Ein Gespräch mit dem Nachwuchskünstler. von Eva Bernhard<BR /><BR /><b> Ein Förderpreis ist immer auch ein Versprechen auf die Zukunft. Empfinden Sie diese Auszeichnung eher als Rückenwind oder als Verpflichtung?</b><BR />Fabian Mair Mitterer: Verpflichtung empfinde ich eher mir selbst gegenüber: neugierig zu bleiben, Risiken einzugehen und mich nicht zu schnell festzulegen. Ich freu mich über den Preis, gerade auch weil es in Südtirol fast keine Preise für Schauspieler und Schauspielerinnen gibt, oder generell für Menschen, die im Theater oder im Film arbeiten.<BR /><BR /><b> Und was bedeutet Ihnen der Förderpreis „Walther von der Vogelweide“ im Spezifischen, gerade jetzt, am Ende Ihres Studiums und am Beginn einer neuen Karrierephase? </b><BR />Mair Mitterer: Ehrlich gesagt, habe ich von diesem Preis nichts gewusst. Ich freu mich über die Entscheidung der Jury und auch über das Geld. Der Preis ermutigt mich, meinen eigenen Weg weiterzugehen und darauf zu vertrauen, dass dieser Weg nicht geradlinig sein muss.<BR /><BR /><b> Sie sind in Meran aufgewachsen und haben Südtirol früh verlassen, um in Berlin Schauspiel zu studieren. Musste man weggehen, um als Südtiroler Schauspieler ernst genommen zu werden? </b><BR />Mair Mitterer: Ich wollte nach der Matura sofort weg nach Berlin und hatte das Glück, dass es mit der Aufnahmeprüfung gleich geklappt hat. Die letzten Jahre waren wichtig, um mich auszuprobieren und meinen Blick zu erweitern. Ich liebe es, ins Theater und ins Kino zu gehen. Das Angebot dieser Stadt ist einfach enorm. Und es war mir wichtig, eine staatliche Ausbildung mit hoher Qualität zu absolvieren, sonst hätte ich mir diesen Beruf nicht vorstellen können. Ja, vielleicht musste ich ein Stück weggehen, um überhaupt zu merken, wie stark mich Südtirol geprägt hat.<BR /><BR /><b>Wie sehr prägt Südtirol aber noch heute Ihre künstlerische Identität, wenn Sie auf großen Bühnen im deutschsprachigen Raum arbeiten? </b><BR />Mair Mitterer: Immer mehr. Schon allein durch meine Zweisprachigkeit und dieses Aufwachsen zwischen verschiedenen kulturellen und sprachlichen Identitäten. Südtirol ist für mich ein Ort, an dem Geschichte, Sprache und Zugehörigkeit unmittelbar miteinander verbunden sind. Das Thema der „Heimat“ ist immer ein großes Thema, auch ganz unabhängig von Südtirol.<BR /><BR /><b>Mit „Ein Hund kam in die Küche“ von Sepp Mall bei den Vereinigten Bühnen Bozen und im eben zu Ende gegangenen Sommer mit „Feuernacht“ von Felix Mitterer bei den Tiroler Volksschauspielen Telfs wurden Sie auch einem breiteren Publikum in Südtirol bekannt. Ist das Gefühl auf der Bühne ein anderes, wenn man weiß, dass im Publikum viele Menschen sitzen, die man kennt? </b><BR />Mair Mitterer: Am meisten aufgeregt bin ich, wenn meine Eltern und meine beiden Omas zuschauen kommen, oder in den Vorstellungen Kommilitonen oder Studienkolleginnen sitzen, deren Meinung ich sehr schätze. Man kann sich nicht ganz hinter der Figur verstecken. Gleichzeitig hat das etwas Schönes: Es entsteht eine besondere Nähe. Bei <i>„Ein Hund kam in die Küche“</i> war mir sehr bewusst, dass wir eine Geschichte erzählen, die für viele im Publikum auch Teil ihrer eigenen ist. Die „Feuernacht“ in Telfs in diesem Jahr war keine einfache Zeit für mich. Für Sven Knoll und seine Partei zu spielen, die die Themen der Aufführung politisch instrumentalisieren und Fotos daraus in den Sozialen Medien posten, hat mir wenig Ruhe gelassen. Ich hätte mir in diesem Zusammenhang eine stärkere politische Haltung und eine klarere Positionierung gegen rechte Tendenzen gewünscht, denn Theater ist immer politisch.