Freitag, 17. November 2017

Ein Reichspark, ein Südtiroler und eine Fake-Doku

Mitten in Brandenburg soll ein 52 Hektar großer NS-Themenpark entstehen, der die Zeit des Nationalsozialismus erlebbar macht. Inklusive historisch korrekt nachgebautem KZ. Die Idee zum Projekt stammt vom gebürtigen Bozner Raphael Gamper. Ein Mann, den der deutsche Satiriker Jan Böhmermann erfunden hat.

Piet Fuchs aus Brühl als Raphael Gamper aus Bozen.- Foto: Screenshot ZDFneo
Badge Local
Piet Fuchs aus Brühl als Raphael Gamper aus Bozen.- Foto: Screenshot ZDFneo

„Unternehmen Reichspark“ – der Titel des Neo Magazins „Royale“, das am Donnerstagabend auf ZDFneo ausgestrahlt wurde, lässt Interpretationen zu. Behandelt der Beitrag die Grünflächen vor dem Berliner Reichstagsgebäude? Eine militärische Operation während des Zweiten Weltkriegs?

Ein 52 Hektar großes Herzensanliegen

Nein. Die Reportage von Jan Böhmermann geht einer Idee von Raphael Gamper auf den Grund. Gamper, so liest man auf der Webseite seiner Firma, wäre 1968 in Bozen geboren, lebe in Offenbach und kümmere sich derzeit vor allem um deutsch-chinesische Geschäftsbeziehungen.

Aber nicht nur. Sein eigentliches Herzensanliegen ist der Bau eines 52 Hektar großen NS-Themenparks in Brandenburg.

Willkommen im NS-Rememberland - Foto: Screenshot

Gamper hat dafür ein Präsentationsvideo drehen lassen, auf dem er für das Projekt wirbt: „Historisch korrekt, verantwortungsvoll und familienfreundlich“, soll der Nationalsozialismus für alle „erlebbar“ gemacht werden heißt es da. Zuerst die Schlacht von Stalingrad in Europas größter Kältehalle bei authentisch -20 Grad Celsius besuchen, im Darkride durch das bombardierte Dresden rauschen, dann ein Rundgang im nachgebauten KZ und schließlich ein knuspriges Wiener Schnitzel im Berghof – Gampers Projekt wirft Fragen auf.

Rememberland oder ein Drittes Reich im Miniformat?

Vor allem bei Jan Böhmermann, der vor allem durch seine Konfrontation mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bekannt wurde. Böhmermann kann es nicht fassen. Ein Drittes Reich im Miniformat? In Deutschland? Er und Ralf Kabelka gehen der Sache nach.

Gamper: „Wir bilden Geschichte nach“

Böhmermann trifft sich mit Gamper. Das Gespräch zwischen beiden verläuft angespannt, „Sie bauen ein Konzentrationslager auf deutschem Boden“, wirft Böhmermann dem gebürtigen Bozner vor. „Wir bilden Geschichte nach und schließen die Lücke zwischen Museum und Familienleben“, verteidigt sich der Exil-Südtiroler und wirbt für sein Rememberland.

Böhmermann ist nach dem Gespräch verwirrt: Ist Raphael Gamper nun ein Nazi, ein Business-Genie oder ein verkannter Aufklärer? Fragen, auf die Böhmermann keine Antworten erhalten wird. Nicht erhalten kann. Denn Raphael Gamper existiert nicht: Seine Firma, seine Idee, Gamper selbst und die gesamte Doku sind ein – aufwendig konzipierter und produzierter – Fake.

Satire als politische Kritik

Bei Raphael Gamper handelt es sich um den Schauspieler Piet Fuchs aus Brühl wie das deutsche Onlineportal „bento“ berichtet. Sein Gespräch mit Böhmermann ist gespielt. Doch nicht alles an der Fake-Doku ist fiktiv, nicht alles geschrieber Plot.

So fügen die „Unternehmen Reichspark“-Regisseure in ihre Doku etwa die umstrittene Rede des rechtspopulistischen AfD-Politikers Alexander Gauland zur Nazi-Vergangenheit ein, die vor der deutschen Bundestagswahl für Debatten und Empörung gesorgt hatte. Auch der Historiker Constantin Goschler, der im Beitrag über Erinnerungskultur spricht, ist echt. 

Dies ist die eigentliche Intention der Fake-Doku: Böhmermanns Sendung stellt Fragen über die deutsche Erinnerungskultur und übt Kritik an der Alternative für Deutschland. Satire, die zwischen Fake News und Politkritik pendelt, eine Sendung, die provoziert und polarisiert. (Hier geht's zur Sendung).

Wo ist Gamper?

Am Ende der Fake-Doku will Böhmermann noch einmal mit Raphael Gamper sprechen, doch er trifft ihn nicht mehr an. Gamper ist verschwunden. Vielleicht ist er auf dem Weg nach Bozen.

stol/aw

stol