Samstag, 12. Juni 2021

Ein Blick ins Persönliche: Tagebücher und ihre berühmten Verfasser

„Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben“, schreibt Oscar Wilde 1895. Es gibt unzählige Tagebücher – bekannte, unbekannte und bereits vergessene. In der Regel sind die Aufzeichnungen sehr persönlich, veröffentlicht werden sie meist nur in Ausnahmefällen. Neben berühmten Autoren haben sich auch Rockmusiker und Seefahrer Notizen gemacht. Ihnen gebührt eine Erinnerung anlässlich des Welttags des Tagebuchs am heutigen 12. Juni, der auf den Geburtstag der Autorin des wohl bekanntesten Tagebuchs zurückgeht: Anne Frank.

Der heutige Welttag des Tagebuchs geht auf den Geburtstag von Anne Frank zurück.
Der heutige Welttag des Tagebuchs geht auf den Geburtstag von Anne Frank zurück. - Foto: © Anne Frank House
Anne Frank (1929-1945): Heute wäre sie 92 Jahre alt geworden

Sie schreibt das wohl bekannteste Tagebuch. Das jüdische Mädchen versteckt sich von 1942 bis 1944 mit seiner Familie in Amsterdam vor den deutschen Nationalsozialisten. Anne beschreibt dabei sehr persönlich, wie sie die Schreckensherrschaft der Nazis erlebt. „...werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien“, trägt sie am 5. April 1944 ein.




Die große Wirkung des Tagebuchs hängt sicher zusammen mit dem großen Talent von Anne und ihrem grausamen Schicksal. Der Welttag des Tagebuchs am 12. Juni geht auf ihren Geburtstag zurück. Es ist zugleich der Tag, an dem sie 1942, zu ihrem 13. Geburtstag, von ihrem Vater ein kleines rotkariertes Notizbuch geschenkt bekommt. „Ich kann dir hoffentlich alles anvertrauen“, so schreibt sie auf die erste Seite. „Ich hoffe, dass du eine große Stütze für mich sein wirst.“




Ein Aufruf der niederländischen Exilregierung, Briefe und Tagebücher aufzubewahren, bringt Anne auf eine Idee. Sie will aus ihrem Tagebuch einen Roman machen und nach dem Krieg veröffentlichen. Auch den Titel weiß sie schon: „Das Hinterhaus.“ Sie überarbeitete ihre eigenen Texte, schrieb ganze Passagen neu. „Ich werde nicht unbedeutend bleiben“, schreibt Anne am 11. April 1944. „Ich werde in der Welt und für die Menschen arbeiten.“




Die Hoffnung erlischt am 4. August 1944. Kurz nach 10 Uhr hält ein Auto an der Prinsengracht 263. SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer und holländische Polizisten stürmen das Versteck der Familie. Es wurde verraten. Die Untergetauchten werden nach Auschwitz gebracht. Von dort kommen Anne und ihre Schwester ins KZ Bergen-Belsen. Dort sieht eine Schulfreundin Anne noch. Sie war „ein gebrochenes Mädchen“, erinnert sie sich. Im Februar 1945 stirbt Anne im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Nur Vater Otto Frank überlebt. Als er zurückkehrt, übergeben ihm die Helfer der Untergetauchten die Tagebücher seiner Tochter, die hatten die Nazis bei der Razzia übersehen. 1947 erfüllt Otto den Wunsch seiner Tochter. Anne Franks Tagebuch erscheint mit dem Titel: „Das Hinterhaus.“

Astrid Lindgren (1907-2002)




Die schwedische Kinderbuchautorin beweist schon früh ihr Schreibtalent. Mit den Worten „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben“, beginnt im September 1939 ihr Kriegstagebuch. Mit der Hilfe von Zeitungsartikeln, Briefen und Zeitdokumenten belegt Lindgren die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs.

Anfangs fürchtet sie eine Invasion der Sowjetunion – später wandelt sich auch ihr Bild von Deutschland. „Die Menschheit hat den Verstand verloren. Verbesserung ist nicht in Sicht.“ Die damals 32-jährige Mutter zweier Kinder hatte erst einige Kurzgeschichten in Zeitschriften veröffentlicht.

Franz Kafka(1883-1924)




Der Schriftsteller führt von 1909 bis 1923 Tagebuch. Darin vermischt er autobiografische und literarische Texte. „Ich werde das Tagebuch nicht mehr verlassen. Hier werde ich mich festhalten“, schreibt er am 16. Dezember 1910. Neben diesen Einträgen hält Kafka auch auf 4 Reisen zwischen den Jahren 1911 und 1913 seine Eindrücke fest.

„In nahezu jedem Brief und jedem Tagebuchblatt taucht vor dem Leser das Bild des genialen Menschen auf, der das Leben als Qual empfindet“, schreibt Ludwig Winter über Kafkas Tagebuch. Beide waren Autoren des „Prager Kreises“. Besonders ergreifend sind für Winter die Aufzeichnungen aus den letzten Lebensjahren. „Der grausige Humor, der zuweilen durchbricht, macht vieles in Kafkas Dichtungen erst recht verständlich.“

Kurt Cobain (1967-1994)




2002 werden postum die privaten Aufzeichnungen des Nirvana-Sängers veröffentlicht. In 23 Notizbüchern hinterlässt der Wegbegründer des Grunge rund 800 eng beschriebene Seiten. Unter den Schriftstücken befinden sich auch zahlreiche Briefe an Cobains verschiedene Geliebte, Zeichnungen, Grafiken, Fotos und Liedtexte. „Lesen Sie bitte mein Tagebuch, sehen Sie meine Sachen und lernen Sie mich kennen“, heißt es von Cobain.

Erich Kästner (1899-1974)





Seine Erlebnisse im zusammenbrechenden „Dritten Reich“ beschreibt der Kinderbuchautor in „Notabene 45“. Die Aufzeichnungen beginnen im Februar 1945 kurz vor den Luftangriffen auf seine Heimatstadt Dresden. Obwohl Kästner in Nazi-Deutschland mit einem Schreibverbot belegt, seine Texte bei der Bücherverbrennung 1933 vernichtet und er wiederholt verhört wurde, gilt „Notabene 45“ nicht ausschließlich als Abrechnung mit dem NS-Regime. Ironisch kommentiert er den alltäglichen Wahnsinn, etwa die bis zuletzt unermüdlich arbeitende Bürokratie der Deutschen. Die Angriffe alliierter Truppen in der Endphase des Krieges benennt er ebenfalls eindrücklich.

Christoph Kolumbus (1451-1506)




Eine Art Tagebuch führt auch der italienische Seefahrer und Entdecker. „Um 2 Uhr morgens kam Land in Sicht“, schreibt er am 12. Oktober 1492 in sein privates Logbuch über die Ankunft in Amerika. „Dort entfaltete ich die königliche Flagge. Unseren Blicken bot sich eine Landschaft dar, die mit grün leuchtenden Bäumen bepflanzt und reich an Gewässern und allerhand Früchten war.“ Kolumbus verfasst das Logbuch nicht für sich selbst, sondern für das spanische Königspaar. So könne er die ihm neue Welt eindrucksvoller beschreiben, als es ihm in mündlicher Form möglich sei.

dpa/stol