<BR /><BR /><b>Vom Berliner Ensemble bis zur Kamera von Hagai Levi: Ihre Laufbahn wirkt erstaunlich. Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Jetzt wird aus einem Berufswunsch tatsächlich ein Beruf? </b><BR />Mair Mitterer: Ich glaube, der schönste Moment war immer noch die Aufnahme an der <i>Ernst Busch</i> in Berlin. Diese Schauspielschule war immer mein Sehnsuchtsort, und ich bin so glücklich und stolz, dort studiert haben zu dürfen. Vier Jahre mit Menschen zu verbringen die alle den gleichen Wunsch haben, das ist schon besonders. Manchmal frage ich mich aber, ob ich jetzt tatsächlich Schauspieler bin.<BR /><BR /><b>Viele junge Schauspieler suchen Sichtbarkeit. Sie wirken eher auf der Suche nach Rollen, die etwas riskieren. Was reizt Sie daran?</b><BR />Mair Mitterer: Ich hasse das Wort Sichtbarkeit. Mich interessiert Theater und Film vor allem dann, wenn ich nicht schon vorher weiß, wie eine Figur funktioniert. Ich möchte mich gerne in Situationen bringen, in denen ich etwas Neues erfahre. Ich glaube, dass die interessantesten Rollen oft dort entstehen, wo man als Schauspieler nicht nur etwas gut macht, sondern sich wirklich vergisst. Ich suche die Unsicherheit, den Spaß am Scheitern. <BR /><BR /><b> Sie haben mit sehr unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren gearbeitet. Welche Begegnung hat Ihr Verständnis von Schauspiel bislang am stärksten verändert? </b><BR />Mair Mitterer: Jede Zusammenarbeit, egal ob „gut“ oder „schlecht“ bringt einen weiter. Ich liebe die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen. Wichtig waren für mich aber die, die mir nicht versucht haben zu zeigen, wie ich Schauspieler sein soll, sondern mir erlaubt haben, meinen eigenen Zugang zu finden. Prägende Zusammenarbeiten waren mit <b>Steffi Kühnert, Angelika Waller, Rudolf Frey, Peter Stein, Michael Kofler</b> und <b>Stas Zhyrkov.</b> Es ist wichtig, Verbündete zu finden, die an einen glauben – weil man das oft selbst nicht tut – und mit denen man eine künstlerische Beziehung entwickeln kann.<BR /><BR /><b>Derzeit sind Sie mitten in den Proben in Simon Stephens' „Vanya“ der Vereinigten Bühnen Bozen, wo Sie den Solopart übernehmen. Eine große Herausforderung, was lernen Sie bei dieser Arbeit über sich selbst?</b><BR />Mair Mitterer: Dass man sehr viel aushalten muss, ohne sofort eine Lösung zu haben. Wenn man allein auf der Bühne steht, gibt es keinen Ort, an dem man sich verstecken kann. Gleichzeitig merke ich, wie viel Freiheit darin liegt. Oft ist es die Einfachheit, die man aber über den kompliziertesten Weg findet. Mit Rudi (siehe Ende des Textes), und seinem Team fühle ich mich auf Proben super wohl – kann so sein wie ich bin, darf „schlecht“ sein, Fehler machen, ausprobieren, lachen, weinen, streiten. <BR /><BR /><b>Sie gehören zu einer Generation von Schauspielern, die selbstverständlich zwischen Bühne, Film und Serie wechselt. Wo fühlen Sie sich derzeit am meisten zu Hause und inwieweit verändert dieser ständige Medienwechsel auch den Blick auf die eigene Kunst? </b><BR />Mair Mitterer: Ich liebe die Bühne schon sehr. Die Zeit am Berliner Ensemble war sehr prägend. Über 40 Vorstellungen über zwei Spielzeiten zu spielen, das ist nochmal eine ganz andere Erfahrung. Sich jeden Abend immer