Dienstag, 13. April 2021

Gesichter der Kultur: Südtirols Künstler lächeln dem Publikum entgegen

Wenn Sie heute gewisse Brücken in Südtirol passieren und Ihnen ein lächelndes Gesicht entgegenschaut, dann schauen Sie bitte nicht weg. Es sind Südtiroler Bühnenkünstler, die mit ihrem Gesicht und ihrer Aussage auf ihre Lage in dieser so gebeutelten Zeit aufmerksam machen. 72 Südtiroler Künstler – stellvertretend für alle – machen bei der Plakataktion „Gesichter der Kultur“ mit. Was dahintersteckt, erklärt der Regisseur Torsten Schilling im Interview.

72 Südtiroler Künstler  – stellvertretend für alle  –  machen bei der Plakataktion „Gesichter der Kultur“ mit. Im Artikel alle Gesichter.
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72 Südtiroler Künstler – stellvertretend für alle – machen bei der Plakataktion „Gesichter der Kultur“ mit. Im Artikel alle Gesichter.
Interview: Eva Bernhard

Schon zwei Mal in diesem Jahr sollte die Kultur wieder „hochgefahren“ werden: Ende Jänner hätten die Museen geöffnet werden sollen, Ende März wollte Kulturlandesrat Philipp Achammer die Theater und Kinos wieder aufsperren. Doch am Ende kam alles anders. Nun hoffen die Kulturtreibenden, im Mai endlich wieder vor Publikum auftreten zu dürfen. Bis dahin sollen mit der Plakataktion „Gesichter der Kultur“ Südtiroler Bühnenkünstler und -Künstlerinnen „sichtbar gemacht werden“. Wie kam es zu diesem Projekt?
Torsten Schilling: Die Live-Kultur steht pandemiebedingt – mit einer kurzen Unterbrechung im vergangenen Sommer – seit über einem Jahr still. Das hat gravierende existentielle Auswirkungen auf die vielen kulturellen Institutionen und Künstler hierzulande, insbesondere auf die Freiberufler, für die das bestehende System kaum Absicherungen bietet. Die Kunst- und Kulturschaffenden haben diesen Lockdown mit großem Verständnis für die außergewöhnliche Situation und durch enorme gesellschaftliche Solidarität mitgetragen. Trotz Kenntnis zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen, die das Infektionsrisiko bei Kulturveranstaltungen unter Sicherheitsvorkehrungen als extrem gering einstufen. Aber durch die fehlenden persönlichen Begegnungen im Kunstbereich verändert sich auch eine Gesellschaft. Die Lücke im Leben wird spürbar. Die Egoismen treten in den Vordergrund, die Demokratie gerät ins Wanken, die Streitkultur schrumpft auf beschämende Werte. Die Sensibilität für Schönheit und Humor wird vom Schatten des Negativismus überlagert. Ein positives Resultat dieser schwierigen Phase war die (längst überfällige) Gründung unserer Vereinigung der Darstellenden Künstlerinnen, Musikerinnen und Technikerinnen in Südtirol PERFAS (Performing Artists South Tyrol), die genre- und sprachübergreifend eine bessere Vernetzung untereinander sowie mit der Öffentlichkeit anstrebt. In diesem Zusammenhang entwickelte FABRIK AZZURRO dieses Projekt.

Ein positives Zeichen also, das abzielt auf…
Schilling: Auf die Freude, die wir empfinden, wenn es wieder los geht auf unseren Bühnen. Kein anderes Medium kann den Wert unmittelbarer Begegnungen zwischen Menschen ersetzen. Und wir haben viel miteinander zu diskutieren, zu verändern. Die Kunst war schon immer eins der wichtigsten Instrumente bei der Bewältigung gesellschaftlicher Krisen. Bereits im Vorfeld des Neustarts schauen wir nun mit dieser Plakataktion unser Publikum an und wollen es anlächeln.



