Kreiert wurde die Figur von der Studentin <b>Masha Nara</b> aus Teheran, die an der Freien Universität Bozen Kunst und Design studiert.<BR /><BR /><b><BR />Für Ihre Semesterarbeit an der Fakultät für Design und Kunst haben Sie ein Werk kreiert, das im Innersten aufwühlt. Welche Botschaft steckt dahinter?</b><BR />Masha Nara: Ich habe meine liegende Figur bewusst aus den Seiten von Tageszeitungen wie „Dolomiten“ und „Alto Adige“ geformt. Dabei habe ich Artikel gewählt, die sich mit den großen Konflikten der Welt auseinandersetzen, wie etwa den derzeitigen Protestaktionen im Iran. Mein Hintergedanke war aufzuzeigen, wie sehr wir von negativen Nachrichten überhäuft werden und gleichzeitig auch wie schnell wir die Flut an Informationen vergessen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="861335_image" /></div> <BR /><BR /><b>Haben Sie deshalb als Werkmaterial Zeitungspapier verwendet? Denn Nachrichten sind kurzlebig und Papier ist ein äußerst vergängliches Material, wodurch die Zerbrechlichkeit der Menschen noch mehr hervorgehoben werden kann…</b><BR />Nara: Ja, genau. Die Tatsache, dass ich meine Figur ans Ufer der Talfer gelegt habe, macht sie noch fragiler. Denn es ist leicht möglich, dass sie ins Wasser fällt, dann ist sie weg. Sie liegt im Freien und ist allen Wettereinflüssen ausgesetzt. Die baldige Zerstörung ist vorprogrammiert und sie gerät in Vergessenheit, so wie die schnelle Nachricht auch.<BR /><BR /><b>Zeitgenössische Kunst behandelt auch immer die brennenden Themen der Jetztzeit. Mit Ihrer Intervention machen Sie darauf aufmerksam. Was kann Kunst mehr als die Nachricht?</b><BR />Nara: Vielleicht kann sie die Menschen tiefer berühren, wachrütteln, emotionaler treffen. Ich glaube schon, dass Kunst allgemein eine größere Wirkung hat als das bloße Wort. Sich täglich wiederholende Nachrichten, lassen die Menschen abstumpfen.<BR /><BR /><b>Sie haben die Protestaktionen im Iran genannt. Wollen Sie mit Ihrem Kunstwerk, das mich an eine liegende Frau erinnert, auch auf die Unterdrückung der Frauen in Ihrem Land aufmerksam machen?</b><BR />Nara: Natürlich. Doch haben mich auch Themen wie der Krieg in der Ukraine oder Isolation und der Rückzug des Menschen nach Corona interessiert. Alle Konflikte auf der Welt sind mir ein Anliegen, dabei denke ich aber immer daran, wie das diktatorische Regime in meiner Heimat nun schon seit über 40 Jahren die Menschen dort quält. Wie Tattoos sind die Schlagzeilen auf der Figur imprimiert. Am Kopf liest man „impiccato“ (gehängt), damit spiele ich auf die jungen Demonstranten im Iran an, die so zahlreich ohne regulären Prozess zum Tode verurteilt und gehängt werden. Und am Körper kann der Passant lesen „Bolzano in Piazza“. Da geht es um den Frauenmarsch im Herbst, der auf die vielen toten Frauen aufmerksam gemacht hat, die durch Gewalt umgebracht wurden – auch Frauen im Iran.<BR /><BR /><b>Haben Sie Kontakt zu Frauen im Iran, und können Sie irgendwie helfen?</b><BR />Nara: Zwischendurch ist es möglich mit Freunden und Verwandten über die sozialen Medien zu kommunizieren. Doch leider ist das Internet dort sehr schwach. Ich kann dort keine Berge versetzen und nicht viel verändern. Aber ich versuche, hier immer wieder durch meine Kunst auf das Thema aufmerksam zu machen: Ein kleiner Schritt in Richtung Freiheit, für welche wir alle kämpfen müssen. Denn das, was im Iran passiert, betrifft uns alle, der Iran ist nämlich gar nicht so weit von Europa entfernt. <BR /><BR /><b>Nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im September 2022 in Teheran sind die Menschen, vor allem junge Leute, erst so richtig auf die Straße gegangen. Frauen wollten ihre Unterdrückung nicht mehr erdulden, verbrannten ihren Hijab. Das Regime antwortet mit brutalster Gewalt. Wie sehr hat sich die Situation der Frau seitdem verschlechtert?