Ein Gespräch.<BR /><BR /><b>Beinahe anachronistisch haben Sie vor nicht langer Zeit Ihre neue CD „The best of Edo Avi“ herausgegeben. Sie setzen auf Hardware, haben Sie mir erklärt. Ihre Musik ist auf Streamingdiensten abrufbar, doch sind sie nicht Ihre erste Wahl, warum?</b><BR />Edo Avi: Streaming hat sich als großer Schaden für die Musik erwiesen. Die Künstler erhalten nicht die gerechte Vergütung und die Hörer gewöhnen sich daran, „schlechte Musik“ zu hören. Außerdem füllen all die im Netz verfügbaren Titel die Datenbank der künstlichen Intelligenz, die dem Musikmarkt den Todesstoß versetzen wird, der bereits voll von nutzlosen, unkreativen und standardisierten Songs ist. Vielleicht sollten wir zum „physischen“ Format zurückkehren, um die Musik zurückzuerobern und sie somit zu verteidigen.<BR /><BR /><b>13 Lieder sind auf der CD abrufbar, einige sind unveröffentlichte Songs andre stammen aus früheren Alben. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl getroffen?</b><BR />Avi: Ich wollte eine Platte veröffentlichen, die mich ganz tief widerspiegelt. Also habe ich Lieder ausgewählt, die das Publikum immer geliebt hat und dazu weniger bekannte Stücke, die nie im Radio gesendet wurden, weil sie zu lang sind oder eine bestimmte Struktur haben. Ich habe versucht, der Platte einen ganz eigenen persönlichen Charakter zu verpassen. <BR /><BR /><b>In vielen Ihrer Texte ist es so, als ob Sie die Haut nach außen gestülpt hätten. Tiefgründig setzten Sie sich mit dem Leben und den innersten Gedanken, die uns alle beschäftigen, auseinander. Sie haben keine Angst, sich verletzlich zu zeigen…</b><BR />Avi: Im kreativen Prozess entblößt man sich auf ganz natürliche Weise. Das hat mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und meinen Platz in der Welt zu finden. Kunst hilft auch heilen. Ich habe keine Angst, mich zu entblößen. Ich habe eher Angst vor jenen, die eine Maske tragen, um ihr wahres Wesen zu verbergen.<BR /><BR /><b>Auch wenn Melancholie der Grundton Ihrer Texte und oft auch Ihrer Melodie ist, versöhnen Sie sich in vielen Songs mit dem Leben, es gibt Ausblicke…</b><BR />Avi: Wir leben in einer unvollkommenen Welt, und es gibt viele Gründe, melancholisch zu sein, aber es ist eben die Kunst, die mir Hoffnung gibt. Ich bin überzeugt, dass Kunst jedem Menschen Erleichterung und Zuversicht geben kann, auch wenn sich viele dessen nicht bewusst sind.<BR /><BR /><b>Ihre letzte CD kommt aber auch sehr rockig daher. Ihre Stimme hat mich zwischendurch an Ligabue, Zucchero oder Vaso Rossi erinnert, wenn ich den Vergleich machen darf… Haben Sie musikalische Vorbilder?</b><BR />Avi: Jedes Lied, das heute geschrieben wird, verdankt etwas all dem, was vorher geschaffen wurde. Es gibt kein bestimmtes Vorbild, es ist eine Art „work in progress“. Ich liebte die Musik der 70er und 80er Jahre, als ich künstlerisch geboren wurde. Aber ich möchte hinzufügen, dass ich, obwohl meine Texte auf Italienisch sind und meine Melodien von italienischer Musik inspiriert sind, eigentlich mehr von englischer und amerikanischer Musik beeinflusst wurde.<BR /><BR /><b>Sie sind ein Gesamtkünstler: Sie haben eine beachtliche Musikkarriere aufzuweisen und seit einigen Jahren malen Sie. Wie kam es dazu?</b><BR />Avi: Ich habe schon als Kind angefangen, zu malen und Musik zu machen. Und dabei habe ich mich immer mit beiden künstlerischen Ausdrucksformen beschäftig. Ich fühle mich als ein Maler mit der Leidenschaft zur Musik. Stück für Stück bin ich dazu gestoßen, indem ich mich mit Inbrunst und Selbstverleugnung hingegeben habe. Beständigkeit, Passion und kreative Dringlichkeit haben mich geführt.<BR /><BR /><b>Als Maler und Musiker fällt eines auf: Ihr Sujet bleibt der Mensch und sein Innerstes. Und beide Male graben Sie sehr tief…</b><BR />Avi: Ich interessiere mich für den Menschen als solchen, für seine Besonderheit, für seine Vielfalt. Wenn ich ein Porträt male, suche ich nach seinem Ausdruck, seiner Geschichte, seiner Seele. Ich muss den Eindruck haben, einen echten Menschen vor mir zu haben. Die Malerei – wie die Musik auch – hat mir geholfen, mich selbst zu finden. Sie war auch eine Art Therapie für mich.