Günther Oberhollenzer ging von der Frage aus: „Was kann ein analoger Kunstraum im 21. Jahrhundert bedeuten?“ Der Begriff „Systemrelevant“ ist spätestens seit der Pandemie in aller Munde: Wie relevant ist Kultur für unsere Gesellschaft? <BR /><BR />Der Kurator hat die Frage „Was ist für mich, für dich relevant?“ an 18 Künstlern weitergegeben. Aufgeworfen werden dabei Themen, die in den nächsten Jahren weiterhin für Interesse sorgen werden, etwa Identität und Kultur, Natur und Technik, Menschenwürde und Feminismus.<BR /><b><BR />Peter Senoners</b> große Plastik „Monomon“ steht am Eingang zur ersten Etage und fällt sofort ins Auge. Die Plastik ist 20 Jahre alt und für damals eine Pionierarbeit, ja, war seiner Zeit voraus. Dazu im hinteren Raum auch einige seiner 2022 in Bozen entstandenen „Tableaux“ aus der Serie „Antarctic“. <BR /><BR />Für <b>Gabriela Oberkolfe</b>r ist die Beziehung von Mensch und Natur prägend. Biodiversität und Umweltzerstörung sind dabei Motive in Aquarellen und Tuschezeichnungen. Die Zagreber Künstlerin <b>Zrinka Budimlija</b> hingegen hat auf einer großen Wand 111 Frauenfiguren collagiert. Die Polin <b>Malgorzata Mirga-Tas</b>, die 2022 den polnischen Pavillon in Venedig ausgestattet hat, nennt ihren Beitrag „Sisters“. <BR /><BR />Auch <b>Hannes Egger</b> hat sich mit einer neuen Arbeit eingebracht: „Daring to imagine“ mit einem Vorstellungswagen, aus dem man Stimmen zur Ausstellung hört. <b>Soli Kiani</b> konfrontiert den Besucher mit den im Iran verfolgten Frauen in Seil-Installationen „Silent Protest“. Weitere Künstlerinnen haben ihre Beiträge zu „Systemrelevant“ geliefert, darunter <b>Alfredo Barsuglia, Alaa Alkurdi</b> und <b>Louise Deininger, Aldo Giannotti, Anne Meyer, Danielle Pamp, Christiane Peschek und</b><b>Esther Strauß.</b><BR /><BR /><b><BR />Sie sind einer der ganz wenigen aus unserem Lande, der aufgrund seiner Kompetenz und Erfahrung nun seit Oktober die Leitung des Künstlerhaus, eine der ersten Adressen für zeitgenössischer Kunst nicht nur in Wien, übernommen hat. Wie kam es dazu? </b><BR />Günther Oberhollenzer: Ich kenne und schätze das Künstlerhaus schon seit Jahren, durfte dort in der Vergangenheit als Gastkurator das eine oder andere Projekt umsetzen. Gleichzeitig bin ich in den letzten Jahren nicht in Wien tätig gewesen, sondern war 7 Jahre lang leitender Kurator der Landesgalerie Niederösterreich in Krems. Die Sehnsucht, wieder in Wien zu wirken, war sehr groß, weil ich hier seit inzwischen 22 Jahre lebe. Für mich ist das Künstlerhaus ein kreativer Möglichkeitsraum, an dem ich mich sehr wohlfühle. Es gibt hier das so reizvolle Potenzial, sehr unmittelbar mit den Künstlern und Künstlerinnen zusammenzuarbeiten. Es handelt sich nämlich um eine Künstlerinnen Vereinigung. 1861 gegründet, ist sie eine der ältesten im deutschsprachigen Raum. In den letzten Jahrzehnten war das Künstlerhaus von finanziellen Nöten geplagt; durch den Einstieg von Hanspeter Haselsteiner konnte das Gebäude dann aber wunderbar saniert werden. Seit 2020 können wir nun, in Nachbarschaft mit Albertina Modern, hier unsere Projekte umsetzen. <BR /><BR /><b>Schon seit mehreren Jahren haben Sie mit der Kuratierung von Ausstellungen Erfahrungen gesammelt. Das Künstlerhaus zu übernehmen belegt zum einen eine große Kompetenz, aber ist zugleich auch eine große Verantwortung. Wie gestaltet sich hier Ihre Arbeit und was ist Ihnen dabei wichtig?</b><BR />Oberhollenzer: Mir ist es ein großes Anliegen, nahbar zu bleiben. Ich mache Ausstellungen nicht für Kuratorinnen oder Kuratoren, sondern für ein breites Publikum und möchte möglichst viele Menschen für zeitgenössische Kunst begeistern. Das heißt, ich muss sie in ihren Alltagsrealitäten abholen, Themen behandeln, die mit ihrem Leben auch etwas zu tun haben, und nicht einen elitären Kunstdiskurs pflegen. Ich muss dafür auch eine Sprache sprechen, die von ihnen verstanden wird. So setze ich Kunstprojekte um, die zum einen eine sinnliche Qualität haben und zum anderen auch Emotionen auslösen. Ich glaube, dass es eine ganz große Qualität von Kunst ist, den Menschen mit den fürchterlichen Seiten wie auch mit den Schönheiten unserer Welt zu konfrontieren. In einem zweiten Schritt werden die Betrachter und Betrachterinnen dann hoffentlich auch zum Nachdenken gebracht. Zu oft geschieht es in der zeitgenössischen Kunst, dass man die emotionale Seite überspringt und unvermittelt zur intellektuellen Ebene vorstößt. Dadurch wird aber eine zentrale Kraft von Kunst, nämlich berührt zu werden, außer Acht gelassen.<BR /><BR /><b>Und welche Ausstellungsprojekte planen Sie für die nächsten Jahre?