</b><BR />Nara: Der schreckliche Tod von Mahsa Amini brachte das Fass zum Überlaufen. Die Ansichten des Regimes lassen sich aber nicht so einfach ändern. Seit den Protestaktionen gab es schon über über 500 Tote, darunter über 70 Minderjährige und rund 50 Frauen. Das sind die offiziellen Zahlen laut Iran Human Rights. Doch es könnte noch viel mehr Tote geben, da über 100 Menschen im Gefängnis auf ein Urteil warten, das für die meisten das Todesurteil bedeutet… Iran ist eine Diktatur. Auch ich rede gerade kritisch über mein Land und setze mich einem erhöhten Risiko aus. Doch will ich nicht schweigen.<BR /><BR /><b>2014 führten die „Dolomiten“ ein Interview mit der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Damals sagte sie: „Der Iran ist wie ein Vulkan, welcher jeden Moment explodieren könnte.“ Heute ist sie davon überzeugt, dass die Proteste das Ende der islamischen Diktatur herbeiführen könnten. Was denken Sie über diese Aussagen?</b><BR />Nara: Ich kann dem nur zustimmen. Shirin Ebadi ist ein großes Vorbild für mich. Sie ist sehr mutig. Sie setzt sich – trotz der großen Gefahren – weiterhin für die Frauen im Iran ein. Dafür zolle ich ihr meinen ganzen Respekt. <h3> Zur Person</h3>Die Studentin ist 26 Jahre alt und und stammt aus Teheran. Sie ist derzeit an der Freien Universität Bozen in der Fakultät Kunst und Design (Bachelor) inskribiert. Vor 4 Jahren hat sie ihr Land verlassen, da sie sich im Iran keine lebenswerte Zukunft mehr vorstellen konnte. Nachdem sie ein Jahr lang in Deutschland gelebt hat, beschloss sie, ihrem Herzenswunsch nachzugehen und Kunst zu studieren. Dafür wählte sie die Universität Bozen, da die Lehrfächer in 3 Sprachen unterrichtet werden. Seit 3 Jahren lebt sie nun in Südtirol. Ihre Eltern und ihre jüngere Schwester folgten ihr später nach Europa. Sie leben heute in Deutschland. <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><h3> Hintergrund</h3>Seit der islamischen Revolution 1979 werden die Frauen im Iran systematisch unterdrückt. Die Lage der Frauen ist durch gesetzliche und gesellschaftliche Diskriminierung geprägt, eine Gleichberechtigung der Frauen wird von der Führung seit Jahrzehnten abgelehnt. Iran hat neben 5 anderen Ländern die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau nicht unterzeichnet. Mit der Scharia, dem islamischen Gesetzbuch, welches sich auf dem Koran beruft, wird diese schon seit mehr als 40 Jahren gerechtfertigt. Die strenge Kleiderordnung der Frau ist ebenfalls gesetzlich verankert. Bis vor kurzem sollte eine Sittenpolizei dafür sorgen, dass diese auch eingehalten wird. Frauen, die dagegen verstoßen, werden festgenommen. In speziellen Haftanstalten werden sie verhört, ausgepeitscht, gefoltert. <BR /><BR />Der Tod im September 2022 von <Fett>Mahsa Amin</Fett> <Fett>i</Fett>, einer 22-jährigen kurdischen Jurastudentin, welche im Polizeigewahrsam zu Tode geprügelt wurde, hat eine Welle an Protestaktionen ausgelöst. 525 Demonstranten wurden seitdem im Iran umgebracht, 19.000 Personen wurden verhaftet. Quelle: Homepage „Iran Human Rights.“ <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />