<i>Von Marian Wilhelm</i><BR /><BR />„08/15“ war ein deutsches Maschinengewehr im Ersten Weltkrieg, weit entfernt von der „Avatar“-Welt im 22. Jahrhundert auf dem fernen Planeten Pandora. Und als Regisseur James Cameron 2009 „Avatar“ herausbrachte, war der Film alles andere als 0815. Modernste Unterwasser-Motion-Capturing-Animationen der Figuren, beeindruckend inszenierte 3D-Bewegungen und insgesamt eine visuelle Filmerfahrung, die ihres Gleichen sucht.<BR /><BR />Nun wagt Cameron nach ungewöhnlich langem Produktionsprozess mit „Avatar: The Way of Water“ die Fortsetzung. Und auch diesmal versucht er, nun in den Disney-Konzern überführt, alles andere als einen Nullachtfünfzehn-Film vorzulegen. Doch wie so oft, wenn der Vorab-Hype angeworfen und die großen Marketing-Geschütze aufgefahren werden, ist Skepsis angebracht.<BR /><BR />Wieder befinden wir uns auf Pandora, etwa 10 Jahre nach dem Sieg der Eingeborenen Na’vi gegen die Menschen-Kolonialisten. Im Dschungel-Paradies haben Jake Sully (Sam Worthington) und seine Na’vi-Frau Naytiri (Zoe Saldaña) mittlerweile 3 leibliche Kinder und eine Adoptiv-Tochter (Sigourney Weaver). Auch der mit einigen Menschen-Wissenschaftlern auf Pandora verbliebene Teenager Miles „Spider“ gehört zur Familie. Doch als das Menschen-Militär zurückkehrt, macht Jake klar, dass diese Kern-Familie alles ist, was für ihn zählt. Seine Frau zögert und sieht den größeren Klan als Familie, beugt sich dann aber dem männlichen, ehemals menschlichen Familienoberhaupt. Die Familie flieht aus dem Dschungel in die Südsee-Insel-Welt der Metkayina. Türkis statt blau, führen sie die Sullys in den „Way of Water“ des Filmtitels ein: Schwimmen und tauchen statt rennen und fliegen.<BR />Dieser Ortswechsel lohnt sich für den Film auch visuell, wird damit doch eine extrem beeindruckende Unterwasser-Welt auf die Leinwand geholt, die sich auf neue Weise in den Dienst der dreidimensionalen Schaulust stellt. Hier beeindruckt Cameron mit immersiven Szenen, die sich kurzzeitig mit überwältigender Eleganz über die Geschichte erheben und eine epische Variante von „Findet Nemo“ ohne Pixar-Schmäh bieten.<BR /><BR />Leider ist erneut alle Kreativität in die Erschaffung dieser Welt geflossen; für Geschichte, Figuren und Dialoge war nichts mehr übrig als die sprichwörtlichen 08/15-Modelle. Statt des simplen, aber glaubwürdigen Pocahontas-Plot des Vorgängers ist nun die Flucht vor und Rache des Soldaten-Bösewichts die treibende Kraft der stolzen 193 Filmminuten. Colonel Miles Quaritch kehrt als sein eigener Wiedergänger im Körper eines Na’vi zurück – eine Art Ahab, dessen „Moby Dick“ dann auch tatsächlich aus dem Wasser auftaucht. <BR /><BR />Auf Seiten der Guten ist Vater Jake, dessen Wandlung Teil Eins erzählte, nun die konservativ-patriarchale Leitfigur. Seine Lebensweisheiten klingen wie aus den 50er Jahren dieses Planeten, wenn er seine Familie als Festung bezeichnet und im Voice-Over gleich zweimal proklamiert: „Ein Vater beschützt, das ist es, was ihm Bedeutung gibt.“ Eigentlich ein interessanter Heldenkonflikt des ehemaligen Elite-Soldaten. Doch stattdessen müssen sich seine Teenager-Söhne in einem „Titanic“-artigen Schiffskampf-Finale selbst als Kämpfer bewähren, im Vorgeplänkel für die angekündigten 3 kommenden Fortsetzungen. Auch „Avatar: The Way of Water“ ist also eine beeindruckende Kinoerfahrung mit einer 0815-Geschichte, der Unterwasser bald die Luft ausgeht.