Eppan ist im Musicalfieber. Das traf auf jeden Fall auf die vergangenen beiden Wochenenden zu, an denen die MurX Company „Carpe Diem – Das Jugendmusical“ aufführte. Ausverkaufte Shows und glückliche Gesichter vor und auf der Bühne sprechen für sich.<BR /><BR />Das Musical erzählt die Geschichte von Frau Comploi, einer idealistischen jungen Lehrerin, die ihre erste Stelle an einer elitären Oberschule antritt. Die Klasse, die sie unterrichten soll, ist ein Integrationsexperiment und macht Frau Comploi ihren Einstand als Lehrkraft alles andere als einfach. Durch das Schreiben eines Tagebuches fangen die Schüler aber tatsächlich an, Frau Comploi zu vertrauen. Sie schafft es, den Jugendlichen die Augen zu öffnen und ihnen neue Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758477_image" /></div> <BR /><BR />Auf die Bühne gebracht hat diese Geschichte ein Team aus Südtiroler Kreativen: Die Musik stammt aus der Feder von Lorenzo Scrinzi, Kim Vanessa Schmidt, Christian Mair und Doris Warasin und bietet eine zeitgemäße Mischung aus Rock, Musical, R&B und Indie. Sonja Daum sorgte für Choreographien, Doris Warasin war für das Vocal Coaching der Darsteller zuständig, das Libretto und die Inszenierung stammen von Regisseur Christian Mair, Lorenzo Scrinzi zeichnet sich verantwortlich für die Arrangements und die Liveband bei den Auftritten. Und die Darsteller auf der Bühne waren allesamt Musicalbegeisterte zwischen 15 und 30 Jahren aus allen Landesteilen Südtirols.<BR /><BR />STOL hat sich mit Regisseur Christian Mair, Vocal Coach und MurX-Mitgründerin Doris Warasin und dem Musikproduzenten Lorenzo Scrinzi zum Sonntags-Gespräch getroffen und hinter die Kulissen dieses einmaligen Projektes geblickt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-53841447_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Herr Mair, wie entstand die Idee zu einem Musical „made in Südtirol“?</b><BR />Christian Mair: Die Idee hat Doris Warasin bereits im vergangenen Jahr an mich herangetragen. Wir führen jedes Jahr mit der MurX Company ein Musical auf – letztes Jahr war es die Addams Family. Spielt man ein solches bekanntes Musical, muss man einen Batzen Geld für die Aufführungsrechte bezahlen, was für eine Schulaufführung kaum finanzierbar ist. So kamen wir auf die Idee, es einfach selbst zu versuchen und ein eigenes Musical zu schreiben. Gemäß dem Titel „Carpe Diem“ habe ich diese Herausforderung liebend gern angenommen, weil ich mich auf etwas komplett Neues einlassen und so „meinen Tag nutzen“ wollte. Für die Geschichte des Musicals habe ich mich einiger Ideen aus verschiedenen Jugendbüchern, wie etwa „Der Club der toten Dichter“ oder „Das Tagebuch der Anne Frank“, bedient und diese in die Handlung von „Carpe Diem“ eingebaut. Die Geschichte spielt in einer Klasse, in der verschiedene soziale Gruppierungen zusammengewürfelt sind mit ihren ganz eigenen Sorgen und Problemen. Als die Handlung feststand, ging es ans Komponieren der Musikstücke, was für mich eine gänzliche neue und spannende Erfahrung war. Es war erstaunlich mit zu verfolgen, wie aus Text- und Melodieideen schließlich fertige Songs produziert wurden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758480_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wer sich bei einem Jugendmusical seichte Unterhaltung erwartet, hat weit gefehlt: Thematisiert wird neben Mobbing auch der Holocaust, häusliche Gewalt, Homophobie, Ausgrenzung oder Armut. Warum war es Ihnen wichtig, diese Themen anzusprechen?