</b><BR />Oberhollenzer: Vieles, was jetzt in der Ausstellung „Systemrelevant“ zu sehen ist, wird in den nächsten Jahren bei mir eine Rolle spielen, so Themen, die stark mit gesellschaftlichen Fragen zu tun haben, wie z.B. kulturelles Erbe und Identität, die Beziehung von Mensch zu Natur und Technik oder Menschenwürde und Feminismus. Es sind auch Projekte, die unterschiedliche Sparten mit hereinholen, etwa das Theater und die Musik, Projekte, in denen die Besucher aktiv in die Ausstellung eingebunden werden, Projekte, die unsere Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit darstellen, eine Wiener, österreichische und wahrscheinlich auch Südtiroler Gesellschaft. Junge und alte, bekannte und weniger bekannte Künstlerinnen, in Österreich geborene, solche mit Migrationshintergrund, aber auch internationale werden auf Augenhöhe miteinander in spannungsvolle Dialoge gesetzt. Ja, das ist mir ein großes Anliegen!<BR /><BR /><b>Insofern ist, was Sie im Künstlerhaus vorhaben, sehr relevant, nicht nur, was Sie in der Ausstellung jetzt zeigen. Auf der anderen Seite wird es relevant, was Sie für die nächsten Jahre planen. Wie kommen Sie nun, was die laufende Ausstellung „Systemrelevant“ betrifft, auf diese Auswahl der Künstler und Künstlerinnen und warum sind auch 3 Südtiroler Vertreter und Vertreterinnen dabei? </b><BR />Oberhollenzer: Kolleginnen halten gern geheim, wie sie zu ihrer Künstlerauswahl kommen. Ich aber finde es immer schön, wenn man offen über Dinge spricht. Natürlich habe ich meine Sozialisation, meine Geschichte und meine Lehrjahre. All das spiegelt sich in der Ausstellung wider. Jede Schau und so auch diese hat eine subjektive Perspektive. Ich versuche, nach bestem Wissen und Gewissen und auch nach Qualitätskriterien, die ich mir zugrunde gelegt habe, Ausstellungsprojekte gut und spannend umzusetzen. Ich habe in diesem Zusammenhang aber keine Scheu davor, zu zeigen, woher ich komme. Ich schätze und verfolge die Südtiroler Kunstszene, darf auch hin und wieder Projekte in Südtirol umsetzen. Wenn es passt, und in dieser Ausstellung hat es gepasst, sehe ich es als eine schöne Möglichkeit, auch Südtiroler Künstlerinnen und Künstler in Wien zu zeigen, nicht aber im „luftleeren“, isolierten Raum, was bei gewissen Länderausstellungen gerne passiert, sondern in einem stimmigen Kontext gestellt. Das hat für „Systemrelevant“ bei <b>Peter Senoner, Gabriela Oberkofler</b> (die über 20 Jahren in Stuttgart lebt) und <b>Hannes Egger</b> sehr gut funktioniert. Bei den anderen Künstlerinnen hat es ganz unterschiedliche Geschichten des Kennenlernens gegeben hat. Im Katalog erzähle ich bei jedem Künstler kurz, woher ich sie kenne. Zrinka Budimlija und ihr Werk habe ich z.B. zufällig in einer Fernsehdokumentation des WDR entdeckt. Am Tag drauf habe ich sie begeistert kontaktiert. Einige Künstlerinnen der Ausstellung kenne und schätze ich schon seit Jahren, und ich habe es als eine schöne Gelegenheit empfunden, jetzt mit ihnen zusammen zu arbeiten. Ich verfüge über ein großes Archiv an Künstleren, auf das ich immer wieder zugreife, aber natürlich ist daneben Recherchearbeit notwendig, um für das zu bearbeitende Thema noch neue Positionen zu finden. Meistens hat man die Qual der Wahl und muss dann wieder stark reduzieren. In diesem Fall sind Werke von 18 Künstlern und Künstlerinnen zu sehen, 7 haben neue Arbeiten für die Ausstellung geschaffen. <BR /><BR /><b>Man erkennt, mit welcher Konsequenz Sie ans Werk gehen. Idee, Entstehung, Auswahl der Akteure etc. sind ja Ihre Marken, ebenso die verschiedenen Darstellungsebenen, die Sie in der Ausstellung realisieren. Zudem die Einbeziehung des Publikums. Was in Ihrem Buch „Von der Liebe zur Kunst“ theoretisch abgehandelt wird, ist jetzt hier in Ihrer Ausstellung bereits umgesetzt? </b><BR />Oberhollenzer: Dies trifft genau zu, denn das, was ich im Buch thematisiere, sollte sich auch in meiner beruflichen Praxis niederschlagen! Genau darum geht es mir, die „Liebe zur Kunst“ mit dem Publikum, den Menschen, die sich für Kunst interessieren, zu teilen, sie dafür zu begeistern. Mir ist wichtig, dass ich dabei als ein Mensch wahrgenommen werde, der aus seinem inhaltlichen Fundus schöpft, aus seiner Erfahrung, seinem Wissen und seinen Interessen. Der Kurator unterbereitet Vorschläge, ein künstlerisches Angebot, das fundiert und relevant sein soll, nicht aber in Stein gemeißelt ist. Ich hoffe, dass ich durch meine Leidenschaft die Menschen erreichen kann. Ich sehe mich eben in erster Linie als Kunstvermittler: Ich vermittle Kunst und habe das große Glück, Künstlerinnen und Künstler kennenzulernen und das, was ich an Kreativität erlebe, mit Freude an unser Publikum weiterzugeben.<BR /><BR /><BR /><BR />