Donnerstag, 16. November 2017

Gegen das Vergessen: Lieder aus dem Ghetto

"Songs for eternity": Ute Lemper gedenkt mit Liedern aus Ghettos und Konzentrationslagern dem Holocaust am Sonntag, 19. November im Bozner Teatro Stabile.

Ute Lemper singt im Teatro Stabilo in Bozen.
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Ute Lemper singt im Teatro Stabilo in Bozen.

Ute Lemper gastiert im Rahmen der Reihe "In Scena", die das Cristallo in Zusammenarbeit mit dem Teatro Stabile anbietet, am Sonntag,19.11. (21 Uhr) im Theater in der Dalmatienstraße: In "Songs for eternity" präsentiert sie mit dem italienischen Pianisten und Musikforscher Francesco Lotoro Liedgut aus den Ghettos und Konzentrationslagern (1941 - 1944), die sie überall auf der Welt gesammelt haben.

Das Konzert ist eine Hommage an die jüdischen Musiker und Komponisten, die in den Konzentrationslagern getötet worden sind. Und Ute Lemper widmet "Songs for eternity" allen jüdischen Kindern, Frauen und Männern, die in Nazi-Deutschland verfolgt, ihrer Menschlichkeit und Würde beraubt, denunziert, gedemütigt, gefoltert und getötet worden sind. 

Ute Lemper erzählt: "Am 27. Januar 2015, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, war ich dazu eingeladen, Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern zu singen. Francesco Lotoro hat mich anlässlich dieses Konzerts in Rom kontaktiert, da er bereits viele Jahre mit der Sammlung von Liedern zugebracht hat, die in den Konzentrationslagern entstanden sind. Das Repertoire ist sehr umfassend und es ist wichtig, dass es auf ewig erhalten bleibt. Als Deutsche, die in der Nachkriegszeit geboren wurde und seit 20 Jahren in New York mit einem jüdischen Mann verheiratet ist, fühle ich mich der schrecklichen Vergangenheit des Holocausts verpflichtet. Ich sehe es als meine Verantwortung und ethische Pflicht, die jüdische Kultur zu würdigen und den  Dialog über diese schreckliche Vergangenheit am Leben zu erhalten. Diese Mission geht auf das Jahr 1987 zurück. Damals habe ich bei der Plattenreihe "Entartete Musik" der Plattenfirmen DECCA mitgewirkt: Die Sammlung umfasst Werke jüdischer Komponisten, die von den Nazis verboten worden waren. Mit "Songs for eternity" geht diese Mission weiter. Die Recherche und die Geschichten, die sich hinter den Liedern verbergen, haben mich tief berührt. Beispielsweise habe ich dadurch das einzigartige Buch "Songs never Silenced" von Vevel Pasternak kennengelernt: Der Musikwissenschaftler stellt darin Lieder vor, die jüdische Menschen während ihrer Internierung schrieben und sangen. Oder das Liedwerk von Ilse Weber, die ihr Mann, der den Holocaust überlebt hat, in den 1990 Jahren veröffentlicht hat. Beide Sammlungen wurden mir von meinem Freund Orly Beigel geschenkt: Er ist halb Mexikaner, halb Israeli und Sohn eines Holocaust-Überlebenden." 

Nach ihrer Befreiung waren die Holocaust-Überlebenden mit einer unerträglichen Realität konfrontiert: Fast alle ihre Familienangehörigen und Freunde waren tot, ihr Hab und Gut verloren, sie hatten keine Heimat und keine Zufluchtsort mehr, ihre Leben zerstört, das Erlebte auf ewig in ihrer Erinnerung eingebrannt. Um sie herum ging das Leben weiter, als ob nichts passiert wäre: Keine 50 Millionen Kriegstoten, keine 6 Millionen umgebrachten Juden - darunter 2 Millionen Kinder. Und die überlegenden Gefangenen, die der Welt die furchtbaren Gräueltaten erzählen wollten um das Vergessen zu verhindern, fühlten sich erneut verraten: Verraten von einer Welt, die nicht wissen, nicht hören und nicht verstehen wollte. Und so sind sie still geblieben und waren allein  - allein mit ihren Ängsten, ihren Schuldgefühlen, ihren traumatisierten Körpern und Seelen (Dr. Leo Eitinger). Charlotte Delbo sagte dazu: "Die Menschen glauben, dass mit der Zeit die Erinnerung verblasst ... dass die Zeit stärker ist als der Schmerz ... aber die Zeit geht für mich nicht weiter. Die Augen, diese großen, erschrockenen, leidenden, müden Augen in den ausgemergelten, vom Schmerz gezeichneten Gesichtern sind vor mir ... Ich leben nicht .. Auch ich bin in Auschwitz gestorben und niemand sieht das."

Smerke Kaczerginsky hat in der Nazizeit viele jüdischen Zeitdokumente gesammelt, darunter auch verschiedene Kompositionen aus den Ghettos und Konzentrationslagern. 1949 wurden die Lieder in New York veröffentlicht - das Buch war komplett in Jiddisch verfasst. Er sagte 1949: "Man kann nicht mit den üblichen Worten über diese systematische Auslöschung sprechen. Kein Dokument oder Schriftstück kann den Horror beschreiben. Niemand, der nicht dort war, kann denn Horror begreifen, den Millionen Menschen erlebt haben. Zurückblickend frage ich mich, was uns passiert ist und wie wir so leben und sterben konnten? Auch für die Überlebenden wurde dies ein unerträgliches und unlösbares Problem. Es gibt zu wenig Dokumente, die auch nur annährend beschreiben, was den Juden tagtäglich passiert ist. Aus diesem Grund bin ich der Überzeugung, dass diese Lieder, die die Juden in den Lagern mit traurigem Herzen gesungen haben, einen Unterschied in der Erinnerung und der Geschichte ausmachen: Lieder, die sie bei der Arbeit sangen oder als sie für das klägliche Essen anstanden; Lieder, die sei im Kampf oder auf ihrem Todesmarsch sangen. Erst heute wissen wir, wie groß ihre Kreativität in dieser schrecklichen Zeit war." 

Theresienstadt wurde Ende 1941 zum Sammellager erklärt und in knapp vier Jahren passierten mehr als 140.000 Juden das Lager - nur 20.000 überlebten. Einige starben dort, der Großteil wurde nach Auschwitz Birkenau gebracht, wo sie in den Gaskammern ums Leben kamen. Theresienstadt galt als Vorzugslager für privilegierte Juden und die kulturelle Elite: Musiker, Komponisten, Schriftsteller und Maler durften ihrer Tätigkeit nachgehen. Die künstlerische Qualität war überraschend und wurde daraufhin von den Nazis zensuriert. Aber die jüdischen Stimmen schwiegen nicht.

Das Konzert am Sonntag, 19.11. im Teatro Cristallo ist der Beweis dafür.  

Restkarten sind zum Preis von 15 € (Eintritt), 12 € (Cristallo Card) und 10 € (Cristallo Card young) erhältlich. Die Theaterkasse ist von dienstags bis freitags von 17 bis 19 Uhr und donnerstags zusätzlich von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Online stehen die Tickets zur Verfügung unter www.teatrocristallo.it/biglietti.

Infos und Kartenreservierung telefonisch unter 0471 067822 oder per Email [email protected]

stol