</b><BR />Mair: Wir wollten eine möglichst authentische Geschichte präsentieren, in der die Themen vorkommen, die auch im Leben der Jugendlichen eine Rolle spielen und mit denen sie sich immer wieder konfrontiert sehen. Es wäre vielleicht eine naheliegende Lösung gewesen, eine Komödie zu schreiben, die das Publikum zum Lachen bringt, für mich war es aber klar, dass wir Inhalte thematisieren, die die Darsteller auf der Bühne authentisch rüberbringen können, weil es Themen sind, die ihnen wichtig sind und von denen sie selbst erzählen können. Als wir mit den Proben begonnen haben, erhielten die Schauspieler ein Tagebuch, in dem sie alles aufschreiben konnten, was sie beschäftigt: egal ob Gedichte, Tagebucheinträge oder Lieder. Einige dieser Texte haben wir dann in das Musical eingebaut, sodass die Jugendliche auch wirklich ihre eigenen Gedanken und Geschichten zu gewissen Themen einbringen konnten. Wer in einem Musical oder Theaterstück mitspielt, bekommt normalerweise eine Rolle aufgesetzt. Bei „Carpe Diem“ galt das nur zum Teil, weil die Schauspieler so ihre Rolle auf authentische Weise mitgestalten konnten.<BR /><BR /><b>STOL: Am Ende überwiegt aber trotz ernster Themen die positive Aussage des Stückes…</b><BR />Mair: Der letzte Satz, der im Musical gesprochen wird, lautet: „Wie sind wahre Helden, wir haben was zu melden.“ Damit wird unterstrichen, dass auch junge Menschen etwas zu sagen haben, dass sie ernste Themen angehen können und dass sie auch Lösung parat haben. Gleichzeitig ist es eine Aufforderung an uns Erwachsene, die Jugendlichen zu hören, nachzufragen, wie es ihnen geht und was für Ideen sie haben. Sinnbildlich dafür steht im Musical die Lehrerin Frau Comploi, als sie das Lied „Ich sehe dich“ singt. Sie ist die erste, die sich wirklich mit der Situation der Klasse befasst und sich Zeit nimmt für die Einzelschicksale. So kann sie das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen und in ihnen das Selbstvertrauen wecken, dem Motto „nutze deinen Tag“ Folge zu leisten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758483_image" /></div> <BR /><b><BR />STOL: Wie verändert sich die Arbeit als Regisseur, wenn man ein selbst geschriebenes Musical zum ersten Mal auf die Bühne bringt?</b><BR />Mair: Führt man ein selbst geschriebenes Stück auf, geht damit ein größeres Maß an Freiheit einher: Weil ich die Geschichte selber geschrieben habe, kann ich sie auch ständig ändern. Wenn also ein Schauspieler Textänderung vorschlägt, weil er dann eine authentischere Performance abliefern kann, dann steht es mir frei, diesem Vorschlag nachzukommen. Bei einem Text, bei dem man für die Aufführungsrechte bezahlt, ist das nicht so einfach möglich. „Carpe Diem“ war also eine Art „work in progress“ bis hin zur Premiere. Verbunden ist damit aber natürlich auch das gespannte Warten darauf, wie das Stück bei den Zuschauern ankommt, weil sie die Geschichte noch nicht kennen. Dementsprechend ist man dann natürlich auch sensibilisiert für die Reaktion des Publikums, den letztlich arbeiten wir für die Zuschauer, denen wir eine gute Show präsentieren wollen. Für uns ist die Rechnung zum Glück aufgegangen und wir können mit Freude sagen, dass „Carpe Diem“ die bisher erfolgreichste Produktion der MurX Company war.<BR /><BR /><embed id="dtext86-53841681_quote" /><BR /><b><BR />STOL: Frau Warasin, Sie haben die MurX Academy vor 10 Jahren gegründet. Nun haben sie erstmals eine Eigenproduktion auf die Beine gestellt. Was bedeutet das für Sie?