruttonationalglück als Index, der nicht auf einer einzelnen Kennzahl basiert, sondern auf regelmäßigen, landesweiten Befragungen mit über 100 Indikatoren in neun Lebensbereichen, darunter Gesundheit, Bildung, Zeitnutzung, Gemeinschaft und natürlich auch die Kultur. <BR /><BR /><BR />In einer Region, in der die Tourismuswirtschaft eine dominante Rolle spielt, ist es aber leicht zu vergessen, dass nicht alles einer marktwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung standhalten muss. Das Museion ist eine nicht-kommerzielle Institution und orientiert sich nicht primär am Tourismus, sondern an Diversität und sozialer Nachhaltigkeit. Und darin sind Direktor Bart van der Heide und sein Team auch wirklich gut: Das Museion hat eine eigene Sustainability Roadmap entwickelt, die den gesamten Betrieb umfasst und ökologische, soziale und institutionelle Aspekte gleichermaßen adressiert. Formate wie Museion Art Club und Museion Academy richten sich gezielt an ein jüngeres Publikum und arbeiten in Netzwerken, unter anderem mit der Universität Bozen. In Museumsjahren steckt das Museion noch in seiner Kindheit, ist aber bereits jetzt mehr als die Summe seiner Ausstellungen. Mehr als das also, was sich zählen lässt.<BR /><h3> Zur Person Andreas Kofler</h3>Der Architekt-Urbanist, Autor und Kurator wurde 1978 in Meran geboren. Heute lebt und arbeitet er in Paris. Ab 1997 studierte er Architektur in Wien und Madrid. 2005 diplomierte er mit einer theoretischen Arbeit über alpine Architektur an der Technischen Universität Wien bei Peter Mörtenböck. Danach arbeitete er für verschiedene Büros wie Theo Deutinger, Rem Koolhaas’ OMA/ AMO, l’AUC, Dominique Perrault. <BR /><BR />Von 2018 bis 2024 war er Kurator und stellvertretender künstlerischer Leiter am Schweizerischen Architekturmuseum (S AM) in Basel. Er ist regelmäßiger Beitragender der Zeitschrift „L’Architecture d’Aujourd’hui“ und unterrichtet an der Nationalen Hochschule für Architektur in Versailles. Aktuell kuratiert er gemeinsam mit Tudor Vlasceanu die Ausgabe 2026 der Beta – Timisoara Architecture Biennial. <BR /><BR />Den Abschluss des Ausstellungsjahres 2026 bei Kunst Meran bildet die Schau „Stadtraum Meran – gestern, heute, morgen?“ (24. Oktober bis 17. Jänner 2027). Diese wird von Kofler kuratiert und will die städtebaulichen Transformationen Merans in Vergangenheit und Gegenwart nachzeichnen. Entscheidend dafür ist am Ende die Frage nach zukünftigen Entwicklungen von Meran, nach einer inklusiveren Stadt, welche die Bedürfnisse verschiedener Sprach-, Kultur- und Generationengemeinschaften von Einheimischen, neuen Bürgerinnen und Gästen berücksichtigt. <BR /><BR />Andreas Kofler ist neuer Kolumnist der Kulturseite mit einem Schwerpunkt auf Architektur und Design.