Jeder Künstler, der auf dem Plakat abgebildet ist, hat etwas zu sagen: Was ist Ihr Anliegen als Regisseur?
Schilling: Die „Gesichter der Kultur“ auf den Plakaten gehören Menschen, die in den unterschiedlichsten Bereichen der Bühnenkunst arbeiten, unterschiedlichen Alters- und Sprachgruppen angehören. Sie stehen stellvertretend für die vielen Kollegen in Südtirols Kulturszene. Sie sind so bunt wie unsere Gesellschaft. Und so individuell sind auch ihre kurzen Aussagen, die den Fotos beigefügt sind. Mein persönliches Anliegen ist, dass wir positiv in die Zukunft blicken, dass wir uns mutiger, zielgerichteter, emotionaler in die Debatten der Zeit einbringen. Dass wir die Chancen der Krise nutzen, um alte Gewohnheiten und Bequemlichkeiten hinter uns zu lassen. Und dass wir vor allem hohe Qualitätsansprüche inhaltlicher und ästhetischer Art an uns selbst stellen. Kunst muss immer nach dem Außergewöhnlichen streben, muss unterhalten und berühren. Sie muss der Sehnsucht des Publikums nach einem besseren Morgen Kraft verleihen. Geistreich, vielschichtig, humorvoll.

Als Schauplatz für die Aktion wurden Brücken in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck gewählt. Warum Brücken?

Schilling: Die Brücken wurden aufgrund ihres symbolischen Charakters gewählt: Der Brückenschlag ist das Profilbild der Kunst. Eine Verbindung zwischen Welten, Zeiten, Kulturen, Sprachen, Ideologien, Religionen, Gegensätzen, Gemeinsamkeiten. Zusammen wollen wir Brücken bauen, wollen wir sie beschreiten und zu neuen Ufern aufbrechen.




Sie unterstreichen, dass Sie mit dieser Aktion nicht auf die Schwierigkeiten in diesem Pandemiejahr, das die Kulturtreibenden besonders hart getroffen hat, hinweisen wollen, sondern hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Was erwarten Sie sich von der nahen und auch ferneren Zukunft?
Schilling: Wie schon erwähnt, sind in unserem System erhebliche Mängel zutage getreten, die nicht neu sind, aber jetzt besonders schmerzhaft. Italien und dessen Region Südtirol werben gern mit dem Begriff „Kulturland“. Davon hat man von offiziellen Seiten in den vergangenen Monaten in der Praxis nichts gespürt. Ganz im Gegenteil, das Wort „Kultur“ verschwand gänzlich aus dem Wörterbuch der Politik. Das wäre dem Tourismus, dem Handel oder der Gastronomie nie passiert. Worum es mir hier einzig und alleine geht, ist die ideelle Wertschätzung, die solch einem wichtigen Gesellschaftsbereich versagt wird. Einem Bereich, der nebenbei gesagt auch ein erheblicher Wirtschaftsfaktor ist. Das alles ist nicht vergessen und damit werden wir uns auch noch in den folgenden Jahren hart auseinandersetzen müssen. Aber diese Diskussion müssen wir mit der Politik führen, die sich ja auch in unseren Erfolgen sonnt, wenn's gut läuft. Das wird zum einen in Arbeitskreisen, zum anderen mit unseren Stimmen in der Öffentlichkeit und an den Wahlurnen geschehen. Unser Publikum hingegen verdient es, dass wir es unterhalten. Dazu haben wir diese Berufe ergriffen. Unsere Aufgabe ist es, uns mit den Köpfen und Herzen vor der Bühne zu verbinden, damit etwas weitergeht. Das kann nur durch Hoffnung und Tatkraft gelingen. Ich glaube kaum, dass eine Plakatkampagne mit hungernden und deprimierten Künstlern die Menschen in die Kunststätten locken würde. Nein, hier geht es darum zu zeigen, dass in uns trotz allem Energie steckt, dass wir den Mut zum Angebot haben: Kommt, lasst uns gemeinsam träumen, lachen, denken und lustvoll nach neuen Wegen suchen. Wir zeigen bewusst keine Künstlerfotos in Kostüm, Maske und inszenierter Pose. Wir zeigen einfach unsere Gesichter, die sich mit den Gesichtern der Passanten mischen, so wie hoffentlich bald wieder in den Theatern und Konzertarenen. Ich glaube, echte Wertschätzung kann sich nur auf menschlicher Ebene entwickeln, nicht durch klischeehafte Wahrnehmung von Berufs- und Kontoständen. Ich hoffe auf ein wachsendes Interesse an kulturellen Prozessen als selbstverständlicher Nährstoff kollektiven Lebens. Unsere Aktion ist ein Schritt in diese Richtung.