</b><BR />Doris Warasin: Es war zunächst auf jeden Fall ein großer Kraftaufwand, auch finanziell, der sich aber auf jeden Fall gelohnt hat. Mit dem Endprodukt konnten wir so zufrieden sein, dass es wirklich schade ist, dass es nun nach nur 5 Vorstellungen schon wieder vorbei ist. Das ganze Projekt war durch eine tolle Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten geprägt: Innerhalb eines Jahres haben wir zusammen ein komplettes Stück geschrieben, komponiert und geprobt – ohne ein gut harmonierendes Team wäre das nicht möglich gewesen. Was mich besonders freut ist, dass man auch die Früchte unserer 10-jährigen Tätigkeit bei MurX erkennen kann: Viele Darsteller sind schon seit Jahren dabei und haben das Handwerk wirklich gut gelernt.<BR /><BR /><b>STOL: Was begeistert Sie an der Arbeit mit jungen Musicaltalenten aus Südtirol?</b><BR />Warasin: In Südtirol gibt es nur wenige Möglichkeiten, um die eigene Musical-Leidenschaft zu verfolgen, besonders auf einem professionellen Level. Weil es hierzulande aber so viele Menschen gibt, die sich für Schauspiel, Singen und Tanzen begeistern, ist es wichtig, dass es eine Einrichtung wie die MurX Academy gibt, wo man diese Begeisterung ausleben kann. Für mich persönlich ist es erstaunlich mit zu verfolgen, wie sehr sich die jungen Menschen weiterentwickeln. Und ich glaube auch, dass die Jugendlichen stark von den Erfahrungen, die sie auf der Bühne sammeln, profitieren können: Viele sind zunächst schüchtern und trauen sich kaum zu singen, wenn sie bei uns anfangen und wachsen dann über sich selbst hinaus. So holen sie sich das Selbstbewusstsein, das gerade in diesem Alter so wichtig ist. Eine Episode, die sich nach dem Musical ereignete, hat mich ganz besonders berührt: Eine 15-jährige Darstellerin hat am Abend nach unserer letzten Aufführung einen Post auf Instagram abgesetzt, in dem sie geschrieben hat, dass das Musicalteam ihre Familie geworden sei. Anfangs habe sie sich unsicher gefühlt und nicht gewusst, ob sie wirklich hierher passt, im Laufe der Proben und Aufführung seien die Menschen, die an „Carpe Diem“ mitgearbeitet haben, aber zu ihrer Familie und ihrem Zuhause geworden. Das war einer der berührende Momente, den ich aus dieser Zeit mitnehme.<BR /><b><BR />STOL: Wie konnten die Darsteller ihre eigenen Ideen und Vorstellungen in die Inszenierung von „Carpe Diem“ einbringen?</b><BR />Warasin: Die Charakteristiken und Hintergrundinformationen zu ihren Figuren haben die Darsteller natürlich von uns bekommen, aber den Großteil ihrer Rolle haben sie sich „selbst erspielt“: Angefangen bei der Ausdrucksweise, der Körpersprache bis hin zur gesanglichen Interpretation gibt es einen weiten Spielraum, der den Darstellern offen steht, um sich selbst einzubringen und den sie auch genutzt haben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758486_image" /></div> <BR /><b>STOL: Welche besonderen Herausforderungen mussten Sie bei der Aufführung Ihrer ersten Eigenproduktion bewältigen?</b><BR />Warasin: Wenn man ein bekanntes Stück aufführt, dann gibt es natürlich Vorbilder an denen man sich orientieren kann. Oder Videoaufnahmen, die sich die Darsteller anschauen können, um ein Gefühl für ihre Rolle zu bekommen. So etwas gab es bei unserer Eigenproduktion natürlich nicht. Deshalb mussten uns die Darsteller vertrauen, dass unsere Inszenierung funktionieren würde. Diese Freiheit bringt natürlich auch Verantwortung mit sich, weil das Stück von der Story bis zu Musik und der Performance stimmig sein muss. Das war bestimmt die größte Herausforderung.