<b>von Marian Wilhelm </b><BR /><BR /> Viel Aufregung, den das 1800-Seelen-Nest am Lido verursacht hat. Dabei ist der Film <TextHBlau>„Vermiglio“</TextHBlau> ein sehr leises Werk, das wird gleich von Beginn an klar. Eine schlafende Großfamilie lässt uns als Zuschauende sanft in die Welt dieser Geschichte hinübergleiten – bis ein Baby sich bemerkbar macht und die tägliche Arbeit mit dem Melken beginnt. Doch selbst dabei legt die stille Hauptfigur Lucia <b>(Martina Scrinzi)</b> eine gewisse Zärtlichkeit an den Tag. <BR /><BR />Ihre romantische Begegnung mit dem sizilianischen Soldaten Pietro, der sich im Dorf bis dem Kriegsende versteckt, bildet die Hauptgeschichte. Doch um einen starken Plot geht es Delpero in ihrem zweiten Spielfilm nicht. Eher um das Verknüpfen kleiner Fäden zu einem Seil. Vor allem aber um die Atmosphäre am Ende des Zweiten Weltkriegs fernab von der Front. Zunächst bleibt aber sogar unklar, um welchen Krieg es sich handelt. Es könnte ebenso gut der Erste Weltkrieg sein. In dem abgelegenen Bergdorf weist wenig auf die neuen Zeiten hin, von ein paar Kostümen und später dann einem Autobus abgesehen.<BR /><BR />Der verzögerte Einbruch der Moderne gilt leider auch für die Moralvorstellungen und das Geschlechterverhältnis. Stockkonservativer Katholizismus und ein uraltes Patriarchat prägen die Rollenbilder innerhalb der Gemeinschaft. Lucias Vater ist zugleich auch der Dorflehrer. Eigentlich ein gutmütiger Feingeist mit einem Grammophon und Sinn für Musik und Poesie, kann er nicht aus seiner strengen dominanten Rolle heraus.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1070511_image" /></div> <BR /><BR /> Die Mutter hat trotz Armut schon 10 Kinder geboren. Nicht alle überleben und es nimmt kein Ende – von Familienplanung ist im christlichen Italien des Jahres 1944 keine Rede. Die vielen Kinder teilen sich die wenigen Betten. Der Film fokussiert sich besonders auf die 3 Schwestern und die weibliche Perspektive auf jene Zeit. Nur eine von ihnen kann nach Trient in die höhere Schule gehen. Sie alle zeichnet der Film als eigenständige Persönlichkeiten, die ihre Rolle innerhalb dieser Ordnung finden müssen, gelähmt vom Druck ihrer Umgebung, aber ursprünglich wie Pasolini-Figuren.<BR /><BR />„Vermiglio“ ist bewusst kein Sozialdrama, auch wenn die ökonomischen und politischen Umstände das Tragische dieser Welt klar bestimmen. Der weit entfernte Krieg greift tief in die Lebensumstände gerade der kleinen Leute ein. Doch statt einer Anklage webt die auch im Dokumentarfilm erprobte Regisseurin ein feines Geflecht, das uns 2024 mit dem Gefühl des Jahres 1944 umhüllt. Sie zieht ihren unaufgeregten Stil über 119 Filmminuten und durch alle 4 Jahreszeiten konsequent durch. Dabei hilft ihr die Landschaft des Trentino, in kargen unkitschigen Bildern gefilmt vom russischen „Leviathan“-Kameramann <b>Mikhail Krichman</b>. <BR /><BR />Auch in Südtirol wurde viel gedreht, konkret im Klösterle Sankt Florian in Laag/Neumarkt und in dessen Umgebung. Der allzu sauberen Ausstattung sieht man das Historiendrama zuweilen zu sehr an. Insgesamt ist „Vermiglio“ aber ein alles andere als kopflastiges, atmosphärisches Drama. Ein überaus ernsthafter und sensibler Festivalfilm, der sich als bisher bester italienischer Beitrag im Wettbewerb von Venedig nicht zu verstecken braucht. Die vor allem englischsprachige Konkurrenz im Rennen um die Preise ist groß. Doch vielleicht trifft Maura Delpero mit ihrem Ausflug ins Trentino den feinen Geschmack von Isabelle Huppert und ihrer Jury.<h3> Was Maura Delpero über ihren Film sagt</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1068771_image" /></div> <BR /><BR />„Mein Vater verließ uns an einem heißen Sommernachmittag. Er schaute uns mit den großen, staunenden Augen an – wie die eines Kindes – bevor er sie für immer schloss. Ich hatte schon davon gehört, dass man als alter Mann wieder zum Kind wird, aber ich wusste nicht, dass diese beiden Lebensalter miteinander verschmelzen können. In den folgenden Monaten besuchte er mich im Traum. Er war in sein Elternhaus in Vermiglio zurückgekehrt. Er war 6 Jahre alt und hatte 2 sehnige Beine wie ein Steinbock, er lächelte mich zahnlos an und trug diesen Film unter dem Arm: 4 Jahreszeiten im Leben seiner großen Familie. <BR /><BR />Eine Geschichte von Kindern und Erwachsenen, von Todesfällen und Geburten, Enttäuschungen und Wiedergeburten, von ihrem Festhalten an den Windungen des Lebens und von Kollektivität, aus der Individuen werden. Eine Geschichte über Hochgebirge mit seinen Schneemauern. Vom Geruch des Holzes und der warmen Milch an frostigen Morgenden. Mit dem fernen und doch allgegenwärtigen Krieg, den jene erlebten, die außerhalb der großen Maschinerie blieben: Mütter, die die Welt von der Küche aus beobachteten, mit Babys, die an den zu kurzen Decken starben, Frauen, die fürchteten, Witwen zu werden, Bauern, die auf Söhne warteten, die nie zurückkehrten, Lehrer und Priester, die Väter ersetzten. Eine Kriegsgeschichte ohne Bomben und ohne große Schlachten. In der eisernen Logik des Berges, der den Menschen jeden Tag daran erinnert, wie klein er ist. <BR /><TextHBlau><BR />'Vermiglio'</TextHBlau> ist eine Seelenlandschaft, ein 'Familienlexikon', das in mir lebt, an der Schwelle zum Unbewussten, ein Akt der Liebe für meinen Vater, seine Familie und ihr kleines Dorf. Eine persönliche Zeit durchquerend ist der Film eine Hommage an eine kollektive Erinnerung.“