<BR /><BR /><b>Doch Ihre gemalten Menschen bleiben konturenlos, unperfekt, angedeutete Schatten, sie kommen leise daher, so wie Ihre Texte in Ihrer Musik. Schreien ist nicht Ihr Ding?</b><BR />Avi: Es ist schön, dass Sie diese Facette von mir erkannt haben. All das Geschrei und Gedränge, um bemerkt zu werden oder sich zu behaupten, ist nichts für mich. Vielleicht bin ich auch zu schüchtern, so sehr sogar, dass ich fast nichts unternehme, um meine Werk zu zeigen, bekannt zu machen. Tatsache ist, dass ich mich über Qualität freue, wenn ich das Gefühl habe, sie erreichen zu können. Der Konsens ist weniger wichtig.<BR /><BR /><b>Ihre Farbauswahl bleibt auch düster: Die Körper sind konturenlos dunkel mit dunklem Hintergrund, vereinzelt verirrt sich leuchtendes Grün, also auch hier gibt es Hoffnungsschimmer?</b><BR />Avi: Natürlich, und es ist vor allem die Kunst, die Hoffnung schenkt. Es genügt etwa zu erinnern, dass immer dann, wenn ein verlassener Ort wiederbelebt werden soll, Künstler zu Rate gezogen werden...<BR /><BR /><b>Ankerpunkte fehlen oft in Ihrer Malerei, Ihre Figuren schweben im Raum: Freiheit, Leichtigkeit oder ein sich ewiges Verlieren?</b><BR />Avi: Alle 3 Möglichkeiten treffen zu. Meine Figuren – so wie ich – fühlen sich frei, sich zu verlieren, und streben nach Leichtigkeit.<BR /><BR /><b>Manchmal erkennt man in Ihren Porträts Frauen, sie scheinen versöhnlicher mit dem Leben umzugehen, sowohl im Ausdruck als auch in der Farbauswahl ist das zu erkennen. Eine Hommage an die Frau?</b><BR />Avi: Schön, dass Sie mich darauf hinweisen. Meine Frauenbild ist wahrscheinlich eine Mutterfigur – warmherzig und beschützend. Eine Hommage an die Frauen? Eindeutig ja.<BR /><BR /><b>Sie schreiben die Texte Ihrer Songs, Sie komponieren und singen, Sie malen. Wo fühlen Sie sich am meisten zu Hause?</b><BR />Avi: Während des kreativen Prozesses fühle ich mich überall zu Hause. Jedes Mal, wenn ich ein Bild oder ein Lied fertigstelle, habe ich aber das Gefühl, auf hoher See zu sein, in einer Situation der Instabilität und Gefahr. Die einzige Möglichkeit, mich zu retten, ist, die nächste Insel anzupeilen, und um dorthin zu landen, muss ich ein neues Lied oder ein neues Bild beginnen.<BR /><BR /><b>Und woran arbeiten Sie zurzeit? Malerei oder Musik, oder geht das Hand in Hand?</b><BR />Avi: Ich kann mich nicht beiden Genres gleichzeitig widmen. Jedes Projekt erfordert den totalen Einsatz, also kann ich nicht von einem zum anderen springen. Ich habe mir vorgenommen, das Jahr in 2 Teile zu zerstückeln: 6 Monate für die Malerei, die anderen 6 für die Musik. Gerade habe ich wieder an einem neuen Album gearbeitet. Anachronistisch.<h3> Zur Person</h3> Geboren 1961 in Bozen begann er seine Karriere als Sänger und Gitarrist von „The Chain“, einer Band aus der Independent-Szene, mit der er 2001 ein Album veröffentlicht. Danach löste er die Band auf und startete eine Solokarriere. Er nahm an den renommiertesten italienischen Musikwettbewerben teil und gewann wichtige Preise. 1996 gab er seine Konzerttätigkeit aus gesundheitlichen Gründen auf und begann intensiv zu malen. Er hat zahlreiche CDs aufgenommen u.a. 2012 „Come un fiume“ mit der künstlerisch produziert von Max Marcolini, dem Arrangeur und Produzenten von Zucchero. 2017 schaffte er es mit „un po' più in là“ sogar auf die Shortlist der Halbfinalisten des renommierten amerikanischen Wettbewerbs „unsigned only“. In der Covid-Zeit kommt „You can't“ heraus, wo er über die Freiheit reflektiert. Nun ist „The Best of Edo Avi“ erschienen. <BR /><BR />Die Kunst habe er schon sehr früh, mit 9 Jahren, entdeckt, sagt Avi von sich, als er in der Schule beauftragt wurde, ein Bild für die Kirche zu malen. Bekannt sind auch seine Illu-strationen für verschiedene Zeitschriften. „ Ich bin Autodidakt und habe mich immer weitergebildet“, sagt er von sich als Maler. Avi ist Mitglied von Perfas, dem Verband für professionelle Musiker in Südtirol und seit 2021 des Kulturvereins lasecondaluna.<BR /><Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069173_image" /></div>