<BR /><BR /><embed id="dtext86-53841811_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Herr Scrinzi, Sie haben dir Musik zu „Carpe Diem“ arrangiert. Was zeichnet einen guten Muscialsong aus?</b><BR />Lorenzo Scrinzi: Ich glaube, dass sich die Kriterien für einen guten Musicalsong in den letzten Jahren sehr verändert haben. Früher wurde innerhalb der Songs die eigentliche Geschichte sehr stark vorangetrieben, damit stand die Performance der Darsteller und ihre Virtuosität im Fokus. Heute passiert das viel weniger. Auch deshalb war uns bei der Musik für „Carpe Diem“ wichtig, die gesamte Gruppe glänzen zu lassen, obwohl wir auch sehr starke Solostimmen im Ensemble hatten. <BR /><BR /><b>STOL: Worin unterscheidet sich die Arbeit an der Musik für ein Musical von der Produktion eines Albums für einen Sänger oder eine Band?</b><BR />Scrinzi: Wenn man an einer Platte für einen Künstler arbeitet, zieht sich ein roter Faden durch die ganze Produktion, was das Musikgenre betrifft. Bei einem Musical hat man hingegen die Möglichkeit stark zu variieren und genau das umzusetzen, was man schon immer an Ideen im Kopf hatte. So reicht die musikalische Palette in „Carpe Diem“ von Schlager, Rap, klassischen Balladen bis hin zu Rock und Nu Metal im Stile von Linkin Park. Als Produzent ist das eine besondere Herausforderung, weil sich deine Kompetenz in den verschiedensten Musikstilen zeigt. Ein weiterer Unterschied ist auch, dass die Musik in diesem „Musical-Paket“ verpackt sein muss. Das heißt, die Geschichte wird durch die Songs vorangetrieben und jeder Song verfolgt ein bestimmtes Ziel innerhalb der Geschichte, so wie bei einem Konzeptalbum.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758489_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie ist die Musik zu „Carpe Diem“ entstanden?</b><BR />Scrinzi: Der kreative Prozess lief eigentlich sehr unkompliziert ab. Christian Mair hat die Text geschrieben und meistens auch eine Melodieidee sowie eine Vorstellung von der jeweiligen Musikrichtung mitgeliefert. Einige Songs stammen auch aus der Feder von Doris Warasin. Die Texte habe ich dann zusammen mit Kim Vanessa Schmidt metrisch angepasst. Meine Aufgabe war es dann schließlich aus diesen Entwürfen fertige Musikstücke zu formen. Das ging glücklicherweise leicht von der Hand, weil die Texte vielfach schon Inspiration für die Musik selbst beinhaltet haben. Meist war schon beim Lesen der Texte klar, was musikalisch dazu passen würde.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Erfahrungen und Emotionen nehmen Sie von den Musicalaufführungen mit?</b><BR />Scrinzi: Schon seit ich 18 bin, wollte ich ein Musical schreiben, bin aber sehr lange vor dieser großen Aufgabe zurückgeschreckt. Durch meine Zusammenarbeit mit Doris Warasin hat sich schließlich die Möglichkeit aufgetan, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Wenn man dann die Früchte einer so intensiven und aufwendigen Arbeit schließlich auf einer Bühne sieht, dann lässt das einen sprachlos zurück. Die Professionalität mit der die Jugendlichen gearbeitet haben, war bemerkenswert und wir hätten uns das nicht besser wünschen können. Es gibt so viele Faktoren, die bei einer Musicalproduktion bedacht werden müssen und schiefgehen können, dass es wirklich ein gut eingespieltes und professionelles Team braucht, um ein solches Stück auf die Bühne zu bringen. Wenn man sieht, wie gut es bei „Carpe Diem“ geklappt hat, dann zaubert mir das ein Lächeln ins Gesicht und ich freue mich auf mehr.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="758492_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />