Wir schreiben das Jahr 1992… Eine Frau und ein Mann tanzen in einer Bar in Sarajewo. Die Stimmung ist gut, man kommt sich näher. Er ist Polizist, sie aufstrebende Malerin. Er ist Serbe, sie Muslimin. Noch spielt das keine große Rolle. Vielleicht ist es sogar das letzte Mal für eine lange Zeit, dass das keine Rolle spielt. Eine Bombe explodiert, die Bar ist ein Trümmerfeld, der Bosnienkrieg beginnt. Wir schreiben das Jahr 1992. Alja (Zana Marjanovic), die junge Malerin, wird später von serbischenSoldaten in ein Lager deportiert, in dem Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Der Lager-Kommandant ist Danijel (Goran Kostic), ihr ehemaliger Tanzpartner. Er versucht sie vor brutalen Übergriffen, so gut es geht, zu schützen.Romeo und Julia im serbischen Foltercamp Hollywoodstar Angelina Jolie erzählt in ihrem Regieerstlingswerk die Geschichte einer unmöglichen Liebe, sie erzählt – könnte man sagen – von Romeo und Julia in einem serbischen Foltercamp. Da liegt eine Frage auf der Hand: Kann man in einer Lovestory vom Krieg, von Massenvergewaltigungen, von brutalem nationalistischen Hass erzählen? Wird man dem eigentlichen Thema gerecht, oder ist es letztlich der ewig gleiche „Girl meets Boy“-Kitsch, diesmal halt vor einem erschütternden, aber letztlich belanglosen Hintergrund?Die Kritik aus Serbien Schon lange vor seiner Premiere hat der Film für Aufsehen gesorgt: In Serbien wurde dem Film ungesehen Schwarz-Weiß-Malerei vorgeworfen. Jolie – so die Belgrader Zeitung „Politika“ – erzähle zu “zu viele Lügen über die Serben”. Emir Kusturica nannte den Film – der Verdacht liegt nahe, dass er ihn nie gesehen hat – “dumme Propaganda” und ein “verächtliches Produkt der Lügenfabrik Hollywood”. Solche Reaktionen waren zu erwarten.Erster Teil: Bewundernswert stilsicherAuch Jolie, die auch das Drehbuch des Films schrieb, dürfte sich dieser Risiken durchaus bewusst gewesen sein, dementsprechend vorsichtig und überlegt gestaltet sie die tragenden Rollen in ihrem Film. Sie vermeidet sowohl den Absturz in eine triviale Kolportage, als auch plumpe Einseitigkeiten. Danijel zeichnet sie als feinsinnigen, geradezu grüblerischen jungen Mann. Er ist Soldat, weil sein Vater, ein extrem nationalistischer General, (Rade Šerbedžija) ihm keine andere Wahl lässt. Aber er bringt es mehrmals nicht fertig, den Abzug seines Gewehres zu drücken. Dieser Krieg – sagt er an einer Stelle – sei sehr belastend für ihn (Jolie hat den Film in Serbisch gedreht, der bisweilen etwas hölzerne Dialog dürfte die Folge der nötigen Verdichtung auf zwei Untertitelzeilen sein). Jolie verweigert sich zunächst Eindeutigkeiten, verhandelt das Thema der unmöglichen Liebe in Zeiten eines mörderischen Krieges ambivalent. Das macht den ersten Teil des Films bewundernswert stilsicher. Gerade wenn man ihn mit Filmen anderer “Quereinsteigerinnen”, wie etwa Madonnas “W.E.”, der in Venedig vorgestellt wurde, vergleicht.Zweiter Teil: Jolie bezieht (leider) StellungIn der zweiten Hälfte allerdings kippt der Film bedenklich. Beinahe möchte man meinen, dass Jolie hier versucht Stellung zu beziehen: Die UN-Botschafterin hat hier eine allzu deutliche Botschaft: Die Welt darf nicht unbeteiligt zusehen, wenn irgendwo Verbrechen begangen werden. Am Ende bombardiert die US-Armee die serbischen Stellungen.Damit – so zeigt der Film – endet auch das Leiden der Zivilbevölkerung. Man kann dieser Meinung sein. Man kann militärische Intervention in diesen Fällen befürworten. Aber ein Film sollte nicht das Medium sein, das diese Botschaft übermittelt. Dieser selbstgefällige Wink mit dem Zaunpfahl schadet dem Film. Hier ist der Film wirklich propagandistisch – wenn auch in einem anderen Sinne als es Kusturica meint. Aber nicht nur hier hat “The Land of Milk and Honey” seine Schwächen: „Als Filmemacher haben wir die Verantwortung, die Schrecken des Krieges zu zeigen”, sagte Angelina Jolie im Rahmen der Pressekonferenz. Damit hat sie sicherlich Recht, aber es versteht sich von selbst, dass sich die Regisseurin die Frage gefallen lassen muss, wie verantwortlich es denn ist, die – wie es in einem nachgeschobenen Insert heißt – 50.000 Frauen, die während des “Konflikts” in Bosnien/Herzegowina sexuell missbraucht worden sind (und deren Leid Jolie anhand einiger Einzelfälle vorführt) zu Gunsten zweier, nun ja, ‘surreal’ in Szene gesetzter Sexszenen, in den Hintergrund treten zu lassen.Das FazitGenau jene Opfer des Krieges, an die Angelina Jolie mit ihrem ersten Spielfilm “In The Land Of Blood And Honey” erinnern will, lässt sie zu Gunsten einer durchaus intelligenten aber – mit Verlaub – etwas belanglosen Lovestory im Stich.Joachim Leitner