wieder herzuschenken, das macht einfach großen Spaß. Und der Wechsel tut gut und ist bereichernd: Immer wieder seine Mittel zu befragen, sich auf neue Zusammenarbeiten und Themen einzulassen. <BR /><BR /><b>Der Name Walther von der Vogelweide steht für Aufbruch, Sprache und künstlerische Eigenständigkeit. Was heißt Eigenständigkeit für einen jungen Schauspieler in einer Branche, die auch von Besetzungen, Erwartungen und Trends geprägt ist? </b><BR />Mair Mitterer: Für mich bedeutet Eigenständigkeit nicht, alles alleine machen zu wollen. Es bedeutet, eine eigene Haltung zu entwickeln und sie nicht aufzugeben, nur weil gerade etwas anderes gefragt ist. Als junger Schauspieler ist man natürlich abhängig von Besetzungen und Entscheidungen anderer. Umso wichtiger finde ich es, neugierig zu bleiben und nicht irgendwann nur noch zu versuchen, besetzt zu werden, sondern zu wissen, was man selbst erzählen möchte. <BR /><BR /><b>Nach einem Preis richtet sich der Blick naturgemäß nach vorne: Welche künstlerischen Ziele möchten Sie in den kommenden Jahren unbedingt verwirklichen? </b><BR />Mair Mitterer: Ich möchte mit vielen spannenden und mutigen Menschen zusammenarbeiten. Egal wo, wie oder wie viel Geld es gibt. „Das ist mir Wurscht“. Ich freu mich über interessante Rollen oder Auseinandersetzungen mit Themen, die wichtig sind, erzählt zu werden. Und auf <b>Frank Castorf</b> und <b>Marie Kreutzer</b> hätte ich große Lust. (lacht)<h3> Zur Person</h3>Mair Mitterer wuchs in Meran auf. Direkt nach seiner Matura zog er nach Berlin, um sein Schauspielstudium an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch zu beginnen. Bereits vor seinem Studium, das er heuer abschloss, hatte er Theater-Engagements bei den <Kursiv>Südtiroler Freilichtspielen</Kursiv> und <Kursiv>Städtetheatern </Kursiv>sowie in Innsbruck. 2019 arbeite er mit <Fett>Peter Stein</Fett> an der Mailänder Scala und am Opernhaus in Shanghai. An der Hochschule in Berlin begleiteten ihn <Fett>Steffi Kühnert, Angelika Waller, Veit Schubert</Fett> und <Fett>Benny Claessens.</Fett> Während seines Studiums spielte er bei den <Kursiv>Vereinigten Bühnen Bozen</Kursiv> in der Uraufführung von <TextHBlau>„Ein Hund kam in die Küche“</TextHBlau> von <Fett>Sepp Mall</Fett> – eine Arbeit, die zu einem bahnbrechenden Publikumserfolg wurde und ihn einem breiten Publikum bekannt machte. Inzwischen reicht sein Tätigkeitsfeld weit über Südtirol hinaus: Fabian Mair Mitterer war als Macbeth in <TextHBlau>„Future Macbeth“</TextHBlau> von <Fett>Stas Zhyrkov</Fett> am <Kursiv>Berliner Ensemble</Kursiv> zu sehen, zuletzt auch bei den <Kursiv>Tiroler Volksschauspielen</Kursiv>. Derzeit inszeniert <Fett>Rudolf Frey</Fett> an den Vereinigten Bühnen Bozen „<TextHBlau>Vanya“</TextHBlau> von <Fett>Simon Stephens</Fett>, mit Fabian Mair Mitterer als Solodarsteller. Mit dem Film <TextHBlau>„Zweitland“</TextHBlau> von <Fett>Michael Kofler</Fett> war der Schauspieler international im Kino zu sehen; in Amsterdam stand er unter der Regie von <Fett>Hagai Levi</Fett> für die Serie <TextHBlau>„Etty“</TextHBlau> vor der Kamera.<BR /><BR /><BR /><b>Preisverleihung:</b> 6.11., 18 Uhr, Waltherhaus, Schlernstraße 1, Bozen. <BR /><b>Theatertermin:</b> Fabian Mair Mitterer ist als Solodarsteller bei den Vereinigten Bühnen Bozen im Stadttheater in „Vanya“ von Simon Stephens nach Anton Tschechows „Onkel Wanja“ in der Regie des Intendanten Rudolf Frey vom 7. bis 15.11. zu sehen.