Dieses Jahr barg auch Chancen in sich, Neuorientierungen, und wer diese Chancen genutzt hat, ist jetzt auch gerüstet. Was hat sich in der Kulturbranche nach einem Jahr Pandemie geändert?
Schilling: Es wurden aus der Not heraus viele Experimente im Netz gestartet, die vor allem dazu geführt haben, dass eine rege Diskussion über Formen und Vermittlungswege von Live-Kultur entstanden ist. Das ist gut so. Auseinandersetzung, Hinterfragen, Neuorientierung und Rückbesinnung bringt Bewegung in die Szene. Aber da sind viel Globuli und Augenauswischerei im Spiel. Verständlicherweise auch aus Angst, von der Bildfläche zu verschwinden. Kunst im Netz ist ein völlig eigenständiges Medium und spannend, wenn man kompetent und kreativ damit umgeht. In jedem Fall ist es eine Erweiterung des Angebots. Einen Stream jedoch als Theater oder Livekonzert zu bezeichnen, demontiert die Grundmechanismen unserer eigenen Branche. Wenn wir uns jetzt einreden, dass es ausreicht, die Anwesenheit des Publikums im Äther zu spüren, wenn wir dem Publikum die Bequemlichkeit vermitteln, dass ein Kunsterlebnis darin besteht, vom Sofa aus im Trainingsanzug zwischen Werbung, YouPorn und ein bisschen Kultur hin und her zu switchen, dann schaffen wir uns selbst ab. Meiner Meinung nach besteht die größte Chance in der Lücke, die der Lockdown aufgerissen hat. Die muss man aushalten. Den wahren Wert einer Sache erkennt man erst, wenn sie plötzlich eine Zeit lang fehlt. Hinter den Kulissen wurde ja trotzdem unablässig weitergearbeitet. Im lange vermissten Maß entstand ein Austausch darüber, was wir wie und warum überhaupt tun, worin unsere Funktion, unser Auftrag besteht, was die besten Ideen und Synergien sind. Die herrschende Unsicherheit sowie die Ignoranz der staatlichen Behörden waren zumindest dahingehend ein produktiver Katalysator. Ich bin sicher, dass die Kulturbranche selbstbewusster und mit geschärftem Profil aus der Krise auftauchen wird. Und ich weiß, dass sich viele Menschen jetzt erst so richtig ihrer starken Sehnsucht nach unmittelbarer Live-Kultur bewusst geworden sind.

Ein Jahr lang sprach man von systemrelevanten Berufen, dabei wurde die Kultur kaum berücksichtigt. Hat Sie das nicht geärgert? Was wünschen Sie sich diesbezüglich?
Schilling: Mich hat es insofern nicht geärgert, weil mir klar ist, dass die Rettung von Menschen leben über allem steht. Und weil ich mich viel mehr darüber ärgere, dass dies offensichtlich bei vielen Zeitgenossen noch immer nicht angekommen ist. Andererseits finde ich den Begriff der „Systemrelevanz“ in Zusammenhang mit Menschen ganz abscheulich und demokratieverachtend. Den Wert gibt sich das Leben und das Wirken selbst. Mein Beruf ist nicht wichtiger oder unwichtiger als jeder andere auch. Was ich mir diesbezüglich wünsche ist, dass die Politik ihre gewohnten Redeschleifen bezüglich Kunst und Kultur verlässt und sich intensiver mit den praktischen Prozessen vor Ort vertraut macht. Ein Neustart braucht real spürbaren Anschub auf allen Ebenen. Ein wirkliches Miteinander.

eva