Donnerstag, 10. September 2020

77. Filmfestspiele Venedig: Premiere für „Und morgen die ganze Welt“

Das Filmfest Venedig ist derzeit nicht nur wegen der Corona-Pandemie ein Ausnahmejahrgang. Auch was die Beteiligung von Frauen angeht, setzen diese Festspiele neue Maßstäbe: Bei 8 von 18 Wettbewerbsbeiträgen führte eine Frau Regie. Einen so großen Anteil gab es in den vergangenen Jahren bei keinem der weltweit wichtigen Festivals. Zu diesen Regisseurinnen gehört auch die Deutsche Julia von Heinz.

Die deutsche Regisseurin Julia von Heinz mit ihrem Team.
Die deutsche Regisseurin Julia von Heinz mit ihrem Team. - Foto: © APA/afp / ALBERTO PIZZOLI
Am heutigen Donnerstag ging ihr Politdrama „Und morgen die ganze Welt“ ins Rennen um den Goldenen Löwen. Die Bezüge zu aktuellen Entwicklungen sind unübersehbar: Angriffe auf Flüchtlinge, rechter Terror, mehr und mehr Zuspruch für die Ideen der populistisch agierenden Partei, die gegen alles Fremde hetzt – das ist die Ausgangslage in „Und morgen die ganze Welt“. Die junge Jurastudentin Luisa (Mala Emde, „303“) will nicht weiter tatenlos zusehen und schließt sich einer Antifa-Gruppe an.

„Rechtsradikale Strömungen sind kein neues Phänomen, sind aber in den letzten Jahren noch präsenter geworden, noch weiter in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, erklärte die 44 Jahre alte Regisseurin im Interview der Nachrichtenagentur dpa vor der Premiere des Films. „Die Idee zu diesem Stoff existiert schon seit vielen Jahren, aber 2020 scheint das richtige Jahr zu sein, um damit ins Kino und auf die Festivals zu gehen.“

Frage um Gewalt als Streitpunkt

Von Heinz war früher selbst linke Aktivistin, wie sie bei der Pressekonferenz in Venedig berichtete. Dort trugen sie und ihr Team Gesichtsmasken mit Namen von Opfern rechter Gewalt wie Silvio Meier. Wie genau ihre Antifa-Erfahrungen in diesen Film einflossen, verriet sie nicht. In ihrem Drama fokussiert sie nun auf Luisa, die ihren eigenen Weg finden muss. Im Leben genauso wie im Kampf gegen Rechts. Vor allem bei der Frage nach Gewalt zerstreitet sich die Gruppe – während Luisa schnell dazu bereit ist, wehren sich andere Antifa-Mitglieder vehement gegen Gewalt.

Unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten

„Und morgen die ganze Welt“, der Ende Oktober in die Kinos kommen soll, thematisiert in knapp 2 Stunden wichtige Fragen: Wann sollte, wann muss jeder von uns aufstehen, die Stimme erheben und dafür kämpfen, dass dieses Land mit all seinen Freiheiten geschützt wird? Regisseurin von Heinz stellt ihrem Werk einen Auszug aus Artikel 20 des Grundgesetzes voraus: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“. Schnell wird im Film klar, dass das von unterschiedlichen Seiten – rechts wie links – anders interpretiert wird.

Ob die Festivaljury um Cate Blanchett und mit dem deutschen Filmemacher Christian Petzold das preiswürdig findet – das wird am Samstagabend bekannt, wenn beim ältesten Festival der Welt die Hauptpreise vergeben werden.

dpa/apa

Schlagwörter: